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Mitteldeutsche Sountags⸗Zeitung.

Nr. 38.

altungs-Ceil.

Unterh

Das Goldmacherdorf.

Eine anmutige und wahrhafte Geschichte für Schule und

Haus, Von Heinrich Zschokke.

(Fortsetzung).

Ferner sprach er:Es ist wohl gut, daß man einen wohlhabenden Mann zum Gemeinds⸗ vorsteher wählt; aber Reichtum nicht, sondern Uneigennützigkeit ist die höchste Tugend. Wehe der Gemeinde, die den zum Vorsteher macht, dem die Bürger schuldig sind. Denn sie machen ihn zum Gewalthaber und Richter in seinen eigenen Angelegenheiten, und sie werden Sklaven eines Dorftyrannes durch eigne Thorheit. Sie sollen lieber den wählen, der auch den hartherzigen Gläubiger und den reichen Tyrannen in Schranken halten kann.

Ferner sprach er:Ein guter Kopf thut viel, aber ein redliches Herz thut noch weit mehr. Darum fraget erst: ist der Mann ein grundredlicher, hilfreicher Mann? nachher fraget: hat er Klugheit genug, und ist er keines Reichen Schuldner? Der Vorsteher einer Gemeinde soll unabhängig sein, sonst ist nicht er, sondern 15 Gläubiger, den er fürchtet, Vorsteher des Orts.

Ihr könnet nicht leicht irren, den würdigen Mann zu finden. Denket nur nach, welchen Mann würdet ihr auf eurem Sterbebette am liebsten zum Vogt eurer Witwen und hinter⸗ lassenen Waisen machen, in der Ueberzeugung, er werde das Glück der eurigen wohl besorgen? Nun, diesen machet zum Vorsteher. Oder, wenn ihr zu einem eurer Mitbürger in Dienst treten müßtet, welchen wünschet ihr am liebsten zu euerm Herrn? Nun, diesen machet zum Vorsteher.

Wenn an einem Orte die Mehrheit der Vorsteher guten Willen und redliches Gemüt hat, welche das Unrecht verabscheut, so findet sich leicht zu allem guter Rat. Ein einziger guter Kopf ist genug. Drei gute Köpfe, ohne gutes Herz, werden sich beisammen nicht ver tragen. Denn jeder will es besser verstehen, als der andere, und so kommt Zwietracht unter sie, und von ihnen in die Gemeinde.

Saget mir, wer ist der beste Vater bei seinen Kindern; liebreich und doch nicht schwach, streng und doch nicht hartherzig? Oder saget mir, wer ist der beste Hausherr, dem sein Gesinde gern dienet und zugethan ist, aber den es doch fürchten muß; der alles in seinem Hauswesen geschickt ordnet und leitet ohne Larmen und Geräusch, ohne Zank, ohne Zorn, und daß doch alles dabei gut geht, wie von selber? Diesen macht zum Hausvater der ganzen Gemeinde.

So sprach der weise Herr Pfarrer, und jeder dachte nun anders als vorher. Und als die Gemeinde sich versammelte, um zwei Vor⸗ steher zu wählen, ward von den meisten ver⸗ langt, man solle nicht offen wählen, sondern jeder solle seine Stimme auf einen verschlossenen Zettel eingeben, damit niemand wisse, wer sie gegeben, auf daß jeder frei und ohne Furcht und Rücksicht den wählen könne, der ihm der würdigste scheine. Der Löwenwirt Brenzel wollte zwar dagegen lärmen; denn er hatte schon bestimmt, wen er zum Amtsgenossen ver⸗ lange und nun wollte er gern diejenigen sehen, die es mit ihm hielten, oder von ihm abtrünnig wären. Aber der grimmige Löwenwirt setzte es nicht durch. Und es ward geheimes Stimmen⸗ mehr gesammelt, und in der ersten Wahl der Schulmeister Oswald, in der zweiten der Müller Siegfried zu Vorstehern des Dorfes erwählt. Letzterer nahm aber die Stelle nicht an, dieweil er Oswalds Schwiegervater wäre; das tauge nicht, daß aus einer Verwandtschaft zwei Glieder beisammen im Rat säßen. Also ward, statt des Müllers, gewählt Ulrich Stark, ein stiller, fleißiger, verständiger Mann.

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Dem Löwenwirt, da er diese Wahl sah, ward es ganz grün und gelb vor den Augen. Er hoffte noch, Oswald werde sich ebenfalls weigern, die Stelle anzunehmen. Aber er betrog sich; Oswald dankte der Gemeinde für das Zutrauen, und empfahl nun seinen lieben Johannes Heirer zum Schulmeister. Und Heiter ward Schulmeister.

Der Löwenwirt ging betäubt, als wäre ihm ein Kirchturm auf den Kopf gefallen, nach Hause. Daselbst ließ er seine Wut erst an der Katze aus, die ihm schmeichelnd zwischen die Beine kam; dann an dem Hunde, der freund lich an ihm hinaufspringen wollte; dann an der Magd, die ihn nicht gleich verstand, als er ein Glas Branntwein begehrte; dann an der Frau, als die sagte, der Ulrich Stark sei eine ehrliche Haut.

22. Der Gemeindsstall muß ausge⸗ mistet werden.

O Herr Jerum! O Herr Jerum! rief der Löwenwirt und kratzte sich hinter den Ohren, so oft er daran dachte, daß Oswald nun Ortsvorsteher geworden. Doch besann er sich, und lief spornstreichs zum Oswald hin, umarmte ihn als seinen Kollegen, gratulierte von ganzem Herzen, sagte: nun wollen sie beide rechte Herzensfreunde werden und wie Brüder leben.

Elsbeth wunderte sich über die gar zu schnelle Höflichkeit des Löwenwirts, und sprach, als er fortgegangen war, zu ihrem Manne:Oswald, Oswald, hättest du doch die Stelle nicht an⸗ genommen! Denn Brenzel ist ein falscher Mann, und er wird dir eine Grube graben und dich in die Falle bringen. Oswald, lieber Oswald, hüte dich vor dem Löwenwirt!

Oswald küßte Elsbeths finstere Stirn und sprach:Brenzel ist kein grimmiger Löwe; ich sehe, er ist nur ein seiger, schmeichelnder, tückischer Kater. Aber ich will ihm die Pfoten schon lähmen.

Als nun die Vorsteher das erste Mal nebst dem Gemeindsschreiber beisammen saßen, ver langten Ulrich Stark und Oswald vor allen Dingen, die Rechnungen einzusehen und die Gemeindsbücher. Aber da fand sich alles in Unordnung. Vieles war gar nicht ins Protokoll eingetragen. Die Gemeinde hatte bei sieben⸗ tausend Gulden Schulden. Beinahe die Hälfte war sie dem Löwenwirt schuldig, der sich fünf Prozent zinsen ließ, während er Geld zu drei und vier Prozent für sich aufgenommen hatte. Die jährlichen Gemeindssteuern waren meistens für allerlei Unkosten, Bemühungen, Augenscheine und Besichtungen, für Reisen, Entschädigungen und dergleichen der bisherigen Gemeindsvor steher darauf gegangen. Besondere Rechnung war darüber nicht geführt, sondern alles nur in runden Summen ausgestellt. Eben so war es mit den Einkünften des Dorfspitals oder Armenguts gegangen. Mit den Vormund⸗ schaftsrechnungen für die Witwen und Waisen stand es nicht besser. Aus den Waldungen hatte man im Einverständnis mit dem Förster nach Belieben Holz geschlagen und verkauft, wie es hieß, zum Besten der Gemeinde, ohne daß man jetzt wußte, wohin und wie viel. Hatte sich doch der Löwenwirt manchmal selbst gerühmt:Mein Beil hat schon mehr Holz angeschlagen, als der beste Hof im ganzen Lande wert ist. Genug, es war mit dem Gut der Gemeinde übel gehauset, übel Rechnung gehalten; hingegen sah man wohl, die Herren Vorgesetzten hatten sich dabei nicht vergessen. Es fand sich sogar, daß um den Spottpreis von tausend Gulden ein großes Stück Gemeind land verkauft worden war, daß es die Vorsteher gekauft, das Geld noch nicht einmal bezahlt und seit fünf Jahren nicht verzinset hatten. Ferner, daß der Löwenwirt schon vor elf Jahren, im Einverständnis mit seinen Beisitzern, vier⸗ tausend Gulden Kapital aufgenommen hatte, Namens der Gemeinde; daß dafür die Gemeinds⸗ wälder unterpfändlich verhaftet worden waren; daß die Gemeinde den Zins unter den übrigen Steuern hatte mitzahlen müssen, und daß das Kapital in den Händen der Vorgesetzen geblieben war.

Da ergrimmte Oswald in seinem Gemüt, und sprach:Man hat mich nicht in den Gemeindsrat gesetzt, sondern in den Gemeinds⸗ stall, der da ist voller Unflat und Verderben. Aber wir wollen den Stall ausmisten, und sollte der Gestank auch durch das ganze Land dringen. Ihr habet, als Vorsteher, nicht das Gemeinbeste vertreten, sondern ihr habet es zertreten. Ihr Väter der Witwen und Waisen habet eure Kinder bestohlen, und den armen Leuten verschimmeltes Brot zugeworfen, während ihr aus ihrem Gute euch Wein und Braten auftischtet. Ihr habet den, der vom Felde zwo Rüben stahl, in den harten Kerker geworfen, aber euch weiche Betten gekauft vom Gelde, das ihr der Gemeinde geraubt. Ihr Ottergezüchte, die ihr immer von Gerechtigkeit redet und in Ungerechtigkeit schwelget, die ihr immer die Religion im Maule habet und den Teufel in der Brust wahrlich, wahrlich, ihr sollt ernten, was ihr gesäet habt: Armut für Hochmut, Galgenholz für Räuberstolz!

Als dies der Löwenwirt hörte, kam großes Entsetzen über ihn, daß er im Innersten erzitterte. Er schob die Schuld auf seine ehemaligen Bei⸗ sitzer, und fiel vor Oswald weinend und heulend nieder, und beschwor denselben bei allem, was heilig ist, ihn nicht unglücklich zu machen.

Aber noch denselben Tag sendete Oswald einen Bericht an die hohe Obrigkeit, und deckte alles auf. Und im ganzen Dorfe war großer Schrecken und allgemeine Bestürzung; denn so viel Betrug hatte keiner den ehemaligen Vor⸗ stehern zugetraut. Viele wollten gar nicht glauben, und schalten den Oswald einen Ver⸗ leumder und Bösewicht, der sich großes Ansehen geben und unschuldige Leute ins Verderben bringen wolle. Und der Löwenwirt lief umher im Dorfe und suchte bei seinen Freunden allerlei Zeugnis, um sich gegen die schwersten Beschul⸗ digungen sicher zu stellen. Jedoch seine besten Freunde zuckteu die Achseln, und wollten sich in das Geschäft nicht mischen. Und schneller, als er vermutete, erschien eine Untersuchungs⸗ kommission der Regierung. Da kam alle Schändlichkeit ans Tageslicht. Der Löwenwirt ward gefangen hinweggeführt, um vor Gericht abgeurteilt zu werden. Er ward seiner Stelle entsetzt und kam ins Zuchthaus. Aus seinem Vermögen wurde vieles von dem wieder ersetzt, um was er die Gemeinde betrogen hatte. So endete der stolze Löwenwirt; denn unrecht Gut al nicht, und Hochmut kommt vor dem

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Oswald aber wurde zum ersten Vorsteher der Gemeinde ernannt, und ihm ein Ehrenmann aus dem Dorfe zum dritten Beisitzer gewählt.

23. Die Schulden müssen getilgt

werden.

Der Oswald hatte jetzt gar viel zu schaffen. Keiner wußte, was er trieb. Bald lief er in allen Feldern herum, bald tagelang in den Wäldern, bald wieder in die Stadt.

Ach, du armer Oswald! seufzte Elsbeth, wenn sie ihm am Abend vor dem Dorfe ent⸗ gegenging und ihn mitleidig bewillkommte: Warum kümmerst du dich so sehr, armer Oswald, uud plagest dich? Du wirst am Ende doch nur Undank und Verdruß von aller deiner Mühe haben.

Oswald sprach:Undank ist die Münze, womit das Volk am liebsten zahlt. Wer aber einer Gemeinde vorsteht, der soll an seine Pflichten denken, nicht aber auf Lohn und Dank. Siehst du, liebes Herz, Gott lohnt endlich auch gewiß alles Gute, gleich wie er Bbses straft.

So redete Oswald, und that, was er sollte.

Es begab sich aber, daß die Gemeinde noch über sechstausend Gulden schuldig war, teils von den Zeiten des Krieges und der Teuerung her, teils durch die schlechte Haushaltung der ehemaligen Vorgesetzten. Und Oswald sann Tag und Nacht, wie er diese Last von dem armen Goldenthal nehmen, oder doch vermindern könne. Und als sein Plan endlich reif war, legte er ihn seinen Amtsgenossen vor; diese hießen ihn nach langer Beratschlagung gut, und sprachen: Wollte Gott, die Schulden wären abgethan, so wüßte doch auch jeder