Ausgabe 
8.1.1848
 
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1 Aus dem Bürgerleben.

Der Allgemeine Anzeiger der Deutſchen bringt unter einem ähnlichen Titel, wie der obige, einen Aufſatz, der des Beherzigenswerthen ſo Vieles enthält, namentlich in jetziger Jahreszeit, wo trotz der guten Erndte des vergangenen Jahres die Bettelei an manchen Orten denſelben Grad, wie im verfloſſenen Winter zu erreichen droht, daß wir glauben denſelben unſern Leſern mittheilen zu müſſen, obgleich er ſich auch in der Didaskalia vom 3. Januar d. J. findet. Er lautet:

Vor 60 bis 80 Jahren geſtatteten die Verhältniſſe dem thätigen, geſchickten und haushälteriſchen Bürger, ein kleines Vermögen zu erwerben, durch welches bei eintreten den beſonderen Familienunfäallen ſeine Ex'ſtenz geſichert und nach ſeinem Tode ſeiner Familie ein, wenn auch dürftiges Auskommen aufbehalten wurde. Einer Meiſterswittwe war es eine Schmach, die öffentlichen Kaſſen in Anſpruch zu nehmen; ſo ſelten kam es vor und ſo lief fühlte man ſich dadurch herabgedrückt.

Der Grund davon war: die Preiſe der Arbeiten waren beſſer und das Leben wohlfeiler; die Kleider einfacher; die Freuden wohlfeiler, weil in der Häuslichkeit geſucht; die Sitten reiner. Seitdem hat eine maßloſe, ja anarchiſche Concurrenz die Preiſe be deutend niedergedrückt; der Handwerker hinterläßt in der Regel nur wenig; von erworbenem Vermoͤgen iſt ſelten die Rede; verlorenes dagegen bildet oft den Gegenſtand der Unterhaltung. Der Bürger braucht die An ſtren gung allerſeiner Kräfte, um nicht zu fallen, um ſtehen zu bleiben; an Vorwärtsgehen wird ſelten mehr gedacht. Das Armenweſen nimmt in furchtbarem, ſtets wachſeudem Maße die öffentlichen Kaſſen in Auſpruch: der Krebsſchaden der Geſellſchaft, Pauperismus genannt, frißt auch in Deutſch land immer weiter um ſich.

Hier haben wir aber ein merkwürdiges Schauſpiel. Die Moralität der hoheren Klaſſen der Geſellſchaft, der Klaſſen, die an manchen Stellen ſo knickerig und knauſerig dem Burger ſeinen verdienten Lohn abhandeln, tritt zwiſchen den armen Gefallenen und den Hungertod und ſucht jenen mit großartiger Aufopferung gegen den letzteren zu verthei digen. Leider nur thun die hochherzigen Wohlthaͤter dieſes nicht oft direct, und ſo entſtehen denn Scenen, die wir jetzt betrachten in dem Bilde der Stadtarmen.

Der Schloſſer X. war vor einem Jahre noch im Be ſitze eines, zwar nicht ſchuldenfreien Hauſes. Jetzt iſt er ein ruinirter Mann und die Geſchichte ſeines Falles iſt der Beachtung werth. Es wurde nämlich eine größere Arbeit für die Stadt ausgeſchrieben mit der beliebten Clau ſel:An den Mindeſtfordernden. 4 machte ſeine Berechnung, ging hin und ſtellte ſeine Forderung. Andere forderten weniger, K. aber hatte Noth um Arbeit. Er über ſchlägt ſeine Zuthaten, ſeine Arbeitszeit noch einmal ober⸗

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flächlich; der Gedanke:Eine öffentliche Arbeit, wenn gut gemacht, bringt Ehre und Kundſchaft, beſtimmt ihn, ſein Tagelohn zur großen Hälfte aufopfern zu wollen; vier Groſchen täglich für ſeine Perſon zu verdienen, iſt doch immer beſſer als nichts. Er erhält die Arbeit. Doch wehe; als er ſein Eiſen dazu verſchreibt, iſt es theurer gewor den, die Kohlen ſind theurer geworden, und er verbraucht von beiden mehr, als er ausgerechnet; die Lebensmittel für ihn, ſeine Familie und ſeine Arbeiter ſind aufgeſchlagen; die Arbeit koſtet mehr Zeit, auch hat er in der Eile des letzten Ueberſchlages das Porto für ſein Eiſen zu berechnen vergeſſen.(Daß ein Arbeiter während ſeiner Arbeitszeit nicht für längere Zeit krank ſein darf, ohne mit ſcharfen Schritten ſeinem Untergange zuzueilen, verſteht ſich von ſelbſt). Er verliert 500 Thlr. an ſeiner Arbeit; ſein Haus wird angeſchlagen; ein neuer Verluſt von 300 Thlru. ergibt ſich beim Verkaufe deſſelben; ſeine Vorräthe, ſeine Mobilien werden um den halben Preis veräußert: er i ſt zum Bettler geworden. Vergeblich weint ſeine Frau vor Scham; eines wohlhabenden Burgers Tochter, hat ſie ihr Vermögen, die Hoffnung ihrer alten Tage, auch mit hergeben müſſeu.

Sie geht zum Armenpfleger, um etwas Brod und Holz zu bekommen, um das Leben und die Geſundheit ihrer Kinder für einen Tag zu friſten: ſie muß warten, bis dicſer zu Hauſe iſt und die Armen vor ſich laßt. Da ſteht ſie denn neben einem Haufen rohen Geſindels; einige ge alterte Dirnen, denen ſie früher manches Stück Brod ge geben, ſetzen ihre böſen Zungen in weithin ſchaͤllende Thã⸗ tigkeit( die ſondert ſich ab von uns; die will etwas beſſe res ſein als wir; die hat's auch auf dem Leibe u. ſ. w. u. ſ. w.). Weinend geht die arme, treſtloſe Mutter nach Hauſe und kehrt mit hochklopfendem Herzen nach einer hal⸗ ben Stunde zum Armenpfleger zurück. Sie findet hier kein freundlich ermuthigendes Wort; denn derſelbe hat das Leben nie von ſolcher trüben Seite geſehen.Es iſt nichts mehr da, Ihr müßt kommen, wenn die Andern auch kommen; jetzt ſtort mich nicht weiter, ich habe dringendere Geſchäfte. Die Arme geht; nach troſtloſem Hin- und Herſinnen wendet ſie ſich an den Vorſteher der Armenpflege.Kommen ſie morgen wieder, heißt es hier. Morgen können meine Kinder freilich krank ſein vor Hunger und Kälte, doch darf ich dem Manne nicht laͤſtig werden. Sie geht nach Hauſe, nimmt ihre zum Wechſeln zurückgelaſſenen Kleider, trägt ſie ins Pfandhaus und kauft Brod. Am andern Tage kehrt ſie zu dem Chef der Armenpflege zurück. Der Mann iſt gerade übel gelaunt und, anſtatt das dringend Erſehnte zu erhalten, nimmt ſie ein unwilligesUeberlauft mich nicht entgegen.

Indeſſen haben die Dirnen und anderes leichtſinniges Geſindel ſich mit Brod, Holz und Geld, das ſie erhielten, einen guten Tag gemacht und manche, durch irgend eine Connexion oder durch glatte Reden empfohlen, haben ſogar