Ausgabe 
21.1.1846
 
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Wie iſt's mit der Jagd gegangen? 5

Ich habe einen Bock mitgebracht. Die Burſchen wei⸗ den ihn eben aus. s

Schön, ſagte der Alte; aber haben Sie gute Kunde von den Ihrigen? 15 4

Danke ſehr! ſprach Arnold. Alles iſt munter und grüßt aber die Lüge wollte doch nicht recht rutſchen und er wurde roth, daß es Karl durch das Fenſter wahrnehmen konnte.

Briefe gebracht? 1 5

Ja, lieber Gott, ſagte Arnold, er war fruͤher bei meinem Vater Jägerburſche, ein braver Kerl; aber die Franzo⸗ ſen ſchleppten ihn mit nach Rußland; er wurde gefangen genommen, nach Sibirien transportirt und kam vor etwa vier Wochen zurück. Nun ſendet ihn der Vater hierher mit der Bitte, wenn Sie ihn brauchen könnten, ihn zu behalten.

Der Forſtmeiſter hatte einigemal geſeufzt. Nun, ſagte er, wir wollen ſehen. Morgen will ich ihm die Zähne fühlen und wenn er nicht links mauſet, ſo kann er bleiben, wenn anders der Kerl nicht in Rußland ein Branntwein⸗ trinker wurde. a

Indeß ſchwieg er und man ſah, trübe Erinnerungen wurden in ihm wach. Jetzt trat Roſa herein. Karl fuhr auf und ſeine Augen ruhten mit einem tiefen Ausdruck auf dem ſchönen Mädchen, das er ſo lieb hatte. a NWarum ſo ſtill heute, Herr Forſtmeiſter? fragte theil⸗ nehmend Arnold.

Ach, ſagte er, der Umſtand mit dem Burſchen da be⸗ wegt mir das Herz. Der kommt wieder, aber mein Kind, mein Karl, bleibt aus, iſt todt!

Die Lippen des Mannes zuckten. Roſa weinte hef⸗ tig. Der Forſtmeiſter zog die ſchöne Bruderstochter an ſein Herz. Vergieb Röschen, ſagte er, daß ich deine Wunden aufriß; aber auch die meinen bluten wieder. Sie weinte auf des Oheims Schulter; auch Malchen weinte heftig.

Dem da drüben in der Stube, der durch's Fenſter ſah, wollte das Herz berſten. Es koſtete ihn eine faſt uͤber⸗ menſchliche Kraft, ſich zurückzuhalten. Der Forſtmeiſter ſtand. auf und trat in das Zimmer, wo Karl war.

Wo iſt denn der wandernde Burſche? fragte er.

Hier, Herr Forſtmeiſter! ſagte Karl und trat mili⸗ taͤriſch au.

Der Alte beſah ihn. Nun, ſagte er, Freund, Du ſiehſt eben nicht ſonderlich aus, wenn man auf die Federn ſieht. Wie ſteht's mit dem Schuſſe?

Ich ſchieße Ihnen auf dreißig Gänge einen Sechſer aus den Fingern heraus.

Du verſtehſt Jägerlatein wie ein Alter, lachte der Forſtmeiſter. Warſt Du lange in Rußland?

Leider ſeit 1813.

Warum kamſt Du nicht früher?

Liebſter Gott, ſprach der Menſch, wie viele ſind noch heute drinnen! Man will ſie gerne behalten, um das Land zu cultiviren. f

Noch Viele, ſagſt Du? fragte der Forſtmeiſter, und ſein Herz pochte heftiger.

Zogſt Du alleine aus Rußland? fragte er weiter, und ſeine Stimme zeigte durch ihr leiſes Wanken, wie ihn der Gedanke erſchütterte, ſein Karl könne noch leben.

O nein, fuhr Karl fort. Wir waren zu zwölfen. Auch aus dieſer Gegend war Einer bei uns, der Sohn eines Oberförſters.

Menſch! rief der Alte, alles Unheil der Erde auf Dein Haupt, wenn Du lügſt! Aber Gottes reichſter Segen über Dich, wenn es wahr iſt. Wie hieß er?

Karl war bleich geworden wie der Tod; denn alle

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Was iſt denn das für ein Burſche, der Ihnen die

* 7 Glieder der Familie hatten ſich herzugedrängt, Aller Augen ruhten auf ihm. Aber dennoch ahnete Keins, wer er ſep, ſo hatte ſein Ausſehen, ſein Bart, ſein wildes langes Haar, ſeine Narbe ihn entſtellt. Auch wußte er ſeine Stimme ſo ſehr zu verſtellen, daß ſie der wahren nicht glich. Arnold zitterte. Karl mußte ſich ſammeln.*

Herr Forſtmeiſter, ſagte er, was könnte mich bewe⸗ gen, Sie zu täuſchen!? ö

Wie hieß er? fragte abermals heftig der Forſtmeiſter.

Ich glaube er hieß Werner.

Der alte Mann taumelte wieder die Wand und rief: Heiliger Gott, mein Karl, mein Karl! Seine Kniee wank⸗ ten. Alle, gleich ihm erregt, umfangen ihn und der Tumult geſtattete Karl unbemerkt zu bleiben und ſich wieder zu faſſen.

Weg! weg! rief der Forſtmeiſter. Laßt mich! Die

Freude wird mich nicht tödten!

fWo haſt Du ihn verlaſſen? Sag's, o ſag's, und ich will Dich lieben wie mein Kind. So rief der erſchütterte Mann, und die Mutter ſtand mit gefalteten Händen und betete leiſe, und die Thränen rannen ſtromweiſe. Roſa lehnte an ihrer Seite und Malchen auf der andern.

Bei Dreißigacker hab' ich ihn verlaſſen. Er war entblößt von Allem und wollte bei alten Freunden ſich Mit⸗ tel zur Weiterreiſe holen.

Nach einigen Minuten des tiefſten Schweigens fuhr der Forſtmeiſter mit der Hand über die Augen und ſagte: Er kann es nicht ſeyn; Er wäre ſchon hier.

Jetzt fragte die Mutter ihn aus. Er mußte Karl beſchreiben und that's mit einer Sicherheit und Genauigkeit, daß kein Zweifel blieb.

Der Jubel wuchs mit jeder Sekunde, ebenſo die Ge⸗ fahr für Karl, erkannt zu werden. Er ſollte mit zu Tiſche ſeyn; aber er lehnte es ab, weil er zu ſehr ermüdet ſey.

Gieb ihm Wein, Mutter; den beſten, den wir haben rief der Vater. Er muß bei uns bleiben und erzählen. Er iſt uns ja ein Bote des Glücks geworden!

Karl aber lehnte Alles ab und bat, ſich zur Ruhe begeben zu dürfen. Uuter dieſem Vorwande entfernte er ſich.

Aber in der Familie war ein Freudenfeſt. Er fand keinen Schlaf, ſo wenig, als die Glücklichen drunten in der warmen Stube. O wie viele Gebete des Dankes und des Flehens ſtiegen empor zum Himmel! Furcht und Hoffnung bewegten alle Herzen.

Arnold ſuchte ihn auf.

Freund, rief er aus, ſolche Stärke iſt fabelhaft!

Mußte ich nicht? fragte Karl. Hätte ſie nicht die Freude tödten können? O wie iſt es mir ſo ſchwer gewor⸗ den! Denke Dir, vor Vater, Mutter, Geſchwiſtern und

Vor Deiner Roſa! fiel Arnold ein, die Dich im treuen Herzen trägt?

Ruhig jetzt, ſprach Karl. Kann einer der Jäͤger⸗ burſchen mir das Haar zurechtſchneiden?

Gewiß, rief Arnold und eilte, einen zu rufen, dem

er die Kunſt zutrauen konnte.

Er kam und das Haar fiel. Er ſchnitt es nach Karls Angabe, wie er es ſonſt zu tragen pflegte. Arnold blieb bei ihm. 5

Als das Haar geſchnitten war, erſtaunte er. Welche Veränderung! rief er aus. Es iſt unglaublich. Schon jetzt, ehe noch Dein entſetzlicher Bart geſchoren iſt, muß Dich wieder erkennen, wer Dich nur einmal ſah.

Als aber nun auch der Bart wegraſirt war bis auf das kleine Stutzbärtchen auf der Oberlippe, da war eine ſo auffallende Veränderung mit Karl vorgegangen, daß Arnold ihm um den Hals fiel.

die Jägerburſche wurden jetzt in das Geheimniß ge⸗ zogen. Arnold holte reine Wäſche, holte, da er mit Kark

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