Intelligenzblatt
fur die
Provinz Oberbeſſen im Allgemeinen, Kreiſe Friedberg, Gruͤnberg und Hungen
und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.
M15.
Mittwoch, den 22. Februar
1843.
Der Broil(Brühl) zu Staden.
Wenn man von altheſſiſcher Seite, das heißt von Leidhecken aus, über die Niddabrücke auf das Ge⸗ biet von Staden) tritt, ſo liegt links, zwiſchen der Nidda“) und dem Mittelgraben(Fortſetzung der die Gränze nach Untermoxſtadt bildenden Wirbach , eine Wieſe, welche der Broil, oder wie wir
3 ) Vielleicht iſt es Manchem intereſſant, zu wiſſen, woher Staden ſeinen Namen hat. Das Siädtchen iſt nach nichts Anderem benannt, als nach den Bachufern, woran es liegt, nämlich den Ufern der Nidda, des Mittelgrabens und des Mühl— grabens, der durch Staden fließt und auch ſchlechtweg Nied Nid— da) oder die Bach heißt. Zudem iſt nicht vergebens von Staden früher erwähnt, daß es ſtieben Brucken habe. Nach den Ge⸗ ſetzen der Sprache aber iſt dieſe Ableitung unzweifelhaft, und auch die Stadt Stade im Königreich Hannover hat ihren Nanien von ihrer Uferlage(Friſch, deuͤtſch— latein. Wörter⸗ buch Thl. II, S. 314). In ganz alten Urkunden muß Staden ze den staden“; das heißt„zu den Staden“, geſchrieben ſein, und der Staden war ehedem auch ein in der Wetterau übliches Wort für Ufer, wie die alten wetterauiſchen Urkunden zeigen und ſelbſt daraus erhellt, daß in dem eine ſtarke Stunde von Staden gelegenen Altenſtadt das Ufer des aus dieſem Orte fließenden Bächleins nach Oberau zu noch der Bach— ſtaden heißt. Es iſt ſomit nicht bloß unnütz, ſondern auch gewiſſermaßen unrichtig, den Namen des Städtchens Staden mit zwei a Stgaden zu ſchreiben. Zudem iſt der Name früher nie ſo geſchrieben worden, ſondern immer Sta den; wozu nun dieſe an ſich alberne Neuerung mit zwei a? ) Nach der Sage dehnte ſich vor alter Zeit die Stadt Staden bis an den Wingertsberg in der Leidbecker Terminei aus. Dieß iſt nun freilich nicht glaubhaft, weil die Wohnungen unmöglich vor der Ueberſchwemmung der Nidda, die zuweilen furchtbar iſt, geſichert geweſen wären, überdieß eine Vorſtadt gebildet haben müßten. Aber die Nidda ſoll früher hier ganz nahe am Wingertsberg ihren Lauf gehabt haben, und noch vor zwanzig Jahren lebte das Andenken in Staden, daß ein alter Iſenburgiſcher Amtmann in einem Grenzſtreit mit. den keidheckern dieſen geſagt hätte, er wolle ihnen noch von dem alten Lauf der Nidda in den iſchwarzen Gärten die Hechts⸗ üähne weiſen, wonach ihre Grenze nicht' ſoweit vor Staden gehe, als jetzt. Wirklich heißt der tiefer nach Florſtadt hin, die Grenze von Staden oder vielmehr der zu Staden, Stamm⸗ heim und den beiden Florſtadt gehörigen Weide einerſeits und die Grenze von Leidhecken andrerſeits ſcheidende Sumpfgraben die alte Bach, und es ſcheint, daß dieſe die eigentliche Nidda war, welche nun ſüclicher fließt. 5) Dieß iſt die Wirbach in dem Moxſtäͤdter Weisthum tom 15. Mai 1365. S. Jac. Grimm's Weisthümer, B. 3. S, 437.
hochdeutſch ſchreiben, der Brühl, heißt. Der Name iſt klar, denn das alte Wort Broil(aus deutſch⸗ mittellateiniſch brogilus gekürzt), Brühl bedeutet eine Sumpfwieſe*), beſonders eine bebüͤſchte, und auch bei Oberflorſtadt liegt eine ſolche, welche ſo heißt. Aber an den Broil zu Staden knüpfen ſich, wie noch vor etwa zwanzig Jahren alte Männer des Städtchens wußten, Erinnerungen und Gerecht⸗ ſame, die wohl auf Urkunden beruhen müſſen, deren Kenntniß mit der Zeit geſchwunden iſt, aber über welche Auskunft erwünſcht wäre. Der Broil ſoll nämlich von einem alten adeligen Fräulein(In Staden hatten früher mehrere adelige Familien ihren Sitz) den alten Jungfern des Städtchens Staden vermacht worden ſein, daß ſie, und zwar nur ſie allein und niemand anders, darauf graſen duͤrften. Ein altes Recht aber ſcheint es zu ſein, daß Leid⸗ hecken ſeine Schafheerde die drei erſten Tage des Mai's auf den Broil treiben und darauf hüten darf, wie noch geſchieht. Früher ſcheint Leidhecken ſeine bis an die Nidda gehende Grenze auch auf den Broil haben ausdehnen wollen. Denn es lebte vor faſt dreißig Jahren und früher bei alten Leuten zu Staden noch die Sage, wie einſt(mit höchſter Wahr⸗ ſcheinlichkeit in den erſten Jahrzehnten des vorigen Jahrhunderts) die Leidhecker die auf dem Broil gra⸗ ſenden Pferde der Städer mit Gewalt hätten weg⸗ fuͤhren wollen und die Wieſe in Anſpruch genommen. Hierauf hatte es in dem Städtchen Lärmen gegeben und man wäre heraus gelaufen, um die Angreifenden abzuweiſen und die weggenommenen Pferde wieder zu erobern. Beides ſei nun in lebhaftem Handge⸗ menge, in welchem ſich ein Mädchen aus Staden, Namens Kappes, eſnäugig aber ſtark und muthvoll, ausgezeichnet und Einen, der mit Gewalt ein weg⸗ genommenes Pferd fortreiten wollen, von dieſem her— untergeſchlagen hätte, gelungen und ſe die alte Gränze der Nidda, wie ſie jetzt noch iſt, erhalten worden. — 9—
) In dieſer Bedeutung hat auch der Pfarrer zu Staden, Crasmus Alberus, in ſeinem Wörterbuch(1540) Brüel was allerdings für Ort und Gegend beweiskräftig iſt.


