Intelligenzblatt
fuͤr die
Provinz Oberbeſſen im Allgemtinen, die Kreiſe Friedberg, Gruͤnberg und Hungen
und die angrenzenden Bezirke im Beſonderen.
M239. Sonnabend,
den 20. Mai 1843.
Die Tauben hoͤren, die Stummen reden und die Augen der Blinden oͤffnen ſich.
Wer am verfloſſenen Sonntage in Fauerbach bei Friedberg in der dortigen Kirche war, konnte ſich überzeugen von Dem, was Gott an ſieben taub— ſtummen Kindern, welche confirmirt wurden, gethan hat. Ein herzergreifender Anblick war es, diefe Kin⸗ der, die man früher zu den Unglücklichen zählen mußte, vor dem Altare ſitzen zu ſehen; rührend war es, ihre Eltern, theils von den äußerſten Grenzen un— ſeres Landes hinter dem Altare zu erblicken, mit den Thränen des Dankes und der Freude in den Augen; wehmüthig⸗- freudig mußte jedes fuͤhlende Herz ge— ſtimmt werden, durch die Schilderung über das Sonſt und Jetzt dieſer Kinder. Sonſt allein ſtehend, jetzt der menſchlichen Geſellſchoaft einverleibt; ſonſt faſt unwiſſend, jetzt das Verſtändniß ge⸗ öffnet und zum weiteren Forſchen den Schlüffel in Händen; ſonſt arm an Begriffen, jetzt reich an Allem, was der Menſch in dieſer Welt zu ſeinem Fort— kommen bedarf; ſonſt kaum ein dunkeles Ahnen eines Gottes, jetzt Erkenntniß ſeines heiligen Willens. Sollte man bei ſolcher Schilderung nicht wehmuͤthig— freudig geſtimmt werden?— Gewiß muß es jeden Menſchenfreund rühren. Aber wir haben noch An- dere in unſerm Lande, die man zu den Aermſten unter den Armen zählen muß, denen auch Hülfe noth— thut. Dieſes ſind unſere Blinden. Sie gehen noch dahin in Finſterniß; ihnen leuchtet noch kein freund— liches Licht einer Anſtalt, welche ſie aufnähme und erziehe, ſie zur Quelle der Weisheit und zum Lichte des Glaubens führte. Doch, wir haben die beſte Hoffnung, daß auch ihnen noch ein Stern erſcheine, der Gutes bringe, und ein Licht aufgehe, das da helle leuchtet in ihrer dunkeln Nacht.
In verſchiedenen Ländern hat man, wie der Taubſtummen, ſo auch der Blinden gedacht. Ein— ſender dieſes ſind ſelbſt viel Anſtalten der Art be— kannt, welche ſich ausſchließlich mit dem Unterrichte und der Erziehung der Blinden beſchäftigen. In Eng⸗
land beſonders wird ſehr für die Blinden geſorgt. Sogar die Bibelgeſellſchaft hat ſichs zur Aufgabe ge⸗ macht, und zum Theil auch ſchon ausgeführt, die Bibel in erhabenen Buchſtaben gedruckt heraus— zugeben. Ein Theil derſelben iſt ſchon erſchienen. Daß der Blinde mit ſeinen Fingern faſt ſo ſchnell leſen kann, wie ein Anderer mit den Augen, habe ich viel geſehen; daß ihm das Leſen aber auch Freude macht, weiß ich ebenſo gewiß, und nachfolgende Ge— ſchichte beſtätigt dieſe meine Erfahrung.
Aus der Grafſchaft Suſſex(England) wird be— richtet:„Ein Blinder, Namens Joſeph Blackmann, blind geboren, ſchon 45 Jahre alt, hörte vor drei Jahren in einer Bibelverſammlung, in die er ſich leiten ließ, von dem neuen Teſtamente reden, das mit erhabener Schrift herausgegeben würde. Am andern Morgen bat er um ein Evangelium dieſer Ausgabe. Ich geſtehe, daß ſein Alter an dem Er— folg ſeiner Bemühungen, jetzt noch lefen zu lernen, zweifeln ließ, zumal da ſeine Finger von Handar⸗ beiten, mit denen er ſich beſchäftigt, etwas hart ge— worden ſind. Gleichwohl verſchaffte ich ihm ein Evan— gelium Matthäi und hatte bald die Freude zu hören, daß er leſen könnte. Ich ging zu ihm und fand, daß er wirklich, obwohl langſam leſen konnte. Bald darauf bat er um ein anderes Evangelium, dann um ein brittes und nun wuͤnſchte er Alles zu haben, was in dieſer Art für Blinde gedruckt iſt, da er nun ganz fließend leſen kann. Welch eine Verän⸗ derung iſt aber dies, daß dieſer ſonſt ſo Unglück— liche, jetzt die Fangen Stunden ſeiner dunkeln Tage durch das Leſen jenes Buches ſich verſüßen kann, das ihm ein Licht des Lebens geworden iſt.“
Wenn nun das an einem dürren Holze möglich iſt, was könnte man aus einem grünen machen?— Nun, wie oben geſagt, wir hegen die beſte Hoffnung, daß auch bei uns die armen Blinden ſich dieſer Wohlthat des Unterrichtes und der Erziehung zu er— freuen haben werden.
Alles zu ſeiner Zeit.


