O mein rettender Engel, den mir der gnä⸗ dige Himmel zur guten Stunde von ſeinen Höhen herabgeſchickt hat, nimm meinen Dank! rief die an⸗ dere Geſtalt, welche nicht davon gelaufen war, und ſchloß unſern Flüchtling in die Arme.

Mein Herr, zum Guckguck, ich habe für der⸗ gleichen Ceremonien keine Zeit übrig! ſagte Frohlieb, indem er ſich von dem Fremden losmachte und ſich zur Flucht anſchickte. Laſſen Sie mich los, daß ich davon komme. Wenn mir ein Schnurre auf die Hacken kömmt, ſo bin ich für die Hühner und kann ſo lange auf dem Carcer brummen, bis ein unbekann⸗ ter Onkel aus Amerika kömmt und mich zu ſeinem Uuverſalerben einſetzt, was, nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge zu urtheilen, ſobald wohl nicht ge ſchehen möchte.

Ha, fuhr der Fremde fort: ſo finde ich in Ihnen nicht nur einen Retter, ſondern auch einen Unglücksgefährten! So wiſſen Sie denn, daß auch ich mit der Juſtiz zerfallen bin, daß auch ich hin reichend gegründete Urſache habe, mich aus dem Staube zu machen. Derjenige, aus deſſen Gewalt mich Ihre zu ſo ſchicklicher Zeit ſtattgefundene Nieder fahrt vom Himmel befreit hat, war ein Polizeidiener, der im Begriffe ſtand, mich auf die Polizeiwache abzuführen.

Kommen Sie, kommen Sie, mahnte der flie hende Philoſoph. Der Geſpenſterglaube iſt heut zu Tage nicht mehr ſo feſt gewurzelt, daß wir nicht alsbald eine Rückkehr unſeres erſchrockenen Polizei dieners zu fürchten hätten.

Bald hatten beide das Seltſerthor im Rücken und wanderten rüſtig auf der Chauſſee gen Frankfurt.

Wer ſind Sie denn eigentlich? fragte Froh lieb nach einer Weile ſeinen Begleiter. Haben Sie auch Schulden, oder haben Sie einen Pedellen, einen Polizeidiener oder eine ſonſtige obrigkeitliche Perſon geholzt?

Ich bin ein polniſcher Emigrant, ich bin der eben ſo unglückliche als berühmte Graf Puttlipofli potolski, erwiederte der Andere, indem er ein ſchmutzi⸗ ges Bändchen aus ſeiner Rocktaſche hervorzog und ſolches gleichſam zur Unterſtützung ſeiner Anſprüche auf die erlauchte Qualität, an dem einzigen Knopf⸗ loche ſeines Rockes befeſtigte, das nicht ausgeriſſen war. Leider fuhr er fort, iſt mir vor ſchon gerau mer Zeit von einem Handwerkspurſchen mein Paß geſtohlen worden, und ſo kommt es, daß ich an allen Orten mit der Polizei in Conflict gerathe, während der diebiſche Handwerkspurſche als Graf Puttlipofli⸗ potolski in der Welt herumreiſ't und die Huldigungen der Großen und Angeſehenen empfängt. Wollte ich in mein Vaterland zurückkehren, ſo würde man mir unſtreitig den Kopf abſchlagen, weßhalb ich es vor⸗ ziehe, lieber in der Fremde zu bleiben. So treibe ich mich denn in der Welt herum und ſuche auf Unkoſten Anderer meine Glücksumſtände ebenſo wie⸗ der herzuſtellen, wie man ſie mir ungerechter Weiſe

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zerſtört hat. Was ſollte ich auch in meiner Heimath anfangen, ſelbſt wenn Rußland nicht ſeinen größten Triumph hineinſetzte, mich an einem meiner eigenen Meine ungeheueren Güter, aus denen ich leicht ein kleines Königreich hätte

Paläſte aufzuhängen!

bilden können, ſind confiscirt, und meine jährlichen Revenüen von 10 Millionen Gulden bezieht nun⸗ mehr die Krone. Ja mein Herr, ich habe den Wechſel der Gluͤcksumſtände erfahren; denn in dieſem Augenblicke habe ich auch nicht über einen koburger Groſchen zu disponiren.

Lüge Du und der Teufel! dachte der vor

ſeinen Glaͤubigern fliehende Jünger der Weltweis⸗ heit und heftete einen ſehr zweifelhaften Blick auf die Geſtalt ſeines Gefährten, deren Aeußeres ſoviel das bleiche Mondlicht erkennen ließ ſich in einer wo möglich noch aufgelös'teren Verfaſſung befand als das unſeres Studenten. Item, fuhr dieſer in ſeinen Meditationen fort, iſt er auch kein Graf, ſo iſt er doch ein Ritter, nämlich ein Ritter des Glücks, und da ich in meiner dermaligen Lage ebenfalls keine andere und ſolidere Reſſource mehr habe, als das Glück, ſo paſſen wir Beide ganz vortrefflich zu einander. Und ſo wanderten Beide in der Nacht dahin.

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s Wenn Du an einem Sommerſonntage des Nach mittags irgend einem Orte der Wetterau nahſt, wo Dir ſchon aus der Ferne ein jubelndes Murmeln verkündet, hier haben der artige Wirth, reine und billige Getränke und die Gunſt der lachenden Sonne die Elite der tanz-, wein⸗ und muſikliebenden Wet⸗ terauer verſammelt, und wenn Du dann die tändeln⸗ den Fugen eines ſtrauß'ſchen oder lanner'ſchen Wal zers an Deinem Ohre vorüberrauſchen hörſt: ſo kannſt Du d'rauf ſchwören:

Dort ſind die Kaicher Muſikanten!

Willſt Du an einem Sommerſonntage ein Wetterauer Feſt heimſuchen, Du biſt aber noch zwei felhaft, wohin Du Dich wenden ſollſt, ob nach dem Oſſenheimer Wäldchen oder dem Schwalheimer Brunnen u. ſ. w. ſo frage nur:

Wo ſind die Kaicher Muſikanten? 5

Ihr glücklichen Kaicher Muſikanten! Freude iſt das Element, in dem Ihr lebt und Euch bewegt. Liebliche Harmonien athmet Ihr. Die Sphäre, die Euch umgibt, iſt mit Luſt erfüllt, und wer den Kreis, der Eure Sphäre umgrenzt, überſchreitet, verfällt Eurer Herrſchaft, die unwiderſtehlich zu jubeln und zu tanzen gebietet. Stets auf dem Höhepunkte des Lebens, auf der Freude, thronend, alle Luſt, die der Augenblick gebietet, erfaſſend und feſthaltend, unbekümmert um Morgen und unbekannt mit dem grämlichen Ernſte des Lebens, verſcheucht Ihr die Trauer, wie der grauende Morgen das Geſpenſt! Ihr habt nur Hochzeiten geſehen und nie einen Leichenzug.

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