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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 43 Gießen, 22. Sonnt. n. Trinitatis, den 31. Oktbr. 1920 9. Jahrg.
Reformationsfest. 1. Kor. 16, 13. Wachet, stehet im Glauben seid männlich und seid stark.
Zum Reformationsfest mag ein Wort unseres Martin Luther an der Spitze un⸗ serer Betrachtung stehen, ein Wort, das uns besonders zeitgemäß erscheint:„Das weiß ich wohl, daß kein Staat durch Ge⸗ setze gut regiert werden kann. Denn ist die Obrigkeit verständig, so regiert sie alles besser nach natürlichem Rechtsinn als nach Gesetzen; ist sie aber nicht verständig, so wird sie durch Gesetze nur Uebles zutage fördern, da sie nicht versteht, sie zu ge⸗ brauchen und der Zeit anzupassen. Darum ist in den Staaten mehr dafür zu sorgen, daß gute und verständige Männer an der Spitze stehen, als daß Gesetze gegeben wer⸗ den; denn diese werden selber die besten Gesetze sein, da sie alle Mannigfaltigkeit einzelner Vorfälle nach lebendigem Rechts⸗ sinn zu beurteilen wissen werden“.
Was uns heute fehlt, sind nicht Gesetze; deren haben wir schon mehr als genug; es sind Männer, wirkliche Führer des Vol⸗ kes aus den schier endlosen Wirren der Zeit. Heiße Sehnsucht ergreift uns oft nach solchen Männern; Besten der Nation begegnen sich wohl im Gebet zum Lenker der Geschichte, um eine gnädige Führung unseres armen, irregelei⸗ teten Volkes.„
Das Gedächtnis an die Menschheitstat Luthers gibt uns in unserem Hoffen und Sehnen einen Lichtblick und leitet unsere Gedanken nach einer bestimmten Richtung: Ein wahrhafter Führer zum Aufstieg und zur Freiheit muß ein Mann Gottes sein und gleichzeitig ein Mann von echt volkstüm⸗ licher Art, aus den Tiefen rein deutschen Wesens emporgewachsen und getragen von der Kraft deutscher Sittlichkeit und deutsch verstandener christlicher Frömmigkeit. Fort mit aller fremden Wesensart, fort auch mit der Lauheit oder gar Feindschaft gegen unsere christliche Religion!
Soviele sich auch als Volksbeglücker an⸗ preisen— keinem andern Manne wird es gelingen, uns wieder aus den Abgründen emporzu eiten, als einem solchen, der im Tiefsten seiner Seele sich we ensverwandt fühlt mit Doktor Martin Luther, er üllt von dessen Kraft und Glaubensmut, Charakter⸗ stärke und unbeugsamem Trotz:
„Ein' feste Burg ist unser Gott, Ein' gute Wehr und Waffen!“
und die Edelsten, die
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Ein Winter an der Bzura.
Aus dem Krieg stagebuch des Hauptmanns d. R. Landgerichtsrat Trümpert in Gießen.
Nachdem meine Wunde zugeheilt war, befand ich mich, wie ich bereits früher (Sonntagsgruß Nr. 36) erzählt habe, seit dem 6. November bei der Ersatzabteilung des Feldartillerie-Regiments Nr. 61 in Tarm⸗ stadt. Der Zustand meiner Nerven ließ noch recht zu wünschen übrig; ich schlief sehr schlecht und war meist in gedrückter Stimmung. Ich hatte gehofft, durch dienst⸗ liche Beschäftigung werde sich das bald
bessern, aber für mich als Hauptmann war
keine Verwendung bei der Ersatzab teilung, da hinreichend Offiziere, nicht felddienstfähige, sowie solche, die krank oder verwundet ge⸗ wesen, vorhanden waren. Als großes Glück empfand ich es, daß ich bei meiner Multer wohnen konnte. sowie zwei meiner Schwestern und zwei junge Pensionärinnen suchten mich auf andere Gedanken zu brin⸗ gen und aufzumuntern, und abends waren wir bei gemeinsamen Spielen manchmal wohl vergnügt. Zwei Offizi re meiner Ab⸗ teilung, die bis Anfang November ver⸗ wundet waren, Hauptmann Fre senius und Leutnant Müller, befanden sich in Wies⸗ baden bzw. Mainz, und wir verabredeten uns, gemeinsam wieder zu unserem Regi⸗ ment, das inzwischen nach dem östlichen Kriegsschauplatz gekommen war, zurückzu⸗
Sie,
kehren. Hauptmann Fresenius gelang es auch, beim stellvertretenden Generalkom⸗
mando in Frankfurt a. M. die Erlaubnis hierzu zu erwirken. Es wurde noch ein kleiner Transport von Unteroffizie en und Mannschaften für das Reserve⸗Felbactillerie⸗ Regiment Nr. 25 au,gestellt und ich als ältester Offizier zum Transportfüh er be⸗ stimmt. Der Abtei ungsarzt Dr. Reinewald (aus Gießen) impfte uns mehreremale gegen Cholera und Typhus, und dann waren wir reisefertig. Acht Tage hatte ich noch ein⸗ mal bei meinen Lieben in Gießen sein dürsen und dann zum zweitenmal den bitter⸗ schweren Abschied nehmen müssen. Und nun fahre ich mit meinen Tagebuchaufzeich⸗ nungen fort:
17. Dezember 1914. Heute früh um 8 Uhr reiste ich von Darmstadt ab. Meine Mutter und meine Schwester hatten mich an die Bahn begleitet. Wird uns ein Wiedersehen beschieden sein? In Frankfurt a. M. trafen Hauptmann Fresenius und Leutnant Müller zu mir. Ich habe einen
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