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Gemeindeblatt für

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die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 25

Gießen, 4. Sonnt. n. Trinitatis, den 27. Juni 1920 9. Jahrg.

Der Regen.

Psalm 104, 13. Du feuchtest die Berge 0 oben her, du machst das Land voll Früchte, die du schaffest.

In der letzten Zeit mußte ich oft an Adal⸗ bert Stifters wundervolle ErzählungDas Heidedorf denken. Weit und unübersehbar dehnt sich die Heide aus, hier und da ragt aus ihr ein niedriger Hügel auf, an den die Hütten der Menschen angelehnt sind. Die Aeste des Wacholders starren von Nadeln, Millionen blauer und grüner Beeren hängen daran. Insekten, die nur einen Tag lang leben, durchschwirren die Luft. Ernste, stille Menschen leben in dem Heidedorf, eine Gro 3⸗ mutter ragt unter ihnen hervor, die ganz in der Bibel lebt. Zwar kann sie nicht mehr lesen, weil ihre Augen matt geworden sind, aber die Heilige Schrift mit ihren Pro- pheten⸗, Helden- und Apostelgestalten lebt in ihrer Seele. Pfingsten kommt heran, aber die Menschen sind in großer Sorge; denn seit Wochen herrscht eine solche Trockenheit, daß weder das Gras noch der Pflanzenwuchs auf den Aeckern gedeiht. Der Himmel er⸗ glänzt in reiner blauer Farbe, aber die Menschen schauen ängstlich zu ihm auf. Die Heidelerche ist verstummt, dafür tönt den ganzen Tag und auch die Nacht hindurch das Zirpen der Heuschrecken und der Angstschrei der Kibitze. Der Boden ist ausgetrocknet, die Blätter sind mit Staub bedeckt, die Baum⸗ früchte fallen zur Erde. Die Menschen beten zu Gott um Regen, aber kein Tropfen fällt.

Freitag vor Pfingsten ist gekommen, die Erdschollen, die die Leute in die Hand neh⸗ men, fallen auseinander, händeringend

gehen die Unglücklichen zwischen den Feldern einher. Wohl stehen am Pfingstsamstag Wolken am Himmel, aber sie verschwinden wieder, der Blitz zuckt hernieder, aber es regnet nicht. Wie die Menschen aber am Pfingstmontag erwachen, ist der ganze Him⸗ mel grau, und ein sanfter, dichter Landregen fließt hernieder. Nun ist alle Angst vorüber, freudigen Herzens geht man in das Gottes haus, um Gott für feinen Regen zu danken, gern läßt man sich die Kleider von dem köst⸗ lichen Tau des Himmels naß werden. Aehnliches haben wir in der vorigen Voche erlebt. Seit vielen Tagen schien die onne, die wir doch sonst als die Bringerin des Lebens und des Segens ansehen, mit demselben Glanze hernieder. Zuerst hatten wir kalte, winddurchsauste Tage, dann setzte große Hitze ein. Der Erdboden trocknete aus,

er bekam Risse und Sprünge, kümmerlich standen vor allem die Gartengewächse. Bange Befürchtungeft wurden auch hinsichtlich des Ackerfeldes laut. Als sehr kläglich bewertete man schon den Ertrag der Frühkartoffeln, und Hinweise auf das trockene Jahr 1911 waren in aller Munde. Schon entstanden, wie das in trockenen Sommern immer der Fall ist, Waldbrände, es brannten Torf⸗ moore im Norden unseres Vaterlandes, und über einzelne Strecken der Lüneburger Heide sengten die Feuerflammen hinweg. Ich hörte am Ende der vorigen Woche einen Mann zu einem anderen sagen: wenn nun in acht Tagen kein Regen kommt, so ist alles ver⸗ loren. Ein schwerwiegendes Wort, wenn wir an die Zeitlage denken. Darum haben wir am vorigen Sonntag in unseren Gottes⸗ diensten Gott um Regen gebeten.

Unsere Bitte ist erhört worden. Gerade während diese Zeilen niedergeschrieben wer⸗ den, ist der Himmel mit grauen Wolken be⸗ deckt, und ein sanfter Regen fließt herab. Dringt dieser Regen auch vorläufig nicht tief in das Erdreich ein, so erfrischt er doch die Pflanzen, und wir schöpfen neue Hoffnung. Der alte Gott lebt noch. Es ist wahr, was

der alte Wandsbecker Bote Matthias Clau⸗

dius sagt: Er, er macht Sonnaufgehen, Er stellt des Mondes Lauf, Er läßt die Winde wehen, Er tut den Himmel auf.

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.

H. B.

23. Gießener Familienleben in

drei Generationen. (Schluß.)

Jakob Pistor, dessen Beschreibung einer Fußreise aus dem Jahre 1811 wir in den vorausgegangenen Nummern wiedergegeben haben, stand mit seiner Schwiegermutter Elisabetha Becker, geb. Braun auch in der Zeit noch in guten Beziehungen, als seine erste Ehegattin, die Tochter der Genannten, schon dahingeschieden war. Das geht aus zwei Briefen hervor, die die Schwiegermutter an den Schwiegersohn und dessen Frau rich⸗ tete, als sich Pistor 1817 zur Zeit der Messe in Frankfurt a. M. aufhielt. Ich verdanke die Einsichtnahme dieser beiden Briefe der Frau Geh. Justizrat Dr. Schäfer, geb. Pistor, die eine Enkelin Jakob Pistors ist. Gießen war damals das, was man ein kleines Nest nennt, einer kannte den anderen, und die Stadtneuigkeiten wurden eifrig weiterver⸗