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Gemeindeblatt für die evan gelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 15 Sießßen, Misericordias Domini, den J8. April 1920 9. Jahrg.
Wahrhaftig in der Liebe. ständen eine Sünde, die Betätigung der Eph. 4, 15. Lasset uns aber wahrhaftig sein i muß durch die Liebe regiert in der Liebe. werden.
In der Form, in der dieses Wort in 1 1 1 unseren Bibelausgaben steht, ist es nicht Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. recht verständlich. Wir lesen da: Lasset uns 23. Gießener Familienleben in aber rechtschaffen sein in der Liebe. drei Generationen.
Genau aus dem griechischen Urtexte über⸗ Wir haben in unserem Gemeindeblatte setzt, muß es heißen: Lasset uns aber schon mehrfach darauf hingewiesen, daß in wahrhaftig sein in der Liebe. In dieser alter Zeit Gießener Bürger oft für ihre Fassung enthält unser Schriftwort eine tiefe Nachkommen Aufzeichnungen über Familien⸗ Lebensweisheit. Sicherlich soll der Christ ereignisse und sonstige Begebenheiten gemacht wahrhaftig sein, aber seine Wahrhaftigkeit haben. Mitunter sind diese Aufzeichnungen und die Art, sie zu betätigen, soll von der von den Nachkommen fortgesetzt worden und
Liebe regiert sein. Es gibt eine Wahrhaftig⸗ stellen heute nicht nur einen wertvollen keit, die nichts als Härte, Rücksichtslosigkeit, Familienbesitz dar, sondern sind auch inter⸗ ja bewußte Grausamkeit ist. Wenn ein Vater essante Dokumente für das häusliche und einen ungeratenen Sohn hat, der ihm viel bürgerliche Leben in der Vergangenheit. Herzeleid bereitet, und ein Nachbar und Leser unseres Blattes haben wiederholt dem Bekannter weiß nichts besseres zu tun, als Herausgeber solche Aufzeichnungen über⸗ dem bedauernswerten Vater jede neue lassen. Dadurch ist mancherlei, das mit Schandtat des Sohnes zu berichten, so kann jetzt vergilbter Schrift auf rauhes Papier der, der die unerfreulichen Nachrichten über⸗ geschrieben ist, zur Kenntnis eines großen bringt, vielleicht den Vorzug der Wahr⸗ Kreises gekommen. Die Gießener Lokal⸗ haftigkeit für sich geltend machen, nimmer⸗ geschichte hat dadurch eine Bercich rung er⸗ mehr aber den der Liebe, sein Tun kann aus fahren, und die besondere Art des Familien⸗ Herzlosigkeit und Lieblosigkeit hervorgehen, lebens, wie sie abgelaufene Zeitperioden auf⸗ aus der Absicht, dem anderen wehe zu tun. weisen, ist den Menschen der Gegenwart Einen anderen auf seine Fehler aufmerk- bekannt geworden. l sam zu machen, kann unter Umständen Was wir im Nachfolgenden mitteilen, Christenpflicht sein, kann aber ebensogut aus gründet sich auf Aufzeichnungen, die Fräu⸗ der Absicht hervorgehen, den anderen zu lein Paula Georgi von ihren Vorfahren beleidigen. Nur der Fanatiker wird den Pistor her besitzt und dem Herausgeber des Satz aufstellen, daß man unter allen Um⸗„Sonntagsgrußes“ in freundlicher Weise zur ständen die Wahrheit sagen soll, aber auch Einsicht vorgelegt hat. Diese Aufzeichnungen der Fanatiker wird nach diesem Satze nicht erstrecken sich über eine lange Spanne Zeit. immer handeln. Der ehrliebende Soldat, der Sie beginnen mit Ereignissen, die in das das Unglück gehabt hat, in Kriegsgefangen⸗ letzte Viertel des 18. Jahrhunderts fallen schaft zu geraten, wird nimmermehr daran und endigen im Jahre 1859. Wohl gehen denken, aus Wahrhaftigkeit dem Feinde die noch einige kleinere Notizen auf spätere Stellungen des eigenen Heeres zu verraten. Jahre zurück, doch sind diese ganz fami⸗ Wer wird einem schwerkranken Kinde die liärer Art und haben für die Allgemeinheit volle Wahrheit über seinen Zustand sagen? keine Bedeutung. Diese Aufzeichnungen be⸗ Es gibt höhere Interessen als die der un⸗ ziehen sich auf drei Generationen von Men⸗ bedingten Offenbarung alles dessen, von schen. Wie Werra und Fulda sich zur Weser dem man Kenntnis hat. Diesen Grundsatz vereinigen, so fließen hier Notizen aus zwei wird man namentlich da anwenden, wo es Familien zusammen, näm ich den Familien sich um Menschen handelt, mit denen man Becker und Pistor, die im Jahre 1813 durch nicht durch das Band des Vertrauens ver⸗ die Verheiratung des Jakob Pistor mit der Eleonore Friederike Becker in verwandt⸗ schaftliche Beziehungen treten. Die späteren
bunden ist. Ueber diese wichtige Frage der
christlichen Sittenlehre hat der treffliche t. ter Friedrich Paulsen, weiland Professor der Aufzeichnungen beziehen sich nur auf die Philosophie an der Universität Berlin, in Familie Pistor, die eine alteingesessene seinem schönen Buche„System der Ethik“ Gießener Familie war, nun aber hier er⸗ beherzigenswerte Ausführungen gemacht. loschen ist. Wir gliedern unsere Darlegungen Die Wahrheit verschweigen, um andere zu in Mitteilungen über die Fami tien 1. des schädigen, ist und bleibt unter allen Um⸗ Kastenmeisters(Kirchenrechners) Georg Mel⸗
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