Gießen eine Zunft, die„Kramerzunft“. Hier hat man zwei Arten von Kaufleuten unter⸗ schieden, einmal diejenigen, die einen offenen Laden hatten, sie hießen Kramer oder Krä⸗ mer, sodann diejenigen, die, ohne ein Laden⸗ geschäft zu führen, den Handel mehr im großen trieben. Wer zu dieser Kategorie gehörte, führte die Bezeichnung„Handels⸗ mann“. Heute ist der„Handelsmann“ mehr der Hausierer, früher war er der Groß⸗ kaufmann. f 5
Ueber die Geschichte der Gießener Kramer⸗ zunft in der Zeit von 1707 bis 1826 gibt das Zunftbuch Auskunft, das Herr Geheim⸗ rat Tr. phil. Wilhelm Gail besitzt und dem Verfasser dieses Artikels in freundlicher Weise zur Einsicht überlassen hat. Dem auf der ersten Seite dieses Buches befind⸗ lichen Eintrage zufolge hat die Zunft im Jahre 1707 ein Jubiläum gefeiert, vermut⸗ lich ein Jubiläum, das sich auf ihr Be⸗ stehen bezog. Dieser Eintrag lautet:„Laus Deo!(Gelobt sei Gott!) Anno 1707 ist von der löblichen Kramer Zunfft alhier ein Hochansehnlich Jubiläum erlebet worden, welches mit gröster Solennität ist jedermann zum höchsten Vergnügen celebriret worden, wer nun die Gnade vom Höchsten erleben wird— geliebt es Gott— ein künfftiges zu erleben, kann nach Belieben es in ein neu Zunfftbuch einschreiben.“ Offenbar han⸗ delte es sich hier um eine Jahrhundertfeier,. über die jedoch im Jahre 1807 nichts einge⸗ tragen worden ist.
Die meisten Einträge des Buches beziehen sich auf die Zunftmeister, auf neu aufge⸗ nommene Zunftgenossen und auf die An⸗ nahme von Lehrjungen.
So weit das möglich ist, fügen wir hier über die einzelnen Personen Notizen bei, die wir unseren Kirchenbüchern entnehmen:
Im Jahre 1708„ist von löblicher Zunft von gut befunden worden, das ein jedes Jahr die erwehlten Zunfftmeister ihre Nah⸗ men bei Antrettung des Zunfft Meister Ambts auff ein Blatt ordentlich setzen.“ Demzufolge lautet der nächste Eintrag: „Anno 1708 bin ich Gottfried Riedtsch Aeltster Zunfftmeister mit Johann Georg Breucking als Jüngerer Zunfftmeister ge⸗ wessen und in diesem Jahre bekommen zwey neue Zunfft Brüder als Conradt Koller⸗ mann, Johann Höstereich.“ Hieraus geht hervor, daß stets zwei Meister an der Spitze der Zunft standen, der eine wurde der ältere, der andere der jüngere Meister genannt. Die Wahl bezog sich regelmäßig nur auf ein Jahr, Wiederwahl war jedoch zulässig. Die Familien Rietsch— so schreiben unsere Kirchenbücher— Breucking und Höstereich kommen jetzt in der Stadt Gießen nicht mehr vor. Rietsch wird im Kirchenbuche als Bürger und Nadler bezeichnet, er starb 1744 im Alter von 81 Jahren. Die Be⸗ russbezeichnung„Nadler“ ist unklar, viel⸗ leicht war der Mann Sockenstricker und hat
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einen Laden gehabt, sonst hätte er nicht zur Kramerzunft gehöit.
Die Angehörigen der Zunft werden in diesem Buche als Zunftbrüder bezeichnet, ihre Kinder genossen, wenn sie den Beruf des Vaters ergriffen, gewisse Vorrechte. Im Jahre 1710 trat Johann Henrich Kreuder der Kramerzunft bei. Bei seinem Eintritt wurde folgendes Protokoll in das Zunftbuch eingeschrieben:„Herr Johann Henrich Kreu⸗ der hatt sich eingekäuffet beneben seinen zwey Kindern den driten aber als seinen Stief⸗ sohn Johann Balthasar Kempff auch, auff solche Condicione(Bedingung) eingekaufet, daß wann bemelter Kempff daß Becker Handtwerck lehrnet daß allsdann dieße Zunft ohne umbgänglich hindann gesetzt ist und verlohren gehet. Auch ihm gar und ihm geringsten Seines Einkauffens nichts helfen soll. Deß wegen es in dieses Zunftbuch also eingeschrieben ist und von etlichen Zunfft Brüdern unterschrieben und confer⸗ mieret worden. So geschehen Gießen am 4. August 1710.“ Darunter stehen die Na⸗ men Johann Caspar Schneider. Johann Peter Borberg. Nikolaus Höpfner. Jacob Sommer. Johann Verdrieß. Der junge Kempff sollte also, wenn er das Bäckerhand⸗ werk erlernen würde, die durch den Vater erworbenen Vorrechte der Kramerzunft nicht beibehalten.(Fortsetzung folgt.)
Uleine Mitteilungen.
Unsere in der vorigen Nummer enthaltene Notiz über unsere Kinderkirchen ist dahin zu berichtigen, daß am 18. Januar wegen Kohlenmangel in der Stadtkirche kein Gottesdienst stattfindet.
Was die in unserem einleitenden Artikel angegebene Zahl der gefallenen Gießener betrifft, so ist zu berücksichtigen, daß die Vermißten darin nicht einbegriffen sind, auch nicht die in der Gefangenschaft Verstor⸗ benen, so daß die angegebene Zahl sich leider noch erhöhen wird.
Kirchliche Anzeigen. Sonntag den 18. Jan., 2. Sonntag n. Epiph.
Gottesdienst. In der Stadtkirche fällt der Gottesdienst wegen Kohlenmangel aus.— Montag den
19. Januar, abends /8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Matthäusgemeinde.— Donnerstag den 22. Januar, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten weiblichen Jugend der Matthäusgemeinde.
In der Johanneskirche. Vorm. 9½% Uhr: Pfarrer Bechtolsheimer.— Vorm. 11 Uhr: Kinderkirche für die Lukasgemeinde: Pfarrer Bechtolsheimer.— Abends 5 Uhr: Pfarrer Ausfeld.— Montag den 19. Januar, abends 8 Uhr: Vereinigung der konfirmierten männlichen Jugend der Lukasgemeinde.
Verantwortlich: Pfarrer Bechtols heimer. Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts⸗Buch⸗ und Steindruckerel . R. Lange, Gießen.
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