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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 22

Gießen, I. Sonnt. n. Trinitatis, den 6. Juni 920

9. Jahrg.

Nachdruck verboten. Gottes Gärtnerinnen. Von Heinrich Schaefer.

Beim Verklingen der Glocken, noch ehe die Orgel begann, trat eine junge Mutter mit ihrem Kinde an der Hand ins Gottes⸗ haus. Sie fanden Platz in den ersten Reihen. Dann sah ein feierlich frohes Kindergesicht über die Bank hinweg in den geweihten

Raum. Orgelklang und Choralgesang schie⸗

nen ihm wunderbar und doch so natürlich und vertraut. Ein stolzes und freudiges

Gefühl in all den heilgen Dingen daheim

zu sein, leuchtete aus den jungen Augen. Aus der Tiefe des Kinderherzens schien sich etwas zu erschließen mit derselben wohl⸗ tuenden Gewalt wie eine Knospe sich in der warmen Frühlingssonne öffnet. Und wie ich mich darüber noch fragend besann, kam die Antwort, wie von fern her, aber deutlich und klar, aus dem Munde eines anderen Kindes im Tempel, zu Jerusalem: Muß ich nicht sein in dem, was meines Vaters ist? Es ist fürwahr das heilige Müssen der Knospen zur Frühlingszeit. Kinder sind Knospen im Gottesgarten, und die Mütter sind ihre Gärtnerinnen.

Wie ich beide so nebeneinander sah, Mutter und Kind, eins das Bild des andern, beide erfüllt von demselben Strom des Lebens, beide erhoben in denselben Geist der An⸗ betung vor Gott, Vorbild und Abbild in schöner Harmonie; da begann ich mir auszumalen, wie das Heilige zwischen ihnen wirksam sei daheim im Alltagsleben. Ich sah die Bilder deutlich vor mir: Sie sitzen zusammen in der Dämmerung und reden von den heiligen Geschichten in der ver⸗ trauten Art, wie nur Mutter und Kind davon reden können. Sie suchen tagsüber die großen und reinen Gedanken ihres himmlischen Freundes in die Tat umzu⸗ setzen. Offenbaren sich dunkle Triebe im piel, im Umgang mit den Geschwistern

und Freunden oder im Verhalten gegen Eltern und Erwachsene, so heißt es wohl:

groß, der Knospen sind viele, und die Gärt⸗ nerinnen stehen überall. Man kann von Herzen froh darüber werden, denn um ihret⸗ willen liegt eine Morgenröte der Hoffnung über unserm armen nächtlichen Land. Das jetzige Geschlecht steht unter dem bitteren Wort: Gewogen, gewogen und zu leicht befunden! Aber das Kommende hat noch keinen Teil an diesem Richterspruch, rein und unschuldig betritt es seine Bahn, un⸗ berührt vom Pesthauch dieser Zeit voll Fäul⸗ nis und Verdorbenheit erschließen sich in der Stille der Familie die jungen Knospen. Ihr Mütter, ihr stillen Hüterinnen aller Erdengüter, ihr Dienerinnen und Prieste⸗ rinnen des Höchsten, welch ein heiliges Werk, welch eine hohe Aufgabe ist in eure Hände gelegt! Ihr seid es ja, die die Kirchen füllen! Ihr seid es, die in Mutter⸗ freuden und leiden mit dem Schöpfer Hand in Hand arbeiten! Ihr seid es, die auch in Zeiten der Verworfenheit Glauben und Re⸗ ligion am treuesten und längsten bewahren! Ihr seid es, die unbeirrt den Kleinen die Händchen falten und mit frommer Freude das Stammeln des ersten Gebetleins aus dem Munde der Unmündigen vernehmen!

So suchet denn eure Ehre darin, mitten im Wechsel und Wandel aller Begriffe treu zu bleiben eurem uralten heiligen Beruf! Lasset euch nicht irre machen in eurem schönsten Amt! Soll aus der wüsten Wildnis unserer Gegenwart wieder einmal ein freundlicher Gottesgarten werden, so müßt ihr vor allem helfen und das Beste dazu tun. Denn ihr seid Gottes Gärtnerinnen und von jeher seine besten Helfer!

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 23. Gießener Familienleben in drei Generationen. (Fortsetzung.)

7. October.

Schon strahlte die Sonne mit neuem Glanz auf den schönen Bergen, als wir die

Das hätte der Herr Jesus anders gemacht, Straße nach Dürkheim einschlugen, der Weg

ich will es dir sagen wie. Und am Abend

führt über die Hardt, einer langen Reihe

sehe ich sie einmütig die Hände falten, dan⸗ ländlicher Gebäude, welche auf einer Anhöhe

kend und bittend.

So leben sie nach einem des Gebürges lagen, und einen herrlichen

großen und reinen Vorbild, stehen im Schein Anblick gewähren. Gegen 10 Uhr frühstückten

einer segnenden Sonne,

wachsen und blühen wir in Deidesheim, einem beträchtlichen Ort,

ihrer Bestimmung entgegen, auch die Mutter wo ein herrlicher Wein wächst, bey Herrn

um des Kindes willen immer reifend.

Dann gehen über Gedanken ins Weite.

lernend und Traub zum Schwanen, der ein alter Han⸗

delsfreund von Busch's Vater war. In Forst, diesen Bildern meine einem kleineren Ort, doch in Hinsicht seiner Der Gottesgarten ist Weine sehr geachtet, kamen wir gegen Mittag