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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Hr. 17
Gießen, Cantate, den 2. Mai 1920
9. Jahrg.
Leichtsinn.
1. Mose 25, 31—33. Jakob sprach: Verkaufe mir heute deine Erstgeburt. Esau ant⸗ wortete: Siehe, ich muß doch sterben; was soll mir denn die Erstgeburt? Jakob sprach: So schwöre mir heute. Und er schwur und verkaufte also Jakob seine Erstgeburt.
Wen kann man als einen ernsten Men⸗ schen bezeichnen? Nur den, der die Wirklich⸗ keit mit scharfem Auge erkennt und darnach sein Leben einrichtet. Esau war kein ernster Mensch, um eines Linsengerichtes willen verkaufte er seinem Bruder sein Erstgeburts⸗ recht! Er hatte kein Auge dafür, daß er in einer Anwandlung des Augenblicks ein großes Gut aus den Händen gab, ein Gut, das ihm später hätte sehr dienlich sein können. An ihm finden wir die typischen Merkmale des Leichtfinns: Unbesonnenheit, Augenblicksstimmung, Mangel an richtiger Einschätzung der Wirk ichleit und an Selbst⸗ beherrschung. Zum Leichtsinn gehört auch eine übel angebrachte Gutmütigkeit. Mit Recht sagt der Volksmund: Gutmütigkeit ist ein Teil der Lieder ichkeit.
Man findet den Leichtsinn besonders bei jungen Menschen. Sie denken nicht an die Zukunft, versäumen ihre Berufsausbildung, streuen Geld, wenn sie es haben, mit vollen Händen aus. Ein Zug des Leichtsinns geht jetzt durch unser Volk. Wie ernst unsere finanzielle und wirtschaltliche Lage ist, er⸗ fassen die wenigsten. Man ist damit zu⸗ frieden, daß die Notenpresse arbeitet, und macht Projekte, als ob wir unerschöpfliche Goldreserven hätten. Nur rücksichtsloser Ernst und schar e Erfas ung der Wirklichkeit kann uns vor dem gänzlichen Zusammen⸗ bruche retten.
Am verhängnisvollsten ist der Leichtsinn auf religiösem Gebiete. Die m isten Men⸗ schen machen sich nicht klar, daß das Gericht Gottes in der Zukunft auf sie wartet, daß das Freudenleben der Erde, das für un er Volk längst lein Freudenleben mehr ist, ein⸗ mal ein Ende nimmt. Ein ernster Mensch ist der, der in Gott die Krast sucht, um über das Leid der Welt und ihre Ver änglichkceit Herr zu werden, der sich von Jesus auf den Weg des ewigen Lebens leiten läßt und täglich an das Wort denkt:
Schickt das Herze da hinein,
Wo ihr ewig wünscht zu sein. H. B.
——
Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 23. Gießener Familienleben in drei Generationen.
(Fortsetzung.)
In Erstaunen setzt uns hier, daß das Be⸗ gräbnis schon frühmorgens um 5 Uhr statt⸗ fand. Aber noch im 19. Jahrhundert be⸗ stand lange Zeit die Sitte, die Toten in früher Morgenstunde, um 6, 7 oder 8 Uhr, zu bestatten, während man jetzt hierzu fast durchweg Nachmittagsstunden wählt. Im übrigen ist diese Rechnung sehr interessant, allerdings für die Menschen der Gegenwart nicht ohne weiteres klar und verständ ich. Der Verfasser hat es deshalb mit lebhaftem Danke begrüßt, daß Herr Ratsdiener i. R. Karl Moll ihm hierüber bereitwillig Aus⸗ kunft gegeben hat. Herr Moll weiß über die Zustände in Alt⸗Gießen trefflich Bescheid; denn er ist mit dem Leben unserer Stadt innig verwachsen. Sicher ist er, der am 29. Juni das 81. Lebensjahr vollenden wird, jetzt der Senior unter den Beamten der Stadt Gießen. Seit 1862 steht er im Dienste der Stadt und ist auch jetzt, obwohl er pen⸗ sioniert ist, noch für unser Gemeinwesen tätig. Aber auch von seinen Vorfahren her — Großvater und Vater waren beide Rats⸗ diener, jener seit 1802, dieser seit 1832— steht er mit der Stadt in inniger Verbin⸗ dulkg. Auf seinen Angaben vorzugsweise fußen die nachfolgenden Erläuterungen zu Johann Melchior Pistors Aufstellung der Kosten, die bei dem Begräbnisse seines Schwiegervaters entstanden waren.
Hiernach bekam der Pfarrer für eine Be⸗ erdigung einen Gulden, der Opfermann oder Kirchendiener 30 kr. Auch der Magister oder Stadtschullehrer bekam 30 kr. Ob im Jahre 1793 noch Schulkinder unter der Führung eines Lehrers bei den Begräbnissen gesungen haben, kann zunächst nicht sest⸗ gestellt werden; Tatsache aber ist, daß die Lehrer an der Stadtschule noch in den 1860er Jahren für ihr Mitgehen im Leichen⸗ zuge eine Gebühr bekamen. Der Leichen⸗ wagen befand sich noch in der ersten Zeit des 19. Jahrhunderts in einem Raume, der zum Universitätsgarten(jetzt Botanischer Garten) gehörte, und der Universitäts⸗ gärtner hatte ihn instand zu halten und für jedes Begräbnis in Ordnung zu bringen. Der erwähnte Raum war der vormalige landgräfliche Marstall, der quer über der
heutigen Landgrafenstraße stand. Der sonderbare Ausdruck„vor die 2 paar⸗


