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gezeigt! Nationales Fühlen wurde oft als „nationalistisch“ gebrandmarkt und im Tau⸗ mel weltbürgerlichen Verbrüderungsrausches dem verwerflichen und dem deutschen Emp⸗ finden durchaus fremden Chauvinismus gleichgesetzt. Für solche gibt es kein non pos- sumus: sie können alles, nachdem einmal alles Vaterländische und damit auch die Ehre über den Haufen geworfen worden ist. Keine Ehrfurcht gebietet Halt vor sinnlosem Ein⸗ reißen und Zerstören, und die, die vorgeben, Neues aufzubauen, sehen sich schließlich statt auf einer Baustelle auf einem Trümmerhau⸗ fen, unfähig, die zerstörte Ordnung wieder⸗
herzustellen, und verrannt in eine Sackgasse. Wie lange es aber dauern mag, bis sich dieser Weg endgültig als ungangbar und ziellos erwiesen hat, ist nicht abzusehen. Die Erfah⸗ rung ist eine gute Lehrerin, eine geduldige, aber auch eine unerbittliche.
Der gärenden und flutenden Bewegung gegenüber müssen feste Pfeiler das beharrende Element darstellen, soll nicht alles in den chaotischen Wirbel hinabgerissen werden. Diese Aufgabe fällt dem Bürgertum zu, das
zu Beginn der Bewegung, zermürbt durch die Entbehrungen und Nervenerschütterungen
vier langer Kriegsjahre, nicht die Kraft ge⸗ funden hat, ihr Einhalt zu gebieten, wenig⸗
muß neue Kraft suchen. Wie in der grie⸗ chischen Sage Antäos durch die Berührung
mit seiner Mutter Gäa(Erde) neue Kraft
erhielt, so muß auch das Bürgertum aus dem
engen Zusammenhang mit der heimatlichen Erde, mit der Heimgt, neue Lebenskraft schöpfen. Das Bindeglied zwischen dem Ein⸗ zelnen und der Heimat bildet die Familie.
Die Pflege des Familiensinns, die Beschäf⸗ tigung mit der Familiengeschichte ist ein
wirksames Mittel, um dem völligen Zerfall unserer bürgerlichen Gesellschaft entgegenzu⸗ arbeiten und ihm Einhalt zu tun. Daher verdienen die Bestrebungen, wie sie in den Geschlechterbüchern zu Tage treten, die weit⸗ gehendste Förderung. Sie sind von der größ⸗ ten praktischen Bedeutung und können sie immer noch in erhöhtem Maße erhalten. Zur Weckung und Hebung des Familien⸗ sinns in weitesten Kreisen ist ein jüngst als 26. und 27. Band der„Bücher der Rose“ erschienenes Werk berufen:„Wolfs, Ge⸗ schichten um ein Bürgerhaus“ ist es betitelt. Wilhelm Langewiesche, der Ver⸗ leger, ist zugleich der Verfasser. Im Herbst 1916 begonnen, im Frühjahr 1918 vollendet und im Sommer desselben Jahres konnte es infolge der Papiernot erst im Herbst 1919 auf Kriegspapier gedruckt— erscheinen. Dieses zweibändige Werk ist nicht
stens so lange, als der äußere Friede noch nicht wiederhergestellt war. Das Bürgertum
N f h 190 Wie verhängnisvoll Geschichtslosigkeit in Staat und Gesellschaft werden können, hat das seir der Novemberrevolution verflossene Jahr, wohl das traurigste und schmachvollste in der ganzen deutschen Geschichte, deutlich
das erste, das sein Verfasser in der genannten Sammlung veröffentlicht hat. Bereits in Jahre 1916 ist er mit dem prächtigen Buche „Jugend und Heimat, Erinnerungen einz Fünfzigjährigen“ hervorgetreten, ohne seinen Namen zu nennen, der jedoch aus dem Ganzen zu erraten war. In den neuen Werk hat er sich nun offen als Ver⸗ fasser des früheren bekannt. Bei dem ersten Werke schwebte ihm die Hoffnung vor,„daß der eine oder andre Leser durch dieses Buch angeregt werde, selber nach eigener Art auf⸗ zuschreiben, was er im alten Deutschland ge⸗ sehen und erlebt hat, in dem Deutschland. das jetzt, da das neue geboren wird, zu ver⸗
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sinken beginnt und doch nicht vergessen wer
den soll“. Welcher Art das neue Deutschlam und wie unglücklich es sein werde, das konnt er nicht ahnen. Ob bei dieser Entwicklung der Dinge seine Anregung von vielen befolgt wurde und noch wird, ist zweifelhaft, wem auch jedenfalls zu wünschen ist, daß es fleißig geschehe. Jedenfalls hat er gezeigt, wie jede Leben genug des Mitteilenswerten umfaßt, auch wenn es keine Ereignisse von welt erschütternder Bedeutung in sich birgt, vor⸗ ausgesetzt nur, daß der Mitteilende zu er⸗ zählen versteht. Solche Erzählungen wären geeignet, eine Familienüberlieferung zu be⸗ gründen, die sich zu einem Baum auswachsen würde,„der über ganze kommende Geschlech⸗ ter seinen schützenden Schatten breitete“ Dann würde auch nicht mehr die Familteen⸗ chronik fehlen, die nach Rie hl„in jeden Bürgerhause, in welchem man lesen und schreiben kann, angelegt werden sollte“, Wird in„Jugend und Heimat“ auf Grund der Erinnerungen des sich nicht nennenden Verfassers die Erinnerungswelt eines in Jahre 1866(in Rheydt) geborenen Westfalen dargestellt, so in„Wolfs“ die ganze Gedan⸗ kenwelt, die Geschicke und Erlebnisse einer industriellen Bürgerfamilie aus derselben Gegend während zweier Menschenalter, von Jahre 1800 bis zur Mitte der 50er Jahre, In buntem Wechsel ziehen Personen, An⸗ schauungen, Erfindungen, Kämpfe vor dem Auge des Lesers vorüber. Die im ersten Bande erzählten Ereignisse spielen sich in Schatten der gewaltigen Persönlichkeit Na⸗ poleons ab, die im zweiten vor Bismarck Aufgang. Auf diese Weise wird das Wer im besten Sinn ein anregendes und unter⸗ haltendes Geschichts⸗ und Geschichtenbuch. Gz ist gewissermaßen eine Fortsetzung von„Ju⸗ gend und Heimat“, das mit dem Läuten der deutschen Siegesglocken im Jahre 1871 be⸗ ginnt, in rückwärtiger Richtung. Das zusam⸗ menfassende Band all der bunten Bilder i die Geschichte der Familie Wolf. Geschlechter kommen und gehen. Oft wirft
1 eine im Aussterben begriffene Generation auf gesetzt, das zarte Gemüt einer heranwachsenden, von
der sie ein Abstand von zwei Menschenaltern
und länger trennt. In der Erinnerung an die längst entschwundene Jugend lebend, läßt sie
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