Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 15. Eine Gießener Scharfrichters⸗ familie.
Scharfrichter in dem Sinne, daß diese Männer nur ihr trauriges Gewerbe be⸗ trieben, also nichts taten, als daß sie Ver⸗ brecher vom Leben zum Tode brachten, gibt es heute nicht mehr. Die Leute, welche in Aus⸗ übung der Rechtspflege Hinrichtungen voll⸗ ziehen, tun das nur im Nebenamte. So war der in den letzten Jahrzehnten oft genannte Scharfrichter Reindel irgendwo in der Pro⸗ vinz Sachsen Landwirt. In alten Tagen gab es jedoch Berufsscharfrichter, vielfach auch„Nachrichter“ genannt. Das mag da⸗ mit zusammengehangen haben, daß früher viel mehr Hinrichtungen vollzogen wur⸗ den als in der neueren Zeit, aber auch damit, daß der Scharfrichter zugleich auch Wasenmeister war, der das zu Grunde ge⸗ gangene Vieh enthäutete und auf dem Schindanger begrub. Statt„Wasenmeister“ sagte man vielfach und sagt man auch heute moch„Schinder“. Der berüchtigte Räuber Johannes Bückler(177841803), den die französische Regierung in Mainz hinrichten ließ, wurde bekanntlich„der Schinder⸗ hannes“ genannt, er hatte seinen Namen daher, daß er als Knabe Lehrling bei einem Wasenmeister war. Dieser Lehrstelle entlief er aber bald und begab sich an das Räubern.
In alten Tagen hat auch die Stadt Gießen einen Berufsscharfrichter gehabt, und zwar scheint dieses Amt öfters längere Zeit hindurch bei derselben Familie geblieben zu sein und vom Vater auf den Sohn ver⸗ erbt zu haben. Mehrfach taucht im 18. und im 19. Jahrhundert in unseren Kirchen⸗ büchern die Scharfrichtersfamilie Nord, auch North geschrieben, auf. Am Januar 1765 wurde nach unserm Sterbeprotokoll zu Grabe gebracht„Johann Jacob Nord, Scharfrichter Adjunct allhier, alt 31 Jahre 9 Monat“. Das Kirchenbuch verzeichnet weiter:„Er wurde von Fuhrleuten ge⸗ tragen und aus allen Zünften gingen nebst den Peinl. Gericht Herren Beamten Bür⸗ gern und etliche Schöffen und Mitglieder des 16er Raths etliche mit zur Leichen.“ Es war dies somit ein Begräbnis mit hohen Ehren. Bekanntlich galten die Scharfrichter früher als„unehrlich“, man mied ihren Umgang, der Aberglaube meinte, daß sie im Besitze geheimnisvoll, übernatürlich wirkender Mit⸗ tel seien. So viel ich weiß, hatten sie in der Kirche ihren gesonderten Sitz. In einem alten Gießener Kommunikantenregister, das ich augenblicklich nicht finden kann, glaube ich gelesen zu haben, daß der Scharfrichter Nord auch gesondert von den anderen Christen zum heiligen Abendmahl ging. Offenbar wollte man durch die Anteilnahme angesehener Bürger und Beamten an dem Leichenbegängnis dartun, daß der Verstor⸗ bene ein„ehrlicher“ Mann gewesen sei. Im
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Jahre 1771 starb ein außerehelich geborenes Kind der Witwe des Genannten, sie wird in dem Kirchenbuche bezeichnet als„Maria
Elisabethe Nordtin, weiland Johann Jacob Nordts gewesenen Scharfrichters allhier hinterlassene Wittib.“ Es fällt auf, daß hier
Nord als Scharfrichter, in dem schon mit⸗ geteilten Sterbeprotokoll aber als Scharf⸗ richter⸗Adjunkt bezeichnet wird. Diese letztere Bezeichnung läßt vermuten, daß es damals
in Gießen zwei Männer gab, die Hinrich⸗ tungen vollzogen.
Johann Jacob Nord muß im Jahre 1733 geboren sein, sein Taufeintrag findet sich in unserem Taufbuche nicht, mithin war dieser Mann auswärts geboren und ist hier ein⸗ gewandert. Als Vater des erwähnten Kin⸗ des der Wittib Nord wird Peter Nord aus Bobenhausen genannt. Somit ist anzuneh⸗ men, daß die Familie aus Bobenhausen stammte. Ein Eintrag, den wir in einem Sterbeprotokolle des Jahres 1778 finden, bestätigt diese Vermutung. Am 8. Februar 1778 wurde nämlich beerdigt„Anna Bar⸗ bara Nordin, weiland Jacob Nords, ge⸗
wesenen Wasenmeisters allhier hinterlassene
Wittib, gebürtig aus Bobenhausen im Hanauischen, ihres Alters 86 Jahr, wurde in der Stille beerdigt“. Nach diesen Notizen stammte die Familie Nord aus dem jetzt hessischen Dorfe Bobenhausen J(so genannt im Unterschiede von dem im Kreise Schot⸗
ten liegenden Dorfe Bobenhausen II). Bo⸗
benhausen J gehörte zu dem hanau⸗münzen⸗ bergischen Amte Rodheim und kam mit, anderen hanau⸗münzenbergischen Gebiets⸗ teilen 1810 an das Großherzogtum Hessen. Offenbar war diese in so hohem Alter ver⸗ storbene Frau die Mutter des 1765 ver⸗ storbenen Jacob Nord; ihr Ehemann Jacob
Nord war, wie der mitgeteilte Eintrag dar⸗
tut, hier Wasenmeister. Ob er auch Scharf⸗
richter war, läßt sich nicht mit Sicherheit
sagen. Vermutlich hat er auch Hinrichtungen vollzogen, und so könnte der oben erwähnte Widerspruch dadurch aufgeklärt werden, daß sein Sohn sein Adjunkt war. Jedenfalls ist
dieser Jacob Nord der ältere nicht in Gießen
gestorben.
Die„Wittib“ Nord verheiratete sich am N 0 23. September 1772 zum zweitenmal. In Kopulationsbuche wird diese Eheschließung
mit den Worten vermerkt:„Andreas Ster⸗ ner, Wasenknecht allhier, weiland Hans
Georg Sterners, Scharfrichters zu Uffen⸗
heim im Anspachischen, ehelicher Sohn, und Marie Elisabethe weiland Johann Jacob Nordt, gewesenen Scharfrichters allhier hin⸗ terlassene Wittib, geborene Mayerin.“ Hier⸗
aus geht hervor, daß, was wir nachher noch
bestätigt finden, die Scharfrichters⸗ und Wasenmeistersfamilien einen festgeschlossenen Kreis bildeten. Die Töchter heirateten Män⸗ ner, die den Beruf des Vaters ausübten, und die Söhne ergriffen gleichfalls diesen Beruf.
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