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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 30 Gießen, I5. Sonnt. n. Trinitatis, den 28. Septbr. 1919 8. Jahrgang

Derdeutsche Gott.

Brief des Apostels Paulus an die Römer 3, 29. Oder ist Gott allein der Juden Gott? Ist er nicht auch der Heiden Gott? Ja freilich, auch der Heiden Gott.

Als Paulus seine Missionsarbeit begann, da hatte er schwere Widerstände zu über⸗ winden. Er wandte sich mit seiner Predigt hauptsächlich an die Heiden. Das war den Christen, die aus dem Judentum hervor⸗ gegangen waren, zunächst widersinnig und anstößig. Viele von ihnen waren der Mei⸗ nung, daß nur das Volk Israel zum wahren Heile berufen sei und daß Gott nur der Juden Gott sei. Es war eine weltgeschicht⸗ liche Tat, als Paulus diese Anschauung überwand und in zwei Erdteilen mannhaft die Ueberzeugung vertrat, daß nach Gottes Willen auch die Heiden am Reiche Gottes Anteil nehmen sollten. Im Briefe an die Römer hat er diesen seinen Standpunkt scharf und klar, in kurzer, eindrucksvoller Form in die Worte gefaßt: Oder ist Gott allein der Juden Gott? Ist er nicht auch der Heiden Gott? Ja freilich, auch der Heiden Gott.

Man hört jetzt mitunter von einemdeut⸗ schen Gotte reden. Soweit diese Reden auf wirklichen Gedanken und nicht auf phantasti⸗ schem Ueberschwang beruhen, scheint dar⸗ unter verstanden zu sein, daß die Religion der Deutschen in der Gegenwart lediglich germanische Art an sich tragen solle. Man kann es nun als einen groben Irrwahn be⸗ zeichnen, wenn man sogenanntejüdische Elemente aus dem Glaubensleben der Deut⸗ schen entfernen will. Das jüdische Volk in alter Zeit ist und bleibt das Volk Gottes, aus ihm sollte nach Gottes Ratschluß der Messias hervorgehen. Ragen andere Völker des Altertums hervor durch ihre Staats⸗ kunst, ihre Kriegführung, durch Dichtung, bildende Kunst oder Handel, so ist das jüdische Volk hervorragend durch sein Glau⸗ bensleben. Jüdische Elemente aus unserem Glauben auszuschalten, das hieße, die herr⸗ lichen Psalmen, die kraftvollen Bücher der Propheten und die gedankenreiche Spruch⸗ weisheit des Alten Testamentes für minder⸗ wertig erklären. Diese Bücher werden der Menschheit vermutlich länger erhalten blei⸗ ben als das Nibelungenlied und andere deutsche Heldengedichte. Ein wahrlich deutsch⸗ gesinnter Mann, der Hallenser Professor Heinrich Leo, hat einst von den Psalmen gesagt:Das Herrlichste, was die deutsche,

gerade im geistlichen Lied so gesegnete Dicht⸗ kunst hat, ist doch nur ein schwaches Nach⸗ bild, und Lieder wie der 73., der 103., der 139. Psalm und so viele andere werden die Herzen erheben und die Menschen zu Gott führen, wenn längst die schönsten Dich⸗ tungen Griechenlands dem Strome der Ver⸗ gessenheit anheimgegeben sein werden. Denn diese werden gelesen und ihr Verständnis wird gepflegt nur in glücklichen Zeiten; jene aber sind in unwandelbarer Schönheit dem edleren Menschen nahe und wert in allen Zeiten und in Unglück, Trübsal und umgebender Barbarei am wertesten. Ohne das Alte Testament wäre uns das Neue Testament ganz unerklärlich. Weissagung und Erfüllung, alter und neuer Bund, Gesetz und Evangelium gehören so haben wir schon in früher Jugend gelernt zu⸗ einander wie die Blüte und die Frucht.

Die, die von einerdeutschen Religion, von einemdeutschen Gotte sprechen, wollen gern die altgermanische Götterlehre wieder aufleben lassen. Zweifellos ist diese Götterlehre voll von Poesie, voll von kraft⸗ voller Eigenart, ihre Wurzeln gehen tief zurück bis in den Anfang der Menschheits⸗ geschichte, aber sie offenbart uns doch nur eine natürliche Religion. Die Erde und ihre Kräfte werden uns hier in wunder⸗ baren Bildern dargestellt. Nicht jedoch ist diese Götterlehre geeignet, dem schuldbewuß⸗ ten Gewissen die Vergebung der Sünden zu geben den vom Leid gebeugten Menschen mit Trost zu erfüllen und ihn selig zu machen. Das vermag nur die Verkündigung von Christus, der die Menschen mit Gott versöhnt und ihnen die vollkommene Ver⸗ gebung gebracht hat. Auch gibt dem Wollen und Tun des Menschen die altgermanische Mythologie wenig Antriebe. Auch hier ge⸗ nügt nur die christliche Religion den inner⸗ sten Bedürfnissen.

Wir brauchen aber auch schon deshalb uns nicht nach einer deutschen Religion zu sehnen, weil das Christentum tief in das Leben der Deutschen eingedrungen und mit deutschem Wesen unabtrennbar verbunden ist. War je ein Mann ein so kernhaft deut⸗ scher Mann wie Martin Luther, der doch das Christentum in ganz eigenartiger Weise erfaßt hat? Darum wollen wir nicht von einemdeutschen Gott reden. Man kann ein Wort des großen Heidengapostels er⸗ weitern, indem man sagt: Es ist hier kein Unterschied unter Juden, Griechen(und Deutschen), er ist aller zumal ein 8 58

über alle, die ihn anrufen. 5

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