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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 30 Gießen, 6. Sonnt. n. Trinitatis, den 27. Juli 1919 8. Jahrgang

Das Ende der Hungersnot.

Psalm 33, 18 u. 19. Siehe, des Herrn Auge sieht auf die, so ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen, daß er ihre Seele errette vom Tode und er⸗ nähre sie in der Teuerung.

Hungersnot und Teuerung waren uns früher etwas Fernes und Fremdes, das wir nur aus Büchern kannten. In der heiligen Schrift lasen wir von der Hungersnot zur Zeit des Propheten Elia, in Missionsschrif⸗ ten von der Not, die zeitweise unter den Heiden in Indien und China herrschte. Der englische Schriftsteller Kipling hat in einer kleinen Erzählung eine erschütternde Schil⸗ derung von der Hungersnot in Indien ent⸗ worfen. Daß der Hunger mitunter in alten Zeiten auch schon durch das deutsche Land gegangen ist, erfuhren wir aus Vorträgen und geschichtlichen Darstellungen. Daß aber wir selbst mit dieser Geißel der Menschheit Bekanntschaft machen sollten, daß unser gan⸗ zes Volk in entsetzlicher Weise leiden und darben sollte, daß sie zu Hunderttausenden unter uns einhergehen sollten, die aussehen wiedie teuere Zeit, das lag nie im Be⸗ reich unserer Erwägungen und Mutmaßun⸗ gen. Aber das Weltgeschehen geht Wege, die kein Mensch voraussehen kann. Fünf Jahre lang lag der Druck der Blockade auf uns, und die Abschnürung vom Welthandel hat zahllose Opfer unter uns gefordert.

Nun kommt wieder eine bessere Zeit. Wenn nicht alle Anzeichen trügen, so werden in den nächsten Wochen Lebensmittel in großer Fülle über unsere Grenzen kommen, und die Not wird ein Ende haben. Obwohl unsere Voltsgenossen wahrlich nicht immer

Gott gefürchtet und auf seine Güte gehofft haben, so geht doch jetzt an ihnen das Pfalm⸗ wort in Erfüllung: Siehe, des Herrn Auge siehet auf die, so ihn fürchten, die auf seine Güte hoffen, daß er ihre Seele errette vom Tode und ernähre sie in der Teuerung. Waren wir vorher, als die Not uns drückte und noch früher, als wir sie noch nicht kann⸗ ten, gottvergessen, so wollen wir doch jetzt nicht das Danken vergessen und zu dem auf⸗ schauen, der auch in den schwersten Tagen der Demütigung mit uns war. H. B.

Johann henrich Schaffstädts Gießener Chronik 1770 1825. (Schluß.)

1821.

In dem Jenner ist der Junge Advogat Sonnheim(Sundheim) Stadtsindigus (Stadtsyndikus) worden vor den Krug. Auch hat sich Professor Schaumann in Frankfurt erhengt.

D. 20ten Feber ist eine Magd so bey H. Gerhard Schäfer gedient in Stockhaus gebracht worden welche ihr Neugebohrnes Kind in den Winkel geworfen. Acht Tägen zuvor ist zu großen Linden nicht weit von der Herrn Mühl Ein Korbmacher von Meinßlar von einem Bauer von Bäuern (Beuern! Tod geschlagen worden.

Im Anfang dieses Jahres ist der Wag⸗ ner u. Flett als unter pirtellen(Unterpe⸗ dellen) von der Unyfersidet angenommen worden.

D. Aten Merz abends haben mehrere un⸗ ter Offezier vom LeibRegiment die Sebel gezogen gegen die Studenten auch einen ge⸗ hauen auf den Tod. Die Sache ist unter sucht worden da sind sie d. 14ten May von Gießen weg nach Worms in garnison kom⸗ men. Dieser Streit war sehr verhängnis⸗ voll; denn er hatte zur Folge, daß Gießen erst wieder im Jahre 1868 Garnison be⸗ kam. Offenbar fürchtete man lange Zeit Schlägereien zwischen Soldaten und Stu⸗ denten.

D. 25ten April hat man einen Mann gefunden in der Wissig bei der Schleuß am waldsteg er wahr von Wetzlar.

D. 27ten April hat sich der alte Polizey diener Rehberger den Hals abgeschnidten.

D. 2ten July ist der StadtVorsteher Schuhmacher Courad Dietz als Vorsteher ab⸗ kommen ist der Kaufmann Dietz da vor an⸗ kommen wegen nicht guten Betragen. Der, der sich nicht gut betragen hat, war jeden⸗ falls Konrad Dietz.Denselbigen Nachmittag hat sich der Steindecker Wilhelm Pimber von des Garzrischen Hauß zu Tod gefallen. Wilhelm Pimber starb mit 47 Jahren, vil⸗

leicht bedeutet Garzrisches HausGatzert⸗

sches Haus. S. die sich hier anschließende Notiz über den Ziehbrunnen in der Neustadt. Um die Zeit, als man Kartoffel gesetz hat

wahren sie so wohlfeil, daß mann die meist⸗

vor 3 auch 4 Kr. kauft hat, und das Malter weizen hat mann kauft zu 7fl., das Korn zu 2 fl. 40 Kr., die Gerste zu 2 fl., die Butter zu 10 Kr.

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