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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 28
Gießen, 4. Sonnt. n. Trinitatis, den J3. Juli 1919
8. Jahrgang
Der Sommer.
1. Mose 8, 22. So lange die Erde steht, soll nicht aufhören Same und Ernte, Frost und Hitze, Som⸗ mer und Winter, Tag und Nacht.
Wenn man den Dichter Paul Gerhardt kennen lernen will, so braucht man nur sein berühmtes Sommerlied zu lesen, das in un⸗ serem Gesangbuch die Nummer 362 trägt. Wunderbar ist hier dem Dichter die Natur⸗ schilderung gelungen. Die belaubten Bäume, die Blümlein auf dem Wiesenplan, die schönen Gärten, das Weizenfeld, der Wein⸗ stock haben einst dieses Mannes Auge entzückt und sein Herz erfreut, wenn er in der armen Zeit nach dem Dreißigjährigen Kriege aus dem Stadttore heraus in Gottes Natur trat. Wie der große englische Prediger Spurgeon, so hatte auch Gerhardt seine Freude an der Tierwelt. Die Lerche, das Täubchen, die hoch⸗ begabte Nachtigall, die Glucke mit ihrem Völklein, der schnelle Hirsch, das leichte Reh, die unverdrossene Bienenschar werden hier liebevoll geschildert. Ueber dem ganzen Liede liegt der Glanz und die eigentümliche Schön⸗ heit des deutschen Sommers. Aber die Natur ist dem Dichter nur ein Gleichnis, nur ein Sinnbild für das Freudenleben der ewigen Welt. Hauptsächlich kommt es ihm in seinem Sommerliede darauf an, den Himmel, das Vaterland der Frommen, zu schildern. Er nennt den Himmel das„güldene Schloß“, er bezeichnet ihn als„Christi Garten“, und durch alle Freude, die die Schönheit der Erde in ihm erregt, geht die Sehnsucht hindurch: Laßt mich gehen, laßt mich gehen, daß ich Jesum möge sehen!
„Nun hat der Sommer auch wieder zu uns seinen Weg gefunden. Erquickender Regen
wechselt mit mildem Sonnenlichte, und wie⸗
der wächst der Weizen mit Gewalt. Im Winde wogt das grüne Getreide auf und ab, und reift dem Erntetage entgegen. An den Obstbäumen haben sich schon die Früchte ge⸗ bildet, und die Gartensträucher sind dicht mit jeeren behangen. Dunkelgrün ist der Wald, die Wiesen sind zum erstenmal gemäht, und die Rosen entblättern sich in diesen Tagen. Eine alte Gottesverheißung redet in diesen Tagen wieder zu uns. Nach der Sintflut, als die Wasser vom Himmel und die Wasser aus der Tiefe alles Leben vernichtet hatten, letzte Gott zum Zeichen des Friedens seinen Regenbogen in die Wolken und sprach: So lange die Erde steht, soll nicht aufhören Same und Ernte, Frost und Hitze, Sommer
und Winter, Tag und Nacht. Gott ist un⸗ wandelbar, wenn auch unter den Menschen vieles sich wandelt, wenn auch auf Erden die Dynastien wechseln und die Staaten um⸗ gruppiert werden und die politische Macht anders verteilt wird. Die sich immer wieder erneuernde Natur, das Sprossen des Früh⸗ lings, der prangende Sommer, der früchte⸗ reiche Herbst, die winterliche Stille sind hier⸗ für das Sinnbild.
Als Gerhardt sein Lied dichtete, war es um Deutschland genau so bestellt wie jetzt. Wert⸗ volle Gebietsteile im Westen und im Nor⸗ den waren vom Reiche abgetrennt, fremde Truppen lagen auf deutschem Boden, unge⸗ heuer verarmt war unser Volk. Ja, es ging unserem Volke damals noch viel schlechter als jetzt. Viele Städte und Dörfer lagen in Schutt und Asche, der Bauer war ohne Zug⸗ tiere, sein Acker war unbebaut und verwil⸗ dert, wilde Horden streiften, raubend und
mordend, durch das Land, ein geängstigtes,
verstörtes Geschlecht wuchs heran. Dennoch sang Paul Gerhardt keine Klagelieder, den⸗ noh war in ihm die Freude an Gott und seinen Gnadengaben nicht ertötet. Seine Glaubenszuversicht, sein Gottvertrauen, seine Ueberzeugung, daß dieses Erdenleben nur den Durchgang zu einem weit besseren und schö⸗
neren Leben bilde, trugen ihn durch die Nöte der Zeit hindurch. An seiner Glaubenskraft
wollen wir uns in diesen Tagen aufrichten, damit wir in Treue und Gehorsam die schwe⸗ ren Wege gehen, die uns unser Gott ver⸗ ordnet hat. H. B.
Lux lucet in tenebris. (Ein Licht leuchtet im Finstern.)
Endlos breitet sich die Nacht über dem deutschen Volke. Es ist, als hätten alle guten Geister es verlassen. Das Verhalten weiter Kreise unserer Volksgenossen mahnt an Schillers prophetische Warnung vor dem Ewigblinden. Ja, wahrhaftig, wir erleben jetzt täglich die Wahrheit des Wortes:„Der Gute räumt den Platz dem Bösen, und alle Laster walten frei.“ Sind— so fragen wir — die Guten, die Christlichgesinnten wirklich ausgestorben oder wankend geworden mit ihren Idealen? Gottlob, daß wir diese Frage nicht zu bejahen brauchen! Viele unserer deutschen Brüder und Schwestern sehen mit Mißfallen auf das lärmende, ruchlose und leichtfertige Treiben der Gasse im ernstesten Moment der deutschen Geschichte und auf den Tanz um das goldene Kalb. Es sind dies die Stillen im Lande, deren Blick jetzt mehr denn
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