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allgemein verbreitet waren. Da gab es einen Kitzehipper, Hechtmaul, eisernen Hosemann, Wienerkrailing, Hößekrailing, Donnerhagel, Nasenpimper, Rauhbart, Nexer, Dissilam⸗ pus, Scheuerlampus, lateinisch Bombel, Traubelvogt, Sutor, Orpheus, Tipposahib, Schimmche, Adlich usw. Viele Originale waren darunter, für die unsere heutige Zeit keinen Platz mehr hat. Eine Presse nach heu⸗ tigen Begriffen hatten wir nicht. Unser Wochenblättchen, in viel kleinerem Format als heute, erschien Mittwoch und Samstags. Politik war keine oder nur wenig darin zu finden. Inserate und die Listen der ange⸗ kommenen Fremden in den Gast⸗ und Pri⸗ vathäusern, die kirchlichen Nachrichten und hier und da einmal eine lokale Notiz war der Inhalt. Das politische Bedürfnis wurde durch das Frankfurter Journal und dem in Butzbach erscheinenden„Wetterauerboten“ gedeckt. Es war ganz üblich, daß 3 auch 4 Familien gemeinschaftlich eines dieser Blätter hielten. Die allgemeinen Erwerbs⸗ verhältnisse waren recht mißlich, und so kam es, daß viele junge Bürgersöhne nach Ame⸗ rika auswanderten, sicher die Hälfte meiner damaligen Schulkameraden.
Dies alles hinderte nun nicht, daß unsere Väter und Großväter für Vergnügungen und Feste gerade so zu haben waren, wie unsere heutige Generation. Ich erinnere mich noch der schönen landwirtschaftlichen Feste, die mit einer Tierschau verbunden waren und alle 3 Jahre gefeiert wurden. Da war ein Gabentempel auf dem Oswaldsgarten aufge⸗ baut, Kletterbäume mit Geschenken für Jung und Alt. Auf den Wiesen an der Lahn, wo jetzt die Badeanstalten sind, gab es ein Vogelschießen, auf der Lahn ein Schiffer⸗ stechen. Auch fehlten bei derartigen Ver⸗ gnügungen Ballonfahrten nicht, mit und ohne Insassen. Die Jahrmärkte waren weit⸗ hin berühmt. Es kamen die Händler und Käufer von weither, und man konnte fak⸗ tisch alles kaufen. Die Neustadt und andere Straßen faßten das Menschengewühl kaum Ueberall in der Stadt zogen Musikbanden, Orgelleute, Leute mit Polizinellekasten und anderes fahrendes Volk. An dem Viadukt in der Neustadt hatten die Bilder mit den Moritaten ihren Platz Alle Wirtshäuser waren überfüllt. Im Einhorn und Kaffee Ebel tagten die reichen Bauern beim Wein. Im Promenadenhaus war Ball, welcher un⸗ ter dem schönen Namen, der„Bärenhetze“ be⸗ rühmt und berüchtigt war. Kurzum, es war gar zu schön.
Das Vereinsleben blühte auch damals schon in unserer Stadt. Es gab einige Ge⸗ sangvereine und außer dem Gesellschafts⸗ verein noch einige bürgerliche Gesellschaften, die nur dem Tanzvergnügen huldigten. Jeden Winter kam eine Theatertruppe. Aus mei⸗ ner Kindheit kann ich mich der Namen Friese
der von
Brand. Auch das Liebhabertheater wurde von einigen Gesellschaften gepflegt. Das musikalische Leben beschränkte sich auf den Konzertverein, dessen Leistungen ja immer auf der höchsten Stufe standen. Die schon er⸗ wähnten Gesangvereine und der akademische Gesangverein pflegten Vokalmusik. Dann hatten wir eine Stadtmusikkapelle unter der Direktion von Schierholz. Diese Kapelle hatte etwa 10—12 Mitglieder und besorgte alles, sie spielte zum Tanz auf, konzertierte all⸗ wöchentlich im Sommer auf dem Felsen⸗ keller, oder in einem anderen Biergarten, deren es früher mehr gab als heute. Um das Jahr 1864 entstand eine Kapelle unter einem Dr. Königer, welche nur mit Blas⸗ instrumenten ausgerüstet war, und dann im Jahre 1866 und 67 eine sehr gute Kapelle unter der Direktion von Hecker mit minde⸗ stens 30 zum Teil sehr guten Kräften. Sie konnte aus finanziellen Gründen nicht weiter bestehen. Dann erhielten wir durch das 1867 hier in Garnison einziehende Jägerbataillon Militärmusik. Vielfach besuchten uns auch die Kapellen der Bundestruppen aus Frank⸗ furt, Oesterreicher und Preußen, die dort
garnisonierten.
Nach dem Kriege des Jahres 1866, der uns die allgemeine Wehrpflicht brachte, und erst recht nach dem Kriege von 1870/71 kam anderes Leben auch in unsere Stadt. Sie entwickelte sich zusehends, wurde aus einem Landstädtchen zu einer ganz netten und durch die Einführung der Kanalisation und Was⸗ serleitung zu einer sauberen und gesunden Stadt.
„Wir finken“.
Als ich kürzlich, wieder einmal in ver⸗ gangene Zeiten zurückblickend, mir den Un⸗ tergang des englischen Riesenschiffes„Tita⸗ nic“ in Erinnerung brachte, berührte mich an dieser Katastrophe, die damals die ganze Welt erschütterte, besonders tief der Schrei, dem dem Untergang geweihten Schiffe erscholl, der gellende Ruf:„Wir sinken, wir sinken!“
Wir wissen, daß dieses Schiff als gefeit galt vor jedem Unfall, denn es war mit allen Sicherheitsvorrichtungen der hochent⸗ wickelten Technik ausgestattet. Dennoch tönte dieser furchtbare Schrei in die auf dem Riesenschiffe versammelte heiteren, sorglosen Vergnügungen hingegebene Menschenmenge hinein:„Wir sinken!“
Nur wenigen gelang es, wie wir wissen, ihr Leben zu retten; wir wissen aber nicht, wie viele unter denen, die in der Tiefe ver⸗ sanken, ihre Blicke noch zur Höhe wandten, der lichten Höhe, in der ihre Seelen nun in Frieden geborgen sind.
Ist dieser Schrei: Wir sinken! in unserer jetzigen Zeit nicht auch ein Ruf, der immer
und Goldammer erinnern: sie spielten im wieder unsere Seelen beschwert und mit Kaffee Leib oder in der Reitbahn auf dem tiefem Kummer erfüllt? Sind wir nicht in


