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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 31
Gießen, 7. Sonnt. n. Trinitatis, den 3. August 1919
8. Jahrgang
Zum Gedächtnis der Gefallenen.
2. Buch Samuelis 1, 19. Die Edelsten in Israel sind auf deiner Höhe er⸗ schlagen. Wie sind die Helden ge⸗ fallen!
In dieser Woche hat es sich zum fünften⸗ mal gejährt, daß der Krieg ausgebrochen
ist. Wohl ist der Friede geschlossen, aber wir
können nicht singen: Nun ist groß Fried ohne Unterlaß, all Fehd hat nun ein Ende. Hart bedrängt uns der Feind, unsere Gefangenen weilen noch in der Fremde, die Teuerung dauert vorläufig noch aun. Vor unserem geisti⸗ gen Auge stehen in diesen Tagen mit ihren schweren Erinnerungen die Männer und Jünglinge, die für das Vaterland gefallen sind. Ihre Zahl ist erschreckend groß. Ent⸗ setzen ergriff uns, als wir vor wenigen Mo⸗ naten hörten, daß Deutschland in diesem furchtbarsten aller Kriege zwei Millionen Menschen auf den Schlachtfeldern und in den Lazaretten verloren hat. deren Leben durch die Hungerblockade ver⸗ kürzt wurde, ist hierin nicht eingerechnet, ist uns auch nicht bekannt. Zwei Millionen! Wenn diese Schar geschlossen auf einer Straße marschieren würde, vier und vier, wie die Heereskolonnen marschieren, es würde viele Tage dauern, bis der Zug vorüber wäre. Einen Blutzoll hat Deutschland ge⸗ zahlt, der entsetzlich ist. Das wird man so recht gewahr, wenn man sich die Zahlen der Gefollenen für die einzelnen Städte und Dörfer vergegenwärtigt. Eine rheinhessische Landgemeinde von knapp 700 Seelen hat 36 Gefallene, das ist ein sehr hoher Prozent⸗ satz. Die Universität Gießen hat 2 Profes⸗ soren, einen Privatdozenten, 10 Assistenten und Beamten und 237 Studenten, im ganzen 250 ihrer Angehörigen verloren, während im Kriege 1870/1 nur 2 Studenten gefallen sind. Die Zahl der Gefallenen ist für die Stadt Gießen noch nicht bekanntgegeben wor⸗ den, wir fürchten, daß sie mit 700 nicht zu hoch gegriffen ist. Mithin sind von denen, die im Sommer 1914 unsere Stadt bevölkerten, nahezu 1000 Menschen ein Opfer des Krieges geworden. Unser Volk, das auf so vielen Kriegsschauplätzen kämpfen mußte, hat weit mehr Menschen verloren als irgend ein an⸗ deres der kämpfenden Völker. Frankreich bei⸗ spielsweise, das nur eine Front zu verteidi⸗ gen hatte, hat eine Million Gefallener. Am Tage des Gerichtes werden alle diese
Token auftreten und die anklagen, die diesen unheilvollen Krieg durch Gewinnsucht, Län⸗
Die Zahl derer,
dergier, Größenwahn, Unverstand und Ge⸗ wissenlosigkeit verschuldet haben.
Wir können uns den Verlust, den wir in den letzten fünf Jahren an Menschenleben erlitten haben, nicht groß genug vorstellen. Diese zwei Millionen sind nicht zu ersetzen. Es woren die Besten, die Tüchtigsten der Na⸗ tion, Menschen voll von Kraft und Geist, die bei längerem Leben in allen Zweigen mensch⸗ licher Berufstätigkeit das Wertvollste ge⸗ leistet hätten. Diesen Verlust werden wir in seiner ganzen Größe erst in 20 und 30 Jah⸗ ren spüren, denn dann werden unserem Volke die fehlen, die berufen gewesen wären, es zu führen. Auf unsere Gefallenen paßt so⸗ mit Davids uralte Totenklage, in die er einst ausbrach, als Saul und Jonathan auf dem Gebirge Gilboa gefallen waren, die Klage:„Die Edelsten sind auf deiner Höhe erschlagen. Wie sind die Helden gefallen!“ Sie haben den Tod nicht gefürchtet, die Ehre stand ihnen höher als das zeitliche Leben und das irdische Wohlergehen. Sie haben un⸗ serem Volke das Beispiel heldenhafter Pflichterfüllung gegeben, sie waren treu bis an den Tod. Viele von ihnen sind wie einst Theodor Körner aus den beglückendsten Ver⸗ hältnissen heraus in den Kampf gezogen; Männer, die Kinder zu versorgen hatten, haben im Schützengraben standgehalten, bis die feindliche Kugel sie traf; Jünglinge, die eben von der Schulbank kamen, haben das deutsche Land vor dem Einfalle des Feindes beschützt. Ehre ihrem Andenken! Allerdings uns quält die Frage: Hat ihre Hingabe denn auch Segen gebracht, hat diese beispiellose Aufopferung auch etwas Heil⸗ sames gewirkt? Der Augenschein sagt: Nein! Umsonst, so scheint es, auf das erste, ist all das Blut im Kampfe geflossen. Das Bei⸗ spiel der Pflichterfüllung und Treue hat auf die Deutschen nicht gewirkt. Unser vordem so fleißiges und treues Volk ist wie von einer geistigen Massenerkrankung ergriffen und will nicht mehr arbeiten. Wirtschaftlicher Zu⸗ sammenbruch, Staatsbankerott, allgemeine Verelendung werden kommen, wenn das sich nicht ändert. Auch, was wir sonst wahrneh⸗ men, legt uns das Wort auf die Zunge: Alles umsonst! Als einst Schottlandes Jugend im Kampfe gefallen war, ging durch das Land das ergreifende S. Kein Erntereigen, es schweigen die Geigen, Kein Tänzer, der fröhlich im Tanze sich dreht, Auf Märkten und Messen die Lust ist ver⸗ gessen, Die Blumen vom Walde sind abgemäht.


