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Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 44 Gießen, 20. Sonnt. n. Trinitatis, den 2. November 1919 8. Jahrg.
Reformationsfest 1919.
Jesaia 40, 8. Das Gras verdorret, die Blume verwelket, aber das Wort un⸗ seres Gottes bleibt ewiglich.
Das zweite Reformationsfest nach dem großen Jubiläum des Jahres 1917 trifft die deutsch⸗evangelische Christenheit in schier trostloser Lage. Reformationsfest hatte sonst für uns immer den Charakter des Sieg⸗ haften; im Anfang des Krieges stellten wir uns Luther gern vor, wie er mit der Bibel
in der Hand unseren tapferen Scharen vor⸗ anschreitet und sie zu trotzigem Widerstande
anspornt. Jetzt sind wir geschlagene und ge⸗ beugte Menschen, und zum erstenmal, seitdem wir es kennen, will uns das Schutz⸗ und Trutzlied der evangelischen Kirche nicht recht über die Lippen: Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen, er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen...
Es ist gut, daß wir in solcher Lage uns auf die eigentliche Kraft der Reformation besinnen. Ihre Kraft war die tiefe Innerlich⸗ keit der gläubigen Seele, das Einssein mit Gott, die Gemeinschaft mit Christus. Luther war ein ganz und gar unpolitischer Mann, Christus war ihm alles, sein Reich auf Erden auszubreiten, sein höchstes Ziel. Einen gnädigen Gott wollte er haben, sonst nichts, seiner Seligkeit wollte er gewiß werden, alle Erdenmacht, allen Erdenreichtum verachtete er. Der Besitz dieser Himmelsgaben machte ihn so stark, daß er den Mächten der Welt trotzen konnte, und in Kampf und Sturm der Sieger blieb.—
Zu unseren Füßen sinken in diesen Tagen die welken Blätter nieder, und das große Sterben in Feld und Flur hat seinen An⸗ fang genommen. So ist im Zeitraum von fünf schweren Jahren auch so manches gestorben, das uns einst ein heiliges Ideal war, viele Hoffnungen, die wir in unserer Jugend in uns aufgenommen haben, sind zu Staub geworden. Aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich. Aus ihm nehmen wir, wie einst Luther, Hilfe und Trost, Mut zum Leben und Kraft zum Sterben. H. B.
Fur Geschichte der Gießener Familien. (Schluß.)
3. Ausgestorbene Familien. „Durchblättern wir die alten Kirchenbücher, so stoßen wir auf eine außerordentlich große Zahl von Namen, die heute in Gießen ganz unbekannt sind. Auch hier gehen wir nur
auf diejenigen Familien ein, die einst zahl⸗ reich und durch mehrere Generationen ver⸗ treten waren. Wir finden hier die Namen: Armbrösser, Anck, Bauerbach, Brecht, Breu, Coblentzer, Clermunt, Dorschuh, Drap, Eberling, Gaup, Glad, Holwegk, Kreil, Kanngießer, Kroecker, Maus, Nap, Oschen⸗ burger, Rimpfinger, Ruß, Schlesinger, Schup, Schuppach, von Sand, Steckenroth, Teuffel, Ungewickelt, Unna, Verdrieß, Wormser, Widerholt. Im 17. Jahrhundert tauchen die Namen auf: Agel, Bontzel (Bondzelt), Bastenack, Borngässer, Carweg, Herrgott, Schnor, Steussel, Tiefenbach, Trommershausen, Wollmershäuser, Wol⸗ schendorff.
Ueber einige der ausgestorbenen Familien seien hier nähere Bemerkungen gemacht. Die Familie Coblentzer bestand hier im 16. und 17. Jahrhundert. Am bekanntesten ist Caspar Coblentzer, der sich nach alter Mode auch Confluentius nannte; er war hier Lehrer und Opfermann, hat als solcher auch unsere Kirchenbücher geführt. 1593 begann er ein neues Taufbuch; auf der ersten Seite hat er geschrieben:„Anno 1593 uff den heiligen Pfingsttagk ist das Buch uffgerichtet worden vor die Kinder so zur heiligen Tauff ge⸗ bracht werden und sollen die Gevatter und des Kindes Vatter mitt Ingeschrieben wer⸗
den durch mich Casparum Confluentium geschrieben werden. Im Jahr 1593 den
14. Juny angefangen. Wann Gott will: so ist mein Zihl.“— Die Familie Herrgott hat nicht über das 17. Jahrhundert hinaus hier bestanden. Der Ahnherr Sebastian Herrgott, Schneider seines Zeichens, aus Wichmar in Sachsen⸗Altenburg, verheiratet sich 1660 mit Anna Martha Zeiß und starb 61707 im Alter von 72 Jahren.— Aus Sachsen war auch der Buchbinder Wolschen⸗ dorff, der 1667 in den Stand der Ehe trat. Es scheint, als ob damals, unmittelbar nach dem 30jährigen Kriege eine starke Zuwande⸗ rung aus Sachsen nach unserer Stadt, wohl nach Hessen überhaupt, stattgefunden habe, das mag daran liegen, daß Sachsen, beson⸗ ders Thüringen, durch den Krieg stark mit⸗ genommen war, während das von Gießen nicht galt.— 1644 heiratet ein Hieronymus Förster die Tochter des Schuhmachers Paul Ungewickelt; dieser, 1578 hier geboren, stirbt 1666, seine Familie reicht nicht über das 17. Jahrhundert hinaus.— Gleichfalls nur im 17. Jahrhundert bestand hier die Fa⸗ milie Clermunt. 1674 heiratet ein Mann dieses Namens, der Wollenweber, Handels⸗ mann und Mitglied des Sechzehnerrates


