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für ein Anfängerschulzimmer unbedingt not⸗ wendig ist, nicht als etwas Außergewöhn⸗ liches ansehen will. Aber die hessische Päda⸗ gogik stand damals auf dem Standpunkt, daß man durch Aufhängen von Bildern, Landkarten, durch Aufstellung ausgestopfter Kleintiere die Aufmerksamkeit des Schülers nicht ablenken dürfe. Oed, leer und un⸗ gemütlich mußte das Schulzimmer der unter⸗ sten Klasse sein, und erst in der zweitletzten gestattete sich eine uralte, vergilbte Land⸗ karte, daran bescheiden zu erinnern, daß die Welt mit den Grenzen Hessens nicht aufhöre. 40 8
Unser Klassenlehrer, Herr A., war ein ernster, strenger, selbst- und zielbewußter Herr. Lachen sah man ihn nur selten; er lächelte nur. Kam einmal etwas vor, über welches jeder andere hätte laut lachen müssen, dann preßte er die Lippen zusammen, damit ja kein Laut heraus kam. Dagegen füllten sich die Augen mit Wasser, er bekam einen roten Kopf und lächelte dünn, wie eine Eidechse.
Alles an dem Herrn war gemessen, seine Bewegungen, wie seine Aussprache. Wir hatten die Elementarfächer bei ihm, so auch Schönschreiben. Die Buchstaben malte er mit Kreide auf die entsprechend liniierte große Schultafel und mußte uns dabei natürlich den Rücken zudrehen. Das gab hier und da einem Veranlassung, irgendetwas Ungehö⸗ riges zu treiben, auf das Herr A. in der Regel durch das Kichern der anderen auf⸗ merksam wurde. Er drehte sich dann lang⸗ sam und gemessen herum, ließ, ohne den Kopf zu bewegen, seine Augen mehrmals automatenhaft von einer Ecke in die andere gehen und hatte bald den Uebeltäter heraus⸗ gefunden. Dabei färbte sich sein Gesicht hochrot, die Lippen preßten sich zusammen und seine Augen nahmen hinter der goldenen Brille einen feuchten Glanz an. Mit einer hoheitsvollen Bewegung hob er langsam den Arm, deutete auf das Objekt seines Zorns und sagte mit rhythmisch abgesetzten Worten:„Du hast—'ne Ston—deSötzen!“ Genügte das der Klasse nicht und es wurde ein weiterer erwischt, so wiederholte sich der Vorgang, und der zweite erhielt die gleiche Strafe mit den gemessenen Worten: „Du ouch eine!“ Beim dritten riß der Geduldsfaden. Da gabs Ohrfeigen links und rechts oder auch einen Abzug mit dem Stock, Herr A. regte sich dabei furchtbar auf. Seine rotblonden Haare, wie auch die ganze Toilette, gerieten in Unordnung und die funkelnden Augen, bei denen das Weiße auffallend hervortrat, verliehen dem Ge⸗ sichte etwas Unheimliches. Aber, aber,— das nützte alles nichts. Es fanden sich immer wieder einige, die die Dummheiten nicht lassen konnten. Uebrigens betrachteten sich die Geprügelten, als die besser Davongekom⸗ menen, denn sie brauchten nicht nachzu⸗ sitzen, und ihre Strafe wurde auch nicht
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eingetragen. Die Ansicht des Schülers stand
somit der des Lehrers schnurstracks gegen⸗ über, wie so manches andere in der Päda⸗ gogik. Man frage nur die Buben!
Selbstverständlich waren wir in den ersten Tagen unseres neuen Schullebens die brav⸗ sten Jungen von der Welt. Aber das hielt keiner auf die Dauer aus, denn nichts Langweiligeres wie so was!
In den Zwischenpausen spielten wir eine sehr untergeordnete Rolle. Der Hof gehörte den älteren Schülern, denen wir bei ihren Spielen nur im Wege waren. Die Schüler der beiden ersten Klassen markierten die Ver⸗ ständigen. Sie beteiligten sich nicht mehr an den Spielen, dafür waren sie„zu alt und gebildet“. Das vertrug sich nicht mit der Würde eines jungen Mannes, der soviel Weisheit in sich aufgestapelt hatte. Uns Kleinen imponierten sie daher gewaltig. Wir sahen zu ihnen auf, wie zu etwas Erhabe⸗ nem und wurden darin noch bestärkt, als wir nach und nach einmal in die Zimmer der höheren Klassen mit ihren Glasschrän⸗ ken, Bildern und Präparaten, in den Physik⸗ und Zeichensaal, in das physikalische Ka⸗ binett und in das chemische Laboratorium einen Einblick taten. Wenn wir erst einmal so weit waren, daß wir an diese Dinge kamen, so würde der Unterricht interessant, und dann kam auch der Eifer von selbst. Schönschreiben, Lesen und Rechnen sind ein trockenes Futter, und wer will sich darüber wundern, daß es vielen von uns nicht sonderlich schmeckte? Da war es in der
Franzeschule doch schöner und anheimelnder.
Hier in dem großen nackten Steinkasten hörte man nichts von den Schwalben, die dort um die Fenster flogen, nichts von dem Gackern der Hühner unten im Höf⸗ chen, wohl aber das Geräusch der vorüber⸗ fahrenden Wagen der Bauersleute und
Gießener Landwirte, ihr„Hahr“ und „Hott“ und das Brüllen ihrer behörnten Hausgenossen. Anstatt des uns lieb gewor⸗ denen Geruchs nach Vergangenheit und Altertum beleidigte unsere Nasen sehr oft der von der schräg gegenüberliegenden Gas⸗ fabrik herkommende durchdringende Gasduft und das Aroma des Dungs, den die Gieße⸗ ner Oekonomen täglich auf Wagen und in Fässern nach den Triebvierteln, dem Nah⸗ rungsberg und dem Nizza hinausfuhren. Auch sahen wir von unseren Plätzen oft genug das baldachinartige Dach mit der Krone des schwarzen Trauerwagens, wenn er einen stillen Passagier nach dem Fried⸗ hof brachte. Die schwarz behangenen Pferde, die vor diesen gehenden beiden Marschälle mit den schwarz beflorten Stäben, den Pfarrer mit seinen„Pfarrbegleitern“, sowie die dem Sarge folgenden Leidtragenden blieben unseren Blicken entzogen; denn dafür waren die Fensterbrüstungen zu hoch und unsere Hälse nicht lang genug. Zeitweise
zogen aber auch die Soldaten, von denen
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