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den Menschen“,
Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 44
Gießen, 20. S. n. Trinitatis, den 29. Oktober 1922
Jahrg. II.
Bismarcks Frömmigkeit.
Kol. 3, 23. Alles, was ihr tut, das tut von Herzen, als dem Herrn und nicht den Menschen.
Der Konfirmationsspruch, den Bismarck aus dem Munde des berühmten Predigers Schleiermacher in der Dreifaltigkeitskirche zu Berlin empfing, als er gerade 16 Jahre alt war, lautete:„Alles, was ihr tut, das tut von Herzen, als dem Herrn und nicht hat ihn später oft be⸗ schäftigt und erfreut, damals aber wenig Eindruck auf ihn gemacht. In jener Zeit, gesteht er selbst, wo er dann ins Stu⸗ dentenleben eintrat, ließ er auch sein Abendgebet fallen und lebte ganz ohne Gott. Aber dieser hatte ihn nicht vergessen, wenn Otto von Bismarck sich auch nicht um ihn kümmerte.
Im Jahre 1839, nach dem Tode seiner Mutter, zog Bismarck auf das Gut Kniep⸗ hof, was er bewirtschaftete, und wo er sehr still und einsam lebte. Sein reger Geist konnte kein Genüge in diesem eintönigen Einerlei nur äußerer Pflichten finden, und ein liefes Unbefriedigtsein bemächtigte sich seiner; und das alles tobte sich aus in Trinkgelagen mit Freunden, in weiten, tollen Ritten, verwegenen Streichen und solchen Dingen, die ihn bald als einen Ausbund von Leichtsinn in der ganzen Gegend erscheinen ließen. Er machte weite Reisen nach England, Frankreich und der Schweiz, er suchte Befriedigung für alles, was tief in seinem Herzen schlummerte, und fand sie micht, weil ihm der Frieden fehlte.
Er kam heim und vertiefte sich in das Studium von allerlei wissenschaftlichen Wer⸗ ken, die ihn aber Gott nur ferner rückten. „Es stellte sich bei mir fest, daß Gott den
Menschen die Möglichkeit der Erkenntnis
versagt habe, daß es Anmaßung sei, wenn man den Willen und die Pläne des Herrn der Welt zu kennen behaupte, und daß der Mensch in Ergebenheit warten müsse, wie sein Schöpfer im Tode über ihn bestimme.., daß ich bei diesem Glauben nicht Frieden fand, brauche ich nicht zu sagen.“
In späteren Jahren hatte sich Bismarck aber zum rechten Gottesglauben durch⸗ gerungen. Das bezeugen seine Worte:„Wie man ohne Glauben an eine geoffenbarte Religion, an Gott, der das Gute will, an einen höheren Richter und ein zukünftiges
Leben zusammenleben kann in geordneter Weise, das Seine tun und jedem das Seine lassen, begreife ich nicht. Wenn ich nicht an eine göttliche Ordnung glaubte, die diese deutsche Nation zu etwas Gutem und Großem bestimmt hätte, so würde ich das Diplomatengewerbe gleich aufgeben. Nehmen Sie mir diesen Glauben und Sie nehmen mir das Vaterland.“
Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. 37. Der Gießener Bub vor 50 Jahre n.
Von Louis Frech. (Fortsetzung.)
Wie ich das später bei meinen Theater⸗ besuchen ohne Ausnahme und damals zum erstenmal wahrnahm, war das Publikum von dem ihm Gebotenen stets befriedigt. Als der Vorhang bei Schluß der Vorstellung herunterrumpelte, klatschten die drei Par⸗ terreplätze wie toll, und die Galerie tram⸗ pelte mit den Füßen, daß man meinen konnte, sie habe den Auftrag, den Boden durchzustampfen. Nochmals und abermals wurde der Vorhang emporgerollt, und die schöne Galathea, Pygmalion, Midas und wie sich die sonst noch mitspielende Sippschaft an diesem Abend nannte, quittierten durch wohlwollendes Verneigen und gönnerhaft freundliches Grinsen nach allen Seiten. Das Stück war nun aus, und jetzt galt es, so schnell wie möglich in das Freie zu kommen. Alles schob und drängte zwischen den lose nebene nanderge'ellten Stü len hindurch nach dem Ausgang, vor dem sich die Menge staute, denn er war für den Massenandrang nicht groß genug. Am schnellsten erreichten die Besucher des Olymps die frische Luft, denn sie hatten unter den emporwirbelnden Wolken des bengalischen Lichtes, die sich an der Saaldecke ballten und vergeblice nach einem Loch suchten, durch welches sie sich hätten verduften können, am meisten zu leiden gehabt. Wie ein Donnerwetter polterten sie die einzige Treppe herunter, die aber nur bis zu/ ihrer Höhe eine passabele Breite hatte, von da ab mit der Galerie durch ein schmales, etwa achtstufiges, steiles Treppchen ohne Geländer in Ver⸗ bindung stand. Trotz Aug halsbrecherischen Passage, die am Schluß jeder Vorstellung mit Sturm genommen wurde, ist meines Wissens nie etwas passiert. Im Hof sog


