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alter, entlegener Zeit rühren ja selten von einem einzigen Autor her.—
Wir nennen hier zuerst die„Hex Braun“. Sie wohnte in einem alten Häuschen, an dessen und an anderer Stelle jetzt in der Bahnhofstraße der Neubau ge⸗ treten ist, in dem die Firma Schade& Füllgrabe ihr Geschäft betreibt, früher, also zu der Zeit, da die„Hex Braun“ lebte, nannte man diese Straße den Reichensand. Das Haus hatte ein großes Hoftor, das sich für Kinder vorzüglich zum Versteckspiel eig⸗ nete. Rief nun eins der Kinder„die Hex
Braun!“ so flog die ganze Schar wie ein
aufgescheuchter Vogelschwarm eiligst ausein⸗ ander. Die Scheiben der Fenster des Häus⸗ chens, das wir hier im Auge haben, waren mit dem zu einem Brei zusammengerührten Staub eines kleingeklopften Ziegelsteins be⸗ strichen. Ob damit ein magisches Licht in der Stube erzeugt und eine Einwirkung auf die Gemütsverfassung der Kundinnen der „Hex Braun“ erzielt werden sollte, oder ob das rötliche Licht zur Schonung der Augen der Bewohnerin des Häuschens diente, weiß wohl niemand mehr. Wahr⸗ scheinlich war das erstere der Fall; denn die Frau beschäftigte sich mit Wahrsagerei und wurde von den feinsten Damen auf⸗ gesucht. Es mag ja auch eine große Ueber⸗ windung gekostet haben, den schmutzigen
Tempel der Sibylle aufzusuchen, aber die
Liebe macht bekanntlich blind, und die Triebfeder für den„Blick in die Zukunft“ war auch hier in 99 von 100 Fällen der Wunsch, etwas über den„Zukünftigen“ zu erfahren. Die Kinder guckten mit Scheu nach den roten Fensterchen hinauf. Uebri⸗ gens ging die„Hex Braun“ selten auf die Straße, so daß die Kinder sie kaum zu sehen bekamen. Wer ihr aber begegnet war, schilderte sie mit den haarsträubendsten Farben.
Der„Isiat“ war ein harmloser Mensch und doch ebenfalls der Schrecken aller Kinder, er hatte nämlich ein so un⸗ gewöhnliches Aeußeres. Aus dem Gesicht sahen ein Paar hervorstehende, schwarze Augen heraus, ein großer, schwarzer Schnurrbart hing melancholisch über den Mund. Wenn man ihm seinen Spitznamen „Isiat“ zurief, so nahm das Gesicht einen unheimlichen Ausdruck an. Er war der Sohn eines Nagelschmiedes, dessen Geschäft durch die fortschreitende Technik ganz zurückge⸗ gangen war und der infolgedessen verarmte.
Der„Marxe-Peter“ war ein Idiot, aber ein ganz ungefährlicher Mensch. Wenn. ihm ein Kreuzer oder im Metzgerladen ein Stück Wurst winkte, so machte er in Befolgung der Aufforderung einen„Hop⸗ pas“.„Peter, mach'en Hoppas!“ wurde ihm gesagt, dann sprang der Peter in die Höhe, aber nicht mit gleichen Füßen, son⸗ dern wie bei einem Sprungschritt hob er den einen Fuß etwas später als den andeen
und sprang in die Höhe. Das Gelächter, das den„Hoppas“ des sonst ungelenken alten Mannes begleitete, glich dem Wiehern eines Pferdes. Peter hatte eine Nase, die über das normale Maß hinausging. Es ist selbstverständlich, daß eine so ausgiebig ausgestaltete Nase ein vorzüglicher Behäl⸗ ter für große Mengen Schnupftabak war. Das hatte Peter schnell herausgefunden und sich dem Laster des Schnupfens ergeben. Aber als Insasse des Hospitals war es um seine Einkünfte schlecht bestellt, da muß⸗ ten die Kreuzer für den„Hoppas“ her⸗ halten. Peter trug ein grauwollenes Wams und eine Zipfelmütze, deren Quaste beim „Hoppas“ lustig in die Höhe schnellte. Er war ein so origineller Kauz, daß sich so⸗ gar ernsthafte Leute etwas darauf zugute taten, ihn zu kopieren. Wer das konnte, be⸗ saß ein Mittel, jederzeit ungekünstelte Hei⸗ terkeit hervorzurufen. Auf Maskenbällen war der Peter vor 50 Jahren eine immer wiederkehrende Figur, die dem Darsteller, wenn er seine Sache verstand, ebensoviel Vergnügen machte, wie dem Publikum. Böse wurde er nur, wenn die Buben ihn aufforderten, ihnen eine„Pris'“ zu geben. Geradezu in Verzweiflung konnte man ihn bringen, wenn ihm gesagt wurde:„Peter, heirat' die Gret!“ Das war ein ganz ver⸗ blödetes Wesen, das nicht sprechen, son⸗ dern nur unbehilfliche Laute hervorbringen konnte. Wenn man ihm das sagte, so fing er an zu weinen und jammerte:„Ich sag's meine Bürgermeister.“ Fragte man den
„Marxe⸗Peter“:„Wie alt bist du?“, so
gab er zur Antwort:„Hunnert und die siewezig.“
Originale gab es auch unter der dama⸗ ligen jüdischen Bevölkerung. In der Juden⸗ gasse, der jetzigen Rittergasse, wohnte der Althändler„Awele“ Beifuß, der nament⸗ lich mit Kleidern handelte. Mund und Nase waren an ihm sehr entwickelt, er ging gebückt und war froh, wenn ihn die Leute in Ruhe ließen. Auf jedem Jahr⸗ markt war der Awele zu sehen, dort be⸗ trieb er einen schwungvollen Handel mit alten Kleidern und anderen Gegenständen. Amüsant war es, mitanzusehen, wie er seine Ware den Bauern zeigte. Er klopfte auf jedes Stück und versicherte, daß es ein ganz ausgezeichnetes Stück sei, ohne jeglichen Fehler. Der Käufer dagegen traute diesen Worten nicht ohne weiteres, son⸗ dern breitete das Stück aus, hielt es gegen die Sonne, um, wenn er ein Mottenloch oder sonst einen Fehler entdecken konnte, den Preis herabzudrücken. Waren beide end⸗ lich handelseinig und war der Preis be⸗ zahlt worden, so kam es auch vor, daß der Bauer einen ungültigen Silbergroschen mit⸗ eingeschmuggelt hatte, dann war Awele ganz außer sich, er winkte und rief in die Menge hinein, aber der Bauer war längst ent⸗ schwunden.


