Einzelbild herunterladen
  

( *

1 1 1

J

1

19 9 5

8

Konrad Andrecke Wilhelm Jäger erblickte am 10. Januar 1822 in Schlitz das Licht der Welt! Seinen ersten Unterricht empfing er in der Schlitzer Stadtschule, dann erbot sich der damalige Stadtpfarrer Ludwig Ehristian Dieffenbach, ihn und seine Schwester Agathe(geb. am 15. September 1825), die nachmalige Gemahlin von Ernst Lucius in Jugenheim in Rheinhessen, mit seinen drei eigenen Kindern zwei Söhnen und einer Tochter zu unterrichten. Auch Dieffenbachs Schwiegervater, der Kirchenrat Johann Ferdinand Schlez, der bekannte Pädagoge, beteiligte sich an dem Unterrichte der Kinder, und der Gedanke, Schüler eines so ausgezeichneten Mannes gewesen zu sein, gehörte zu Jägers schönsten Jugenderinne⸗ rungen. i 11.

Musikalische Begabung, ein Erbteil der Familie, die sogar mehrere Berufsmusiker unter ihren Angehörigen zählte, hatte Wil⸗ helm geerbt. Sein Vater, der selbst, be⸗ sonders im Schloß des sehr musikliebenden Grafen Görtz, mit großem Eifer Kammer⸗ musik trieb, und sich auch im Komponieren versucht hat, ließ sich die musikalische Aus⸗ bildung des Sohnes angelegen sein. Dieser lernte mehrere Instrumente spielen, darunter Geige und Klavier, mit mehr als bloß dilettantischer Fertigkeit, und wurde auch in der Musiktheorie unterwiesen. Die künst⸗ lerische Begabung des Knaben beschränkte sich aber nicht auf die Musik; auch für das Zeichnen besaß er nicht unbedeutende, An⸗ lagen, die sein Vater dadurch ausbildete, daß er ihm durch einen Hersfelder Zeichen- 12 5 Zeichen⸗ und Malunterricht erteilen ieß.

Auch Jägers jüngerer, 1833 geborener Bruder Friedrich zeigte künstlerische An⸗ lagen auf dem Gebiete der Musik und bilden⸗ den Kunst. Nach dem Willen der Eltern widmete er sich dem Apothekerberuf, ward Provisor in der Merckschen Apotheke in Darmstadt und machte daneben bei den Malern August Lucas und Paul Weber Malstudien. Im Jahre 1865 widmete er sich ganz der Malerei und siedelte nach München über, wo er zunächst die Akademie der bil⸗ den den Künste besuchte und sich dann als Tier⸗ maler niederließ, der sich über die Grenzen Deutschlands hinaus großen Ansehens er⸗ 1 Er starb in München im September

Im Herbst 1837 bezog Wilhelm Jäger das Gießener Gymnasium zusammen mit den beiden Söhnen des Pfarrers Dieffen⸗ bach. Der ältere, Ferdinand Dieffen⸗ bach(18211861), war sein bester Jugend⸗ freund, dessen in Gent hergestelltes Bildnis noch bis zuletzt in seinem Zimmer hing. Dem jüngeren, Christian Dieffen⸗ bach(18221901), dem bekannten Kinder⸗ liederdichter, stand er weniger nahe. Zu diesem Freundeskreise gehörte auch Georg Engelbach(1823-1885), ein Sohn des

Pfarrers Wilhelm Engelbach zu Brauer⸗ schwend und später selbst Pfarrer und sich auf dem Gebiete der Dichtkunst versuchend. Zu Beginn und am Ende der Ferien, auch in den Stürmen und im Schneegestöber der Weihnachtszeit, machten die vier Freunde den Weg von Gießen in die Heimat und dann wieder dorthin zurück in zweitägiger Wanderung. 4

Unter seinen Lehrern auf dem Gymnasium empfing er von dem Direktor Joseph Hillebrand, der zugleich den philo⸗ sophischen Lehrstuhl an der Universität inne hatte, den tiefsten Eindruck. Am wenigsten vielleicht befriedigte und förderte ihn der Religionsunterricht, den er auf dem Gym⸗ nasium empfing. Er bestand nach seiner eigenen Schilderung(Allg. Anz. 1846 Sp. 2334) darin, daßder Lehrer gegen alle möglichen Laster eiferte, die er den Kin⸗ dern andichtete, über die verderbliche Rich⸗ tung des jetzigen Zeitalters räsonierte und am Ende froh war, wenn er die Stunde, d. h. 45 Minuten, auf diese Weise und etwa noch durch ein improvisiertes und nichtssagendes Gebet ausgefüllt hatte. Ostern 1840 verließ er das Gymnasium nach gut bestandener Reifeprüfung.

Er bezog nun die Universität Gießen. Am 12. Mai 1840 wurde er als Student der Kameralwissenschaften eingeschrieben. Justus Liebigs Vorlesungen, die zu den für das Kameralfach vorgeschriebenen ge⸗ hörten, begeisterten ihn so, daß er gern zum Studium der Chemie übergegangen wäre, wenn sich die Familie zur Billigung eines so kühnen Entschlusses hätte emporringen kön⸗ nen. Aber Chemie, das erschien damals als etwas zu Neues und Unsicheres, um die Lebensexistenz darauf zu gründen. So blieb Jäger bei dem einmal ergriffenen Fache und bestand im Herbst 1843 die kamera⸗ listische Fakultätsprüfung, bei der er am besten bei Liebig abschnitt.

Am 27. Dezember 1843 wurde er zum Akzeß bei dem Sekretariate der Oberfinanz⸗ kammer 1. Sektion in Darmstadt zugelassen, am 18. Januar 1844 erfolgte sein Dienst⸗ antritt. Bis zum 10. Februar 1845 hatte er diese Stelle inne, dann kam er auf das Bureau des Steuerkommissärs Friedrich Georg Venator in Schlitz. Daneben arbeitete er auch in den Geschäften seines Vaters, um sich mit dem indirekten Steuerwesen be⸗ kannt zu machen. Bei Venator blieb er auch zunächst, nachdem er im Frühjahr 1846 die allgemeine Prüfung im Finanzfach mit gut bestanden hatte. Im August 1847 setzte er seinen Akzeß bei dem Steuerrat Ludwig Friedrich Hoffmann in Gießen fort, bis er am 4. November 1847 Gehilfe bei der Steuerkontrolle in Darmstadt wurde. Hier zogen ihn die Künste und Wissenschaften an und boten ihm ein Gegengewicht gegen die trockene Amtstätigkeit, die ihn wenig be⸗ friedigte. Theater, Konzerte, das Museum