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Sonntags gruß

emeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 33

Gießen, 9. S. n. Trinitatis, den 13. August 1922

IJ. Jahrg.

Ein Erntetag im deutschen Lande.

Jeremia 5, 24. Lasset uns doch den Herrn, unsern Gott, fürchten, der uns Früh⸗ regen und Spätregen zu rechter Zeit gibt und uns die Ernte treulich und jährlich behütet.

Der Erntetag beginnt für den deuts chen Landmann am frühen Morgen. In der Dämmerung, nicht am östlichen Horizont emporschwebt, erheben sich schon die tätigen Menschen von kurzem Schlummer. Vom Turme läutet die Morgenglocke, hier und da hört man, wie die Sensen gedengelt werden, im Dorfe wird es lebendig. Die Zugtiere werden aus dem Stalle gezogen, und nun geht es hinaus in das Feld. Unbewegt, wie ein Wald von Lanzen, die Reiter in die Erde gesteckt haben, steht das Kornfeld da, dann kommt der Morgenwind, leise zittern die Aehren, als ahnten sie der Sense Schnitt. Noch einmal schärfen die Männer Sense und Sichel, dann beginnt die Arbeit des Schneidens. Man hört keinen Laut als das Rauschen der Sensen und den kurzen Ton der Sicheln. In Liedern wird manchmal die Erntearbeit in sehr poeti⸗ scher Weise geschildert; da liest man von dem Gesang der Schuitterinnen, der um die Garben erklingt. In Wahrheit ist es anders, die Arbeit ist zu schwer, als daß der Mensch dabei singen möchte. Wie oft müssen sich die Erntearbeiter bücken, um das Getreide zu schneiden und schön geordnet auf das Feld niederzulegen. Mag das der Jugend leicht fallen, den Alten ist es recht sauer, und der Rücken schmerzt. Je höher die Sonne steigt, um so heißer brennt sie herab, sie bräunt das Angesicht. Oft werden die Hände durch Disteln und Halme verletzt, sie bekommen Risse und Sprünge und brennen wie Feuer, und das Uebermaß der Arbeit bringt es mit sich, daß dunkle Fäden vor den Augen hin und her fliegen. Ueber den Getreide⸗ feldern singt die Lerche, dazwischen rauscht die Mähmaschine. Alte und Junge mühen sich bei der Arbeit. Männer, die schon mehr als sechzigmal die Erntearbeit getan haben, stehen mit der Sense auf dem Acker, und Knaben, die noch zur Schule gehen, lenken kundig das Gespann, auf das die Garben geladen werden, über die Stoppeln. Frauen und Mädchen schaffen in gleicher Weise von früh bis spät. Um die Mittagszeit läutet

die Glocke abermals, und zur kurzen Rast gehen die Schnitter nach Hause. Nun ist es

wenn der Sonnenball noch

eine Weile still auf dem Felde, die Hitze 85 flimmernd 111 der Flur, das ist die

Stunde, da nach altem Glauben gute Geister über das Feld 9 um es zu segnen. Um ein Uhr beginnt die Arbeit auf das neue. Nun gehen wohl auch die kleineren Kinder mit den Eltern auf das Feld, sie sammeln Mohn und Kornblumen zu Sträußen, helfen auch beim Aehrenlesen. Hin und her gehen die Wagen, von der Hofreite zum Acker und schwer beladen wieder zurück. Dort harrt auf die Männer eine neue schwere Arbeit, es gilt, die schweren Garben in der Scheuer, oft hoch hinauf, an den rechten Ort zu bringen. Neben den Wagen steht das Hühnervolk und pickt die Körner vom Boden auf. Je weiter der Tag vorrückt, um so mehr ergreift Müdigkeit die fleißigen Menschen, sie sind froh, wenn der Wind über das Feld geht, daß alle Gräser zittern, oder wenn ein leichter Regen niederfällt und erquickenden Wohlgeruch verbreitet. Oft schauen sie nach der Sonne, ob sie sich noch nicht zum Niedergang neigen will. Auch beim Feier⸗ abendläuten ist die Arbeit noch nicht beendet, oft kehren die Schnitter erst in der Dunkel- heit heim, totmüde sinken sie zu tiefem Schlafe auf ihr Lager. Nun ist es still im Felde, am Himmel steht der Mond, die Grillen zirpen, und der Duft des geschnitte⸗ nen Getreides dringt bis in die menschlichen Behausungen.

Das ist ein Erntetag im deutschen Lande, er ist reich an Mühe und Anstrengung, aber er redet laut von der Güte Gottes, der auch jetzt in schwerer Zeit uns das tägliche Brot gibt. Wie könnte es anders sein, als daß wir in dieser Erntezeit mit dem from⸗ men Manne des Alten Bundes ausrufen: Lasset uns doch den Herrn, unsern Gott, fürchten, der uns Frühregen und Spätregen zu rechter Zeit gibt und uns die Ernte treu⸗ lich und jährlich behütet..

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.

37. Der Gießener Bub vor Ee ee Von Louis Frech. (Fortsetzung.)

Mein Weg führte mich, nachdem meine Eltern die neue Wohnung bezogen hatten, nunmehr nach und von der Schule über die Neue Anlage(Südanlage), die damals noch nicht bebaut war. Wir Buben sahen hier ein Haus nach dem andern entstehen, so auch

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