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war. Selbst Schulbücher wurden an den Antiquar Worms verschachert, und ich er⸗ stand von dem Genannten nach Jahren einen Ovid, in welchem auf der Innenseite des Deckels die Worte standen:O Galathea! Non est ad astra mollis e terris via! (Nicht beguem ist der Weg von der Erde zu den Gestirnen.) Ein Gymnasiast hatte das Büchlein seiner jugendlichen Schwärmerei für die Galathea zum Opfer gebracht.

Einige Schulkameraden, die die Hoffnung bereits aufgegeben hatten, das Stück zu sehen, erklärten am Tage nach der letzten Aufführung desselben, ihr Ziel nun doch erreicht zu haben.Wir sind gestern ge⸗ schluppt, sagten sie. Sie hatten sich an die Saaltüre postiert und abgewartet, bis ein Trupp Besucher durch diese drängte. Dabei waren sie mit hineingeschlüpft. Das war, wie ich aus eigener Erfahrung zu sagen weiß, gar nicht schwer; denn den Karten⸗ kontrolleur nahm beim gleichzeitigen Ein⸗ tritt mehrerer Personen sein Amt so in An⸗ spruch, daß er die vorbeihuschenden, auf der Olymptreppe rasch verschwindenden Schmugg⸗ ler entweder gar nicht sah, oder wenn er sie bemerkte, ihnen doch nicht nachlaufen konnte.Ach laß se doch, sagte der an der Tür stehende Feuerwehrmann lachend und mit einer entsprechenden Handbewegung. Andere, weniger dreiste Jungen warteten vor der Tür die erste Pause ab und gingen dann mit den Besuchern, die vorn in der Wirtschaft eine Stärkung genommen hatten, ungeniert in den Saal. Die Kontrolle war ja inzwischen so gut wie aufgehoben. Wurde einmal einer erwischt, so machte er Kehrt und nahm sich vor, das nächstemal vorsichtiger zu sein.

Wie ich an mir selbst wahrnahm und auch von anderen weiß, haben die Auffüh⸗ rungen einen tiefen und bleibenden Ein⸗ druck auf die jugendlichen Gemüter gemacht und damit den Grundstein zu einer dauern⸗ den Sympathie für das Theater gelegt. So oft wir es ermöglichen konnten, besuchten wir die Vorstellungen, und so ist es geblieben bis auf den heutigen Tag.

An sonstigen öffentlichen Veranstaltungen bot unsere Vaterstadt für uns Buben so gut wie nichts. In den Konzerten hatten wir als Elfjährige nichts verloren, und wissenschaft⸗ liche Vorträge, zu welchen auch Knaben Zutritt hatten, gab es damals noch nicht, es sei denn, daß solche von herumziehenden Spezialisten eigens für die Schule dann und wann im Einhorn oder Leibschen Saale gegen ein mäßiges Eintrittsgeld veranstaltet wurden. Das war dann jedesmal ein kleines Fest für uns. Auch in der Schule selbst gab es hier und da einmal etwas Außer⸗ gewöhnliches zu sehen, was aber mit den Wissenschaften nichts zu tun hatte. So pro⸗ duzierte sich einmal ein Glasbläser mit

seiner Kunst, ein andermal wurde uns ein Hündchen vorgeführt, welches rechnen konnte.

Wenn ihm zugerufen wurde:Wieviel ist

20439, dann holte es von dem auf einen Tisch

ausgebreiteten Zahlenkarten die Sechs heraus. Ein bei einem schlagenden Wetter verunglückter Bergmann, dessen ganzer Körper von einem eisernen Mechanismus gehalten wurde, zeigte uns ein von ihm verfertigtes Miniaturbergwerk, in welchem, wenn an einer Kurbel gedreht wurde, der ganze Betrieb in Tätigkeit sichtbar war. Ein anderer, mit einem Gebrechen Be⸗ hafteter, hatte eine Glasflasche, in welche er aus lauter kleinen Holzstäbchen ein kunst⸗ volles Gebilde durch den engen Flaschen⸗ hals zusammenpraktiziert hatte. Auch war einmal einer da, welcher alle möglichen 711 namentlich Vogelstimmen, nachahmen onnte.

In der Scheppeck war mittlerweile der alte Herr Sch. gestorben, und aus Scheu mied ich eine Zeitlang das Trauerhaus. Mein Spielrevier verlegte ich nach dem Selterser Teil der Neuen Anlage, und wir Buben des Selterstorviertels taten uns(es war im Frühjahr 1869) zusammen und spielten mit Bogen und Pfeilen auf dem Zimmerplatz, welcher sich da befand, wo jetzt das Eckhaus Bleichstraße und Südanlage steht. Dabei lernten einige von uns den als Indien⸗ und Tibetforscher berühmt gewor⸗ denen Professor Robert von Schlagintweit kennen, welcher uns seine Sammlung ethno⸗ logischer Gegenstände wiederholt zeigte. Auch schenkte er uns bei einer solchen Ge⸗ legenheit von den Wilden mitgebrachte Bo⸗

gen und Pfeile. Unser Spiel bestand im

Schießen mit scharfen Pfeilen nach einem Zentrum, in welchem sie stecken blieben, oder wir schossen mit stumpfen Holzpfeilen, die an Stelle der eisernen Spitze eine Ver⸗ dickung hatten, aufeinander und fingen dabei mit unseren an dem linken Unterarm ge⸗ schnallten, selbstgefertigten Schilden die Pfeile geschickt auf. Wir vergnügten uns dabei Tag für Tag bis zur Dunkelheit in schönster Weise. Nach und nach kamen auch Jungen aus der Stadt und spielten mit. Wir ahmten die Indianer nach, schlichen uns, wie diese, auf dem Bauche kriechend, an die Gegner heran und beschossen uns schließlich mit den stumpfen Pfeilen. Auf der Bleiche, welche sich an der jetzigen Bleichstraße bis zur Wieseck hinunterzog, veranstalteten wir Wettweitschießen, und wenn wir dieses Vergnügen müde waren, trieben wir sonstige Allotria. 5 Wir Selterstorer konnten alle auf den Händen laufen, und es sah possierlich aus, wenn wirunnerscht de owerscht auf der Bleiche spazieren gingen. Ein Hauptver⸗ gnügen bereitete es uns auch, die an die Waschpfähle an einem einige Meter langen Seilchen angebundenen beiden Ziegen der Besitzerin der Bleiche, der Frau Bast, zu necken. Es war uns dies, angeblich wegen der nachteiligen Wirkung auf die Milch⸗

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