Ausgabe 
11.6.1922
 
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Datterich unsterblich und über die Gren⸗ zen des Hessenlandes bekannt geworden ist, so der Ernst Kochs durch seinenPrinzen Rosa⸗Stramin, jenes weder als Novelle noch als Erzählung zu bezeichnende Huch

lein, das unverwelklich frische, von der Stunde geborne Stimmungsbilder trotz dem fehlenden Zusammenhang in der glück⸗ lichsten Weise aneinanderreiht. Witzenhausen, Kassel, Marburg und Göttingen sind die Stätten, die sich darin widerspiegeln. Wie Niebergall den Datterich unter dem Pseudo⸗ nymE. Streff erscheinen ließ, so Koch denPrinzen Rosa⸗Stramin unter dem DecknamenEduard Helmer. Wie Nieber⸗ gall im Jahre 1894 in Georg Fuchs einen, wenn auch oft nicht glücklichen und häufig irrenden Ausleger fand, der seine Bedeu⸗ tung von der Fessel des Lokalen zu befreien suchte, so leistete Koch diesen Dienst Franz Brümmer, der das Werkchen in Reclams Universalbibliothek im Jahre 1890 heraus⸗ gab. Hatte Niebergalls Datterich im Jahre 1913 einen ebenfalls im Grunde nicht glück⸗ lichen Illustrator in Emil Preetorius ge⸗ funden, so Kochs Prinz Rosa⸗Stramin kürz⸗ lich einen äußerst glücklichen in dem vor kurzem leider verstorbenen Otto Übbelohde, dessen illustrierte Ausgabe im Dezember 1921(Marburg, N. G. Elwertsche Verlags⸗ buchhandlung, G. Braun 1922, gebunden 30 Mk.] erschien. Und wie derDatterich undDes Burschen Heimkehr in den Jah⸗ 1914 bis 1921 in derInselbücherei er⸗ schienen, so derPrinz Rosa⸗Stramin in den Jahren 1909 und 1917 in der von Rudolf Presber herausgegebenen Sammlung Die Bücher des deutschen Hauses(4 Reihe, 94. Bd., zusammen mit zwei anderen No⸗ vellen) und in derLiebhaberbibliothek (Bd. 9, Weimar 1917). Gerade diese Aus⸗ gaben haben zum Bekanntwerden des Wer⸗ kes über die Grenzen seiner Heimat hinaus erneut beigetragen.

Wie in allen seinen Werken hat Koch auch in demPrinzen Rosa⸗Stramin dessen Erscheinungsjahr einen Wendepunkt in sei⸗ nem Leben bildet, viel aus seinem eignen Leben in dichterischer Umgestaltung hinein⸗ verwoben. Den besten Kommentar zu seinen Werken bildet sein Leben.

Ernst Peter Wilhelm August Koch wurde am 3. Juni 1808 als Sohn des aus Wan⸗ fried stammenden Friedensrichters Karl

Georg Koch( 1847 als pensionierter Regierungsrat in Marburg) geboren. Der Amtsitz seines Vaters war da⸗

mals Oberaula, seine Wiege stand aber zu Singlis in Niederhessen im Hause seines mütterlichen Großvaters, des Ober⸗ vogts Konrad Hermann Murhard. In Oberaula, seit 1814 in Neukirchen und seit 1815 in Waldkappel, verlebte er seine Jugend bis zum Jahre 1816, wo sein Vater als fürstlich rotenburgischer Oberschultheiß

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nach Witzenhausen, demLenzburg des Prinzen Rosa⸗Stramin, versetzt wurde. Hiererhielt er in den Stadtschulen die ersten Elementar- un) humanistischen Kennt⸗ nisse. Die wunderliebliche Natur des Werra⸗ tales und die Lektüre der Schillerschen, Kör⸗ nerschen und Matthisonschen Lyrik, für die sein sehr gefühlvoller Vater schwärmte, übten ihren Einfluß auf den empfänglichen Knaben. In seinemsechszehnten Jahre schwärmte er wahrhaft für Jean Paul und jeanpaulisierte damals in allen Privatbrie⸗ fen und Schulaufgaben in ganz verrückter Weise. Als sein Vater 1821 als Kreis⸗ rat nach Kassel berufen wurde, trat Ernst in die dritte Klasse des Lyzeums ein, das er im Herbst 1825 durchlaufen hatte. Am 31. Oktober 1825 wurde er in Marburg als Student der Rechte und Kameralwissen⸗ schaften immatrikuliert und trat dem Korps Hassia bei. Von 18261827 studierte er in Göttingen, kehrte zu Beginn des Winter⸗ semesters 1827/28 nach Marburg zurück, wo er sich heimisch fühlte. ImPrinzen Rosa⸗ Stramin(Kap. 16) hat er beide Universi⸗ täten miteinander verglichen:Beide Orte unterscheiden sich sehr, so schreibt er.In Göttingen ist's kalt, fein und stolz. Ueberall riecht's nach Professoren und Heineschen Personalwitzen. In Marburg ist's warm, grob und zutraulich. In Göttingen ge⸗ deihen Kamele, Heidekraut, Professoren⸗ töchter und Würste; in Marburg frohe Bursche, Maiblumen, liebe Mädchen und irdene Waren. Ein Ball in Göttingen ist ein Handschuh, den die Damenwelt in den Zirkus der gräßlichsten Langeweile wirft und den die Männerwelt mit Schaudern zurückholt. Ein Ball in Marburg ist eine lachende Rose, welche die Studenten den Marburger Mädchen schenken. Göttingen hat eine Universität, Marburg ist eine, indem hier alles, vom Prorektor bis zum Stiefelwichser, zur Universität gehört. Durch die Marburger engen Straßen weht der fromme Geist Philipps des Großmütigen, und die alten hohen Häuser machen ehr⸗ würdige, säkularische Gesichter, aber durch Göttingen weht englische Seeluft und han⸗ növerscher Noblessenwind.

Im Jahre 1829 schloß er seine Studien durch das Referendarexamen und die Pro⸗ motion zum Doktor der Rechte auf Grund einer tüchtigen Arbeit über die sog. Spezi⸗ fikation ab; im folgenden begab er sich in der Absicht, die akademische Laufbahn einzu⸗ schlagen, nach Berlin und brachte dort den Sommer zu. Als sich aber infolge der Julirevolution in Kassel, Hanau und Fulda die allgemeine Unzufriedenheit in stürmi⸗ schen Auftritten äußerte, die schließlich am 8. Januar 1831 zum Erlaß einer konstitu⸗ tionellen Verfassung führten, war Koch von Berlin nach Kassel zurückgekehrt und als Obergerichtsreferendar in den hessischen Staatsdienst getreten. Hier lenkte ihn durch