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onntagsgruß
Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
Nr. 24
Gießen, Trinitatis, den II. Juni 1922
II. Jahrg.
die heilige Dreieinigkeit.
Röm. 11,33. O welch eine Tiefe des Reichtums, beide der Weisheit und Erkenntnis Gottes! Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!
Am ersten Sonntage nach Pfingsten denkt die Christenheit daran, daß Gott ein drei⸗ einiger Gott ist. Um den Glaubenssatz— mit dem Fremdworte sagt man, um das Dogma— von der heiligen Dreieinigkeit haben sich die größten Theologen aller Zei⸗ ten von Paulus über Augustin und Luther 1 bis zu Schleiermacher und über diesen f hinaus bis zu den Gottesgelehrten der Gegenwart redlich bemüht, sie alle haben tiefe Gedanken darüber zum Ausdruck ge⸗ bracht, Gedanken, die ganze Bände füllen. Dennoch hat man den Eindruck, daß Gottes Wesen im letzten Grunde für menschliche Augen unergründlich bleibt, daß niemand seine Gerichte begreifen, niemand seine Wege erforschen kann.
Weiter als alle Weisheit der großen Den⸗ ker, deren Arbeit gewiß kein Einsichtiger gering schätzen wird, hilft der schlichte, sich ö an die Bibel anlehnende Glaube. Jesus hat als er gen Himmel fuhr, den Seinen den Auftrag gegeben, die Völker zu lehren und sie zu taufen im Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes, und von Paulus stammt der herzliche Segenswunsch: Die Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen! Diese beiden Schriftworte sagen uns alles, was zu unserer Seligkeit nötig ist. Wir haben den Vater, der uns erschaffen hat und treulich behütet, wir haben den Sohn, der uns durch sein heiliges teures Blut erlöst hat, wir haben den heiligen Geist, der uns in alle Wahrheit leitet. Vater, Sohn und heiliger Geist aber gehören eng zusammen, sie sind unlösbar mitein⸗ ander verbunden. Niemals wird ein sterb⸗ licher Mensch Gottes unsichtbares Wesen durchdringen, aber er weiß, daß Gott seinen Heilswillen in der Schöpfung, in der Er⸗ lösung und in der Heiligung bekundet hat und bis in alle Ewigkeit hinein bekunden wird. Darum preist der Christ das ewige 95 85 und betet an mit den Worten des iedes:
Lob, Ehr und Preis sei Gott Dem Vater und dem Sohne Und dem, der beiden gleich Im höchsten Himmelsthrone, Dem ewig höchsten Gott, Als es anfänglich war Und ist und bleiben wird Jetzund und immerdar.
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die Einnahme von Brest⸗Litowsk. Aus dem Kriegstagebuch des Majors d. Res. a. D. Landgerichtsrat Trümpert in Gießen. (Fortsetzung.)
Die Geschütze und sonstigen Fahrzeuge muß⸗ ten stehen gelassen werden, die Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften wurden teils getötet, teils verwundet; ein Teil ent⸗ kam. Am andern Tag wollten die Russen die Geschütze, die ich von meiner Beobach⸗ tungsstelle aus sehen konnte, fortschaffen, woran sie aber durch das Feuer unserer Ar⸗ tillerie verhindert wurden. Vorgestern abend wurden die Geschütze von der 2. Kompagnie J.⸗R. 168, die mein Freund Schmitt führt, wieder genommen.
Hinter dem großen Wald steht die russische
Artillerie, alle Kaliber sind bei ihr ver⸗ treten. Sie verfügt offenbar über viel Muni⸗ tion, denn sie funkt über den Wald hinweg, in dem die Beobachter wohl auf Hoch—⸗ ständen sich befinden, in der ganzen Gegend herum. 10
Da wieder ein russischer Angriff befürchtet wurde, mußte ich gestern abend um /10 Uhr und heute früh 4 Uhr in den Wald schießen. Ich konnte hierbei von den Protzen aus be— obachten. g
Ich stehe gewöhnlich um 4 Uhr auf als erster der Batterie; nur der Koch, der mir den Kaffee machen muß, ist früher auf, und ein Posten wacht. Die Fahrer bei den Protzen und die Kanoniere bei den Ge⸗ schützen schlummern noch sanft. Und nun gar die„Herren Leutnants“ meine Zelt⸗ genossen, die schlafen bis in die Puppen. Ich sitze vom frühen Morgen an der Beobach⸗ tungsstelle in einem Hohlweg, wo tagsüher die Sonne brennt. Der Tag verlief ruhig.
25. Juli 15. Wieder ist Sonntag, aber es wird kein Ruhetag werden; denn unsere Infanterie soll angreifen.
Ich schlief in der letzten Nacht schlecht, da die nahe bei uns stehende 7. Batterie und die feindliche Artillerie viel schossen.


