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onntagsgruß
emeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen
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Gießen, 2. Advent, den J0. Dezember 1922
Jahrg. II.
In schwerer zeit.
Brief an die Hebräer 10, 34 u. 35. Ihr habt den Raub eurer Güter mit Freuden erduldet, als die ihr wisset, daß ihr bei euch selbst eine bessere und bleibende Habe im Himmel habt. Worfet euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.
Daß Deutschland sich in trostloser Lage befindet, daß der Stand seiner Finanzen dem Ruin entgegenstrebt, weiß ein jeder unter uns. Es klingt vielleicht befremdlich, wenn wir sagen: Das wäre das Schlimmste noch nicht. Vernichtend aber ist, daß durchschnitt⸗ lich das deutsche Volk sich nicht aufraffen kann, den einfachen Tatbestand ins Auge zu fassen und sich eine neue Lebensordnung zu schaffen, wie die gegenwärtige Lage sie erheischt. Als das Glück Englands unter König Richard II. in Scherben lag. da läßt Shakespeare den Herzog von Vork klagen: „Gesang verbuhlter Lieder, deren giftigem Klang das offene Ohr der Jugend immer lauscht. Bericht von Moden aus dem stolzen Welschland, dem unser blödes Volk, nach Art der Affen, nachhinkend, strebt sich knech⸗ tisch umzuschaffen! Zu spät kommt Rat, daß man ihn höret, wo sich der Wille dem Ver⸗ stand empöret!“
Ein Gang durch unsere deutschen Städte und Dörfer— ist es wirklich viel anders als zur Zeit von König Richards Glück und Ende? Aber da liegt es:„Wo sich der Wille dem Verstand empöret!“ Wenn wider alle gesunde Vernunft ein Volk nicht will, dann ist es aus!
In schwerer Zeit— es hat deren in allen Jahrhunderten gegeben— schrieb einmal ein Edler an seine Freunde in einer großen Stadt:„Ihr habt auch den Raub eurer Güter mit Freuden hingenommen, weil ihr wißt, daß ihr für euch eine bessere und blei⸗ bende Habe habt. Werfet euer Vertrauen nicht weg, welches eine große Belohnung hat.“ Ein Apostel schrieb es an seine Lei⸗ densgenossen und Mitchristen. Nun halte man einmal das Wort von Shakespeare und die Feststellung dieses Apostels nebenein⸗ ander und besinne sich, wo auch heute noch unsere bleibende Habe liegt. Glaubt man: in verbuhlten Liedern, verzerrten Moden, Wucher und Schiebertum, Sinnentaumel tollster Art„aus Verzweiflung“, wie man es beschönigt. Oder wollen wir es nicht lieber wieder mit Wilhelm Raabe halten, der nach
dem Kriege 1870/71 seinem Volke mahnend zurief: „Der Grund ist unser, es schlafen darin Die toten Väter von Anbeginn;— Aus der Helden Asche soll steigen das Haus. Ans Werk, ans Werk! o haltet aus— Ans Werk, ans Werk!“
Oberhessisches volksleben vor 60 Jahren. Von einem Siebzigjährigen.
Vor 60 Jahren stellten, insbesondere auf dem Lande, die Menschen nicht so hohe An⸗ sprüche an das Leben wie heute. Die herr⸗ schenden Sitten und Gebräuche waren sehr viel einfacher, die Menschen bescheidener und anspruchsloser. Der Verdienst war kärglich und reichte knapp zum Lebensunterhalte, trotzdem herrschte Zufriedenheit. Auf dem Lande kamen um 9 Uhr morgens die Orts⸗ bewohner eine Viertelstunde im Gemeinde⸗ haus zusammen, wo ein Glas Schnaps auf den Tisch kam, der zum Trinken herum⸗ gegeben wurde; hierbei unterhielt man sich über die Landwirtschaft. Schön war es im Sommer mitanzusehen, wenn sich abends um 8 Uhr die Männer vor dem Hause des Bürgermeisters einfanden und aus dem Zim⸗ mer Stühle herausholten, wobei dann die Zeitung gelesen und Unterhaltung geführt wurde. Dies dauerte bis 9 Uhr, bis zum Nachtläuten. Einer nach dem andern stand dann auf, brachte seinen Stuhl zurück und begab sich nach Hause. Die Feldarbeiten wurden fast alle mit der Hand verrichtet, wie Grasmähen, wo die Schnitter schon früh um 4 Uhr anfingen, ferner Getreideschnitt und das Ausdreschen von Getreide, wo im Winter des Morgens bei der Laterne schon angefangen wurde und woran die Söhne und Töchter sich beteiligten. Diese Arbeiten wer⸗ den jetzt mit Maschinen vorzenommen. Die Mädchen und Burschen kamen abends und auch des Sonntags in den Spinnstuben zusammen, um die langen Winterabende zusammen zu verleben. Die Spinnstube wurde abwechselnd in einem und dem andern Hause abgehalten. Die Mädchen spannen und sangen gemeinsam mit den Burschen Volks⸗ lieder oder erzählten sich allerei Geschichten. Die jungen Lehrer auf dem Lande kamen am Sonntag aus der Umgegend zusammen, unterhielten sich, spielten Karten oger vev⸗ gnügten sich auf der Kegelbahn. Auch kam es in vorgerückter Stimmung einmal vor, daß


