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Sonntagsgruß

Gemeindeblatt für die evangelische Kirchengemeinde Gießen

Nr. 28

Gießen, 4. S. n. Trinitatis, den 9. Juli 1922

IJ. Jahrg.

Kn unsere Leser!

Die immer mehr gesunkene Kaufkraft unseres Geldes, sowie die durch die Tages⸗ presse allgemein bekannt gewordene Ver⸗ teuerung der Zeitschriften und Zeitungen. machen auch eine Bezugspreiserhöhung für den Sonntagsgruß notwendig. Vom 1. Juli ab werden vierteljährlich 3 Mark erhoben. Wir hoffen, daß unsere Leser dieser nach Lage der Verhältnisse äußerst bescheidenen Erhöhung zustimmen werden und weiterhin treu zum Sonntagsgruß stehen.

Verlag und Schriftleitung.

vom Bibellesen. Evang. Joh. 5, 39. Suchet in der Schrift; denn ihr meinet, ihr habt das ewige

zeuget.

In früherer Zeit ist die Bibel unstreitig viel mehr gelesen worden als jetzt. Damals war sie ein Volksbuch im besten Sinne des Wortes. Hunderttausende lasen außer dem Kalender in ihrem Leben nie ein anderes Buch als die Bibel, sie lasen sie an den Sonntagnachmittagen, an denen die Arbeit ruhte und die Seele stille war, und sie schöpften aus ihr Kraft und Trost. Sie lasen nicht, wie das viele Bibelleser in der Gegen⸗ wart tun, hier und da eine Stelle, bald einen Psalm, bald ein Kapitel aus dem Neuen Testament, sondern sie lasen die heilige Schrift von Anfang bis zu Ende, von dem Kapitel, das von der Erschaffung der Welt redet, bis zu der Schilderung der Stadt mit den goldenen Gassen. Diese Alten waren bibelfest, sie kannten das Buch der Bücher und wußten, mit ihm umzugehen.

Leider wird die Bibel heute nicht mehr so angelegentlich gelesen wie früher. Das liegt daran, daß die Menschen so viel anderes zu lesen haben: Zeitungen, Schriften politischer Art, Erzählungen, Romane, wissenschaftliche Werke. Vor dem Kriege konnte man die wert⸗ vollsten Bücher, namentlich Bücher älterer Art, zu billigen Preisen bekommen. Es gab sehr viele verdienstvolle Unternehmungen, die die besten Erzeugnisse der Weltliteratur zu fast unglaublich niedrigen Preisen in den Handel brachten. Diese Zeit ist vorbei, auch im Buchhandel nehmen die Preise immer mehr eine Gestaltung an, daß am Ende nur

Leben in ihr, und sie ist es, die von mir

noch der Bücher kaufen kann, der großen Geschäftsgewinn macht. Das ist ungeheuer schädigend für die Kultur. Vielleicht aber führt auch dieser Uebelstand zum Guten. Maucher, dem es an guten Büchern mangelt, greift jetzt zu seiner Bibel und vertieft sich in sie. Das ist in unserer unruhigen, wild⸗ bewegten, schrecklichen Zeit besonders heil⸗ sam. Wenn die Menschen unserer Zeit die Bibel lesen, so werden sie ruhiger, fried⸗ licher, glücklicher werden, und das Buch der Bücher wird sie auf den Weg zum ewigen Leben führen. H. B.

Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen.

37. Der Gießener Bub vor 50 Jahren. Von Louis Frech.

(Fortsetzung.) g

Die Spieler liefen also der Kutte nach und hieben auf diese los, was das Zeug hielt. Die Löcher lagen verlassen da, mußten aber stets im Auge behalten werden, denn wenn es dem Treiber einfiel, die Kutte im Stich zu lassen, nach den Löchern zu laufen und seinen Stock in eins derselben zu stecken, dann war er die Treiberei los und ein anderer kam an die Reihe. Selbstverständ⸗ lich stürmten, sobald der Treiber nach dem Spielkreis lief, alle anderen ebenfalls dahin, um sich ein Loch zu sichern. Einer mußte aber auch da übrig bleiben, und der wurde dann des Treiber. Gelang es diesem, die Kutte in das Mittelloch zu bringen und dreimal das Sprüchlein zu sprechen, so war das Spiel aus. Es war nicht zu ver⸗ meiden, daß in der Hitze des Gefechts auch einer der Spieler einmal eine ausgewischt bekam, namentlich hatte der Treiber einen schweren Stand. Er mußte fortwährend darauf bedacht sein, seine Füße in Sicher⸗ heit zu bringen. Außerdem war er der ein⸗ zige Verteidiger gegen eine ganze Anzahl Angreifer, und es gehörte schon eine große Gewandtheit dazu, die Kutte nur in die Nähe des Spielkreises zu bringen. Wie beim Fußballspiel, sauste die ganze Gesellschaft auf dem Platz herum, und das Geknatter der niederprasselnden Stöcke erscholl in diesem Augenblick vor der Pelikan-Apotheke, im anderen vor der Kaplansgasse. Es liegt in der Natur der Sache, daß bei einem so ungestümen Spiel auf die Passanten nicht viel Rücksicht genommen werden konnte. Wie die Furien hinter ihrem Opfer, so

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