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ö 118 Geschichten und Bilder aus Alt⸗Gießen. che

30. Der Gießener Bub aus dem vorigen Jahrhundert und was mit ihm zusammenhängt. Von Louis Frech. (Fortsetzung.)

Für Obst zeigte der Gießener Bub ein ausgeprägtes Interesse. Es fanden daher im Herbst des öfteren Inspektionsgänge in die Gärten statt, d. h. in solche, die keine Einfriedigung besaßen, oder nach den. Chausseen, die mit Obstbäumen bepflanzt waren. Was an reifen Früchten am Boden lag, nahm man mit; das war erlaubt. Ich erinnere mich, daß damals nach einem nächt⸗ lichen Sturme der Feldschütz uns Jungen sogar aufforderte, mit einem Kinderwagen nach der Klein-Lindener Chaussee zu fahren und die heruntergefallenen Aepfel zu holen, was wir uns natürlich nicht zweimal sagen ließen. Im Handumdrehen war das Jahr⸗ zeug beschafft. Einige setzten sich hinein, und die anderen wurden vorgespannt, und mit Hussa ging's den Seltersweg und die Frankfurter Straße hinauf.

Bei einem der infolge des Appetits nach frischem Obst unternommenen Gänge, dies⸗ mal nach der Luthereiche, fanden wir den Hüter der Gärten und Felder, den Flur⸗ schützen Völker, unter einem Apfelbaume auf dem Boden sitzend, in tiefem Schlafe vor. Die Müdigkeit, der Sonnenbrand und was sonst noch, hatten ihn übermannt. Er lehnte mit dem Rücken an den Baumstamm, und der Kopf hing auf der Brust. Die verwitterte grüne Mütze und die Pfeife lagen neben dem Schläfer im Gras, die Hände hatte er über seinen Stock gefaltet. Unser Entschluß, ein⸗ mal nach den Aepfeln bei der Luthereiche zu sehen, war auf dem Elefantenplätzchen ge⸗ faßt worden, woselbst wir, jeder mit einem Seilchen ausgerüstet, an dem bereits mehr⸗ fach erwähnten Mauerüberrest des abgebro⸗ chenen alten SchlachthofesFeuerwehr ge⸗ spielt hatten. Die Seilchen stammten vom Kaufmann Bieler, dessen Zuckerhüte damit umwunden waren, damit das blaue Papier. welches diese umgab, einen Halt hatte. Wir hätten uns nun Ungestört die herumliegenden Aepfel auflesen können, aber dem, bei den Buben in keinem guten Geruch stehenden Feldschützen mußte ein Schabernack gespielt werden. Wir banden unsere Seilchen eins an das andere, so daß eine lange Leine ent⸗ stand und wickelten diese zu einem Knäuel zusammen. Das Ende wurde an ein in der Nähe stehendes Bäumchen befestigt, dann schlich einer mit dem Knäuel vorsichtig und in respektvoller Entfernung um den friedlich und hörbar Schlummernden herum, ihn und den Baumstamm lose einwickelnd. Die ganze Ge⸗ sellschaft sah aus der Nähe dem gewagten Treiben zu und platzte bald vor Vergnügen. Das ganze Seil gelangte zur Verwendung. Das Ende wurde dann an das gleiche Bäum⸗

a* n gebunden, an welchem das andere Ende befestigt war. Nun zogen sich die Jungen auf einige Entfernung zurück und warfen mit Aepfeln nach dem Angebundenen, der an⸗ fangs schlaftrunken auf die Geschosse nicht besonders reagierte. Erst als diese salven⸗ weise auf ihn prasselten, sperrte er erschrocken die Augen auf und sah die Bescherung. Er riß und zerrte an seinen Fesseln, aber sie hielten stand. Da zog er das Messer heraus und fing zu säbeln an, was aber, da er min⸗ destens zwanzigmal schneiden mußte, bis er Luft bekam, nicht so rasch von dem gewünsch⸗ ten Erfolg begleitet war. Dabei fluchte und drohte er. Wir sahen so lange zu, als es rät⸗ lich schien, schnitten Fratzen und streckten die Zunge heraus. Aber nun war es Zeit, daß wir uns aus den Aesten machten. Wir liefen, als ob der Leibhaftige hinter uns her wäre, der kleine Feldschütz 50 Meter hinterdrein; er warf seine Beine durcheinander wie ein Jongleur und rief uns drohend zu, stehen zu bleiben, sonst gehe es uns schlecht. Aber damit kam er gerade bei uns an die rechten; so verbohrt waren wir nun doch nicht, einer sol⸗ chen Aufforderung Folge zu leisten und so sausten wir die Grünberger Straße hinunter. Die Leute blieben stehen und lachten Schließ⸗ lich warf unser Verfolger seinen Stock noch nach uns, und das war unsere Rettung. Einer hob ihn schnell auf und schleuderte ihn über die Böschung auf, die Wiesen hinunter, so weit er konnte. Völker brach seinen Lauf ab und holte sich seinen Stock wieder, denn die⸗ sen konnte er nicht entbehren. Wir brauchten nun nicht mehr zu laufen. Wir gingen daher im Schritt weiter und gaben dabei unserer Freude Ausdruck, so fein durchgekommen zu sein, denn mit Völker war nicht gut Kirschen essen. Er hätte uns gehörig verprügelt, wenn wir ihm in die Hände gefallen wären. Da, wo sich jetzt der Ludwigsplatz befindet, machten wir Halt und warteten, bis er wieder, weit unten, die Böschung heraufgekrochen und auf der Chaussee erschienen war. Er drohte noch einmal mit geschwungenem Stock, wir ant⸗ worteten mit einem höhnischen Geheul, mach⸗ ten uns aber nun doch so schnell wie möglich unsichtbar. Von Folgen war dieses Erlebnis glücklicherweise nicht begleitet. Mit dieser kleinen Episode bin ich den Er⸗

eignissen etwas vorausgeeilt, denn sie fiel in eine etwas spätere Zeit. Das gleiche gilt auch von dem folgenden Erlebnis:

Eines Nachmittags begegnete ich den um einige Jahre älteren Gießener Jungen E. N. und Chr. V. auf dem Wege, welcher nach der Lahn führt und an dessen Ende heute sich das Elektrizitätswerk befindet. Sie kamen vom Baden und waren damit beschäftigt, sich von einem in der Gartenhecke stehenden nicht sehr dicken, aber ziemlich hohen Birn⸗ baum durch Steinwürfe Birnen herunter⸗ zuholen, aber ohne greifbaren Erfolg. Da kam ich in Sicht.Du, sagte N. zu mir, du kannst emal auf den Baum klettern und