Nummer 253 Mittwoch, den 28. (Oktober 1914.
7. Ilchrgarift
Di- ,.Vc«c ^agr»>ritu»g« erscheint ,eden W-rttag. Regelmäßige Beilagen „Ser Bauer au» „öir Spi„»S„t>r'. K,,ugo>,rci,: Be, den % oitJitftalteii nierielid')t!irt) 4JH • 1
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Fortschritte in Flandern.
Französische Verlnfte vor Toni, — lieber Ib bbb Rusien gefangen. — Die Stimmung in Amerika.
1VTB. Großes Hauptquartier, 27. Okt. vormittags.
Tic Kämpfe am Bs"-Apreskanalab- fchnitt, vei Upern und südwestlich Litte werden mit gleicher Hartnäckigkeit sortgc seht. Tie deutschen Truppen haben auch gestern Fortschritte gemacht.
Auf den übrigen Teilen der Kampffront im Weste» haben stch wesentliche Ereignisse nicht ingetragrn.
Westlich Angnstow ist der Angriff der Deutschen im langsamen Fortschrcitrn.
Dndwcsttich Warschau sind alle Angriffe starker rnlfischer Kräfte von unseren Truppen rnrückgewiesen worden.
Nördlich Ivaugorod haben neue russische Armeekorps die Weichsel überschritten.
Der österreichische Generalftab Meldet: - T
Wien, 26. Oft. (W. B. Nichtamtlich). Amtlich wirb ocilaulücrt: I» de» Kämpfe« vor Jivangoroü machten wir bisher 8996 Nu gen z» Eesangenen und erbeuteten 19 Maschinengewehre, 2Iächsl Jaroslaw muhten sich ein russischer Oberst . «gg Man» ergebe». Be> Zalucze (südwestlich Sniatnyj - - des Pasienieza (südwestlich Nodworna) wurde der Feind iückzcwo je». Tie Lag« in, Großen ist unverändert.
D:r Stclloertretcr des Chess des Eeneralstabs: v. Hijscr, Generalmajor.
(W. T.'B.) Wien, 27. Lktbr. 19t,. sAm-.lich). Dec Lituation in Mittelgali- ;icti ist unverändert. Südwestlich Awango- rov stehen unsere mutigen Korps, von «ycic. n eins allein 10 000 Gefangene machte im Kampfe gegen überlegene Kräfte.
"'s Ztiüiilillilg in den btttttlisiitil Staaten.
G,;i recht interessanter Bries von einem guten Kenner amerrlanischer Verhältnisse, der sich mit dem Verhalten Ser maßgebenden Poistikcr in der amerikanischen Union und der Stimmung des Voiles bejchästigt, wird uns zur Versugung ge stellt. Der Pries ist aus Altadcna Calis vom 36. September datiert ». d tautet;
Wir Deutschen hier in den Vereinigten Staaten nehmen rll,K»:c»i. soweit ich Gelegenheit habe zu beobachten, den Krieg ebenso ernst und patriotisch als es das Voll im Fahre I-./6 »ahm, und ich glaube fast, wir machen uns mehr Sorgen über den Fortgang desselben als das Volk in Deutschland selbst.
Soweit das amerikanische Publikum in Betracht kommt, so .st cs wohl verlorene Liebesmühe durch Verbreitung von Ar- tilcln den Versuch zu machen, desicn Sympathie zu bclommen Doch vielleicht machen die Artikel etwas Eindruck, aber es ist schwer. Leute zu überzeugen, die nicht überzeugt sein wollen, und ich halte den Versuch für kaum der Mühe wert. Es sind Amerikaner hier, die ausgesprochen aus Seite der Deutschen teben und sic zähle» zu den beste» des Volkes, aber sie sind 11 : verschwindender Minderzahl und gehören nicht zu der Klasie oer Politiker, der Klosic, die in einer Republik regiert.
Die graste Masse hat weder Interesse »och Verständnis der Verhältnisse, und die sogenannte „össenlliche Meinung", in alte» Fällen internationaler Art, wird von der Zeitung cr,eugt. D,e Presse hier >'t ein Eeschäslsunternehmen, das so ziemlich ,n den Händen des Grostkapitals ist, und Geschästsinteresicn bestimmen so ziemlich ganz und gar, was sie drucken oder nicht drucken Das mcrkiaiirdige dabei ist, dast, obwohl das Pub- likum den ganze» Schwindel kennt, es sich trotzdem an der Rate berunriichrcn laßt; man hört jeden Tag die Bemerkung i>ast man nichts glauben fann, was die Zeitungen jagen, und n Wirtlichkeit wird auch hier die Presse nicht so ernst genommen, ais in Europa, aber wie gesagt, in rnternationalen Froren hol sic doch den Einslust, weil das Publilum weder das Interesse »och die Fähiglcit hat, sich ein wirtliches Urteil zu Julccu.
Ich glaube, man legt in Deutschland der sogenannten os scnllichcn Meinung ein viel zu grostcs Gewicht bei; ich bi» schon längst durch Erfahrung zu der Uebcrzeuguug gekommen, dast die össenlliche Meinung, und die Regierung hier cbensalls in internationale» Frage» stets unsehlbar aus der verkehr len Seite steht, und osfc» gestanden, ich wäre viel mehr um Deutschland besorgt, als ich cs setzt bin, wenn das Volk hier von Anfang aus oer Seite Deutschlands gestanden hätte.
Sehr bedauernswert ist allerdings, Lost die amerikanische Regierung so mit Blindheit geschlagen ist, daß sie nicht sieht, dast Deutschland gleichzeitig mit seinen eigenen, auch sür die allcrwichtigslen Interessen der Bereinigten Staaten kämpft »ad die aktive Unterstützung der letzteren haben sollte. Möglicherweise sehen sie cs rin, aber sind zu seigc, wie Männer zu Handel», sie nennen dies Friedensliebe und besürwortcn ausgesprochenen Frieden »in jeden Preis, ohne aber zu wisse», dast gerade diese Politik am Ende zu dem schwersten Krieg und zur Vcrnichsung sührcn must.
Zn letzter Analyse gibt cs sür die Politiker hier, vom Prä sidenlc» herunter, eigentlich nur eine Frage; Wie bringen wir es cm besten fertig, wieder gewählt zu werden, so dast wir un serc Stelle, Uiisercn Gehalt und unseren Einsluh und was da mit zusammenhängt, weiter behalten. Alles andere ist Reben jache.
In all' dem, was ich hier sage, übertreibe ich nicht; gerade die heutige Lage licsert dafür den Beweis; Während des russisch-japanischen Krieges war die Lsseniliche Meinung der Vereinigte» Staaten jubelad^aus der Seite der Japanese», sie waren „thc cuning little brawn pcoplc" und die wenige» Weitsichtigen unter den Amerikanern, die die spätere Gesahr sahen, wurden zu Gespött der 'Ration. Als »ach dem Krieg „ihc cunning little brown people" den Vereinigten Staaten zu verstehen gaben, dast die letztere» von nun on »ach Japans Pseisc» zu tanzen hätten, wußte man anfangs nicht, was man daraus machen sollte, dann kriegte man zuerst eine solche Zu dcnangst, dast man seitdem Japan hier mehr iiirchtete, als die ganze übrige Welt zusammen. Wenn heute die Amerikaner etwas zu Hause tun, was den Japanesen nicht gesällt, obwohl
sic kein Rcchthaben, sich darüber einzumischcn, so p.....die
Amerikaner in die Hosen, sobald Japan den Kops schüttelt — und zur Ctrase müsien sie dann Japans Hinterteil kiisicn, was sie aucki jedesmal prompt tun. Cie tun dies natürlich in Begleitung von Phrasen, die dem Kind anscheinend einen anderen Namen geben, aber die Tatsache ist dieselbe Die „össenlliche Meinung" in Bezug auf Japan hier ist jetzt derart, dast cs nicht einmal ein Straßenjunge wagen dürje, einem Japanesen hier das Fenster cinzuwerfen, aus Furcht, dast dies sosort zum Krieg sührcn würde. Ich glaube, dies dürste ein Wink sür Deutschland sür die Zukunst sein, Deutschland war immer viel z» anständig gegen die Vereinigten Staaten und wurde gerade deshalb mistoerstandcn.
Hierin können wir auch oo» den Engländer» lernen; sie kommen nach den Japanesen tu Respekt, den ihnen die Vereinigten Staaten e: gugen. Dabei hat England stets gegen di.- Jnteieücn de: Vereinigten Staate» gearbeitet und gerade jetzt wehr als je Die Furcht der Amerikaner, dast die Japanesen Absichten aus Mexiko bätkcn, war wohl einer der Hauptgründe der wahnsinnigen Politik der Vereinigte» Slooten, nach wel- chcr sie Huertas Regierung stürzten und die lchtimmstcn Räuber und Mordbrenner zu den Herrschern Mexikos machten. Das Ergebnis ist natürlich jetzt die surchtbarstc Anarchie in der Weltgeschichte und Washington steht ihr hilslos gegenüber, lind diese gräßliche Polilil duribzusührc», bedurften die Vereinigten Staate» die Einwilligung Englands; Englands Einslust sollte Japan bestimmen, sich nicht einzuinischen.
Englands Hauptbestrcben ist aber so ziemlich dasselbe gegenüber der Vereinigten Staaten, wie gegen Deutschland, und die Vereinigten Staate» müsien verhindert werden, ihre Handelsslotte und ihre überseeischen Eeschäsie in Jndustrieer- zcuznisjen soweit zu vergrößern, dast sie England unbequem werde» könnten. D,c Engländer haben dies den Amerikanern gegenüber auch stets fertig gebracht und die Kurzsichtigkeit der ainerilanischen Politiker hat ihnen dabei geholse».
Ais den Amerikanern endlich ein Licht ausging, und.sie sich seiner Zeit entschlossen, den Panama-Kanal auszubäuen als Schutz gegen Japan und für die Handelsintcresicn der Vereinigten Staaten, versuchten die Engländer ihr bestes, dies zu hmtcrlreibcn, konnte» es aber nicht gut essen tun. Roch weniger pastte cs den Engländern, dast dann die Amerikaner vor zirka 2 Jahren ein Gesetz machten, wonach die amerikanischen Schisse, die Waren -von der Ostkiiste der Vereinigten Staaten nach oer Westküste der u. S. bringen, srei von Gebühren durch den Renal gehen können; die Vereinigten Staaken wollten damit natürlich ihrer Handelsmarine aus die Beine hc.'sen und da der Kanal aus Kosten der Vereinigten Staaten gebaut -.st. so ist wohl kaum etwas dagegen cinzuwendcn, besonders da nach
einem schon längs, lxisticrcnden Gesetz nur amerikanische Schisse Kvisihcu amerikanischen Häsen Fracht und Passagiere bcsördern diirje»; amerikanische Schis,e, die nach dem Ausland gehen, iiiiijfcii dieselben Kanalgebiihreu bezahle» wie die sremdea
Schisse.
Als cs nun letztes Frühiahr nift der mexikauischen Situation durch Englands Mithiise am kritischsten war, stellte England die Forderung an die Bereinigten Staaten, dast das obiga Gcsetz zu Gunsten der amerilanischen Schisse sosort widerrufen werden müstie. Ein Teil der Presse schrie dann, dast Amerika sich hierzu von England nicht zwingen lasten dürse und drohte, dast die Politiker die im Koiigresie sür England stimmten, nicht wieder gewählt weiden würden.
Die Vorlage wurde im Kongreß hin- >„,d hergezogen, bis eines Tages Präsident Wilsoi, persönlich vor dem versammelten Kongreß mit einer Botschaft klschie», die er selbst verlas und ii> der er sagte, die Abgeordnclei, sollten sich nicht darüber sirci len, ob Englands Verlangen gerechtfertigt sei oder nicht. Der Kongreß müsse tun, was England verlange, oder der Präsident wisse iich leinen Rat, war zu «UN in der auswärtigen Politil, da ihn z. Zt. viel wichtigere und ernstere Fragen beschäftigten. Was diese Fragen warei,, saglc er nicht und hat bis heute noch nicht gesagt.
Dcr Kongreß unnuliertc dann prompt bas Gesetz, das er war zwei Jahren gemacht hatte. Könnten Sie sich grösterc Angsthasen denke»? 'Aber es iamint noch viel dicker; Als Japan Krieg gegen Deutschland crtlärtc, zwang Japan Amerika, sich datnit einverstanden zu erklären, die Erklärung selbst an Teulschlaiid zu übermitteln, unter dem Vorwand, dast leine direkte Linie zwischen Japan nnd Deutschland in Betrieb ,e,. Und Präsident Wilio» tat dies, obwohl er doch wisicn mußte, dast er damit das Schicksal der Vereinigten Staaten besiegelte, soweit deren Mach! und Einsluß aus dem Stille» Ozean und in, Orient i» Betracht kommt; tatsächlich gab er damit Japan die Oberherrschaft gegenüber den Vereinigten Staaten.
Aber selbst dieses ist noch nicht olles; Als nach dem Ausbruch des Krieges aus Mangel von amerikanischen Schissen dir Aussuln stockte, hielt ganz richlig das Publikum und auch Präsident Wilson dies sür eine gut.' Gelegenheit, eine amerikanische Handelsslotte ins Lebe» zu rusen durch Auskauf von deuische» usw, Schissen, die untätig in den Vereinigten Staate» liege» und zum Verlaus angebotcn sind. Präsident Wilson war Feuer und Flamme sür das Projekt und befürwortete den entsprechenden Ecsetzoorlag auss ctfrigfte — bis er plötzlich den Befehl gab, das ganze Projelt mäste sosort unterdriickr werben aus Wunsch Englands!!
Ich schreibe Ihnen dies »iir, um zu zeigen, wie wenig Tculschland von Amerika zu erwarten hat und wie es Nicht viel daraus ankommt, wie die sogenannte „össenlliche Meinung" hier gesonnen ist. Dcr Untertan in säst allen Zeitungen st« gegen Deutschland und was die deutsch-amerikanischen Zeuun- gen sagen, wird meist ignoriert Wir werden von de» anlcri- lanischen Zeitungen seit Anfang des Krieges jeden Tag ni't Rachrichlen non deutschen und österreichischen Niederlagen in Fraulreich und Rastland gefüttert; daß dir Deutschen trotz all' dcr Niederlagen bis nahe an Paris oorgcdrungcn sind, wurde bis letzt nicht ern-ihut.
Trotzdem man iveist, daß die Nachrichten über London uiid Paris komme», wirb einen, doch manchmal das Herz schwer, besonders in den letzten zwei Wochen, wo wir absolut nicht» positives aus Deutschland hörte»; die wenigen Nachrichten, Sie angeblich von Berftn kommen, sind alle negativ, indem sic mir t,c angeblichen Siege der Franzosen leugnen und alle Kämpse als i.i,c»tscheidende Engagenients bezeichnen. Gestern unb heule sagen die Zeitungen sogar, baß dcr ganze deutsche Flügel unter von Ktuck und von Böhm in panischer Flucht begrftsen sei, nachdem von Kluck angebotcn hätte, sich und seine Armee cv er.; i n. General Jossre aber hätte sich geweigert, die Urbcrgabe anzunehmcn, da von Kluck Bedingungen damit ver- knüpsl hätte. Wer.» die Geschichte nicht so dick ausgetragen wäre, lönntc man säst glauben, daß ein bißchen Wahres zu Grunde liegen miiste. Co glaube ich, daß die Deutschen in den letzten Wochen einen sehr hart,'» Standpunll gehabt haben möglicherweise auch stellenweise gegen zu große Ueberwacht etwas »achgcben mußten, sogar eine Niederlage wäre i» diesem Krieg nichts Uebcrrasihendes. Aber ich setze all' mein Ber- traiicr. ans den entscheidenden Sieg Deutschlaiids, obwohl er natürlich viel silrrcrer zu erringen sein wird, als in 1676.
D>c Engländer setzen ihre Hossnung daraus, dast der Krieg Jahre lang dauern wird; sic rechnen wohl, daß dies die co.i- tincntolcn Ma-bte jo erschöpjen würde, dast England >ür Eene rationen die absolute Oberhand hätte, ohne selbst viele 0p)e: gebrackst zu baden. Aber ich glaube, dag gerade darin die ren eine» noch größ-ren Fehler machen als in dcr Schatzung ihrer eigenen Kriegsstärke und der Rußlands,
Enal and g'.avdie, dost mit de.". Lchmlege» der »eulschen


