Beilage zur „Neuen Tageszeitung".
llt. 23S
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Samstag, den 10. Oktober 1914.
7\ Zalsrgnng
Sriegsaadacht.
Icrt; !pebt. 13,14: „Mr habe» liier feine bleibende
Stabt, sondern die zukünftige suchen wir." '
Wer hat diese-?- Wort geschrieben? — Wir Willen cs nicht. Wir kennen den Mann nicht, der die Herzenssaiten der Leser seines Brieses ans „Ewigkeit" stimmte. Der Verfasser deS Hebräerbriefes ist uns nicht bekannt, aber wir können diesem Gottesmann ins Herz schauen. In seinem an die Hebräer d. i. an die Judenchristen gerichteten Briese stellt er den Hohenpriester des Neuen Testaments dem Hohenpriester des Alten Bundes gegenüber und zeigt Jesu Einzigartigkeit und Herrlichkeit. „Wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte Mitleiden haben mit unseren Schwachheiten, sondern der versucht ist allenthalben gleich joic wir, doch ohne Sunde. Darum lasset uns hinzutreten mit Freudigkeit zum dem Gnadenstuhl, ans baf; wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden auf die Zeit, wenn uns Hilfe not sein wird."
Im 13. Verse ermahnt der Verfasser seine Leser: So lasset uns nun fwenn wir Glieder des Neuen Testaments sein und bleiben Wollen] zu ihm hinausgehen snrch dem] anher dem Lager lJsraels befindlichen Golgatha, wo des Ehristeu Altar steht] und seine Schmach tragen (d. h. alle Anfeindungen um Christi willen geduldig tragen). — Dann •alirt er fort: Wir haben hier sals Gäste und Fremdlinge] keine bleibende Stadt sdaß wir durchc.us unser Glück und .Heil in dem irdischen Jerusalem finden sollten], sondern sie zukünftige ]dcs himmlischen Jerusalems] fliehen wir.
Wir haben hier keine bleibende Stadt. An manchem Grabe wird dieses Wort der Trauerversammlnng als Troit und Mahnung zugernfen. Auch an jedem Totenfest klingt b\ie ernste Melodie durch GotteSwort u. Gotteslied. „Ich bin ein Galt' ans Erden und Hab hier keinen Stand: der Himmel soll mir werden, da ist mein Vaterland". Hier sind wir aus der Wanderung, droben am Ziel. Die Erde ist die Tremde. der Himmel — die Heimat.
Heimat! Welch ein köstlickie? Wort! Taufende Erinne- .nngen Ircckt ec- in uns und zaubert liebliche Bilder ans dir Kindheit vor unsere Seele. Ein Lied sagt so schön: Wi»n du noch eine Mutter hast, so bonfe Gott und sei zufrieden! Wir löuncn auch sagen: Wenn dn noch eine Heimat hast, so danke Gott und sei zufrieden! Unsere Soldaten fühlen e.- i» Feindesland ganz besonders, was es heißt, fern von der Heimat zn sein, ans beschwerlichen Märschen, in todbringenden Schlachten, im Lande derer, die sie hassen, filmen nach dem Lebe» siehe». — Wie viele sehen die Hei- iiiat nicht wieder, die Stätte, wo ihre Wiege stand, wo sie Y. re Kindheit verbrachten, liebe Menschen für sie sorgten nnd sich nnn um sie sorgen. Unserer Soldaten Gedanken c'-f-n täglich in die Heimat; »nd wie freuen sie sich ans die .Heimat' Wie sehne» sie nnd wir den Tag berbei, da die F> ied?nsglocken läuten nnd die Tapferen heinifehren dürfen zn ihren Lieben.
Wenn dn noch eine Heimat hast, so danke Gott nnd sei zn',jeden! Wir denken an unsere Brüder lind Schwester, in Ostpreußen, die nnjägliches zn erdulden hatten. Viele mußten rasch die Heimat verlassen »nd retteten nichts als da? Leben. Viele von denen, die znrückbleiben mußten, wurden hingemordet oder gräßlich verstümmelt, lind als die dem Tode Entronnenen in ihre Heimat znrückkehrten, iva? miißten (re iclieii? — Trüinmerstätten nnd Schntt- 'ia»feii, die Spuren, welche jene Barbaren hinterließeu, die - obwobl sie sich Clnisien nennen — auf einer Stufe stellen mit den heidnischen Völkern, welche Greuel verüben, die z»m Himmel schreie» »nd Sühne erheischen.
Im Elsaß haben die Franzosen, wenn auch nur kurze Zeit, furchtbar gebanst, nicht nur die Hausgeräte zertrüm- ’nert. Honler zerstört, sondern auch an verschiedenen Orte» Geiseln mitgenommen. — Ich will nicht schildern, wie e-5 i'ns ergangen wäre, wenn diese Horden ans dem Osten und Westen unsere Heimat Überflutet hätte». Herr, wende von unseren Grenzen die Gefahren, die uns drohen »nd halte deine schühende Hand über liniere gesegneten Fluren, über unsere blühenden Dörfer und Städte!
Wenn dn noch eine Hcimat hast, so danke Gott und sei zufrieden! Die Helgoländer haben ihre Heimat auch verlassen .mässe». AIS am Abend des 3l. Juli die Nachricht kein, daß der Kriegszustand in Deutschland verhängt worden Wäre, eilte die Kunde durch Helgoland: Alles hat sich zur Abfahrt bereit zn halten! Mit Ernst wurde diese Botschaft ausgenommen. Sofort schloß man die Läden. In den -Häusern brannte da? Licht bis tief in die Nacht hinein. Die Bewohner Helgoland; packten ihre Habseligkeiten zn- lammen, die sie initnehmen wollten. Am Samstag, den 1. August, kam das Telegramin: Mobilmachung! Man hörte keine Klage, man trug da-:- Ilnvermeidliche. Mit Säcken illid Nissen, mit Kofsern und Kasten eilte alles zur Brücke. DaS Sililsf legte an. Zuerst wurden die Kranken ans Bahre» in? Schilf getragen. Tann kamen die anderen. Niemand kannte da? Ziel der Reise ..Ade, liebe Heimat! Ob wir sie wiederseben!" — Di: Fuhrt ging nach Hamburg. An Hin St. Pauli Landilngslniicken wurden sie ausgeschisit, IK00 Männer und Frauen und Kinder. Sie weinten nicht. ■Sic preßten die Lippen znsainnien nnd tragen geduldig die Last, die aus ihren Schultern liegt. Ter Bürgermeister ton Helgoland oina durch die Reihe» und tröstete: „Helgoländer,
wir müssen uns darauf gefaßt machen, daß wir Wochen, vielleicht gar Monate unserer Heimat fern bleiben. Wir tvnnen uns aber trösten in dem Bewußtsein, daß für nns gesorgt ist nnd gesorgt wird." — Nun sind sie alle in Not- qnartieren bei den sreundlichen Bewohnern der Elbdörser.
Wenn du noch eine Heiniat hast, so danke Gott und sei zufrieden! Wir hoben eine Heimat, die von Feindesblind nicht angetastet ist. Unsere Felder haben reidien Erntesegen gebracht: unsere Familien sind versorgt und werden ver- sorgt. Not und Elend sind uns fern geblieben. Was wollen wir an jedem Morgen und Abend tun? — Gott aus der Tiefe unseres Herzen danken, daß wir eine Heimat haben, wo wir »ns vor den Feinden sicher fühlen, ein Hans, wo wir des Abends ohire Angst uns zum Schlninmer niederlegen und am Morgen an unsere Alltagsarbeit gehe» können. Wie hat Gott uns so reich gesegnet!
Das alles soll uns dankbar nnd zufrieden machen. Es gibt leider gar viele, die das alles für selbstverständlich halten, die Gott nicht danken für ihre Heimat, die sogar unzufrieden nnd verbittert sind. Wober kommt diese Stimmung? — Diese Menschen sind undankbar. Die Undankbaren haben keinen Frieden. Nur dankbare Mensch.-n sind glückliche nnd zufriedene Menschen.
Wenn du noch eine Heimat hast, so danke Gott ». sei zufrieden. Aber über dieser Heimat, die »ns lieb nnd >o:rt ist, dürfen wir die Heimat nicht vergessen, die unser Teil die „zukünftige" nennt. Dieses Men ist nur eine Vorbc- reitiing für jenes, diese Heimat mir ein schtvaches Abbild von der zn erhoffenden. Ter Hebräerbrief weist aus nie andere Heimat hin mit den Worten: „Es ist noch eine Ruhe verhanden dem Volke Gottes." Der Dichter sagt: „Die Heimat der Seele ist droben im Licht." Ans dem Streit und der Unruhe dieses Lebens sollen die Frommen zur vollkommenen Ruhe kommen, wenn sie Bürger des himmlischen Vaterhauses geworden sind. Deshalb mahnt der Verfasser des- Hebräerbriefes: „So lasset uns nnn Fleiß tun, einz»- koiniile» zn dieser Ruhe."
Mit dieser Mahnung will ich schließen. Unsere Heimat hienieden, unser liebes deutsches Vaterland, lieben wir bis zmn lebtenAtemzug. Wir danken Gott, daß er unsere Heimat bis heute gesegnet hat. Wir danken unseren braven Soldaten, daß sie ihr Leben einseben zum Schube unserer Heimat. Aus der Heimat senden wir Grüße und Liebesgaben in die Ferne; ans dieser Fremde gehen unsere Gebete zur Heimat droben: Vater, ich rufe dich' Besch ibe unsre Heiniat, beschirme unsre Soldaten, kröne ihre Waffen mit Sieg! Amen.
Pfarrer Z a h in amu Friedberg-Fauerbach.
Chronik« der Srieftsoeichichte.
2. Oktober.
Dos Furt von Anilvrrpr» Wnvrc St. Catherine und das Zlvischeinverk Dvrpweldt wurde erstürmt-
An verschiedene» Stellen der großen Schlachtlinie in Franlreicki werden Angrisse der Franzose» blutig zurückge schlagen, besonders bei der Festung Taut »nd auf dem nordwestliche» Flügel.
Südlich Rotze wurden die Franzosen ans ihren Siell- nnge» geworfen.
Der deutsche Kreuzer „Karlsruhe" hat sieben englische Han- delsschifse im Atlantischen Ozean oersenkt.
England landet indische Truppen i» Marseilte sllr die Verwendung aus de,» französischen Kriegsschauplatz.
3. Oktober.
Set Antwerpen sollen weiter: :I Forts (SÜerre, Waethein.
Koe»igsh->ei») »nd die Sa,zwischen liegende» FeHungswerk«. :!0 Geschütze erobert. Durch d > e entstandene Licke ist bereit der An griff aus die innere Foets- I > n i e möglich.
Van der Armee Hindeiiburg werden drs 3. sibirische und Teile des 22. russischen Armer- korps bei Auguftow <E o u o e r n e nt e » t 2 uwalki) geschlagen. lDie Russen hatten inzwischen ein neues Heer gesammelt uud rückten über den Riemen vor.) 3000 -besä n g e n e , eine Anzahl Geschütze und Maschinengewehre sind von den Deutschen erbeutet.
Vvm Kamps um Kianischan treffen Nachrichten -m, aß die Belagerung und Bestürmung van Japanern >tnd Eaglän- de:,' mit aller Kraft betrieben wird, daß unsere flehte Besatzung bisher heldenhaft standhält und daß die Feinde bereits große Verluste erlitten hätten.
Die Belgier haben durch Eranatfeuer die Knustbanien van Mechel», besonders auch die Kaihedrale beschädigt.
Der Kronprinz von Rumänien erklärt, er werde niemals' den rumänischen Tran besteigen, wenn die Treibereien der Nussenfreunde seinen Vater zum Rücktritt veranlagten.
4. Oktober.
Am reihten HeereSsliigel und in den Argonnen geht der Kamps erfolgreich vorwärts.
ö. Oktober.
Vor Antwerpen sind die Forts Ressel und Broechem zum schweigen gebracht. Die Stadl Lieree und das Eisenbahnfort a» der Bahn Mccheln-Antwerpen sind genommen.
Auf de n> rechten Flügel in Frankreich wurde» die Künipse erfolg reich fortgesetzt.
In Polen gewannen die gegen die Weichsel (an der russisch-österreichischen Grenze) vorgehenden deutschen Kralle Fühlung mit den russischen Truppen
Das fraiizostiche Kanonenboot „Zc-lc-e" ist von den deutschen Kreuzert, „Scharnhorst" und „Gneisen«»" vor Tahiti in den Grund gebohrt worden.
«. Oktober.
Bei den Kämpfen bei Tsingtau (Kiautschou) sind „ach einer Meldung aus Rotterdam die Fapaner und Engländer unter einem Verlust von 2500 Mann zurückgeschlagen worden. Die, Japaner warten Verstärkungen aus Zapa» ab.
Eine vergebliche Beschießung von Ca'.tar-, fadriatische Kllste) durch die srunzostsche Flotte hat -stattgesundeu. 3 Kau- zäsische Kreuzer sind beschädigt.
In Russisch-Polen sind feindliche Streitkrüste durch die ver einten Deutschen und Oestcrreicher aus der Linie Radom Ostro vlcz-Sandomir über die Weichsel zurückgewarfen. Etwa 3000 Gefangene, mehrere Geschütze, und Maschlueugewehre w-nd erbeutet.
7. Oktober.
Vorstöße der Franzose» in den Argonnen iitid au? Verdun wurden zuriickgeworfen. — Vor Aniweopen siet das Fort Broechem in unseren Besitz. Der Angriff ans die Festung hat den Fluß Nethe überschritten nnb nähert sich dem inneren Festiingsgürtel. Eine etiglische Brigade und Belgier wurden zwischen den äußeren und inneren Festnngs- gürtel zurückgeworfen. Vier schwere Batterie», 52 Feldgeschütze und viele Maschinengewehre, darunter auch enzliscl, fielen in unsere Hände. Die belgische Regierung hat Ant werpen verlassen. — Im Gouvernement Snwalki wurde ein Angriff der Russen abgewiesen, sie verloren dabei 2700 Gefangene und 0 Maschinengewehre. In Südpolen wurden in kleinen erfolgreichen Gefechten 4800 Gefangene gemacht. — Die in Maramaras (Obernngarn) eingebrochenen Russen wurden von den Oesterreichern vollständig geschlagen. — In Kamerun kämpfen deutsche Tritppen erfolgreich.
8. Oktober.
Bei St. Mihiel und in den Argottncn wurden kleine Fortschritte erzielt. — Vor Antwerpen ist das Fort Brc-en- donk genommen. Die Beschießung der Stadt Antwerpen Hai »m Mitternacht begonnen, nachdem der Kommandant der Fcstmig auf vorherige Ankündigung erklärt hat, daß ed bar Verantwortung Übernehme. In Anlwerpcn, dar allerorten brennt, herrscht die größte Verzweiflung und Kopflosigkeit. Der .König hat sich geflüchtet. 32 deiltsche Kandelsdampser die im Hafen lagen, wurden in die Lust gesprengt. — Eine russische Kolonne hat die oltprenßische Stadt Lyck erreicht.
!>. Oktober.
Am Vonnittag sind »irhrere Forts des iiineren Frs« nngsgürtcls erobert worden. SM», Nachmittag gelangte die Stadt Antmerpen in unsere,, Brsili. Die Besatzung hat sich zurückgezogen; ihre Verbindung nach drm Westen ist von den Deutschen bedroht.
Aus den dku!jchtll JlnMIiflnt.
Fiisanterie-Regimeni Re. 118, Gießen.
II. Bataillen»
Serinaize, Parguy vom 7. bis 10. 9. 11.
5. Kompagnie. Reservist Karl Marti», Leihgest.'r». Kreis Gieße» verw. — Musketier Philipp Vellmann-Wnidecken Kreis Hanau verw. — Reservist Friedrich Kübel-Herbstein. Kr. Lauierbach verw. — Musketier Heinrich Wetz Halzheim, fee!» Gießen verw. — Musketier Heinrich Viehinan»- Großen Li» den, Kreis Gießen, verw. - Reservist Justus Decker-Angenrod, Kreis Alsfeld verw. — llnterostiziei der Reserve Keil verw. Gefreiter Adam Barrm Heusenstamm, Kreis Lsfenbach vecm.
— Reservist Heinrich Schau,» Kirchgons, Kreis Friedberg verwundet. -- Reservist Wilhelm Port Ruppertsburg, Kr. Schot ten verm. — Musketier Wilhelm Kraft-Gießen verm.
7. Kompagnie. Leutnant der Reserve Ludwig Ricc- laus Gießen tat. — Unterossizier der Reserve Karl Steiiimil- le:-Lang-ck!Äis, Kreis Gießen tot. Reservist Heinr. Guter- cnuth Jtbeshauten. Kreis Lauterbach leicht verw. — Musketier Karl Süß Höchst a. M., leicht verw. — Unterossizier Karl Haas-Gießen leicht verw. — Unteroffizier Heinrich Ludwig Nidda, Kreis Büdingen verm. Reservist Karl Bruder Rad heim a. H., verm. - SKejervt Ernst Reitz Nieder Ohmen, Kr. Alsfeld, verm.
8. Kompagliie. Gefreiter Heinrich Karl Sames Darf Gill. Kreis Gießen, leicht verw. — Reservist Hermann Heuiel- Ol-bornhafen, Kreis Gießen, leicht verw. — Reservist Karl Hch. Müller II.-Herbstein, Kreis Lauterbgch, leicht serw. Reser rist Heinrich Uhl-U»terschmitten, Kreis Büdingen, leicht oeew.
— Reservist Hermann Rannner Obernhasen. Kreis Gießen, leicht verw. — (befreiter Hermann Schneider Bellersheim, Kr Gieße», schwer verw. — Reservist Karl Heinrich Borst Lind» heim, Kreis Büdingen, leichl verw.
Jiisauterie-Rcgimeni Nr. 88, Mai».; und Hanau. Reservist Heinrich Lust-Herbstem. Kreis Lauterback,, bisher vermißt, ist verwundet. — Muskete r Otto Brelhauer Gr.- Steinheim b. Hanau, bisher vermißl, ist verwundet.
Witiirilchk |)orbilDniigi drr ^ Miidlichkn.
Militärische Vorbildung der Jugendoclien. Ilm >e Wetirpfticktigen, soweit sie mit der Waffe an-, gebildet und. sind hinansgezogen vor den Feind. Mit unerhörter Heftig- rfeit tobt der Kanipf gegen Millionen erbitterter Gegner.


