*?r. 179 9itut Lageszettvng. Samstag, Den 1. Augujt 191f
Hoch- und Hurrarufe und patriotische Lieder antwor-/ lich da» Vertrauen durch dir inzwischrn betriebene Mobilisie- ieten dem Kaiser. Als kurz daraus die Majestäten im of«e- rang Rußlands getäuscht worden ist.
nen Automobil das Schloß verließen, wurden ihnen wiederum brausende Ovationen dargebracht.
Der Reichstag.
Berlin, 31. Juli. Für den Fall eines Kriegsausbruches ist die Berufung des Reichstages auf Dienstag den 4. August 1314 in Aussicht genonnnen. Die Eröffnung wird im Weißen Saale des Königlichen Schlosses in Berlin um 1 Uhr nachmittags erfolgen. Die kaiserliche Verordnung wegen der Berufung steht noch aus.
Wie verlautet, beabsichtigen die Reichstagsfraktionen ihre Mitglieder bereits zrn» Montag nach Berlin einzuladen, um zu der Situation Stellung zu nehmen.
Der Kronprinz Führer der ersten Gardedivision.
Der Kronprinz ist zum Führer der ersten Earbebivision
nuoersehcn.
Die kaiserliche Familie.
Im Königlichen Schloß waren gestern gegen 1 Uhr alle Prinzen und Prinzessinnen der lönigUchen Familie ^versammelt.
Die kaiserliche Familie nahm gestern Abend im Berliner Schloß das heilige Abendmahl.
Eine Kriegstrauung im Kaiserhaus«
Testern Abend 7 Uhr wurde im Künigliechn Schloß Bellevue mit Genehmigung Ihrer Majestäten die Vermählung des Prinzen Oskar von Preußen mit der Gräfin Ina von Bassewitz standesamtlich durch den Minister des Kgl. Hauses, Graf Eulcnburg, vollzogen und darauf die kirchliche Einsegnung durch den Eeneralintendcntcn Händler vorgenom- men. Der Feier wohnten die Königliche Familie und die nächsten Angehörigen der Braut bei, die nunmehr den allerhöchst verliehenen Titel einer Gräfin von Ruppin führen wird.
Ausfuhrverbot für Deutschland!
In später Nachtstunde verbreitet das amtliche Bureau folgende bezeichnende Meldung:
Berlin, 30. Juli. Wie wir hören, wird der Bundesrat heute vormittag unter anderem auch über den Erlaß von Ausfuhrverboten für Getreide, Mehl und Futterartikel sowie Tiere und tierische Erzeugnisse beschließen. .Die Maßregel ist veranlaßt durch die Berichte von zahlreichen Handelsvertretungen, wonach infolge der gegenwärtigen politischen und wirtschaftlichen Lage ungewöhnlich große Mengen von deutschem Getreide und Mehl ins Ausland a b f l i e ß e n. Verbote gleicher Art sind unter ähnlichen Verhältnissen auch früher erlaffen.
Ciu Trenbrnch Rußlands.
Wie der „Lokalanzeiger" jetzt iniiteilen kann, hat der Zar sich an Kaiser Wilhelnr mit einem Tclegrainm gewandt, das die ausdrückliche Bitte enthielt, Se. Macjstät möge eine Vermittlungsaktion übernehmen. Kaiser Wilhelm hat diesem Wunsch des russischen Herrschers entsprochen und seine Schritte auch weiter fortgesetzt, trotz der hier eingelaufenen Meldungen von einer russischen Teilnrobilisierung und obwohl schon damals unter dem Eindruck stand, daß die Gesinnungen Rußlands durchaus nickt friedlich waren. Dan! der Bemühungen Sir Edward Greys hatte dieser für die von unserem Kaiser in die Wege geleitete Dermittclungs» aktion noch in der letzten Rocht eine neue Formel gefunden, die sich dem gewünschten Ziele zu nähern schien und die vielleicht trotz der auffallenden russischen Haltung Aussicht auf Erfolg bot. Unter diesen Uinständeu muß die totale Mobilisation von Heer icnd Flotte Rußlands als eine Herausforderung schärsstcr Form angesehen werden.
Es war ein ganz besonderer Vertrauensbeweis in die Loyalität Kaiser Nikolaus, daß Kaiser Wilhelm das von ihm erbetene Vermittlungsruit nicht sofort niederlegte und vorläufig noch von militärischen Maßregeln absah.
Dieses Vertraue» unseres Kaisers ist von russischer Seite in schmähUcher Weise betrogen worden, und die ganze Wucht der Verantwortung für dieses jeder Loyalität ins Gesicht schlagende Verhalten der russischen Krone fällt auf diese selbst zurück.
Der rnfsifchc Ansmarch au der Grenze.
Vorgestern ist eine Schwadron Kosaken von Bendzin »ach C z c n st o ch a u abmarschiert. Die Ercnzbesatzung von S v s n o w i c c ist marschbereit, ebenso die von M o d r z e VW. Beide liegen bei Myslowitz und Kattowitz. Ein Regiment Artillerie ging vorgestern von Warschau nach Alex- a n d r o w o, die ganze Garnison von Lodz nach Wiclau. Der gcsointe Industriebezirl von Russisch-Polen ist von Truppen entblößt. Die Kasernen in Modrzejow sind der Gemeindeverwaltung übergeben worden. Alle Eisenbahnen im Bezirk sind iach Russtsm-Pole» dirigiert worden. Sämtliche Kassenbe- >önde ebenfalls. Insolge Waggoninanzels werden die Fabri- sen bald ft'.ile stehen. Der Papierrubel hat keinen Wert mehr, politische Zeitungen melden in Extrablättern, daß im Königleich Polen nicht mobilisiert wird. Alan erwartet in Polen -cli Aufstand gegen Rußland. Seit Montag sind sieben sibi- Üch- Korps aus dem Wege nach der W-sigrcnze.
Ter russische Bertrauensbruch.
Berlin, l. August. Entweder dem Reichstage, dessen Zu- s munentritt am Dienstag erwartet wird, oder vielleicht sogar noch vorher der Oefsentiichkeit werden, wie in unter- richteten Kreisen verlautet, der Telegranimwechsel zwischen den, Kaiser und dcu, Zaren und andere Aktenstücke der letzten Zeit bekanntgegeben werde», aus denen hervorgeht, wie ehrlich die Absicht war. den Frieden »„ erhalten, und wie aründ-
Das böse Eewiffe« Rußland«.
Sofia, 31. Juli. Dem Blatt „Utro" zufolge ist das Archiv der russtschcn Gesandtschaft in Belgrad gestern hierher geschasst und in der hiesigen russischen Gesandtschaft untergebracht worden.
Die Eholera in Rußlaud.
Eine starke Ausbreitung der asiatischen Cholera in dem Gouvernement Podolinen wird gemeldet.
Mobilmachung der Schweiz.
Die Schweiz hat durch einen Beschluß des Bundesrats eine Mobilmachung für die ganze Armee angeordnet.
Allgemeine Mobilmachung in Holland.
Die Königin der Niederlande hat gestern mittag 1 % Uhr durch Erlaß die allgemeine Mobilmachung besohlen.
Schließung der Berliiicr Universität.
Berlin, 1. August. An der Berliner Universität schlossen
gestern die Professoren ihre Vorlesungen mit einem Hinweise auf die drohenden Kriegsgefahren und die in Aussicht stehende Schließung der Universität bei einer allgemeinen Mobilmachung. Die Konnnilitoncn beantworteten die sich daran anschließende,, Wünichc mit starkem Getrampel, der studentischen Art des Beifalles.
Kricgsdiskont bci der Dank von England.
London, 1. August. Die Dank von England hat den Diskont von 4 auf 8 Prozent erhöht.
Berlin, 1. August. Es verlautet hier, daß die Bank von England von Leuten umlagert ist, die Banknoten gegen Geld bei ihr cinlösen, ein Vorgang, der sich bekantnlich in Berlin bci der Reichsbank, aber in einem bisher nicht beunruhigenden Umfang abgespielt hat.
Vom Zirieqsjchanplatz.
Ei» Gefecht an der ferbisch-bosnischr» Grenze
Sarajewo, 1. August. Aus Zwornik wird gemeldet, doß zwei öestrreichische Regimenter mit Maschinengewehren die serbische Grenze bei Brafina überschritten haben, nachdem sie die serbischen Truppen, die den Uebergang der Oesterreichcr über die Drina verhindern wollten, zurückgeworfen habeit. Die Truppen rücken jetzt gegen Losnitza vor, wo ein starker serbischer Truppcnkörpcr im Schutze der Befestigungen von Losnitza steht. Die österreichische Artillerie rückt von Sakri aus nach Losnitza vor. Es heißt, daß es bereits zu einem Kampfe zwischen den Vorposten gekommen ist, wobei die Serben mit einigen Verlusten znrückgeschlagen wurden.
General Putnik schiver erkrankt.
Bitkarest. 1. August. „Adeverul" meldet aus Thurn- Severin: Der hier aus Ungarn eingetroffene Oberkomman» dant der serbischen Armce^ General Putnik, wtlrde von so heftigen Asthmabeschwerden befallen, daß er seine Reise nach Serbien auf längere Zeit verschieben mußte.
Die Folgen drohender Kriegsgefahr.
Berlin, 1. August, An militärischen, Maßnahmen kommeu bei drohender Kriegsgefahr hauptjächlich in Betracht:
1. Alle an der Grenze und zum Schutze der Eisenbahn erforderlichen Maßnahmen.
2. Verkehrsbrschränkuiigen der Post, des Telegraphen, der Eisenbahnen uftv. zugunsten des militärische» Bedarfes. Weitere Fvlgcu des Zustandes der drohenden Kriegsgefahr sind:
3. Erklärung des Kriegszustandes für das gcsamci
Reichsgebiet.
4. Verbot der Veröffentlichung über Truppenbewegun- gungen und Vertcidigungsmittcl.
Der Kriegszustand ist gleichbedeutend mit dem Belagerungszustand in Preußen-
Deutschlands Lebensmittelzufuhr im Kriege,
Im „Tag" schreibt Prof. Dr, Adolf Arndt: Aus Anlaß der Bemerkungen ausländischer Blätter, daß man im Falle eines Krieges Deutschland die Zufuhr von Lebensmitteln abschneiden und es aushungern wolle, möchte folgendes zu bemerken sein. Deutsche Schisse und deutsche Waren auf deutschen Schiffen unterliegen im Falle eines Seekrieges der Wegnahme, da der Satz, daß Privateigentum im Kriege heilig ist, nur für den Landkrieg gilt. Auf fremden, zum Beispiel holländischen Schissen, kann Getreide und Vieh im Falle eines Seekriege» nach Deutschland gebracht werden. Dieser Sah erleidet jedoch zwei sehr wesentliche Ausnahmen. Die erste besteht darin, daß di« Küsten Deutschlands in Blockadczustand gefetzt werden können, für welchen Fall der Ab- und Zugang jedem Schisse jeder Nation bei Verineidung der Wegnahme als Prise verboten ist. Die Blockadeerklärung hat die Notifikation und die sogenannte Ef- fekiivität zur Voraussetzung. Die Esfektivität bedeutet, daß die Blockade durch eine Streitmacht ausrechterhalten wird, welche hinreicht, um den Zugang zur Küste in Wirklichkeit zu verhindern sUnzulässigkeit der Blockade bloß auf dem Papier!) Es wird immerhin nicht leicht sein, selbst für die vereinigte» englische», französischen und russischen Flotten die Esfektivität der Blockade für die gesamte» deutschen Küsten zu bewirken. Die Frage, ob die Blockade tatsächlich wirksam war, hat das Prisengericht des sogenannten Nehmestaates zu entscheiden. Der im Haag vereinbarte internationale Prisenhof besteht noch nicht. «.
Mobilmachungs-Bestimmung«».
Für di« durch «in« Mobilmachung «tnberusenen Mann- schaste» gelten folgend« Bestimmungen:
Die Ernberustne» habe» sich an d«m in der Kriegsbeorde rang angegebenen Mobilmachungstag bei ihrem Truppenteil zu stellen. In den Bekanatmachunaen werden die fünf er-
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st e» Mobilmachungstage nach den Kalendertagen genau bezeichnet. Die Einberufenen erhalten die Zahlung der zuftehen- den Eebührniffe erst beim Truppenteil.
Die Einberufenen habe» freie Eis-nbahnfahrt Aus weitere Entfernungen dürfen nach dem Ermessen der Bahnbehärden auch Eit- und Schnellzüge benutzt werden.
Die Regelung der häuslichen Angelegenheiten, sowie das Abfchicdnehmen von den Angehörigen hat stattzusinden, bevor die Einberufenen sich »ach ihrem Eestellungsort begeben.
Von Hause sind m i tz » b r i n g e n : die Militärpapicre, ein eintägiger Verpslegungsbedars und ein Eßlöffel, Packmaterial zum Zurückschicken der Zioilklcidung, ein paar dauerhafte Stiefel, Unterzeug, Pulswärmer. Das Mitbringen von Schnaps oder anderen geistigen Getränken, Stocken und Schir- inen ist auf das strengst« untersagt.
Wer wegen Krankheit seiner Kriegsbeorderung nicht Nachkommen kann, ist verpflichtet, das selbst oder durch Angehörige der Ortsbehörde, oder, wo eine Meldestelle ist, dieser sofort unter Vorlage des Militürpaffes und eines ärztlichen Attestes anzuzeigen.
Wer sich bei cintretender Mobilmachung auf Reisen be- findet, kehrt nicht erst nach der Heimat zurück, sondern begibt sich sogleich je nach dem Inhalt seiner Kriegsbeorderung entweder zu seinem Truppenteil oder zu seinem Bezirtskoncmanda
Die deutsche Reichspost.
Bekanntmachnng Nr. 1.
Aus Anordnung des Staatssekretärs des Reichs-Postamts.
Beschränkungen des Postoerkehrs im Jnlaudc.
Infolge Erklärung des Kriegszustandes werden von jetzt ab bis aus weiteres verschlossene Privatsendungen (verschlossene Briefe und Pakete) zur Postbesörderung nicht mehr angenommen
1. nach Elsaß-Lothringen,
L nach den zum Regierungsbezirk Trier gehörigen Kreisen St. Wendel, Ottweilcr, Saarbrücken (Stadt), Saarbrücken (Land), Saarlouis., Merzig und Saarburg (Bz. Trier).
3. nach Orten im Fürstentum Birkenseld,
4. nach den zum Vcsehlsreiche der Festungen Straßburg (Elsaß) und Neubreisach gehörigen badischen Postorten, das sind
a) im Bereich der Festung Straßburg die Orte: Altenheim Appenweier Auenheim (Amt Kehl) Boders- weier Diersheim Dundenheim Ichenheim Kehl Kor! Legelshurst Leutesheim Lichtenau (Baden) Linx Mar. len Meißenheim (Baden) Memprechtshofen (Amt Kehl) Neusteistett (Amt Kehl) Rheinbischofsheim Scherzhcim - Schutterwald Sundheim (Baden) Urlosscn Wagshurst Willstött (Amt Kehl) Windschläg: h) im Bereich der Festung Neubreisach die Orte: Achkarren Breisach Burkheim Gottenheim Iechtingen Jhringen Königschasshausen (Kaiscrstuhl) Krozingen Mengen (Baden) Merdingen (Baden) Munzingen Oberbergen (Kaiserstuhl) Oberrimfingcn Oberrotweil Opfingen Sasbach (Kaiserstuhl) Schallstadt;
5. nach der Rheinpsalz.
Die durch die Briefkasten ausgelieserten sowie die bei Ver- Lssentlichung dieser Bekanntmachung bereits in der Beförderung begriffenen verschlossenen privaten Briessendungcn imi Privatpakete nach den vorbezeichneten Gebietsteilen und Olten werden den Absendern zurückgegeben oder, wenn diese nicht bekannt sind, nach den Borschriften für unbestellbare Seiidungcl» behandelt weiden.
, D a r m st a d t, den 31. Juli 1911.
Kaiser!. Deutsche Oberpostdirektio«.
Man-luugen iu -kr Siwfllöfinokratif.
Die führenden Kreise in der Sozialdemokratie scheinen doch zur Besinnung gekommen zu sein daß ihre seitherige Haltung nur dem Zarentum nutzen kann. Heute lesen wir in der „Frankfurter Volksstinnne":
„Das eine darf auch an dieser Stelle, wo bisher und wohl auch künftig wenig Zustimmcndes über unsere sogenannten Staatslenker steht, nunmehr ruhig anerkannt werden, die verantwortlichen Stellen in Berlin bewahren indiesen nn- Keilvollen Tagen mehr Ruhe und Ueber- 1 e g u n g als das sinnlos aufgeregte (?) deutsche Publikum......Die nächsten Stunden schon mögen nme
Bilder bringen — aber was bis jetzt an imponierender Besonnenheit und auch mit einem Stück Friedensliebe, gleichviel aus welchen Gründen, in Berlin geleistet wurde, das soll auch von uns anerkannt werden."
Wenn auch diese Worte noch mit einigen Seilcnhieb-n auf das nationalgesinntc Bürgertum begleitet sind, so siche r sie doch in owhltuendem Gegensätze zu der aufreizenden Sprache der letzten Tage. Dem betr. Artikel ist noch eine kurze Bemerkung gegen Rußland bcigefügt:
„Wenn die deutschen Arbeiter im Hure gegen Rußland marschieren müßten", heißt es iu. „welch merkwürdige Fügung! Nun käme die Gelegenheit unter den deutschen Kricgsfahiicn mit dieser fürchterlichen Gesellschaft abzurochnen."
Auch im bayerischen Landtag hat der Genosse Hoffnianu, was anerkannt werden muß. seine Stimme zur Verteidig»».! des Vaterlandes erhoben und der sozialdemokratische Rfth und Landtagsabgeordnete Feuerstein führte in einer so,ia' demokratischen Versanimliing in Hcilbron» ans, daß er von der Friedensliebe der deutschen Regierung überzeugt sei. betonte mit Nachdruck, daß im Ernstfälle jeder Sozialdemokrat, der einberufen werde, seine verdammte Pflicht u.it Schuldigkeit tun müsse, besonders gegen Rußland-
Plan wird wohl nicht sehlgehen, wenn man diese Wandlung dem besonnenen Verhalten der deutschen Arbeiterschaft zuschreibt, die kich allenthalben vollauf der Pflicht bewußt


