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Umumcr 176

Donnerstag, den 36. Inli 1614.

7. Jaljrgang

iicu- eao«-!'>t»ng" rucheml ,eden 2eerltax. Regelmäßige BeilagenVerkauft oao fjtlTen",Cie Hpinuftubc". Ä.,ug-peei,: Sei den Soitanftalteu viertel,ahrlich Uff H e, ten Sgcnten monailid) 50 SfB. S«niu II! Postgebühr oder Trägerlohn. An, eigen: Grund, eile 20 Pfg., lokale 15 Pjg, Anzeigen van -us-varls werden durch Pd'lnachnahine er laben _Erfüllungsort Friedberg. SdirtfUeilum, und Verlag Friedberg lSesien,. Hanauertiaße 12. Femiprecher 48. Posticheck.Lsnl» Nr. 4859, Am! Fronlsurt M.

Verschärfung der Lage.

Tic Mobilisierung von sech;ehn russischen Armeekorps. Ein Telegramm des Kaisers. Un - behagen in Frankreich. Ernste Anffafsung in England. Kämpfe vor Belgrad.

Tic Gesamtlage ist ernster geworden und man erwartet für die nächsten Stunden eine Entsä>eidung Rußlands. Es kann keinem Zweifel mehr unterliegen, daß sich Rußland c.n» schickt, das Schwert aus der Scheide zu ziehen und damit einen Weltbrand zu entfesseln, dessen Ende nicht adzujehen ist. Zwar kann man von tartarischer Verschlagenheit nicht erwarten, daß sic Oesscnhcit dulden würde, allein, wen» >6 Armeekorps mobilisiert werden, so redet diese Tatsache eine Sprache, die nichts mehr zu verheinilichen braucht.

Auch für Deutschland drängen allmälig die Ereignisse zum hmideln. Wir können nicht ruhig mitansehen, wie die Rusicn Truppe» aus Truppen häufen, und ihre Position verstärken, um unk- schließlich erdrücken zu können. Nochmals scheint zwar der Versuch gemacht worden zu sein, den Zaren ans friedlichen Weg zu bringen, indem der deutsche Kaiser an ihn eine Depesche geschickt hat, die sich mit einer gleichzei­tigen Depesche des Zaren gekreuzt hat. Noch ist ihr Inhalt nicht bekannt, zweifellos bildet er aber die letzte Hoffnung aus Erhaltung des Friedens.

Frankreich mutz jetzt so recht erfahren, daß man nicht ungestraft mit den, Feuer spielen soll. Jahrelang ist man nicht müde geworden, nach Revanche zu schreien und jetzt, ba man die Folgen der Kriegshetzeret zu spüren bekommt, sängt ein wachsendes Unbehagen an, sich breit zu machen, das alles andere nur keine »ricgsbcgcistcrung bedeutet. Auch in England schweigen die deutschfeindlichen Stimmen und man beginnt dort einzusehen, daß Britannien eigentlich keine Veranlassung hat. für das Moskovitcrtum die Kastanien aus dem Feuer zu holen.

Es wird in allen Zeitungen so viel davon geschrieben, daß die Regierungen Frankreichs und Englands von auf­richtigster Friedensliebe beseelt seien. Wenn das der Fall ist, so muh man sich fragen, warum die beiden Staaten nicht setzt Rußland in die Arme fallen, waruni cs den Weltfrieden in brutaler Weise stören will. Beide Staaten sind doch mit Rußland im Dreiverband vereinigt, ein Machtwort von ihnen würde sicherlich den größten Eindruck aus ihren Freund an der Neva machen.

Bei Belgrad haben die ersten Kämpse begonaca. die . lehr ein Artillericgcfecht darstcllen. Soeben kommt eine Nachricht, daß die Serben bei Foca eine schwere Niederlage erlitten hätte». Diese Kunde ist aber nicht beglaubigt und wir bemerken heute schon, daß alle Nachrichten über stattgehabte Schlach­ten mit äußerster Vorsicht aufzunehmcn sind, denn niemals wird mehr gelogen als vor einem Krieg und nach einer Jagd.

Auch aus allen kleineren Staaten treffen Botschaften ein, daß sie sich für alle Möglichkeiten in Bereitschaft halten und auf demLui vivc" stehen.

Aus Belgien, Holland und der Schweiz kommen solche Nachrichten. Eine recht verdächtige Haltung nimmt Numä- nie» ein, das fast als russischer Grcnzwächtcr anzusprechen ist. So werden denn die Ereignisse ihren Lauf nhmen. Noch ist nicht alle Hoffnung auf eine Beschränkung des Krieges aufgegcben, die Hoffnungen sind aber auf da? Mindestinaß ycrabgcsuuken. Ist diese Hoffnung trügerisch, dann beißt es:

Aus Gott und die eigene Kraft vertrauen und seine Pflicht erfüllen!

Die russische Mobilmachung.

Die russische Mobilmachung.

London, 29. Juli. Die russische Mobilisierung t; schränkt sich auf die Militärbezirke von Kiew, Odessa, Moskau und Kasan. In jedem Bezirke stehen vier Ar- me.lorps in Friedensstärke. Durch die Mobilisation werden IG Armeekorps aus die Stärke von 32 Armeekorps gebracht. Kasan ist der Zenlralbezirl, von dem aus die Reserven für die Weslgrenzc zusammengezogen werden.

Petersburg, 2g. Juli. Die Seeverwaltung teilt mit, daß die Feuerschisse vor Libau, Luserort und Earytschess von ihren Standorten entfernt worden sind. Der Leuchl- turm von Renscher und die Leuchtseuer von Roengrund und Smultongrund sind a usg c loscht worden. Bei Sewastopol sind alle Feuer und Leuchttürme außerhalb des Ehersones aus­gelöscht worden. Die Einfahrt »ach Sewastopol ist während der Nacht verboten.

Petersburg, 29. Juli. Der Kaiser sagte in seiner An­sprache an die Alviranten der Marineschulen u. a.:Ich be­

fahl, Sie angesichts der ernsten Ereigniffe, welche Rußland jetzt durchzumachen hat, zusamlnenzuberuseu. Während des Dienstes als Ossiizer, der Sie erwartet, vergessen Sie »ich!, was ich Ihnen sage: Glauben Cie an Galt, haben Cie Glau­ben an de» Ruhm und die Größe unseres mächtigen Vaterlan­des."

Die Stimniuiig in Petersburg.

Polizeilich erlaubte Ertrablättcr gaben den Ausbruch des Krieges bekannt. Die Bevölkerung ist lebhaft erregt. Diele kleine Demonstrationszügc durchziehen die Stadt. Auf dem Newski- Prospekt stehen einige tausend Menschen, welche die Zaren­hymne singen. Tie deutsche und österreichisch-ungarische Botschaft werden stark bewacht. Bisher sind keine Aiisschrei- tungcn vorgckommcn.

Beunruhigende Haltung Rußlands.

Die Kanonade vor Belgrad hat in Petersburg große Aufregung verursacht. Man ist nunmehr jeden Augenblick auf das Erscheinen eines Mobilisationsmanisestes gefaßt. Wie verlautet, betrachtet die rufsisck>e Regierung das erste organisierte Vorgehen der österreichisch-ungarischen Heere als Kriegsfall.

Von der russischen Grenze.

In Bendzin hat eine Pserdcmustcrung stattgcfunden, bei der eine sehr große Anzahl von Pferden angenommen und den Grcnzbesetzungstruppen überwiesen wurden. Die Stiiiinmnz in der Bevölkerung, wenigstens so weit die polnischen Bewoh­ner in Frage kommen, ist durchaus gegen einen Krieg. Da- für durfte auch sprechen, daß in den letzten Tagen, wie ge- meldet, in Myslowitz über 50 russische Deserteure eintrasen. Sonst deutet an der oberschlesischen Grenze nichts auf eine Beunruhigung hin. Eine Verstärkung der russischen Grenzbesatzung hat bisher nicht stattgcsundcn, im Gegenteil, zahlreiche Angehörige der Krcilzivachc sind zur Teilnahme an einen« Ansbildiingskursus in Ezenstochan komnlandiert wor­den. Das Kosakenregiliicnt in Bendzin, das auf ,'iner Ucbuug begriffen war, trifft erst Ende der Woche wieder in seiner Garnison ein. Eine Verstärkung durch Einziehung von Reservisten hat bisher nicht staltgefundcn.

Jenseits der russischen Grenze herrscht die angcstreng- tcstc Tätigkeit der rnssisatzn Militärbehörden, außer dem gestern von Lodz hier eingctroffcnen Regiment ist soeben aus Warschau cin zweites Regiment hier ausgeladen worden. Tie ganze Eisenbahnlinie an der Grenze Heck militärische Be­setzung cvtjOltCit, die sogenannte neutrale Grenze und die über sie führende Brüche is! alcichfalls von russischen Trvp- Pen beseht.

Tclegrammwechsel des deutschen Kaisers und dem Zaren.

Das oinlliche Telegraphcnbiiro meldet:

Berlin, 29. Juli. Die Nachricht, daß Seine Majestät der Kaiser Nikolaus an den deutschen Kaiser ein Telegramm gerichtet habe, wird uns mit dem Hinzufiigen bestätigt, daß sich das Telegramm mit einer Depesche des Kaiser Wilhelm an den Zaren gekreuzt habe.

Eine Konferenz beim Kaiser in Potsdam.

Gestern in später Abendstunde fand in Potsdam beim Kaiser eine Konferenz statt, an der der Neichslanzler, der Stae.ckselretär p. Jagaw, der Kriegsminister, Staatssekretär v. Tirpitz, der Ches des Generalstaöes v. Moltle, seiner die Ehess des Militär- und Marinelabinetts, Generaloberst von Plesien und mehrere Herren des Reichsmarineamts teilnah- ine». Die Konferenz dauerte bis in die späten N v ch t st u n d e n.

TieNorddeutsche Allgein. Zeitung" zue Lage.

Berlin, 29. Juli. DieNorddeutsche Allgem. Zeitung" bemerkt in ihrer heutigen Abendausgabe zu brr gestern aus­gegebenen amtliche» russische» Mitteilung, daß die rusiijche Regie-ung den englischen Dermiltluiigsvorschlag annehmen u. auch cinen weiteren friedlichen Meinungsaustansch mil Oester­reich wünsche:Der friedliche Dan der amtlichen russischen Mit­teilung vom 2b. Juli hat hier lebhaften Widerhall gesunden. Die Kaiserliche Regierung tckilt den Wunsch aus Erhaltung friedlicher Beziehungen. Sie hasst, daß das deutsche Volk sie durch serneres Bewahren einer maßvollen und ruhige» Hal- tuug in ihren Bestrebung---- unterstützen wird."

Die deutsche Flott».

Berlin. 29. Juli. Die deutsche Flotte istach de» §el. molhäsen zurückgekehrt, und zwar die Rordseeschisfe gestern Abend nach Wilhelmshaven, die Ostseeschtste heule früh nach

Kiel.

Wilhelmshaven. ,9. Juli. Die letzten Torpedo loolsslvtillen sind aus dem Norden hier eingetrosfen. Somit besittdet sich die ganze Hochseeflotte in den heimischen Gewäs. fern.

Bewachung der Eisenbahnen am Rhein.

Köln, 29. Juli. Nicht allein im Saarrevier, sonder» tib

ganzen ober- und mittelrheinischen Gebiete werden seit ge- gestern alle Eisenbahnweqe und Brücken scharf bewacht. Vor­nehmlich richtet sich das Augenmerk der Militärbehörden aus die zahlreichen Eisendahntunnels, die auf der Aachen Trierer Strecke erbaut sind, die besonders scharf bewacht werden.

F r i e d b e r g >. H., 39. Juli. Auch der hiesige Eisenbahn- Viadukt, der die Eisenbahn nach Bad-Nauheim über das sog. Resental fuhrt, wird strengstens bewacht. Bei Tag und bei Nacht stehen die bewaffneten Eisenbahner Posten. Diese An­ordnung stützt sich auf eine Vorschrift, wonach alle Bahnüber- päuge, Brücken, Unterführungen und Kunstbauten am Bahn­körper durch vereidigte Bahnbedienstete, die gediente Soldaten sein müsse», mit geladenem Gewehr bewacht. Die Wache» haben die Aufgabe, jeden Unbefugten, der sich dem Bahnkörper nähert, wegzuweise», und ihn, wenn sich Verdachtsmomente er­geben. zu verhaften, evtl, im Notfall auch von der Waffe Ge­brauch zu machen. Der Umstand, daß man den gegenwärtigen Zeitpunkt wählte, beweist, daß die Bahnverwaktung die Laa- als ernst betrachtet.

Eine österreichische Erklärung.

Wien, 29. Juli. DasFremdenblatt" konstatiert gegen­über den vielfachen Erörterungen der internationalen Presie, wonach die Sache des Friedens ein großer Dienst hätte gelei­stet werden können, wenn Oesterreich-Ungarn für die Beant- wortung der Note Serbiens eine Fristerstreckung gewährte, daß die serbische Regierung drei Fristen verstreichen ließ, ohne sie zur Befriedigung des österreichischen Rechtsstandpunktes zu be­nagen, nämlich die Frist vo» dem Carajewoer Mordtag bi» zur Ueberreichung der Note am 23. Juli, sodann eine -lüstiin- bige Frist zur Beantwortung der österreichischen Note und schließlich eine Frist von dem Abbruch der diplomatischen Be- ziehuugeu bis zur gestrigen formelle» Kriegserllärung, also neuerdings drei Tage. Die österreichische Regierung gab dem­nach eTrbien vor Beginn der Feindseligkeiten wiederholt Ge­legenheit zur Besinnung und Rettung des Friedens.

Wien, 29. Juli. Aus der ganzen Monarchie komme« Meldungen, daß die Mobilisierung unter großem Jubel der Bevöllerung >i»d init wahrer Begeisterung vor sich gehe. Be­sonders bemerlenswert ist, daß alle Nationalitäten des Rei­ches ehne Unterschied wetteifern, dem Ruf nach den Waffen Folge zu leisten. Tausende von Freiwilligen melden sich zum Waffendienst.

Ein Aufruf an die akademische Jugend Oesterreichs.

Wien, 29. Juli. Der Unterrichtsminister Husiarek vo» Heinlein richtet an die akademische Jugend einen Ausruf, in dem er daran erinnert, daß auch der nicht ins Feld gezogenen Jugend die Möglichkeit geboten wird, werltätig für das Va­terland zu wirken, indem sie ihre Kräfte der freiwilligen Kranlenxjlege widmet und sich der össentlichen Verwaltung zu Diensten sür das allgemeine Wohl zur Verfügung stellt. Schließlich appelliert er an die Jugend, eingedenk zu sein in schiilialrsck-werer Stunde der erhabenen Größe der Vergangen­heit, dann sei die Wiedergewinnung und Sicherung der Ehr und des Ruhmes des aVterlandes auch ihre Tat.

Wachsendes Unbehagen

in Frankreich.

In Paris hat im Lause des Tages das Unbehagen wegen der ausländische» Lage wieder zugenomnien. Heute Vor- mittag stellten die Agenturen cin Manifest dcS Zaren >» Aussicht, das jedoch bisher nicht verösfcntlicht worden ist. Tic Abendblätter versichern unterdes, daß Rußland tne Mobilinachung von vierzehn Armeekorps im österrcic'nicl en Grenzgebiet beschlossen hat. Die Mobilmachung anderer V.i- meekorpS solle folgen, falls eventuelle Maßregeln e-i ster- reich-Ungarns oder Deutschlands cs anaezeigt ersetz: icke» lallen.