Beilage zur „Neuen Tageszeitung".
175 1 _ Mittwoch, den 29. Juli 1914. _ I 7. Jahrgang
Gedenktage.
oiili. 1855 Sr. D. Basserman», Politiker, t. — 1856
R. Schumann, Komponist, t- — 1895 Christenmorde tn
China. — 1665 Simon Dach geh.
Am iHobilmüdiutigeloiintflfl iu Wien.
Von Paul Schweder.
Mit militärischer Pünktlichkeit läuft der Berliner Schnellzug im Wiener Nordbahnhof ein. Kein Zweifel. hm » ist heute weit entfernt von den Tagen, da die passiv« Resistenz der Eisenbahner dem österreichischen Staats schwere Sorgen bereitete. Alles ist vielmehr einig in treuester Pflichterfüllung von den, aus Anlaß des Mobilmachuugs- ages mit Schisshut und Galadegen amtierenden Bahnhoss- >orstand bi» herab zum letzten Wagenputzer. Draußen ric- ,elt ein seiner, aber durchdringender Landregen hernieder und verdirbt den Wiener» die Sreude am Mobiluiachungs- scnntag, Cie haben gestern Abend voller Begeisterung den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Serbien gefeiert und schauen nun etwas verdutzt und ernüchtert zu den grauen Wolkenmassen empor, ans denen es immer stärker hervoc- guillt, bis schließlich um die Mittagsstunde ganz Wien eine einzige große Negenpsitze bildet. Schade, ich hatte den Wienern und mir einen echten rechten Sonnentag gewünscht. Aber vielleicht ist es auch so ganz gut. Ist doch nach dem gestrigen Freudenrausch heute die innere Einkehr erwünscht und vonnöten, lind ruhig, still und ernst spielt sich in den ersten Morgenstunden das Leben in der ehrwürdigen Kaiscr» stadt ab. Die Morgenzeitungcn haben auf den Ernst der Silnaiion nochmals eindringlich hingewiesen und von dem ,. Sra rtjal »läge" Oesterreich» gesprochen, der heute augc- brachen ist.
Mein erster Weg führt mich zum Ostbahnbof, wo die Züge nach Budapest und Belgrad abgehen. Denn hier mnß ,a da» militärische Wien Abschied nehmen, lind richtig: Aulo aus Auto, Siaker auf Fiaker, rollt heran, Offiziere aller Grade und Chargen entsteigen den Wagen, die alsbald von anderen Osjiziereu wieder mit Beschlag belegt werden, in» die für die erste Division bestimmten Kameraden abzu- ii.sten. Cs scheint, als seien die Böhmen dazu ausersehen, die Avantgarde gegen Serbien zu bilden. Aber es ist eitel, >:r. über die beabsichtigten Truppenbewegungen den Kopf zu zerbrechen, da man doch nur auf Vermutungen angewiesen ist und die sehr liebenswürdigen und auch auskunftsbereiten Milstärs selbst vorläufig noch im Dimkeln tappen. Denn osfiziell ist ja der Krieg überhaupt noch nicht ausg.-brohen und erst die nächsten Tage werde» einige Klarheit bringen.
zurück in» Stadtinncre. Eben beginnt die große Glocke des „alten Steffel" zur Neunuhr-Audacht zu rufen. Das weile iui trüben Zwielicht des regcfeuchtcn Morgens liegende wotteohans ist dicht gefüllt. Am Hochaltar, dessen goldener Aufbau in, (Stanze unzähliger Lichter funkelt und gleißt, singe» die bellen Stimmen der Geistliche», steigt der Weihrauch euipor und klingelt leise von Zeit zu Zeit das Glöcklcin der Ministranten. Daun braust der Orgel tiefer sone er Ton durch die alte,»grauen Mauern und andächtig sinkt alles ■ \ die Knie. Tiesinniger und slehentlicl>er ist vielleicht seit .Ta-.c-u. da die Türken vor Wien standen, nicht mehr im
Stephansdome gebetet worden. Ueberall in den Winkeln und Nischen, im Schutz« der tiefen Dämmerung liegen, in inbrünstiges Gebet versunken, elegant aber unauffällig gekleidete Danren, deren Gasten vielleicht in diesem Augenblick schon Senrlin. dem österreichisch-ungarische« Waffenplatze am Donauuser gegenüber Belgrad zu eilen. Und kein Lichtstrahl bricht sich durch dt« wunderschöne« bunten Ktrchenfenstcr Bahn. Dunktzl und ungewiß' lastet i» diesem Augenblick dos Schicksal über all den Andächtigen, sowie über dem ganzen großen Kaiserstaat.
Etwas lebhafter geht es in den Tafähäusern her. Man ist es ja gewohnt, daß die Münchener schon um 7 Uhr früh bei der ersten Maß und die Wieuer säst um die gleiche Zeit im Caff'haus zu finden sind. Aber heute muß man einfach da sein, denn wo könnte man sonst wohl noch mit gleicher Behaglichkeit und Breite die Tagesereignisse erörtern.
Und eS gibt halt gar so viel Neues auf einmal. Da hat man den serbischen Generalstabschcf in Kelcnsold festgenommen. Wir hotten die Möglichkeit schon gestern im Zuge inS Auge gefaßt, nachdem eine Zeitberechnung ergab, daß Herr Putnik bis 6 Uhr abends unmöglich die Landesgrenze überschritten haben konnte. Aber daß er solche Späne niachen und der Detektiv ihn mit der Festnabnremeldung so brutal ins Gesicht springen würde, daß man den mit Recht erregten Mann niederboren mußte, das hatte niemand erwartet »nd das machte heute auch in Wien keinen angenchnien Eindruck. Um so bcftiebigter war man, als es hieß, daß der serbische Generalstabschef schließlich unter Entschuldigungen wieder freigelassen worden sei. Aber dann die Meldungen ans Berlin über die Demonstrationen vor der österreichischen Botschaft und bei Herrn v. Bethmann-Hollweg. Das löste n»r ein einziges überströmendes Gefühl der Begeisterung aus. Denn die Berliner gelten ja im allgemeinen nicht nur bei den eigenen Volksgenossen als zu kaltschnäuzig »nd flsch- blütig, wenn es sich um solche Dinge handelt. Also sang nmn voll frohen Mutes die „Wacht am Rhein" und „Ich hatt' einen Kameraden."
Je weiter der Tag vorrllckte, und je trostloser das Wetter wurde, desto mehr lichteten sich die Menschenmasscn in den äffentlichen Lokalen. Ein Jeder hatte schließlich doch auch mit sich selbst und seinen allereigensten Angelegenheiten zu tun und so kam es, daß am Spätabend auch an den Stötten ein gewisser Ernst und ausfällige Ruhe herrschte, an denen sonst bei feurigem Vöslauer und GumpoldSkirchener der Wiener mit Gesang »nd Tanz sich zu vergnügen pslcgk. Die liebliclre Phacakcnstadt an der schönen blauen Donau war sich an dieseui Mobilniachungstage mit einem Schlage ihrer weltpolitischen Stellung bewußt geworden und der bittere Ernst der Stunde räumte schnell noch die letzten Reste alles dessen fort, was einst der Wienerstadt den R»f der gemütlichsten, aber auch der zurückgebliebensten Großstadt eingetragen hat.
Mit markigen Worten begrüßt im „Neuen Wiener Tagblatt" der frühere Reichskriegsminister v. Schoenaich den Mobilisierungstag, indem er schreibt: „Die eisernen Würfel sind geworfen. — Der Kaiser ruft. — Die Armee, die zwei- mal in schweigendem Gehorsam das halbgezückte Schwe> t in die Scheide gestoßen hat, folgt jubelnd diesem Rufe ihres obersten Kriegsherrn. Der Bestand und die Ehre Oesterreich- Un garns, durch den Gang der Ereignisse ihr anvertraut
Erna und Ilse.
Roman von D. Feußner.
13 (Fortsetzung).
In dein Zimmer angekommen, war es Rodcrich, ol-s siättc er ein Heiligtum betreten: ein nnsägtichcr Schauer durchbebte ihn, es waren die Vorahnungen der schon so lange gehegten Hossnnng.
In de» weichen Kissen lag das Mädchen da, bleich wie eine Lilie n»d doch cngclschön.
Als es ihn komme» sah verklärte ein Lächeln das bleiche Gesichtchen und Rodcrich die Hand entgegenstceckcnd, sagte Crna mit schwacher Stimme: „Nächst Gott habe ich Ihne» mein Leben z„ verdanken, denn Sie haben mich von den, keuchten Grunde des Sees wieder heraus geholt und Ihr Leben dabei ai,ss Spiel gesetzt — ich danke Ihnen."
„Ich schätze mich glücklich, Ihr Retter geworden z» sein, doch Dank habe ich nicht verdient, den» cs war ja Pflicht, heilige Pflicht!" Letzteres sagte er ans da? Schifssgespräch anspielend.
„Sic haben eine sclw»c Probe Ihres Mutes abgelegt ,i»d das was Sie mir heute sagten, glänzend gerechtfertigt. Doch Sie sind ja noch i» Ihren nassen Kleidern", ftihr sie be- sorgt fort,
„O bei den, schönen warmen Wetter tut dos nichts, die Kleider sind schnell wieder trocken."
„Sie werde» am Ende doch krank", erwiderte sie besorgt. .Vater", wandte sic sich a» diesen, „kannst Du für Herrn Tietze keinen trockenen Anzug besorgen?"
„Ich will den Wirt fragen", sagte der Kaufmann. Wiener balf der erstere in liebenswürdigster Weise aus, denn eine Viertelstunde später trat Roderich vollständig umgc- kleidet wieder in das Zimmer.
Der Doktor hatte sich inzwischen von Erna, deren Vater lucd Schwester verabschiedet, denn seine Anwesendest war nicht „»bedingt notwendig. —
„Wie bist D» nun eigentlich in das Waffer gekommen^, fragt« ihr Vater.
„Hineingesprungen bin ich nicht", sagte sie scherzend, „denn soweit hat mich meine Hypochondrie denn doch noch nicht getrieben, aber hincingefallen, so unerwartet, daß mir der bloße Schreck schon alle Sinne benahm. Ich glaube nicht, daß ich um Hilfe gernse» habe, desgleichen vergaß ich in mci- uer Todesangst Schwiinmversuche zi, macken."
„Wie kanist Du aber so nahe a» das Wasser?"
„Ein ganz einfaches Blümchen wollte ich pflücken. Ganz dicht am Wasserspiegel war es am Ufer anfgeblüht. Ich stellte iiiich mit dem einen Fuß ans einen Baiinistainni, der so dick und stark erschien, meine zehnfache Last tragen z» können lind doch so morsch war, als wäre er ans Mehl gebacken gewesen. Er brach »nd ich stürzte kopfüber in den See. Was weiter mit mir geschab, weiß ich nicht, denn erst hier in dem Ziniiner erwachte ichwieder."
„Wenn Herr Tietze nicht zufällig in der Nähe war", sagte der Kaufmann mit einem vielsagenden Seitenblick ans diesen, „wärest Du unrettbar verloren gewesen."
„Ja, er ist mein Retter, und ich bin ihm zeitlebens z» Danke verpflichtet", sagte sie innig.
„Vielleicht komme ich einmal in eine ähnliche Lage", wandte der junge Mann scherzend ein, „daß Sie mir dann, falls es in Ihrer Macht liegt, helfen würde», glaube ich ganz bestinrmt zu wissen."
„Ganz gewiß würde ich dies tun,"
Damit endete das Gespräch, denn Erna fühlte sich sehr angegriffen und mußte ein wenig schlafen,
Roderich ging mit Hedwig hinaus und nur der Kauf- nconn blieb bei seinem eben einschlummernben Kinde, »m dessen Schlaf zu belpachen.
So verschlief Erna für Stunden die so eigentümliche Situation, in der sie sich ganz unfreiwillig befunden und dankbaren Herzens saß der glückliche Vater am Bette seine? geretteten Kindes. —
Am Abend war Erna wieder soweit hergestrllt, daß sie ohne Befürchtung aufftehe« und die Heimfahrt antreten konnte. Wähcerch der gan^u Fahrt saß sie neben ihrem .Letter, doch fpwchen.6ekde nur lehr wenig miteinander.
stehen unter Habsbnrgs alten Fahnen in sicherer Hut. -- SDuig der Gegner im llebernmt auf jüngst erfochtene Siege pochen: auf Waffen, die vom Königsmord befleckt sind, kann Gottes Segen nicht ruhen. — Unsere Armee, getragen von den Uebcrlicferungcn der durch Jahrhunderte bewährten Soldaten- und Bürgertugcnden, zieht frischen Geistes in demutsvollem Gottvertraucn hinaus und wird den Erwar- tungen ihres Kaisers und ihrer Mitbürger Poll entsprechen. — Hierin, in der treuen Hingebung und Opserwilligkcit bei Wehrmacht, in dem festen Znsammenstehen der Bürger beider Staaten, niöge unser heißgeliebter Kaiser, den die Welt aftt Hort des Friedens preist, Trost finden für den Schmerz, den ibni dieser fteventlich ausgezwungene Krieg bereitet. — Gottes Schutz geleite unsere Truppen und knüpfe Sieg an unsere Fahnen. — Vorwärts I"
Und schon regen auch Oesterreichs Dichter verheißungsvoll die Schwingen, So singt in der gleiche» Zeitung Paul Busson:
Nun, Oesterreich, laß marschieren Dein Heer mit festem Schritt.
Es zieht hoch in den Lüsten Ans teuren Heldengrüsten Ein leises Grüßen mit.
Von einem Wolkenschimniel Winkt lächelnd Prinz Eugen.
Er will den Weg uns weisen Auf dem in Blut und Eise»
Die alten Fahnen wch'n.
Sie flattern frisch im Winde Bei Spiel und Trommelstreickf Aus tausend Herzen und taiisendi Schwingt sich's, wie Sttirmwind brausend: „Kaiser »nd Oesterreich!"
Aus der Heimat.
* Büdinge», 88. Juli. Die hiesig« Schützengesellschaft feierte am Sonntag ihr bOvjährtges Jubiläum. Zahlreiche Schlltzen- ocreine aus Hessen und Hessen Nassau, sowie einzelne Schützen, darunter die Vereine aus Frankfurt, Mainz, Worms, Bretzenheim, Offenbach, Hanau, Gelnhausen, Schlüchtern u. a, m. waren zu der Feier erschienen, die am Samsiag Abend mit einem Festakt begann. An Fürstlichkeiten nahmen teil: Fürst Wols- gang non Bübingen und seine Familie, Gras Kuno von Siol< berg, Frhr, Heyl von Herrnsheim, der Fürst von Birstein, die Grasen von Nechtern Limpurg u. n. mit der hiesigen Linie verwandte Standesherren, Fürst Wolsgang von Büdingen hielt die Begrüßungsansprache: Vertreter der Stadt, der Behörden und der erschienenen Vereine überbrachten die Glückwünsche. Den Glanzpunkt der Feier bildete der historisch« Festzug am Sonntag. Unter Zugrunedclegung eines einheitlichen Gedankens hatte man geschichtliche Bilder aus der Vergangenheit zu cfseltvoller Darstellung gebracht. Mit dem Festessen in der Festhalle war um 8 Uhr der eigentliche Festakt verbunden. Der erste Schützenmeister Ebcrling erklärte, daß durch die fünf Jahrhunderte des Bestehens der Schützengesellschast sich die Liebe und Sorgfalt des Hauses Isenburg zur Schützengesellschaft wie ein goldener Faden durch deren Geschichte ziehe, je-
Roderich dachte an seine bevorstehende Abreise von Berlin und Erna? — Wer vermochte es zu sage»! War das erschütternde Ereignis eingctreten? Fing es an sich in ihre!» Innern zu klären? War der Morgen der Selbsterkenntnis angebrochen? Oder dachte sie darüber nach, ans welche Weise Roderich so schnell an die Unglücksstelle gekommen wra?
In Berlin angekommen fuhr man in der Elektrische» ^ bis an das Haus des Kaufmanns, woselbst sich unsere beiden Freunde von der Familie Lange trennten, aber mit der Zusage, sobald wie möglich wieder vorzusprechen.
VI.
Am anderen Abend erkundigten sich beide nach deni Befinden Ernas. Fra» Lange dankte dem Retter aus das Herzlichste: sie hatte den jungen Mann lieb gewonnen, gleich einem Sohne war er ihr ans Herz gewachsen und es tat ihr leid, daß er in wenigen Tagen Berlin verlassen mußte.
Erna blieb sich diesem gegenüber auch jetzt noch treu, ihr ganzes Wesen schien unveränderlich. Und als sie später mit ihrer Mutter allein war »nd diese ihr Vorwürfe niachie wegen der verletzenden Kälte Roderich gegenüber, erwidecre sie: „Bin ich unhöflich gegen ihn gewesen?"
„Nein, dos könnte ich nicht sagen."
„Also sind Deine Vorwürfe nicht gerecht. Laß alleni Zeit und Laus, so wird sich das, tvas vielleicht im Entwickeln begriffen, auch entwickelt, nur dränge mich nicht, Muster, dies ist meine einzige Bitte."
In diesen Worten lag gewissermaßen etivas Hossnnng für Roderich, drum sclevieg auch die Mutter, hoffend, daß noch alles so kommen würde, wie sie es wünschte.
Die wenigen Tage schwanden dahin und der Vorabend von Roderichs Abreise kani heran. Ganz allein ging der junge Mann zum letztenmalc zu Langes, um sich »» verabschieden. Er hoffte, auch zugleich mit Erna noch einige Worte wechseln z» können, denn die peinigende Ungewißbest konnte er nicht länger ertragen.
(F ortsetzung^ fo lgt, >


