'lummer 1*1 _ Diens tag» den 28. Juli 1914. 7. Jal-rgang
w ^ agr»,er1«ng eiche »nt l^en LeMag. Regelmahtge BeUagen ,.Yer Sauer aus Sellen". ..vie Spinnkube". Semgepreia: Bei den Poftanstallen vkerkeliährlich Mk. 1.95
en Agenten »m»natlrch ^0 ^.sg. E>»nzu ttitt Postgebühr oder TrLgerlohn. Anzeigen: (Srund.eile 20 Pfg., lokale 15 Pjg^ Anzeigen von auswärts werden durch Postnachnahme erhoben _ Erfüllungsort Fnedberg. ^rijriftUttnng und Verlag Friedberg (Heffen). genauer krähe 12. Fernsprecher 48. Ps'tscheit»iLonto Nr. 48-»S. Amt Frankfurt a. M.
Zum großen Appell!
Wenn Deutschland deine Stunde schlägt,
Da Gott den Wert der Völker wägt,
Eürt' um dein gutes Schwert!
Der Himmel leuchtet in roter Elut,
Er leuchtet dir, Eermanenblut,
Zum letzten Waffengang bewehrt,
Mit dem Slawen, dem tückischen Gesell: Alldcutschland zum grotzen Appell!
Was rauscht in den Lüsten durch Nebel geballt. Walhelden sind's, die mit Sturmesgewalt, Umzieh'n, wenn Kriege droh'n,
Sah'st du den Moltke mit blassem Erficht, Den Weihbarl mit der Krone nicht?
Und mit blondem Vollbart seinen Sohn? Sie reiten so blitzend, sie reiten so schnell, Avdeutschland zum grotzen Appell!
Dort reitet der Blücher, auf schnaubendem Roh, Und neben ihm Bork' sein Schlachtengenoh, Und Scharnhorst, der Schwerter Schmied. Held Lützow tummelt sein blankes Pferd, Jungfriesen schwingt sein reisiges Schwert. Und Körner singt sein Lied,
Und jubelnd schallt es im Chore hell: „Alldcutschland zum grotzen Appell!"
Es rauscht in der Erde, aus Moder u. Nacht, Erheben sich all' die Helden der Schlacht,
Sie steigen gewaffnet zu Licht und Luft,
Sie kommen in Scharen vom Leipziger Feld. Aus vergessenen Gräbern, kein dreizehner Held. Bleibt zurück, wenn das Vaterland ruft,
Und die Trompeten dröhnen so grell: Alldeutschland zum grotzen Appell!
Alldeutschland fürchte kein Ungemach!
Sieh! deine Helden sind alle wach Beim letzten Morgenrot,
Nur muht du stets mit Selbstvertraun.
Der Zukunft ins dunkle Auge schaun.
Dann hat es keine Not,
Mit aller Feinde Gebell:
Alldcutschland zum grotzen Appell!
Wem deutsches Blut in den Adern brennt, Wer eine deutsche Mutter sein eigen nennt, Der bleibt dann nicht zu Haus,
Wenns hallt vom Wogenschlag des Belt. Und von den Alpen widergellt:
„Wir ziehen alle, alle aus!"
Wenn hundert Millionen Germanen zur Stell, „Alldcutschland zum grotzen Appell!"
vr. Ltto Böckel, Michendorf (Mark.)
Immer noch keine Entscheidung.
Ruhigere Auffassung. — Ein englischer Konferenzvorschlag. — Die ersten Feindseligkeiten. — Der Inhalt der Antwort Serbiens. — Kundgebungen in Oesterrcich-ttugaru und Russland. —
Hangend und bangend in schwebender Pein, mit diesen Worten lüfct sich die Lage am trefscndsten kennzeichnen. Am Samstag schien cs, als müsse der solgende Tag schon die Entscheidung bringen; jetzt sind aber schon zwei Tage verstrichen, ohne dah nian einer sicheren Lösung auch nur einen Schritt näher gekommen Ware. Zeit gewonnen, heiht, wenn auch nicht alles, so doch viel gewonnen. Das trifft auch hier zu, denn die ursprüngliche Auslegung, die in den Hauptstädten d>r Großmächte bis zur Siedehitze gediehen war, hat heute einer weit ruhigeren Auffassung Platz gemacht und es ist bezeichnend, dah selbst die nationalistischen Hetzblätter an der Seine eine den Umständen nach ruhige Sprache führen.
Anerkannt mutz werden, daß die Haltung Englands viel zur friedfertigen Beruhigung beigetragcn hat. Es erscheint sicher, dah England ausrichtig den Frieden will; ob diese Stimmung wirklich reiner Friedensliebe oder anderen selbst- süchtigeren Gründen entspringt, soll hier nicht untersucht werden; genug: England setzt sich für den Frieden ein. Die englische Regierung hat den Vorschlag gemacht, die an dein Balkanstrcit nicht direkt beteiligten Großmächte, nänüich Deutschland, England, Frankreich und Italien sollten in London zu einer Konferenz zusammentreten, um über Mittel zu beraten, die Wirrnisse friedlich brizulcgcn. Ob diese Konferenz zustandekommen wird, steht dahin, aber in der schwierigen Lage der Zeit wird schon der Versuch einer friedlichen Lösung als ein günstiges Zeiäscn aufgesatzt.
Frankreich hat bereits, wie vorauszuschen war, seine Zu- stimmung gegeben» dort lag die Entscheidung leicht, denn dieser Staat ist England durch die Entente rordialc verbunden. Schwieriger war die Entscheidung bei Italien, das Oester- reich durch den Dreibund verpflichtet ist. Es antwortete zu- stiniinend in der Voraussetzung, dah Deutschland einverstin- den sei. Am schwersten ist es für Deutschland, die richtige Ai,»wort zu finden. Unsere Regierung und unser Volk hat keinen Zweifel gelassen, daß es freudigen Herzens, wenn es die Rot gebietet, an die Seite seines Verbündeten treten wird. Oesterreich hat seine Langmut gegen den gröheu- wahnsinnigcn Unruhestifter lange genug bewährt, wenn cs Ittji die gcwasfncte Hand zur Züchtigung des ewigen Unruh :- stistcrs erhebt, so handclt es im Interesse des Weltfriedens, der von de», Panslawismus ununterbrochen bedroht wird. Es kann unmöglich die Ausgabe des deutschen Reiches sei», in diesem Aiigcnblickc seinem Verbündeten in die Parade fahren zu wolle» und sei es auch durch die friedlichsten Bemühungen. Teuffchland und sei» Kaiser haben schon so oft der Beweise der ehrlichsten und opferbereitesten Friede,isliebe gegeben, daß mehr zu tun, nichts übrig bleibt.
Wenn England Erfolg mit seinen Friedensbemühungen
haben will, so muh es in erster Linie bei Rußland einsetzen. Hier laufen alle Fäden der Umtriebe und der Verhetzung zu- sammen. In dem Augenblick, wo Rnhland Oesterreich, dein es keineswegs um eine Zerstörung Serbiens oder etwa um Gebietszuwachs zu tun ist, freie Hand läht, um den ewigen Friedensstörern eine gebührende Züchtigung, die um Eindruck zu machen, bis zur Demütigung des Scrbcntums gehen kann, dem in der letzten Zeit der Kamm gar zu gewaltig geschwollen ist, in dein Augenblick ist der Weltfrieden gesichert. Auch Frankreich könnte beweisen, dah es ehrlich den Frieden wünsche, wenn es in diesem Sinne mäßigend ans seine russischen Verbündeten wirken wollte.
Ocstrrrcich kann nicht mehr zurück, wenn cs nicht dem Fluch der Lächerlichkeit anheimsallen wollte. Der Unistand, daß auher der Sprengung der Donaubrückc und einem un- bedciitendcn Geplänkel auf der Donau, wo zwischen öfter- reichischcn und serbischen Truppen einige Schüsse gewechselt wurden, ein ernster Zusammenstoß oder gar der österreichische Einmarsch in Serbien noch nicht erfolgt ist'), berechtigt noch nicht zu dem Schlüsse, dah es Oesterreich nicht Ernst mit seinem Verhalten sei. Oesterreich trifft niit Kraft und ziclbcwuht seine Mahnahmen. Diese Vorbereitungen pflegt man nicht in die Welt hinaus zu posaunen und deshalb dringen in den ersten Tagen so wenig Nachrichten in die Oeffentlichkeit, aber die Dinge gehen ihren Lauf, daran wird nichts abzuändcrn sein.
Immerhin lassen die beiden letzten Tage die Hofknung auskominen, dah der Weltbrand vermiede» werben kau». Klar und unzweideutig hat sich gezeigt, das, alle Großmächte vor der Verantwortung zurückschrccken, einen Krieg zu ent- fesseln, der sich zu einer Katastrophe entwickeln könnte, deren Ende nicht abzuschcn wäre. Wenn auch der Ernst der Lage unvcrinindert fortbestcht, ko scheint doch scstzustchen, dah keine Regierung irgend einer Großmacht den Krieg haben möchte und das läßt immer noch die Hoffnung auf eine Lokalisierung des österreichisch serbischen Zwistes zu; den», wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!
Di» ersten Erenzzwischenfälle.
€ e m I i t,, 27. Juli. Die serbische Regierung zieht in Tschilpria, Scmendria und Pozaocrae große Truppenmasien zujair.nien, die bestimmt sind, mit dem General Etcpanowitsch an der Spitze bei Temcskubin über die Donau zu gehen und in Ungarn einzusallcn. In der Nähe von Temestudin, bei Kevcrara auf ungarischem Boden an der Donau wurden 120
*) Nach neueren Depeschen, deren Richtigkeit aber noch nicht fcststeht, sollen die Ocsterreicher bei Mitrovitza die serbische Grenze überschritten haben.
Mann ungarische Soldaten, die sich aus den Schissen der Donau- Tampsschisfahrtsgcsellschast befanden, von serbischen Soldaten beschossen, woraus sich ein heftiges Eewehrscuer entwickelte, das 20 Minuten dauerte. Zwei serbische Schisse wurden von den ungarischen Soldaten beschlagnahmt. Der Thronfolger- rezent hat sich ins Hauptquartier »ach Valjcwo begeben, da in militärische» Kreisen der erwähnte Ercnzzwischensall als Kricgsansang angesehen wird.
Die Serben sollen, Zeitungsmcldungen zufolge, die große Brücke, die Belgrad und Eemlin über die Donau verbindet, gesprengt haben.
Aus der Donau bei Rosewo wurden die serbischen Irup- pentransportdainpser „Wardar" und „Zar Nikolaus" von den österreichischen Booten der Donaustotille aufgebracht, wöbet Serben zu Gefangenen gemacht wurden. Die Sprengung bet Gisendahnbrücke bei Cemiin scheint sich zu bestätigen, was jedoch, wie in Wien erklärt wird, für die österreichischen Truppeil bedeutungslos fei.
Einmarsch der österreichische» Truppen i» Serbien?
Ein Telegramm meldet de» Einmarsch der österreichische» Truppen, die bis Mitrovitza vorgcdrungen seien und die serbische» Truppen überall zurückgedrängt hätten. Die Nachricht klingt unwahrscheinlich, denn das serbische Mitrovitza liegt an der Donau gegenüber dem siavonischen Mitrovitza. Demnach können die österreichischen Truppen nicht weit vorgedrungen sein.
Die Mobilmachung Oesterreichs.
Folgende Korps find mobilisiert worden: Graz, Prag
Leilmcritz. Bosnien, Herzegowina, Dalmatien, Tcwesoor, Budapest lind Agram. Als erster Mobilisierungstag ist der 28. Juli festgesetzt worben. Infolge der teilwciscn Mobilisicrung wirb auf den einzelnen Bahnstrecken der Zivilpersonen- und Ecpäckvcrlchr sowie der Frachtverkehr vorläufig vom 28. Juli cingeschräntt.
Einschränkung des Bnhnvcrlehrs.
Wien, 20. Juli. Die Staatsbahndircktion publiziert eine Kundmachung betreffend di- Einstellung respektive Einschränkung des Ziviloerkchrs aus besonders bczcichneten Bahn« linic-i. Als erster Mobilisierungstag wird der 28. Juli bezeichnet. 2'om dritten Tage angesangcn wird für Zivilpersonen der Verkehr äuf einigen Linien gänzlich eingestellt. Gegen die Südostgrenze zu wird der Eesamtvcrkchr eingestellt.
Gras Bcrchtold und Kricgrminister Krad a> in sind wieder hier eingelrosfen. In Wien und allen Landeshauptstädten jindcn sortwähkend begeisterte Straßenkundgebungen für den Krieg statt.
Stuttgart, 28. Juli. Die Schlaswvgcn München-Ulm


