Kummer 173 Montag, den »7. Juli 1914. 7. Jahrgang
Die „Vene Tageozeftintg" erscheint leben Werliag. Regelmäßige Beilagen „Der Kauer au» Selsen", „Dir Splnnkube". Seiugaprei«: Bei den Postanstalten vicriel,nhrlich Mk. I.vö bei den Agenten monatlich so Psg. hin,u tritt 'i oftgtbü^t oder Ttägerlohn. Au, eigen : Erundzcile 20 Pfg„ lokale IS Pfg, An,eigen von auswärts werden durch Pastnachnahme erhoben Erfüllungsort ff riedberg. Schriftleitung UN» Derla, Fnedberg lSesienf, Hanauerstrah« 12. Fernsprecher 48. Poftscheck-Loato Sir. <859, Ami Franlfurt a. «.
Bor dem Kriege.
Die ablehnende Antwort Serbiens. — Besteht noch Aussicht auf Lokalisierung? — Rußlands Haltung noch ungewiß. — Rückkehr des Kaisers. — Begeisterung in Oesterreich und im Reiche.
Begonnene Haltung Englands. — Italien für Oesterreich.
Tie Würfel sind gefallen und sic bedeuten Krieg. Wie sich Julius Caefar einst bewußt gewesen ist, daß in dem Augenblick, wo er den Fluß Rubicon überschreiten wurde, der Krieg entfesselt war, so war sich Oesterreich klar darüber, daß cs mit dem Ucbcrrcichcn der Note in Belgrad eine ernste und folgenschwere Entscheidung herbcisühren werde. Tic Bedingungen waren schwer und hart, aber wohl noch nie hat eine mächtiger, auf Millionen von Bajonetten und Kanonen gestutzter Staat sich soviel gefallen lassen, wie dies Oesterreich durch Serbien in den letzten Jahren hat erfahren müssen. Als dann endlich die Schüsse in Sarajewo krachten, als die Untersuchung ergab, daß alle Faden der Verschwörung in Belgrad zusammcnliefcn, daß sich dort eine Brutstätte von Verschwörern und eine Mordergrusipc gebildet hatte, die unter den Äugender Regierung ihr verbrecherisches Treiben vollsiihrt hatte, da ging selbst die Langmut Oester- reichs zu Ende und was kam, das mußte kommen, wollte sich Ocstereich nicht aus der Liste der Großmächte einfach strei- chen lassen.
Serbien hat, wie zu erwarten war,das Ultimatum nur ungenügend beantwortet, als Antwort hat Oesterreich seine diplomatischen Beziehungen zu diesem Staat abgebrochen, sein Gesandter hat Belgrad verlassen und das bedeutet den Krieg. Bereits haben beide Staaten ihre Heeresmacht mobi- lisiert und schon in den ersten Tagen dürften die Truppen- bewegungen beginnen. Noch in den Mittagsstunden des gestrigen Tages hieß es, Serbien hätte die Bedingungen Oesterreichs vollauf bewilligt und ein Dcpeschenbüro hat auch diese Nachricht überallhin verbreitet.
Diese Lösung konnte auch deshalb Glauben finden, weil das serbische Rcgierungsorgan verkündet hatte, daß die serbische Regierung allen jenen Fordc- rungen entgegcnkäme, durch welche verbrecherische Taten und Erscheinungen der Unordnung in den Nachbarländern cntgcgengctrcten werde solle. Es war offenbar nur Spiegelfechterei, denn am Abend kurz vor 6 Uhr erschien der serbische Ministerpräsident Paschitsch auf der Kaiserlich König!,(fww Gesandtschaft in Belgrad und erteilte die An«- Wort, die als ungenügend befunden worden^ ist. So werden denn die Tinge ihre Laus gehen und das «chwert wird entscheiden. ...
So nehmen sich die Tinge äußerlich ans. T,c geheimen Gänge liegen zur Feit noch nicht blos. Soviel ist wohl offensich,sich. X.ß Serbien es nicht wagen würde, gegen den mach- ligen Nachbarstaat anznkäinpsen, vertraute cs nicht aus die Hilfe eines Stärkeren. Das korrupte und verderbte halb- asiatisch- Rußland ist cs, ans den alle die dunklen Existenzen i ic der Balkan in so reickcr Jiille beherbergt, ihre Hoffnung , setzen. Dieser Staat, dessen Fürsten selbst seit mehreren Generationen der Möderhand zum Opfer gefallen sind, stvickt sich an. einem Staatswesen Hilfe zn leisten, dessen ^Ote,- haupt durch einen doppelten Fürsten,nord ans den Thron gekommen ist und das jetzt wieder durch tx» doppelten Meuchelmord an den, östcrcichischen Thronfolgerpaor die Ursache der Wirrnisse gegbe» hat. Zwar läßt es tartari.che Verschlagenheit nicht zu, ossen und ehrlich Farbe zu bekennen, es unterliegt aber keinem Ziveisel, daß Paschiiich aus Ruß land seine Hoffnung setzt, wenn er dessen Hilsi-zusage nicht schon mit Brief und Siegel in der Tasche hat.
In Oesterreich ist man sich des Ernstes der Lage vollauf bewußt. Erhebend wiikt i» schwerer Sinn de die allgemeine Begeisternng. Im ganzen La>-d erbebt sich cinn .ilig das Volk für seine nationale Ehre lind seiest in de.! volnüs-'.c.r Städten, nicht minder in Ungarn siebt d. s D lk cinmüttg -n der Regierung. Bezeichnend ist es, best in ek.', T.-:nsi',.r.r- tionen der Ruf laut wird: Krieg gegen Nn^-nnd!
Auch im Deutschen Reiche sah >: mit gü ater Span
nung der Entscheidung entgegen > . d - ge ' , >>> hehlt inan sich keineswegs die Felge.! und ist b tv n.pt. daß vielleicht bald das Bündnis «:it t- ->>-
von »n? fordert. Wir können mit d.: des guten > e
Wissens dem Ausgange entgcgcnschcn. . , -ere ne ,st dos deutsche Reich ein Fricdcnshort gewesen. S l!e i.. Weltkrieg kommen, der schon so lange drehte o i er uns aufgezwungen worden. Gewissenlose H per !..I e. >wd im Westen des Reiches traten die Der. . e '. T er
deutsche Kaiser hat sofort seine Nordlandsfahrt unterbrocheu und ist nach Berlin ziiriickgekchrt. Er wird, das ist zweifellos, in dem Sinne wirken, daß der Brand keine weitere Ausdehnung erfahre. Schließlich ist es ja noch die einzige Hoffnung, daß der Krieg aus seinem Herd beschränkt bleibe. Noch ist dazu nicht alle Hoffnung verloren. Sollte cs aber anders werden und die Stiindc der Gefahr gekommen sein, so wird Oesterreich, dessen kann es gewiß sein, Deutschland, seinen Verbündeten. in Wehr und Waffe» an seiner Seite sehen.
Die offiziell« Bel»n»lz«l>« »es Abbruch» »er »steeteichisch,
serbischen Beziehungen.
Aintlich wurde am Freitag 8 Uhr 1v Min. in Wien bc- kaiintgegebc», daß wenige Minuten vor 6 Uhr Ministerpräsident Paschitsch in der ästeiicichisch-uiigarischen Gesandtschaft er. schien und dem Gesandte» Fieiherrn von Eiesl eine Antwort erteilte, die nicht befriedigte. Darauf teilte Freiherr ». Eiesl dem serbischen Ministerpräsidenten mit. daß er den Auftrag habe, die diplomatischen Beziehungen abzubrechc«. Freiherr von Eiesl verließ mit dem Eesandtschastspersonal um 6,30 Uhr Belgrad.
Bereits um 3 Uhr nachmittags hatte die serbische Regierung die Mobilisierung der gesamte» serbische» Armee angeorduet. Das Kriegs,»anisest Kaiser Franz Fasess wird Samstag ftüh genieinsam mit der Mobilisafionsorder vcrös- feiltllcht.
Was hat Serbien abgelchnt?
Ueber die wichtigste Frage, was eigentlich Serbien auf die Rote Oesterreichs geantwortet habe, liegen merkwürdigerweise noch leine bestimmten Angaben vor. Bon einer Seite wird behauptet, daß Serbien alle Forderungen bewilligt habe bis aus zwei. Nämlich die Berösfentlichung des Armeebefehls, die man angesichts der Stimmung der Ossizierc nicht wagen zu dürfen geglaubt hätte u„d zweitens die Entsendung österreichischer Kommissare nach Serbien. Es wird weiter behauptet, daß trotzdem bis zum Samstag Nachmittag die Stimmung norgeherrscht habe, alles zu bewilligen, da sei um 2 Uhr ein chisiiiertes Telegramm aus Petersburg gelommen, das einen Umschwung herbe,geführt und zur Ablehnung geführt habe. Die Richtigkeit dieser Nachricht läßt sich nicht lontrollieren.
Diplomatischer Schritt Rußlands u»d Frankreichs in Wien.
Der französische und der russische Botschafter sollen sich, e,uer unverantwortlichen Nachricht zufolge, zum Grafen Derch- told begebe» haben, um ihm die Schlichtung des östeircichisch- scrb,schcn Konjlikts durch einen Schiedsspruch vorzuichla- ge». — Als Kuriosität sei erwähnt, daß der sranzösisch- „Tc,»ps" Deutschland aufterdcit, i» dieser Frage de» Schieds- rlchlec zu spielen. Lehne cs ab. so sei es für den Ausbruch des Weltkiieges vereitln örtlich. Die Absicht dieses Vorschlages ist nur zu durchsichiig, sie läuft daraus hinaus, Deutschland mit Oesterreich zu cntzwcieu, so daß sic einer Erörterung nicht bc- dars.
Immer „och Aussicht auf Lokalisierung.
In der letzten Sitzung der Börsenkammer gab der Vertreter der Regierung die Erklärung ab, es sei bisher kein Anlaß zu befürchten, daß die Lokalisierung des Krieges n:cht gelingen werde.
Ritßle.iid schwankt osscnbar noch in seiner Entscheidung. Man ist sich bewußt, welche großen Tinge aus den, Spiele stehen. Ma» möchte den Krieg, denn erstens stehen die russisch:., Stzmpathiki, ungeteilt auf Seiten Serbiens »nd dann gefüllt man sich zu sehr in der Rolle der slawischen Vormacht auf de», Balkan, als daß man die Einmischung eines anderen States auf den, Balkan ruhig mit antehen li .rnte Ans der andere» Seile aber ist man sich nur zu sehr l.wußt, daß man im gegenwärtigen Augenblicke einen Krieg l,wagen kann und daß ein „„glücklicher Krieg nicht n,:e das Rußlands aus immer vrrnir'len, sondern
au-.d den " t es:, nd des Stantenkolosses überhaupt Frage
II,:. r die Ergebnisse des Kronratcs wird der „Frank- fur'.er Zeitung" depcichirrt, daß sic geheim gehalten weiden- Geeste' c, d.e über teilweise Mobilisierungen uiiilanfe,,, wer- ^ den r.a aste, geglaubt, doch bestellt keine Möglichkeit.
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I . rrct* die eineErschienuiguug der Mcbilisicrnua
crnivglichen würden: so wurde die Befördernug der Zähnrick,» des Petersburger Arincekorps zu Leutnants heute früher als üblich vorgenommcn, auch die Verhängung des nusicrurdcnt- lichcu Schutzes dürfte kaum wegen der Streikunnihcn erfolgt sein, aber die Maßnahme ermöglicht eine sofortige Unterdrückung „„bequemer Blatter. Tic Presse erhielt bereits ein eingehendes Verzeichnis von Nachrichten militärischer Natur, deren Verbreitung bedingungslos untersagt ist.
Günstig für die Erhaltung des Weltfriedens spricht die besaiiuene Haftung Englands, dessen Hoftnung „Vermitteln" lautet. So schreibt selbst ein Lbscrver, Herr Garvin, dem man alles eher als drcibundssrcundlichc Neigungen nach- sagen kann: „Wir erkennen an, daß Rußland die Zerstörung Serbiens nicht dulden kann, aber cs soll auch keinen Finger aushebcn, um Serbien in seiner Hartnäckigkeit zu ermutigen oder ih», das volle Maß sofortiger B c st r a f» n g zu ersparen. Serbischer Größcnwohnsinn ist seit den Balkankriegen bis zun, gefährlichsten Grade erhitzt worden. Tie Okkilpierung der bulgarischen Teile Mazedoniens und die Verfolgung der bulgarischen Kirchen und Schulen machen den Anspruch auf Bosnien lächerlich. Belgrad war ein Treibhaus von Träumen „nd Komplotten, die unmittelbar gegen die Existenz der Habsburger Monarchie gerichtet waren. Die direkte Folge dieser moralischen Atmosphäre war der Doppelmord in Sarajewo.
Anderseits erkennt das Blatt an, daß eine politische Erwägung zu ganz anderen Schlüssen führen kann als eine rein moralische. Es resümiert:
Die Pflicht Englands, was immer sie letzten Endes sein möge, beißt znnächst Vermitteln! VermittelnI VermittelnI Wir müssen Rußland helfen, Garantien gegen die Vernich- tnng des unabhängigen Serbiens zu finden, ohne die Rettung dieses schuldigen Staates vor ausreichender und denkwürdiger Bestrafung anzustreben.
Von Ministern hat sich einer, Sir John Sinwn, zur Krise geäußert. Er'sagte, von Anfang bis zu Ende müsse Englands Rolle die eines Veruiittlers sein, um einzig aut friedliche Beziehungc» hinzuwirkeu. Unterstaatssckretär des Auswärtigen Acland sagte in einer Rede, der ganze Einfluß Englands werde in, Interesse des Friedens verwendet werden.
Ocstcrrcichlsch« Vorbereitungen.
M , c i,. 23. Juli. Oesterreich Ungarn trifft bereits all« Derbere,iungcn militärischer Natur, die sich >„ der breiten Oes- scntllchkeit abzurolle» beginne». Reservisten stellen sich bei ihre» Regimentern, Truppentransporte werden verladen »nd die Denaubrüiken haben militärische Bewachung erhalten, um Ile vor Anschlägen zu schützen. Da» 28. Jnsanteric Regiment hat heute morgen um V,\ Uhr Wien mit der Bestimm,,uz nach Südes,:» verlasse».
Der Telephon- und Telegraphenoerkehr unterllegt der tircngstcn Zensur. Nachrichten Uber militärische Vorbcrcftun- gci, dürfe» von den Korrespondenten nicht mehr verbreitet werden, da ein Aussichisbeamier sich bei allen Gesprächen in die ZRtung cinschaftct »nd sofort unterbricht sowie irgend etwas niiigetcili wird, daß die Regierung der Landesverteidigung geheim zu halten wünscht.
Die serbische Gesandtschaft hat bereits ihr- Archive ge- packt und versiegelt und hält sic absahrtbereit. Man erllärt zwar ln der serbischen Gesandtschaft an eine friedliche Lösung des Konflikts noch immer zu glauben, in unierrichieicn Kreisen ,,'ißt man diesen friedlichen Versicherungen keine Beachtung zu, da r:tn davon überzeugt ist. daß die serbischen Diplomaten genau wißen, daß Serbien nicht nachgeben wird und Oesterreich-Ungarn nicht nachgcbe» kann.
Wien, 26. Juli. Unter Berufung aus die geänderte po» litischc Lage Hai die Regierung eine Reihe von Paragraphen und Minificrialverordnungen erlassen. Deren wichtigste be- trcjjci, 1. die Ueberiragung van Befugnissen der Polizeioer- waltung c» den .Hochsilo,nniaudicrcnden in Bosnien, 2. ied Suspension des Vereins- und Versammlungsrechtes, 3. die Ein- stcllung der Gcschworcncligcrichie, -I. das Inkrafttreten des Kriegst: lungsgesetzes, dann noch die Behandlung der Postsendungen, das Verbot der in inin.hr einer Reihe von Artikeln die Festsetzung der Vergütung für die auf Grund des Kriegs lcistune.e-glsetzes g-lktfletc» persönliche» Dienste. Ferner wurdt auf Grund kaiserlicher Ett-iäck-! gung der Reichst»« «eschl»N«H


