wieder in ihre Rechte; jetzt ist mein Her, noch zu wund." Im Schlafgcmach erblickte sie aus einer Konsole noch ein Ge'chenk der Tante, den segnenden Christus. Voll Rührung sank sie vor dem Belt in die Knie, ein wortloses, inniges Dankgebet auf den Lippen. So gut, so gut hatte es der himmlische Later mit ihr vor! Sie schämte sich nun ihres zaghaften und kleinmütigen Abschieds aus der Heide. Gütig wehrte die Tante den Dank ab. „Kind, ich habe doch mit meinem gebrechliche» Körper, daran lein Verdienst. Ich ließ den Spediteur nach Gutdünken ausstellen, und wir beiden alten Krauen ließen nur ein bißchen Grünes hineintragen. Du kannst gern umstellen, so wie cs dir am besten aefällt."
„Nicht doch! Ich bin Dir ja so dankbar für all die Mühe und treue Fürsorge. Wie werde ich dir den Dank nur abtragen können?"
„Du wirst manches Schwere mit durchmachen,
Maria. Zu meiner bösen Gicht hat sich feit Jahr und Tag noch ein beängstigendes Herzleiden gejcllt.
Du wirst keine leichte Pflege haben."
Es pochte. Brigitte steckte ihren grauen Kops durch die Türspalte und fragte, ob schon nach ihr geklingelt sei.
„Nein, Brigitte, eben sollte es meine Nichte hin; aber jetzt bleibe nur hier."
Fragend schaute die Alte mit einem dicken Buche in der Hand auf ihre Herrin. „Reich' es, bitte, her!
Aber das Lesen wollen wir von jetzt an jungen Augen überlassen."
Maria nahm das Buch in Empfang und las dann mit ihrer weichen, wohllautenden Stimme den Abendsegen.
„So, mein liebes Kind, dies war deine erste Pflicht; morgens und abends um acht Uhr, jo haben wir's immer gehalten."
Am andern Morgen zeigte ihr die Tante ein prächtiges Album mit Photographien aus aller Herren Ländern und erzählte da
Uaronln Aerta v. Suttner, die
gefeierie SchrififteUerin, die wegen ihrer eifrigen Hingabe an die Frie- densbeiveguirg nu Jahr 190ä mit dem Nobelfiiedenspreis ausgezeichnet worden war, ist ln Wien am 21.Juni IUI t gestorben. Am '.Juni ti pg rvnrde ne in Prag als rochier des Feldmarschalls Grafen Kinski und scmer Gattm Sophie, geh. v. Körner, geboren, lebte viel auf Renen um war 'eit I87ii mit dem im Jahr 1202 vernorbenen Freiherrir A. lÄ. v. Sultner verheiratet.
bei arisführlich von ihrem Sohne Axel. Dieser, ihr einziges Kind, hatte den Beruf ihres Gatten ergriffen. Eine glanzende Be förderung hatte ihn schon zum Korvettenkapitän aufrücken lassen. Für ihn waren auch die Staatszimmer im Hochparterre, in die er leider stets nur zu kurzer Rast cinkehrte. Maria folgte Brigitte dahin. Beklommen schritt sie durch die beiden Prachtzimmer; von jeder Reise war scheinbar ein Andenken zur Ausschmückung des Heims mitgebracht.
Einiges, wie die großen Tiger- und Pantherfelle, stammte noch vom Onkel.
Die dritte Stube diente dem Wikinger als Schlafgemach. Die Fenster gingen zur Mottlau, so d^ ihm selbst daheim die Wellen das Schlummerlied sangen.
Als sie alles in Augenschein genommen, verschloß sie sorgfältig wieder diese märchenhafte Pracht. „Wie wunderschön sind Axels Räume!" berichtete sie mit strahlendem Lächeln oben;
„er bringt sich wohl von jeder Ausreise etwas Schönes und Originelles mit?" — „Das tut er meistens.
Ile Ilnwetterkataürovtze in tttaris war so verheerend, daß infolge der Regengüsie und der Unlerwaschnng eine Straße geborsten ist, in der ein Auto versank. (Phot. M. Branger.)
Ich komme
nur so selten noch nach unten. Schon vo» September an mußten meine kleinen Ausflüge in unseren Garten unterbleiben; ich hatte solch häßlichen Husten."
„Die Ausfahrten werden wir bald nachholen, Tantchen; ich fahre dich täglich im Frühlingssonncnschein spazieren."
Liebreich streichelten die welkcn Frauenhände das blasie Mäd- chengcsicht. „Du bist mein gutes Kind! Aber wer weiß, ob es so bald sein wird. Der Frühling hält hier bei uns später Einzug, wird dann aber auch um so dankbarer empfunden."
An einem stürmischen Apriltag traf dann ein Telegramm von
Axel ein mit der Botschaft, daß die „Freya" höchst wahr !
in acht Tagen Danzig anlausen werde. Seine Zimmer wu> gelüftet und instandgesetzt; Maria stellte noch frische Beilch Maiglöckchen in Lasen zum Willkomm aus. Im übrigen wi den Bettcr nur beim Mittagessen sehen, erzählte ihr Brigitt den letzten Jahren habe er immer seltener seiner Mutter ma, ganzen Abend widmen können; stets wurde er von allen cingeladen. Maria Benatus schickte dem He renden in Gedanken Grüße entgcgeqen. Zwei hatten sic seiner vergeblich gewartet; ob er kommen würde? Es wäre sonst schade um den sck Napfkuchen, den sie ihm zu Ehren gebacken, u> dem sie besonders die Rosinen nicht gespart, zwölf Jahren hatte Axel den ersten und letzten stecher zu ihren Eltern in ihr einsames, wcltse Heidedorf gemacht. Da hatte ihr Mütterlein - emen Napfkuchen und eine große Schüsiel Wa herzen gebacken; ob er sich wohl noch daran erinnei Vorwurfsvoll blickte ne auf ihre Hände, die mu im Schoße ruhten, und flugs saß sie auch auf ihr Lieblingsplatze und trat emsig das Spinnrad. N. nicht die Zeit mit nutzlosen Träumen hinbringe und Lustschlösser bauen, die niemals bezogen werde können.
Aber erwarten wir denn nicht alle etwas gar. besonders Schönes und Köstliches, Hohes und Herr liches vo» der Zukunft? Spinnen wir nicht allo wenigstens doch in den Jahren, wo unser Herz le benshungrig und ungenügsam pocht, ein durchsichti feines, goldenes Gewebe aus lauter Hoffnungev jeder nach seiner Art? Ja, fast alle tun wir's und haben auch das eine fast alle gemeine das Ziel unserer Sehnsucht erreichen wir nie; meist jagen wir in törichten Träumen einem wesenlosen Gebilde nach. Maria Benatus tupfte mit den Fingerspitzen in den Wassernaps; emsig griffen sie in den blonden Rocken, und das Spinnrad schnurrte eine seltsame, lieb vertraute Melodie dazu. Sollte ihr Herz wirklich frei von jener Sehnsucht nach Glück sein? Ja, es war frei und rein.
Jeder Tag stellt seine Forderungen, und nicht, was wir gewünscht und erträumt haben, macht »nü zufrieden und glücklich, nein, was wir geleistet an treu erfüllten Pflichten un> uns abgerungen haben au gebrachten Opfern, das gibt erst dem Leben seinen Wert, so lautete ihr Wahlspruch.
Die Uhr verkündete die dritte Nachmittagsstundc. Die Tante würde nun ihren Mittagsschlaf beendet Huben; Maria hatte zur Vorsicht ihreTür nurangelehnt, um sofort zur Stelle zu sein. Da tönten Schritte auf dem Beischlage; sie achtete nicht darauf, vernahm auch nicht, daß auf der Diele im Flüstertöne eine Unterhaltung geführt wurde.
Voll Rügrung betrachtete der wettergebräunte Seemanndas licblicheBild. Die Sonne lugte einen Augenblick hinter dem grauen Wolkenberge hervor; wohlgefällig huschten ein paar Strahlen durch die blitzblanken Scheiben des Erkerfensters und sprühten tausend goldene Funken auf die schweren blonden Flechten.
„Dornröschen!" Erschreckt fuhr Maria bei dem Ton a»>. „Guten Tag, liebes Bäschen! Schade, daß das Bild zerronnen ist! Ich sah seit vielen Jahren nicht so etwas Anheimelndes."
„Grüß Gott, Axel! — Herzlich willkommen daheim!" und dabei reichte sie ihm die Hände. „O, wie wird sich deine Mutter freuen! Wir wollen sogleich hinübergehen."
„Nein, nein, ich möchte ihr den Schlaf nicht kürzen; laß sie nur ruhen! Wenn du gestattest, leisteich dir Gesellschaft; aber dann mußt du dich wieder ans Spinnrad setzen."


