Nummer 162 ___Dienstag, den 14. Juli 1014. 7 . Jahrgang
~' c ,Tageszeitung" ci djtint irden Sl'cittag. Regelmäßige Beilagen „Bcr Kauer au» Helfen", „l>ie ZpinnSubc". Kezugapreis: Be, den Postanstatten vierielzährlich Mk. i/JE Ui ten Agenten monatlich 50 Mg. Hinzu tritt Postgebühr oder Trägerlohn. Anicigrn: Erundzcile 20 Pfg., lokale 15 P,g, Anzeigen von auswärts werden Lurch Postnachnahm: erhoben Ersüllungsott Friedberg. Kchriftleitung und Verlag Friedberg lHcsten), Hanauerstratze 12. Ferniprechcr 48. Postscheck-Lonto Sir. 4859, Amt Franlsurt 0 . M.
Drbcrsicht.
— Gestern mittag ereignete sich in Frcndcnstadt ei» schweres Automobilunglück. Auf einem Abhange kam das Automobil des Ingenieurs Arbogast aus Straßburg ins Schleudern und überschlug sich zwei Mal. Tic Frau des Besitzers Arbogast war sofort tot: er selbst erlag nach einer Viertelstunde seinen schweren Verletzungen. Ein dritter Insasse kam mit leichteren Verwundungen davon.
— Ein schwerer Unfall ereignete sich in Vitty-Ies» Rciins beim Legen von Flatterminen. Fünf Soldaten wurden in den Gängen, man vermutet infolge von Ausstrvmcn giftiger Gase, erstickt aufgesundcn. Zwei von ihnen waren bereits tot, die anderen drei befinden sich in lcbensgefähr- lichem Zustande.
— Ein Soldat des zweite» französischen Jägcrbatoil- lons wurde gestern bei einer Ucbuug infolge eines Hitz- schlagcs vom Wahnsinn befallen. Er zog seinen Säbel, schlug zwei Pferde nieder und griff sodann seine Kameraden an, von denen er mehrere verletzte. Es gelang nur mit Mühe, den Wahnsinnigen zu überwältigen.
— Wie erst jetzt bekannt wird, ist es im Ulstcrgcbict am vergangenen Samstag zu blutigen Zusammcnstöilcu zwisäzen Nationalisten und Unionisten gekommen. In Kil Hey in der Grafschaft Berry gerieten Anhänger dieser bei- den Gruppen in ein Handgemenge. Glücklicherweise waren jedoch die meisten von ihnen unbewaffnet, sodaß die Verletzungen die eine große Anzahl der Streitenden erlitten haben, nicht sehr ernstlich waren.
— Nach dem Gottesdienste fand man gestern Abend in London in der Kirche eine Bombe. Glücklicherweise war die Zündschnur erloschen. Im anderen Falle wäre eine unheilvolle Explosion erfolgt, während das Publikum sich noch in der Kirche befand. Eine Suffragette wurde unter der Beschuldigung verhaftet, den Anschlag versucht zu haben.
— Zu dem Staatsbegräbnis des russischen Gesandten von Hartwig das in Belgrad statttindet, ist gestern die Ww. des Vorstorbcncn eingrtosfcn. Hartwig wird neben dem ehenialgcn Minister Milanowitsch bcigcsetzt. Ein besonderes Zeremoniell wurde für das Leichenbegängnis ausgearbeitet. Tie Kosten werden von der serbischen Regierung bestritten. Tic serbischen Minister heben den Sarg vom Wagen und tragen ihn in die Kirche hinein, die srcindcn Diplomaten aus der Kirche heraus.
— Nach einer Meldung der „Franks. Ztg." aus Kon- stantinvpel bestellte der türkische Marineministcr Dschemal Pascha während seines Aufenthaltes in Frankreich 30 Hydro- Acroplane 14 Torpedoboote und vier Unterseeboote.
— Es verlautet, daß der Kricgsminister nach Notierung der jetzt abgeschlossenen Anleihe einen außerordentlichen Rüstungskredit von 100 Mill. verlangen wird.
Am Ende?
Der Hansabund scheint, wenn nicht alle Anzeichen trügen, langsam an Rückenmarksdarre, d. h. am Talles cin- zugehcn. Ein klägliches Geschick, das er mit seinem 1901 gegründeten Vorgänger, dem Handelsvcrtragsvcrcin teilt. Und doch führten beide den klingenden Namen: Porte-
nronnaie-Dercin. Reichlich flössen ihnen die Mittel zu. Alle? was liberal dachte in Handel und Industrie schickte Herrn Rießer die braunen Lappen um die verhaßte „Agrar- demagogic" zu bekämpfen, wie sic seinerzeit die Herren Goldberger und Jacob erhielten, uni 1003 handclsvertraas- srcundliche Wahlen zu machen. Aber 1003 brachte den Freihandelsleuten einen Mißerfolg. Nur spärlich sickerten die Goldgucllen, mit deren Hilfe der Handelsvertragsvere.n sein Dasein als kleine Anskunstsstelle kläglich fristet. Großzügiger packte Herr Jacob Rießer die Sache an. Er verstand es aus dem ff die Reklametrommel zu rühren, ’ 1909 schon begann er, wo die Wahlen noch weit im Felde lagen. Und alles strömte ihm zu, alles war einig, Pri>a- pale, Angestellte, Arbeiter, Schwcrindustrtellc und Weiß- krämer, Jandorf, Tictz und der MittelstairdSobcrmeistcr Rahard. Und alle waren einig, einig ,im Kampf gegen rccbiS, den Herr Rießer der Präsident, das Verdienstvolle Mitglied des Zcntralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens proklamiert hatte.
Deutschland harte der Taten, als deren erste gepriesen ward die Bcrösfentlichung ganzer Wagenladungen von : a- tcrial über den verwerflichen Boykott des Bundes de" Landwirte. Man harrte nicht vergeblich. Tic Anklage» kamen. Aber nicht der Bund der Landwirte, nein der Hansalnind wurde der Sünde geziehen, Boykott verhängt zzn haben. Und das von feinen eigenen Angestellten, die, weit über 30, sich sogar zu einem „Schutzverband ehemaliger Aa.ee- stelltcr und Mitarbeiter des Hansabundes" z»s"nn:i schlosse» um sich gegen dessen „Verdächtigungen, Vcrlenni- düngen und Unterstellungen" zu wehren, gegen den Boykott, den der Rießerbund über sie verhängt batte. Schon damals drohten dem Hansabund nämlich die Gelder a: . gehen, trotzdem die leitenden Geschästsiührer bescheiden: Ge-
hältcr bezogen. Herr Direktor Knobloch 40,000 Mark und Herr Assessor Kleefeld gar nur 18,500 Mark. Mit vollen Segeln ging dann noch die Hansabundsfregatte in den Wahlkanipf 1912. Geld spielte damals fiir Herrn Rießer und seine Getreuen keine Rolle, Börsen- und Bankleute geizten nicht, und stolz konnte Herr Rießer rühmen, des Hansabundcs rotes Gold habe mehr als 100 Abgeordneten nach Berlin verholfen. Was machte cs, daß unter der Süddeutschen Pcchmann und Nötiger Führung die rheinische Schwerindustrie den Hansabuud verlassen hatte, daß andere ebenfalls den bedingungslosen Kampf gegen rechts und das Paktteren init den Sozialdemokraten nicht mitmachcn wollten und abschwcnktcn. Man hatte ihr Geld weg und erhielt täglich neuen Zuzug. So wenigstens Vers . rlc das Direktorium: Zahlen und Namen, mit denen cS sonst so geprunkt, verschwieg cs aber wohlweislich.
Immer lecker wurde das Schisflein Hansabund. Tie von seinen Gnaden gewählten Abgeordneten erfüllten nur wenig die aus sie gesetzten großen Erwartungen, Herr Ric- ßcr reiste Wohl noch im Lande umher, doch seinen Reden fehlte der wagemutige Schwung, lind Herr Ravcnä, der einst im Sportpalast sein wuchtiges „Wir lassen nicht ans uns herumtranipcln" hinausschmctterte, war ganz verstummt. Unwidersprochen ließ der sonst so berichtigungs- frcudige Bund die Meldungen, daß täglich die körperschast- lichcn Mitglieder ihre Beiträge herabmindertcn oder ganz austrälen. Und nun verlassen die Natten das sinkende Schiff, die Kogge treibt an den Strand und wird elend versanden. Herr Rießer selbst teilt schon sein Interesse zwischen deni Hansabund und dem Deutsch-Italienischen Wirtschaftsverein. Und die andern? Ihnen wird die Han- sabundsplankc zum Sprungbrett. Wie einst Dr. H. Schacht aus dem krankenden Handelsvertrags-Verein in den Sessel eines Bankdirektors sprang, so springt Herr Dr. Kleefeld mitten unter die Aufsichtsrätc. Er wird einem Berliner Hotel-Unternehmen und einer Terrain- und Bau-Akticn- Gesellschaft seine Kräfte weihen.
So ist denn das stolze Unternelmten, das mit Geld und Reklame künstlich wie ein Riese aufgcpäppclt wurde, heillos erkrankt an der Auszehrung. Wenige nur werden ihm Tränen nachweincn, die aber gründlich. Die Handwerker nämlich, die nun nicht erleben, ihre Buchfordcrungen mit seiner Hilfe diskontieren zu können, damit die Banken die Spesen erhalten und des Riesen Angst- und Notkind: der Bauernbund! Wer wird ihn nun aus seinen Nöten helfen, wenn der Vater liquidiert? Wann macht Herr Dr. Böhme den Sprung, den Herr Kleefeld bereits getan, den Herr Hestermann ablehnte? — Kurz und unerfreulich ist die Geschichte des Hansabundes und wer sic schreiben wollte, fände bequem Platz in einem Notizbüchlein. In eins von denen die der Hansabund anfcrtigen ließ durch Vermittlung der Warenhauscinkäuferfirma Hecht u. Pfeiffer, die diese unter Ausschaltung des Handwerks im Zuchthause arbeiten ließ.
Eagesirversschl.
Deutsches Acich.
Ein neuer Berggcietzcntwurs. Ein netter Bcrggcsetzenl- lvurs über die ttcbcrtraguug des Rechts zur Aufsuchung und Gewinnung der Steinkohle an ordere Personen bcsindet sich bei den zusiündigcu Ressorts in Vorbereitung, um »ach seiner Fcrttgstcllung d::n Landtag« zur Beschlußfassung vorgelegt z» werden. Es ist zu erwarte», daß sich die Bergbaudcputatioa, die über berguitsichestliche und bcrgrechtliche Fragen gehört wird, mit der Lzorlage vorher befassen wird. Der Entwurf enthält Bestimmungen, die die Frage regeln sollen, unter welcher Voraussetzung und in welchem Verfahren ein Privater das Recht der Ausiuchung und Gewinnung von Steintohle erwerben tann.
:: Der Durifacarannte als RaUcnalheld. Der Karikotnrist Waltz ist in Gerardmcr in den Vogesen cinzctrosscn und erklärte einem Berichicrstaticr, er Hobe gehasst, in Leipzig Rich- ler zu siudcn, und scine ganze körperliche und geistige Krost zuior/.uiengenoinmc». Jetzt sei er damit zu Ende. Er sei erschüttert bei dem Gedanke», welche Folgen das Leipziger Erteil rür seine elsässijche» Freunde hoben werde. Wenn er sich stark genug suhle, werde er sich seinen Häschern noch stellen. Aus ihnl die Hand,
Rußland.
:: Drohende Lholrra. Rußland ist uon der Cholera bedroht. Einzelne Falle der Erkrenulng an der asiatische» Seuche werde» aas Eheräo» und Kanicncz-Podols! gemeldet. Ei» Te l der Kranken ist gestorben. Fas! aus olle» Gouvernements wird Ausbruch der Ruhr gemeldet. I» Petersburg werde» täglich tjunUr - tc» Magenkranken in die Krankenhäuser gebracht. Boi'der tropischen Hitze, die jetzt in Rußland herrscht, töi.ncn d.c Epidemien sehr gesuhrlich werden. Amtlich wird zwar erklärt, daß in de» Dnrmcrlrankungen keine Sympwire der Eholcra zu «blicken seien, »bcr das Publikum glaubt cs »üh:, da nlche Etklärunge» stets vor dem Ausbeuch der Ehe- lcra vereilenilicht worden sind.
Italien,
:: Die Eiuberusung der italienischen Reservisten. In Wiener gutunlcrrichtctcn italienischen Kreisen ist bis heule leine offizielle 'Nachricht aus Rain über die Einberufung der Reservisten eiiigetrosfc». Man glaubt aus diesem Grunde nicht, daß die Eiuberusung auf politische Erwägungen znrüilzusührcn sei. Vielmehr ist man der 'Ansicht, daß er sich um eine gewöhnliche Wassenübung handelt. Aus der Wiener griechischen Gesandt schast wurde einem Redakteur des „Reuen Wiener Tag-bl." crllart: „lins ist über die italienische Reservisten Einbcrusnng Ossiziest nichts bekannt. Bestimmt können wir nur erklären, daß die griechische Arinee an den Kümpfen im Epirus oder sonstwo in Albanien in keiner Weise beteiligt ist. Kricchen- tand kan» danach durch die Vorgänge in Italien nicht berührt werden, und demgemäß kann sich die italienische Mobilisierung auch nicht gegen unser Land ruhten. Wir können lediglich nur die Vermutung äußer», daß die neuerlichen militärischen Maß- nahincn Italiens mit den Ereignisse» in Albanien selbst ZU saminci,hängen und durch diese herrorgeruscn, sich auch na: gegen diese lehren
Serbien,
:: Herr von Hartwig ermordet? Der „Petit Parisien" erhält folgende Depesche aus Belgrad: Hier erhält sich mit Hart- näckigleit das Gerücht, daß der russische Gesandte von Hartwig, der vor drei Tagen im Gebäude der österreichisch-ungarischen Gcsanatschast plötzlich verstarb, vergiftet worden sein soll. Die- scs Gerücht hat große Aufregung, besonders in den unteren Schichten der Bevölkerung hervorgcrufen. Die serbische Zeitung „La Tribnha" beschuldigt Oesterreich-Ungarn in aller Form, Herr» von Hartwig ermordet zu haben. Eine andere Zeitung behauptet,, daß sehr wichtige Dokumente, die Hartwig bei sich geführt hätte, auf der österreichisch-ungarischen Gesandtschaft verschwunden seien. — Bei den biederen Serben kann inan woh! auch das Wort anwenden, man sucht Niemand hinter'», Ose», wenn man nicht schon selbst dahinter gcsesicn hat, :: Falsche Alarmgerüchte i» Belgrad. Aus Belgrad wird telegraphiert: Borgcstcrn Abend brach in der österreichisch,
ungarische» Kolonie eine förmliche Panik aus. Es verbreitete sich das- Gerücht, daß die Serben wegen der Angrisfe gegen die serbische Bevölkerung in Bosnien und insbesondere in Sata- jewo an den hier lebenden Oestcrreichcr» und Ungar» Verzcl- tung nehmen wollen. Es wurde mit Bestimmtheit behauptet, daß für die Nacht ein allgemeiner Angriss beabsichtigt sei. Obwohl äußerlich in der Stimmung der Belgrader serbischen Bevölkerung keinerlei Anzeichen vorhanden waren, die dieses Gerüchte als nur einigermaßen wahrscheinlich hätten erscheinen lasse», so wurde» sie doch insbescndcre von dem einfacheren Publikum geglaubl. Es bemächtigte sich derselben eine große Besorgnis und viele schickten ihre Familien nach Semlin, um sie dort die angeblich kritische Nacht verbringen zü lasten. Andere, die leine Zeit mehr zur Flucht hatten, eilten aus die österreichisch-ungarische Gesandtschaft und das österreichisch- ungarische Konsulat, wo sic mit Bereitwilligkeit ausgenamme» wurden. — Die Nacht verlies jedoch ruhig. — In Regicrungs- (tcifcn wird erklärt, daß die Besorgnis der österreichisch-ungarischen Kolonien vollkommen grundlos sei.
Albanien.
:: Die Stellung des Fürsten von Albanien gesicherter. Der
vorgestrige Nationalrat erweckte, nach einer Meldung dcr „Frankfurter Zeitung" aus Durazzo, durchaus den Eindruck, daß die Stellung des Fürsten jetzt gefestigter sei als zuvor. Ans Gesprächen, die der Korrespondent der „Franlf. Ztg," mit verschiedene» Diplomaten hatte, hat dieser die Ueberzcuguna gewönne», daß nur eine sehr energische Aktion gegen Griechenland befielt Armee albanisches Gebiet verheert, größeres Unheil v:r,neiden tann. — In Durazzo ist die Lage unverändert Ein ofscnsichtlich unter dem Einfluß der schlechte» Nachrichten an- Siidalbanien von der Regierung an die Aufständischen kntsandte Parlamentär wurde von diesen mit dem Bc- mcrlcn zurückgcschickt, sie hätte nicht mehr zu verhandeln. Ein lkingriii aus Durazzo scheint nicht mehr beabsichtigt, jedoch ist Balona von den Aufständischen und den Epiroten, die mit den Ausständlschen im besten Einvernehmen leben, bedroht. Major Mellen und Wallcnhofcn find aus Caritza In Durazzo einge» t.esteii. Die mohamedanischcn Häuser in Eoritza und die Dör> ser der Ilnigcgend sind nicdcrgebrannt.
:: Albanische Nutabcln sür de» Fürste». Am Samstag fand unter dcm Vorsitze dcS Fürsten eine große Vcr- sanmiliing von Notabel» statt, an welcher Prcnk Bibdoda, JSniael Kemol und etwa 40 angesehene Vertreter aus Nord- Mitte!- und Südalbanien teilnahmen. Bei dieser Gelcgen- I'cit kam es von verschiedenen Seiten zu Sympathiekund- gebiingei, sür den Fürsten. Am bemerkenswertesten sprach sich in dieser Hinsicht Jssat Boljctinatz aus, dcr erklärte, obwohl der Fürst nicht aus »nsorer Wahl hcrvorgegangcn ist, sonder» uns von Europa bestimmt wurde, halten wir ircu z» ihm. Sollte sich der Fürst gezwungen sehen, uns veE.v'seu, so möge ein anderer das Mandat nicht über- nehmcn. Am Schluß der Beratung folgte eine abermalige .- Syi..k .ndgebung sür den Fürsten. Das Ergebnis ' der Beraiue.g wurde von allen Teilnehmern als überaus j b.-sricch.-end bezeichnet, da in ihrem Verlaufe die voll- \ stände. e ttcUrrmüimmtina zwischen den mohammedanischen


