Nummer 159
Freitag, den 1V. Juli 1914.
7. Jalirgang
Urne Tageszeitung
Li- ..«-ne S-agr-,-ttnng'' ertcheint i-d°n Werktag. Regelmäßige Beilagen „v-r Lauer an, 0-ll-n", „vi- KpinnHui,-'-. S-sngaprci.: Bei den P-stanst-lten oierieliährlich Mk 1 US l ei den Agenten monatlich SO Plg. Hinzu tritt Postgebühr oder Trägerlohn. An.eigen: Erundzeile 20 Pfg„ lokale IS Psg, Anzeigen von auswärts werden durch Po inachnahme erdoben Eftüllungsott Friedberg. SchriMcitrrng «nd «erlag Friedberg lHellen), hanauerlttahe 12. Fernlprecher 4kü Postscheck-Eont« Nr. «8ög, Amt Frankfurt a. AI.
Urbrrftcht.
— Nach, amtlicher Mitteilung ergibt der Wchrbeitlag für Preußen insgesamt 603 Millionen.
— Der neu Hauensteincr Tunnel zwischen Tüssrldors und Olten ist gestern morgen um 6 llhr durchschlagen worden.
— Ein zur Zeit noch nicht arrfgeklärter Vorfall ereignete sich gestern Nacht in Straßbnrg. Aus dem Straßburger Fort von der Tann, wurde dcr Musketier Podapnh von der 6. Kompagnie des Jnsanlcric-Rcgimcnts Nr. 132 durch de» Wachtposten angeschossen. Der Verlebte starb wenige Minuten darus. P. soll mit zwei Kameraden in die Nahe des Forts gekommen sein, woraus dcr Posten Feuer gab und den Soldaten tödlich verletzte.
— Zwischen Gras Berchtold und dem österreichisch Unga- rischen Botschafter in Petersburg, findet ein lebhafter Depcschenvcrkehr bezüglich der Ermordung des Erzhcrzogs- paares statt. Man ist in Wien der Ansicht, dah sich in Rußland Anhaltspunkte zur völligen Klarlegung dcr Urheberschaft an dem Verbrechen finden lassen.
— Der Wiener Korrespondenz des „Echo de Paris" erklärte in einer Unterredung mit einer hervorragenden Persönlichkeit aus dcr nächsten Umgebung des Grasen Berchtold, die Ueberzeugung gewonnen zu haben, daß sowohl Kaiser Franz Joseph als Gras Berchtold durchaus friedlich gesinnt und daß sic keine diplomatischen Schritte in Serbien unternehmen werden. Vielmehr sei wahrscheinlich, daß die Wiener Regierung vorher an die öffentliche Meinung und die Mächte appelieren wird.
— In diplomatischen Kreisen wird versichert, daß Fürst Wilhelm von Albanien vor dcr Hand an einen Rücktritt nicht denke. Auch die Fürstin sei noch nicht abgcreist. Nach den lebten Meldungen haben die epirvtischen Feriwilligcn die Stadt Goriha eingcschlvsicn, damit nicht die Aufständischen nach dem Abzüge der albanischen Truppen von ihr Besitz ergreifen. In Durazzo sind 18 Freiwillige mit zwei Offizieren cingetrossen, und sogleich dem Fürsten vorgestellt worden.
— Wie Blättermeldungen aus Petersburg besagen, ist die russische Regierung einer etwaigen rumänischen Inter- vcntion durchaus abgeneigt. Ferner soll die russische Regie- rung erklärt haben, daß dem Fürsten zu Wied neue sinan- zielle Mittel nur daun zur Verfügung gestellt würden, wenn England und Frankreich sich einverstanden erklärten und das Gleiche tun würden.
— In Santi Quartana (Nord-Albanien) sollen einige Hundert Serben und Griechen zur Verstärkung dcr Rebellen gelandet worden sein.
— Die Gefangenen des Ncwvorkcr Arbeitshauses auf der Blackwells Insel haben, nachdem gestern eine Revolte unterdrückt worden war, die Werkstätten angerissen und die Maschinen zerstört. Sie mußten in ihre Zellen zurückge- brackt werden. 50 Gefangene wurden mit verschärfter Hast bei Wasser und Brot bestraft.
— Das Gerücht von dcr Ermordung des Rebcllcngene- rals Villa erhält sich mit Hartnäckigkeit. Eine Bestätigung liegt jedoch noch nicht vor.
iMgnng in den freien (öeroerhldjaften.
Das Jahr 1913 war für die freien Gewerksck>aftcn erheblich ungünstiger als die beiden voraufgegangencn Jahre. Vom dritten Vierteljahr 1913 zum vierten Vierteljahr 1913 bcttug der Rückgang an Mitgliedern in den fieien Gewerkschaften zusammen rund 20 000. Die Gesamtzahl der Mitglieder stellt sich auf 2.57 Millionen. Im Jahre vorher hatten die Gewerkschaften eine Steigerung ihrer Mitglieder- zahl von 13 bczw. 8 Prozent aufzuwcisen. Dcr Rückgang an Mitgliedern im vergangenen Jahre hat auch im Jahre 1914 in den wichtigeren Organisationen angehalten. Beteiligt an dem Rückgang sind ziemlich gleichmäßig alle Gewerkschaften. Verschinelzuugcn einzelner Gewerkschaften zu arößcren Verbänden sind in, vergangenen Jahre nicht mehr orgekommen. Als eine der wichtigsten Aufgaben dcr Ge- werkschastsbewegung muß man den Plan der Bildung einer gen,einsamen Kasse aller Gewerkschaften bei dcr Gcneralkom- inijsion anschen. Die Ausgabe dieser Kasse soll sein, einzelnen Organisationen bei Lohnkämpfen Unterstützung zu geiz-ihren, um zu verhindern, daß eine Gewerkschaft in einem Kampf alle Mittel einbüßt. Vorgeschlagen ist eine Bei- t.cgsquotc von jährlich 1 -<! für jedes Mitglied dcr cinzel- neu Gewerkschaften. Hieraus würde dcr gemeinsamen Kasse sine jährliche Einnahme von rund 2,5 Millionen Mark er- vachscn. Dcr nächste Gewerkschaftskongreß wird über die Schaffung dieser zentralen StreikunterstützungSkasse Be- chluß fassen. Die finanziellen Verhältnisse der Gewerkschaf- len im vergangenen Jahre lassen sich nach den bisher vorliegenden Zistern noch nicht klar übersehen', nach dem Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik darf man jedoch annehmen, daß sich die finanzielle Lage mehrere Verbände verschlechtert und daß sich auch die der alten reichen Organi
sationen nicht wesentlich gebessert hat. Die Absicht, eine zentrale Stteikkasse zu begründen, deutet Wohl darauf hin, daß die kleineren Gewerkschaften mit finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen haben.
Inländilches Fleilih billiger als misliindilches.
Ausfuhrüberschuß au Schweinen.
Mitte Juni d. I. hat die Zentralstelle für DolkSwobl- fahrt in Berlin eine Konferenz abgchaltcn, in dcr über die Fabrik-Wohlfahrtspflcge verhandelt wurde. Vor allem wurden hier auch die mit dcnr Großeinkauf von Lebensmitteln gemachten Erfahrungen einer ganzen Anzahl von Grohunternchmungcn besprochen. Diese Einrichtung bat bekanntlich den Zweck, den Arbeitern der betreffenden Gesellschaften Gelegenheit zum billigen Lebcnsniitteleinkauf zu bieten. Hierbei teilte u. a. auch der Vertreter dcr bekannten Fabrik Optischer Instrumente usw-, Carl Zeiß in Jena mit, daß feine Gesellschaft seit einigen Jahren einen Flcischver- kauf fiir die Arbeiter eröffnet habe. Dieser Fleischverkauf fand nur während des Winterhalbjahres statt, weil sonst, wenn das ganze Jahr hindurch Fleisch verkauft würde, die Unkosten zu hoch wären und dcr Fleischpreis infolgedessen sich nicht viel niedriger gestalten würde, als wenn die Arbeiter beim Schlächter kaufen würden. In den ersten Jahren hat nun die Firma zu diesem Zweck dänisches Fleisch aus Kopenhagen gekauft. Im letzten Winter dagegen wurde derselbe Versuch mit inländischem Fleisch gemacht. Durchschnittlich wurden in jedem Winter für 120 000 M Fleisch an die Arbeiter verkauft. Dies brachte im Jahre 1911 der Gesellschaft einen Verlust von 700 M, ein. Im Jahre 1913 dagegen, in dem nur inländisches Fleisch verkauft wurde, hat die Gesellschaft keinen Verlust beim Flcischverkauf erlitten.
Diese Mitteilung verdient wohl, auch weiteren Kreisen zur Kenntnis gebracht zu werden. Denn es geht doch aus ihr hervor, daß der Bezug ausländischen Fleisches der Zeiß- Gesellschaft teurer zu stehen kam, als der Bezug inländischen Fliesches. Glänzender als durch dieses Beispiel konnte wohl das Märchen von dcr Möglichkeit einer billigeren Jleischver- sorgung dcr dcustchen Arbeiterschaft vom Auslände her nicht widerlegt werden. Aber infolge der Verschwiegenheit, die die liberale und sozialdemokratische Presse solchen Tatsachen gegenüber bewahrt, wird freilich der blinde Glaube an dieses Märchen in „aufgeklärten" sozialdemokrattschen und linksliberalen Kreisen noch lange sortlcbcnl
Das kürzlich erschienene Machest 1911 der „Monatlichen Nachweise über den auswärtigen Handel Deutschlands" zeigt die erstaunliche Tatsache, daß wir für die ersten fünf Monate des laufenden Jahres einen Ausfuhrüberschuß an Schweinen haben! Es wurden in der Zeit von Januar bis einschließlich Mai 1914 ausgeführt 33 853 Schweine, cingefllhrt dagegen 33 765. Das ergibt einen Ausfuhrüberschuß, und wenn derselbe auch nur 88 Stück beträgt, so ist es doch ein Ausfuhrüberschuß, und ein Zeichen, daß die Schweinepreise in Deutschland einen Rückgang erfahren haben, dcr ein Abschieden nach dem Auslände nötig machte.
Die Ausfuhr ist fast ausschließlich nach Oesterreich- Ungarn (33 354 Stück) gegangen, während die Einfuhr von dort vollständig aufgchört hat! In der gleichen Zeit des Vorjahres hatten wir eine Einfuhr von 64 059 Stück und eine Ausfuhr von ganzen 172 Stück! Von der Einfuhr stellte allerdings im Vorjahre Oesterreich-Ungarn auch nur 668 Stück. Das Hauptbezugsland Rußland lieferte in den ersten fünf Monaten 1913 noch 63 239 Stück, in diesem Jahre nur noch 33 672 Stück!
Ans dem hest. Kandlay.
Zweite Kammer.
Darmstadk, 9. Juli 191-k.
. Zweite Kammer dcr Stände.
Die Zweite Kammer ttat heute früh zu ihrer Schlußsitzung unter Präsident Köhler zusammen mrd stimnite zunächst dem Vorschläge dcr Ersten Kammer zu. daß dcr wegen der Solms-Braunfels'schcn Werke usw. abzuschließende Gc- sellschastsverttag von den Landständcn zu bewilligen sei. Dann wird der Antrag Reh, bett. die Gewährung von Darlehen an Mitglieder der Lmdw. Genossenschaften weiter beraten.
Abg. Ealman (natl.) empfiehlt 8er Regierung Erhebungen anzustellcn, wieweit Notleidende vorhanden sind.
Zur Geschäftsordnung macht Präsident Köhler daraus aüstnerksam, daß heute um lositz llhr besftmmt geschlossen wird.
Abg. Hartmann (Soz.) bedauert, daß sein Antrag, betr. den Höchster Klosterfonds nicht mehr zur Verhandlung gekommen ist.
Abg. Molthan (Zenkr.) bedauert namens des Finanzausschusses, daß die Frage der Revision des Gcmeindcstcucr- gescbcs nicht mehr zur Besprechuna kommt.
Abg. Grüncwald (Freis.) möchte sein Bedauern darüber aussprechen, daß sei» Antrag, betr. den Ausbau des Land- wittschaftlichcn Instituts der Landesuniverfität nicht mehr zur Erledigung gekommen ist.
Abg. Korcll-Augcnrod (Bbd.) schließt sich diesem Be- dauern an und erklärt Weiler. Ich kann im Rahmen der Ec- sckjästsordnung die Anregung des Abg. Grllncwalds Hinsicht- lich des Ausbaues des landwirtschaftlichen Instituts Gießen nur warm unterstützen und darf sagen, daß die Fraktion dcr Bauernbündler einmütig hinter ihm steht. Ick, darf gleich- sani wünschen und hoffen, daß die erforderlichen Mittel iui nächsten Budget bereit gestellt werden und wir uns einig finden in einein durchaus bcdutsamcn Werke. Weiter habe ich noch folgendes zu erklären. Leider sind wir nach der Geschäftslage nicht niehr in der Lage, die Besprechung der dring- sichen Ansrage des Abg. Korell-Angcnrod und Genosse» hier zur Ausführung zu bringen. Ich darf mein Bedauern aus- sprechen, uiaiomehr, da es unS nicht mehr möglich ist, An- reeniigc.i zu geben. Ich betone, deß cs unter Bestreben ist. aiif dein Gebiete der Lebensmiitelpreitc mittlere Preise zu erzielen, die im Interesse der Produzenten, dcr Konsumen- ten und des soliden Handels liegen. Ich möchte deshalb kitten, die in Aussicht gestellte Kommission alsbald zii berufen und sind wir gerne bereit, unseren Vorschlag dort zu unterbreiten und wcitgehenst mitzuwirkcn.
Die Genossenschaftsdebattc wird dann fortgesetzt.
Abg. Fenchel (Bbd.) bittet unter alle» Umständen auf eine Einigung mit den noch fernstehenden Genossenschaften hinzuwirkcn.
Nach weiteren Ausführungen der Abgeordneten Biijvld (Soz.), Korcll-Jngclheim (Freis.) und Fenchel (Bbd.) erklärt
Ministerialrat Schlirphalc, die Regierung sei bereit, Erhebungen im Sinne des Antrages Calman anzustellcn.
Darauf wird der Antrag C a l ni a n niit deni Zusatz Fenchel einstimmig angcnomnien. Damit ist dcr Antrag Reh erledigt.
Dann wird dcr Landtag durch den Präsidenten Köhler mit einer längeren Ansprache geschlossen, indcni er den Abgeordneten dankt und Lebewohl sagt. Er schließt mit den Worten: Nun, meine Herren, sage ich Ihnen Lebewohl. Ich wünsche Ihnen für die nächste Zeit gute Erholung von den anstrengenden Arbeiten und wünsche, daß die Arbeitsleistung des nächsten Landtages sich würdig anreihen möge, derjenigen, die die Zweite Kammer auf dem jetzt zu Eiide gehenden Landtag betätigte. Unsere Arbeit galt dein Wohl des Landes. Deshalb soll auch der letzte Ruf, der hier ertönt, entsprechend einer seit langem bestehendeii Sitte, un- serm Hessenlande gelten. Meine Herren, ich bitte Sie, sich zu erheben und mit mir zu rufen: Unser liebes, herrliches Hessenland, unser Heimatland, dem unsere Arbeit und unser Streben gilt, es leb hoch, hoch, hoch.
Abg. Schönberger sprach hierauf als Alterspräsident zum Schluß dem Präsidenten den besten Dank aus.
Hierauf wurde die Sitzung geschlossen.
Schluß des Fandtuys.
Gestern nachmittag 12H Uhr wurde dcr XXXV. Landtag von Seiner Königlichen Hoheit dem Krotzherzog in feierlicher Weife geschlossen. Zu diesem Alte versammelte» sich im lörotz- herzoglichen Schlosse um 12 Uhr die diensttuende» Kammer- Herren und Kammerjunker in dem Fahnensaal: um 12V» Uhr die Mitglieder der Ersten Kammer in den Affembleezimmcrn, die Mitglieder dcr Zweite» Kammer in de» Russische» Zimmern, die Mitglieder des Staatsministeriums in dem Fahncn- saal, die Hofstaaten und Adjutanten in dem Rampcnsaal. Die Zweite Kamnier wurde durch den als Zeremonicnmeister dienst- tuenden Kammerherrn C. Freiherrn von Starck in den Thron- saal cingcsühtt. Nachdem die Zweite Kammer ihre Plätze eingenommen hatte, erfolgte die Einführung der Ersten Kammer durch den Ober-Zeremonienmcister und hieraus diejenige der Räte der Ministerien durch den als Zeremonicnmeister diensttuenden Kammerherrn von Hestert. Die Erste Kammer erhielt ihre Plätze zur rechten, die Zweite Kammer zur linken Seite des Thrones, diesem gegenüber: die Räte der Ministerien nahmen die Plätze zur linken Seite des Thrones ein, in dem Raume zwischen diesem und den Sitzen der Abgeordneten zur Zweiten Kammer.
Der Erotzherzog begab sich aus die Meldung des Obcr-Ze> remonicnmeisters, daß die Einführung der Versammlung stattgesunden habe, in den Thronsaal. Der Zug ging in folgender Ordnung zwei Fourier-, die diensttuenden Kammcrjunker. die diensttuenden Kammerherren, die Zercmonienmeister, der Ober-Zercmonienmeister, der Grotzhcrzog, dcr Staatsminister und die Minister der Finanzen und des Innern, die Eeneral- und Flügclad>utanten, die nicht funkttonierenden Hofchargcn. Bei Eintritt des Zuges in den Saal erhob sich die Versammlung vn ihren Sitzen. Der vorantretende Dienst begab sich auf die linke Seite des Thrones. Di- Fouriere nahmen zu beiden Seiten am Thronhimmel Stellung. Dcr Etaatsminister, die Minister der Finanzen und des Innern und der dem Grotzhcr- inn nachfolgende Dienst stellten lich ,ur Rechten des Tbron.'».


