7. I-rrjrganl»
Lirunmer 157
Mittwoch, den 8. Juli 1914.
Sie „lUnt Pncroirilting“ rrlchernt ,tL-n ät'eittag. iKegelmäfeigt BeUagen „Ver Sauer au» Hessen", „vir Spini.itul-c". Keingopre!»: «ei de» Postanstalten v,cr,el,ä!,ilich MI I UL
>e, de» Agenten mona.tich 50 Psg. Hinzu tritt Postgebühr oder Tiägerlohn. Kn,eigen: Grund,eile 20 Psg., lolale 15 Mg, An,eigen von auswärts werden durch Po Mahn»;, nie erhoben Erfüllungsort Friedberg. Hchriftleitung und Verla, Friedberg (Hesfent. Hanaueritraße 12. Fernlprechcr <8. Postfchrck-Lo ito Nr. 4859, Amt Franlfurt o. 4li.
Ileberstcht.
— In der gestrigen Sitzung der Zwritrn hrssischrn Kummer verlas Präsidrnt Köhler ein Schrcibci, des Staats- ii'inistctiuins, in dem initgetcilt wird, daß der Großhcrzvg an, Donnerstag. 9. Ls. Mts., den 35. Landtag schließen wird.
— Der russische Minister des Innern, Maklakow, r.-'scht, de» Inden die Erwerbung von Apothrken zu untcr-
• .» nnd beanstragte den Medizinalinspektor, ein Reglc-
inenl iü oitscni Sinne auszuarbeiten.
— Tie Petersburger Börscnzeitung erNärt in einem ai genscheinlich inspirierten Artikel, die Durchsicht des englisch, reis,scheu Ablommcns über Persicn sei wirklich nötig, wobei alle Grundlagen der englisch-russischen Freundschaft neu gepiiitt werden wüßten. Diese Freundschaft sei oft für Rußland nachteilig gewesen.
— Der albanische Ministerpräsident Turkha» Pasche, verlaßt heute Aland Wien und begibt sich zunächst nach Petersburg. Do» dort wird er auch nach Berlin, Paris und London reisen.
— Die serbischen Blätter fahren fort, zum Boykott gegen Oesterreich ans,»fordern. Tic „Politika" erteilt dem lcrbi- schcn Publiknin den Not. von dem Besuche Lstereichisch ungn- rilcher Kurorte Abstand z» nehmen, da es dort Angrissen aus- gesetzt sei» wurde.
— DK türkische Pscrte bot dem Mali von Smyrna, Nhami Bey, die Gcncralinspcktion von Mesopotamien an. Die Lage zwischen der Türkei und Griechenland erscheint durch dre ucucrltif < Erklärung der griechischen Gesandlschast in Pera an d>c Piorte erneut gefährdet. Griechenland erachtet. wie die Eiklärung des Gesandten besagt, icd-.'N weiteren Akt gegen die osmanijchen Griechen als Kriegsgrund.
— Nach Feststellungen der Newyorker Zollbehörden, wurden in einem Zeitrau >e von zwei Jahren Diamanten i,n Werte von einer halben Million Dollar aus Antwerpen über Montreal nach Newyork geschinuggrlt. Mehrere Personen sind bereits verhaftet worden.
— General Fuvston meldet in einer Depesche an daS Krieg: d oartrment in Washington die Nachricht, daß eine Meuterei unter den mexikanischen Rcgierungstruppen vor 5?racrn, auegelrochen sei. Die mexikanischen Kommando- > i:•: t er benachrichtigten Fnnston von dem Ausruhr. Funston :..ijt die Wachen verdoppeln.
ilnfilanö und die großlrrbildje Bluttat.
Tie Bluttat von Serajewo wird aus die politische Lage nicht ohne Folgen bleiben. Sic Hot in Petersburg einen zu schweren Eindruck hervorgerusen. Gar leichtsinnig haben verantwortliche und unverantwortliche Petersburger Politiker mit dem monarchischen Gedanken gespielt. Vor etwa einer Woche erhob bereits die am Hofe gelesnee deutsche „St. Petersburger Zeitung" warnend ihre Stimme, man solle d-e Veinnglimpfung des Fürsten von Aibanicn nicht zu wer treib'», man solle an das Ende des Kaisers Maximilian von Mexiko denken und darüber nachdenkne, ob das Leben eines Herrschers wirklich eine derartige quantitS nägligcable sei, wie die Fürstenmördcr auf dem Balkan behaupten? Der Artikel war nach einem Gespräche mit einem Hofwürdcn- träger geschrieben, und er deutete auf die Adresse dr schainlos gewordenen russischen national-demokratischen Presse hin, dr tiotz ihres Byzantinismus die Achtung vor dem monar- chisck>en Prinzip so fremd ist. daß die große revolutionäre Welt Rußlands ans ihr ebenso viel Begeisterung schöpfen kann, wie aus der sog. „unterirdischen Literatur". Als die nationalistischen Demonstranten vor bald anderthalb Jahren durch die Straßen Petersburgs zogen, warnte die konser- vative deutsche Presse Petersburgs und Rigas vor diesen, zugleich gegen den Zaren als den unverantwortlichen Leiter der russischen Außenpolitik gerichteten Straßcnausläusen. und ein paar Tage darauf wiesen durch die Straßen ziehende sozialdemokratische Massen auf jene erlauten „patriotischen" Demonstrationen als auf einen Präzedenzfall hin .... Tie Nachricht vom Attentat auf den Zareiizug, der die kaiserliche Familie nach dem rumänischen Besuche und der bessarabischen Kundgebung nach Petersburg brachte, war eine glatte Erfindung. Aber wo Ranch ist, da ist auch Feuer. Wo kommt der Gedanke bcr, der all den imnicr wieder durch die auslän- ländische Presse gehenden Nachrichten von Attentaten auf den Zaren oder Mitglieder der zarischen Familie zugrunde liegt? Jf! da nicht der Wunsch der Vater des Gedankens? lind hat inan bisher etwas von derartigen Attentatsnachrichte» aus Ockterriich vernommen? Nein. Wer seine Ruisen kennt, der weiß, was das für eine Sorte von Byzantinern ist. Kann, ist der begeisterte Gesang der Kaiserhymne bei einer festlichen Gelegenheit verflogen, so sicht man die Lenke s.ch irfjcii nach Spitzeln umschanc» nnd dann die neuesten „Hosgeschichtcn" Vorträgen ,dic natürlich von Anfang bis zum Ende erfunden, aber dafür umso unverblümter sind. Der Russe hat keinen Sinn für den monarchischen Gedanken, für das Prinzip der Monarchie, er bat nur Sinn für das ...
dum metuont. In Peterhos slimnic daher der neue Fürstenmord sehr nachdenklich. Als die Blutnachricht eintraf, hatte in der „Nowoje Wremja" der „galizische Russe" Bergun seinen üblichen österrcichfeindlichen Montagsartikel bereits geschrieben. Darin wird dem Habsburger Hanse vorgcwor- fcn, es unterdrücke das österreichische Slawentum, es verfolge die Veranstalter der slawischen Sokoltaae. käinpfe gegen den Gedanken des Allslawcntums an, und der trialistischc Gedanke des Erzherzog.Thronfolgers sei nur ein Versuch, alle Südslawen unter das Hbasburger Joch zu bringen, Do» diesem hätten sich 1799—1815 die Illyrier befreit und hätten sich unter dem Regime der Franzosen Wohl gcsühlt. . .
Wir sehen, wo die großscrbischen Gcdankcn großgezogcn werden, um mit den Gedanken Herrn Hartwig? in Belgrad ausgetauscht zu werden, wir sehen, wo die Begeisterung der Herren Printschip und Cabrinowitsch hcrkommt. Nun, wir sind diese Propagandaartikcl der „Nowaja Wrcmja" gewohnt und würden uns auch über diesen nicht weiter aufhaltcn, wenn er ein paar Tage später erschienen wäre, aber die Rcdakticn des Blattes ist so schamlos, daß cs diesen Artikel nicht zurllckzieht, als die schreckliche Nachricht au-s Serajewo cintrifft, sondern ihn gleichsam als Erklärung der Mordtat an die erste Stelle setzt und darunter eine Notiz mit bei» Bemerken, daß der ermordete Erzherzog zuvor ein Feind Rußlands gewesen sei,, immerhin aber die Mordtat zu verurteilen sei. bind in der Nbcndansgabc des Balttes heißt es in einem Interview des Herrn Spalaikovic etwa, der Erzherzog sei selber schuld an dem Ereignis; die serbische Regierung sei vom Kommenden unterrichtet gewesen und habe die Wiener Regierung gewarnt; der Erzherzog sei in Bosnien als der Urheber der Unterdrückung der Serben verhaßt gewesen, er habe das ganze „nationalistische Bosnien" z»m Feinde gehabt, und doch habe er gcglaubt, cs würde ihm nichts geschehen. Etwas diplomatischer ist das Interview allerdings gehalten, als die obige Wiedergabe, aber diese bringt nur den Extrakt des Interviews, dessen Ueberschrift hätte lauten können: „Warum hat der Erzherzog serbischen Boden betreten?" ...
Belgrader Telegramme stellen den Mordbuben als Mitglied einer Anarchistenbaade hin, und Herr Spalaikovic erklärt, in Belgrad gebe cs keine revolutionären Verbünde, selbst die „Schwarze Hand" sei eine Wiener Erfindung, wie denn Oesterreich überhaupt die öffentliche Meinung Europas gegen Serbien aufliehen wolle.... Keines der Petersburger Blätter, die zur Mordtat Stellung nehmen, stellt es in Abrede, daß die Mordtat nicht anarchistisch, sondern großser- bisch ist. Und diese Feststellung ging nicht von Wien alis, vielmehr wußte man am Hofe gleich nach dem Eintreffen der ersten Meldungen, wen die Schuld treffe. Wie verlautet, glaubte auch der Zar anfangs an einen anarchistischen Anschlag, doch das Ministerium des Aeußeren veranlaßte eine Acndernng der Ansicht.
Es braucht wohl nicht besonders hervorgehoben zu werden, daß am Hofe andere Anschauungen über einen Fllrstcn- niord herrschen, als in den nationalistischen Kreisen. Es hat auch in Petersburg lange gedauert, bis König Peter von Serbien nach den blutigen Ereignissen im Belgrader Konak in Petersburg empfangen wurde, cs hat viel Ucberwindung gekostet, bis die dynastischen Beziehungen enger wurden, und cs herrscht jetzt gar kcin Zweifel darüber, daß die serbische Militärpartei, die im Konak die Säbelklingen in den Leib der Königin Draga gestoßen hat, auch bei der Ermordung des Fürstenpaares in Scrjacwo die Hand im Spiele gehabt hat, zum größeren Ruhme Großscrbiens.
Nicht nur auf die innere Politik wird die Untat von Serajewo in Rußland Folgen haben (sie hat viele sehend gemacht), sondern auch auf die auswärtige, und wenn die erschütternde Wirkung der Mordnachricht am Hofe anhält, wird die russische Regierung wohl kanm das schwere Odiuni tragen wollen, daß sie cs ist. die der großscrbischen Propaganda den Rücken steift. In Petersburg hat man bisher Serbien als seine unfreie Provinz betrachtet, als seinen Vorposten gegen Oesterreich; die Konsequenzen werden wohl auch gezogen werden.
„;\iitori!ät kann nur dadurch annahrt mrdkii, daß man ßt gtlkgrntlich auch einmal gellend macht!"
Wo stehen diese Worte? Etwa in einein Organ der Rechten, in der „Kreuzzeitung" oder in der „Deutschen Tageszeitung"? Oder hat sie ein Seigneur im preußischen Hcrrcnhausc gebraucht? M>i Nichten! Dieser Satz ist zu lesen in dein Geschäftsbericht des sozialdcmo- kratischen Parteisekretär für den Kreis Fri dberg und die Frankfurter „Volksstimme" erteilt ihm ihrer Segen und nennt ihn „recht zutreffend" und kann ihn „r ü ck h a l t S - IoS unter st reiche n."
Ter Bericht beklagt, was unS schon längst kcin Gcheim- nis ist. datz daS „schaflende" Proletariat im Wablkrciie Fried-
l .rg-Budingen der Organisation vielfach gleichgültig gegenüber stehe. Namentlich die jungen Leute huldigte» mehr dem Vergnügen und dem Sport, anjtatt ihr Geld z» der Partei- kasje zu tragen, auf daß die Partriangcstelltcn gcfiittert loor- ben C ft käme es vor, daß der Vater organisiert sei, der Sohn aber nicht. Um diesen „bejchänrenden Zustand zu de- seitigen, inüsse die väterliche Autorität gebraucht werden, d-'vi! Autorität kann nur dadurch gewahrt werden, daß man sic gelegentlich auch einmal geltend macht."
Auch wir können diese Mahnung „rückhaltslos unter- st.eichen"; wir wollen nur hoffen, daß sie auch die Regierung beherzigt nnd wen» sic es int, dann soll sic sich durch da« Geschrei der Sozialdemokratie nicht irre machen lassen, sondern ihr entgegenhalten, daß cs ihre eigene Mahnung ist, die befolgt wird.
Heute find wir schon so weit gekommen, daß die Sozial- dcmokratie offen und nngcscheut an den Grundlagen des Staates zu rütteln wagen, sic predigen den ossencn Kanipk gegen alles, was uns heilig ist. Mit Recht konnte der kon- servative Führer, Herr Abg. v. H c y d e b r a n d dieser Tage ans einer konservaflven Pcrsanimlung in Schlesien ausrufcn: »Ist es schon so weit gekomnicn, daß wir die Hände in den seckzoß legen und uns bei lebeiidigem Leibe massakrieren lassen wollen? Es ist nicht zu sagen, m i t w e l ch e r L a n g m u t die Regierung sich von einer Bewegung gegen den Staat aus der N a s e h e r u in t a n z e n läßt. In dieser Hinsicht ist es auch Zeit, daß wir »ns auf Bismarck b c s i n n c n I"
Leider sind diese Worte nur zu berechtigt und unsere Regierung läßt die Zügel nur zu oft an, Boden schleifen.
Möge man sich in den Kreisen, die es angeht, die von der Frankfurter „Nolkk-stimme" empfohlenen Worte des sozialdemokratischen Geschäftsberichts hinter die Ohren schreiben, die da lauten: Autorität kann nur dadurch gewahrt werden, wenn man sic gelegentlich auch einmal geltend in a ch t l
Aus dem hefl. fattMit#.
Darmstudt, 7. Juli 1914.
Zweite Kammer.
Die Zweite Kammer trat heute zu ihrer diesmaligen letzten, auf zive: Tage berechneten Sitzung zusammen nnd widmete Präsident Köhler zunächst dem verstorbenen Abg. Friederich einen herzlichen Nachruf.
Dann wird zu dem Negierimgs-Entwucsc, bctr. die Los- gcsellschastcn dein Beschlüsse der Ersten Kammer beigctreten.
Auch dein Entwrufe, bctr. die Besoldimgsvcrhaltnisse der Koinmunalsorstwärter. der nach dem Beschlüsse der Ersten Kamnicr die Gehälter der ftaatlidjcn Forstwarte aus 70% festsetzt, wird zugestimmt.
Den Regiernngsentwurf, betr. die Kraftwagenlinicn hat die Erste Kammer nicht mehr beraten nnd wird beschlossen, von dem Beschlüsse einfach Kenntnis zu nchincn in der Hoff- nnng, daß die Vorlage inl nächsten Landtag Erledigung sindet.
Die Regicrnngs-Vorlgac, betr, den Bau einer Eisenbahn von Ncckar-Steinach nach Schönau im Odeiuvälder Stein-ich- tal sindet ohne Debatte Annahme.
Z» der Regierungsvorlage, betr. die Ausführung des Besoldungsgesetzes, zu welchem verschiedene Anträge cinge- reicht sind, erstattet Abg. Henrich mündlichen Bericht, in welchem die Vortage einpfohlcn wird.
Staatsrat Dr. Brsi wendet sich insbesondere gegen den Antrag Dr. Weber. Die dort vorgeschlagcnc» Aujrückungs» fristen bcdcnten eine Gcsetzesändernng und seien deshalb undurchführbar, auch die sinanziellen Folgen inachen den Antrag uninöglich.
Abg. Henrich (frcis.) weist nochmals daruf hin, daß das Gesetz doch viele Mängel enthalte und de>ß der Antrag Dr. Weber vieles beseitige. Redner hat weiter verschiedene Zu- satzanträgc gestellt, nach welchen u. A. Beamten mit gleicher Vorbildung nnd gleicher Staatsprüfung auch in eine Dicnsk- klasse anfgenonmien werden. Ferner soll der Bcainte seinen Höchstgehalt nicht erst drei Jahre später erreichen, als er ihn ohne die Beschränkung dcS Artikels 27 erreichen würde. Ebenso soll die in einem früheren Amt verbrachte Zeit bei dem in einer Besoldungsklaße vereinigten Beamten gleichmäßig ongcrechnet werden.
Abg. Dr.Wcbcr (Bbd.) wendet sich gegen die Regierung, welche glaubt, es verantworten zu können, wenn sie diese Vorschläge ablehnt. Besonders bei den Forstwarten sei eine einseitige schroffe Wirkung eingctretcn, die man sicher m F-nanrausschuß beseitigt hätte, wenn man sie gekannt hätte. Wenn sie der Negierung bekannt waren, so hätte sie solche dem Finanzausschuß mitteilen müssen, war dies aber nicht der Fall, so müsse sie heute ihr Unrecht einsehen und im Interesse der Gerechtigkeit den Abänderungen zustimmcn. Hier- bei könne eine Mehrausgabe von 40 000 M keine Rolle spielen, w'»n man eine Ungerechtigkeit beseitigen wolle.
Staatsrat Dr. Best widerlprickrt nochmals^deun Anträge


