Wimmer 155
7. Yak)rfta»rg
Wontag, den 6. Juli 1914
-- tut 6«];r8(*itun8 , ‘ cricheint jelcn Werktag. Rrgelmähige Beilagen „Der t>a»rr aus Hessen", „Die Spinnssolle". Hejugaprei«: Bei den Postanstalten rneileliährNch Mk. l,05 - f cnten monatlich so Psg. Hinzu teilt Postgebühr ober Teägeelohn. Anzeigen: Erundzeile 2» Psg., lolale 15 Psg, Anzeigen von auswärts werden durch Postnachnahme erhoben Ersüllungsort Friedberg. Schrifileitnng und Verlag Friedberg lS-sten). Hanauerstrahe 12. Ferniprecher 4S. Posticheck-Lonto Sir. 4859, «Imt Frankfurt a. SOI.
Uebersicht.
— lieber die Stadt Graz und Umgebung ist gestern ein I.bwcrcs Unwetter »iedergcgangcn, das von einem gewal- tistru Hagelschlage begleitet war. Der herrschende Orkan cnlwiirzclte viele Bäunic und deckte viele Häuser ab.
— Gestern sind über ganz Italien furchtbare Gcwittcr- siiirme nikdergcgangen, die zum Teil recht schweren Schaden enrichtcten. In Grbo wurden drei Personen vom Blitz gc- trossen und getötet. In Venedig schlug der Blitz in eine Gon- drl ei», die sofort sank. Mehrere Personen fanden hierbei ihren Tod.
— Der Amsterdamer Abendzug, der die Reisenden zum Dampfer nach Harvich fuhren sollte, übcrranntc gestern in Hoek van Holland beim Einlaufen in bcu Bahnhof infolge Versagens der Bremse den Brcllbock und rannte in de» Schal- tcrraum. Zwei Beamte wurden schwer und drei leichter verletzt. Die Passagiere kamen mit leichten Verletzungen davcn.
— In Lodz steht ein Monstrcprozeh gegen 53 Rcvolutio- närc bevor. Tie Angeklagten gehören der terristischen Organisation „revolutionäre Rächer" an. Sie hatten seinerzeit zahlreiche Morde verübt und die Einwohnerschaft von Lodz und Umgegend terrorisiert. 169 Zeugen sind geladen worden. Tic Anklageschrift umfaßt 120 Seiten.
— In Genua hat sich gestern eine furchtbare Dynamit- explosiv:: ereignet. 1 Kind wurde getötet und 5 Personen schwer verletzt. Nähere Einzelheiten und die Ursache der Explosion stehen noch ouS.
— Wie die „Daily Mail" ans Konstantinvpcl meldet, wird der türkisckxe Kronprinz Jussnf Jzzedin den großen Herbstmanövern der deutschen Armee beiwohnen. Der türkische Thronfolger soll die Einladung durch einen eigenhän- digen Brief Kaiser Wilhelms erhalten haben.
— Die Malissoren haben an, vergangenen Donnerstag den Aufständischen eine schwere Niederlage bcigcbracht. Die Rebellen verloren 60 Tote und über 100 Gefangene.
— Ter Fürst von Albanien ist seit einigen Tagen wieder zuversilbtlickfcr Stimmung. Er inspiziert die Truppen, läßt sich die Freiwilligen vorstellen und besucht täglich die in den provisorischen Lazaretten untcrgekrachten Verwundeten aus drn letzten Kämpfen.
— Rach Schluß eines radikalen Meetings in Barzelona, wollten die Radikalen Manifestationen gegen Maura veranstalten. Als die Polizei sie hieran hindern wollte, kam cs zu einem ernsten Handgemenge zwischen Maniscstanten und Polizisten. Mehrere Demonstranten wurden verletzt. Eine ganze Anzahl von Verhaftungen wurde vorgenommen.
— Zwischen Syndikalisten und Sozialisten kam es in der Mincnstadt Butte (Montana) zu einem hcstigen Kampf. Ter sozialistische Bürgermeister der Stadt erhielt einen Messerstich und liegt tödlich verletzt darnieder.
— Nach in Mexiko vorliegenden Privatmeldungen ans Mexiko soll Pedro Lascurer z»i» Präsidenten Mexikos bei )en gestrigen Wahlen gewählt worden sein.
— General Huerta wird zunächst seine alte Stellung als Ehcs des Generalstabcs wieder cinnehmen. Er wird einen Dotschnsterposten, wahrscheinlich den in Paris, erhalten.
Viel;- nnd Fieischpreise.
Das Engros-Flcischvcrsand-Gcschäst I. A. Partenhcinier ocrsendet ein Preisverzeichnis seiner Waren, dem wir folgenden „Bericht über die Marktlage" entnehmen:
„Seit 18 Jahren ist Fleisch »nd Fett nicht so niedrig im Preise gewesen wie jetzt. Ter Grund dafür ist die reichliche Produktion. Die Anstrengungen, welche seit Jahren gemacht worden sind, den deutsche» Markt mit dentschcin Bich zu versorgen, sind nicht ohne Erfolg geblieben. Ueberall in Tcutschland hat jeder kleine Fleischer meistens mehr Fett auf Lager als im Vorjahre. Ferner wirrt aus die niedrigen Preise der geringe Konsum, der seit einem Jahre bedeutend xurückgcgangen ist. Industrie, Handel und Baugewerbe haben seit 18 Jahre» solche schlechte Zeiten nicht gesehen. Nicht recht verständlich ist es für viele Käufer, die Schnralz beziehen, daß hierfür die Preise immer noch hoch sind, trotzdem sie für lebende S.lorcine um etwa 20 Jl per 100 Pfund gefallen sind. S^c meinen, nun müßte Schmalz auch 20 M billiger sein. Schweb; ist vom amerikanischen Marti abhängig. Wenn auch der Absatz i» onicrikanischem Schnralz nachgelassen l al. je besteht !tz:r Anrcrikancr doch ans festen Preisen und r ichtct frT) nicht nach den deutschen Prciren. Er weiß, daß r :r s. irr Schmalz brauchen, wenn er auch zeitweise Sch':>:lz r.nf Lager nimmt. DaS nötige Kapital ist ja nrlen. Bei diesen niedrigen Vichprciscn kann der Mäsrer nicht bestehen und der Landwirt nichts verdienen. Z >e Folge davon ist, der Diebbestand wird verringert, und in ganz kurzer Zeit haben wir höhere Preise zu erwarten. In den Monaten Juli bis Oktober wird doppelt soviel Speck lonsumicrt, als in der übrigen Zeit. Wenn zur Sommerzeit frisches Fleisch dem Lciderben ansgesctzt ist.
dann gewinnt der Konsuni in Speck, Schinken und harter Wurst. Wer für den Herbst seinen Bedarf noch nicht gedeckt hat, benutze die billigen Preise. Im Einkauf liegt der Verdienst. Don einer Flcischnot kann keine Rede sein, im Gegenteil, wir haben Fleisch !m llcberflnß."
Wohlgemerkt, dieser Bericht kommt nicht etwa von agrarischer Seite, sondern von einer Händlcrfirma. Besonderes Interesse verdient dabei noch die Bemerkung über den Schmalzpreis: Denn sic zeigt, daß eine größere Einfuhr durchaus nicht inimer zur Verbilligung einer Ware zu führen braucht, sondern recht gut auch die Folge haben kann, ihren Preis höher zu halten, als cs der einheimischen Produktion entspricht.
Warnung vor Gnlchränknng dcr Wehriichj.
Der LandwirtschaftSministcr hat, wie eine Nachrichtenstelle erfährt, den Nachgeordneten Behörden folgende Dcr- fügnngen zugehen lassen:
„In der Presse sind in der letzten Zeit lebhafte Klagen über den erheblichen Rückgang der Schwcincprcise geäußert, und es ist hierbei mehrfach der Ansicht Ausdruck gegeben worden, daß der gegenwärtige Preisstand dem Viehhaltcr keinen hinreichenden Ersatz für den mit der Erzeugung von marktreiscm Schlachtvieh verbundene» Aufwand gewähre. Derartigen Erwägungen mag eine gewisse Berechtigung nicht abzusprcchcn sein. Ich würde es aber im Interesse der Sicherstellung der Volksernährung als auch im Interesse der Landwirtschaft für be- dcnklich halten, wenn solche Erwägungen dazu beitragen sollten, daß die Landwirte die Viehzucht und die Viehhaltung erheblich einschränkcn. Denn es müßte alsdann
- in absehbarer Zeit ein Mangel an Schlachtvieh und in dessen Folge eine im Allgemeininteresse unerwünschte Teuerung cintretcn, die nur einem Teil der Viehhaltcr
- die Möglichkeit eröffnen würde, sich für frühere Verluste schadlos zu halten. Es erscheint mir deshalb crwünlcht, daß die Landwirte aus diese Gefahr in geeigneter Weise unter besonderer Betonung der Unwirtschaftlichkeit einer weitgehenden Einschränkung der Schweinehaltung hinge- wiesen werden. Wenn sich die Schwankungen in den Viehprcisen auch nicht ganz beseitigen lassen, so kann doch eine frühzeitige und richtige Aufklärung der Landwirte zur Abschwächung dieser Schwankungen beitragen, insbesondere, wenn gleichzeitig durch geeignete sonstige Maßnahmen versucht wird, die Produktion bei der Viehhaltung nicht zu sehr den jeweiligen Ernteerträgen, sondern gleichblcibcndcr den Durchschnittserträgen anzu- passen."
Freilich wird es nötig sein, durch „geeignete sonstige Maßnahmen" bald eine bessere Organisation des Fleisch- marktes hcrbcizuführen; andernfalls wird cs schwer niöglich sein, die seit langem beobachtete Wellenbewegung von Ueber- flnß und von Knappheit an Vieh in die wünschenswerte Stetigkeit der Viehvcrsorgung umzuwandeln.
Iltber die Ausbreitung der Maul- n.Klauenienche
im deutschen Reiche ist nach dem soeben erschienen amtlichen Bericht wieder scstznslcllcri. Ende Mai waren 172 Kreise, -177 Gemeinden mit 1123 Gehöften als verseucht gemldet, während der letzte Ausweis ein Anwachsen dieser Zahl auf 223 Kreise, 686 Genicindcn und 1615 Gehöfte angibt. Nen wurden von der Seuche nicht weniger als 318 Gemeinden und 913 Gehöfte betroffen. Gegen Ende April wurden nur 68 Kreise, 182 Gemeinden und 290 Gehöfte als verseucht gemeldet. Zurzeit ist die Zahl der verseuchten Gehöfte des Bezirkes Maricnwerdcr (268) allein säst so groß wie die Zahl der verseuchten Gehöfte im ganzen deutschen Reich gegen Ende April. Nächst diesen! Bezirk ist der Bezirk Danzig mit 221 verseuchten Gehöften in 77 Gemeinden und 1 Kreisen am stärksten von der Maul- und Klaucnseuchc betroffen. Es folgen dann die Bezirke Magdeburg mit 130 und Potsdam mit 129 Gehöften. In den Bezirken Danzig und Marienwerder ist die Seuche in letzter Zeit besonders stark ausgetreten, da 151 bezw. 133 Gehöfte nen verseucht wurden; im Bezirk Magdeburg 76. Ter Stadtkreis Berlin zeigt 11 verseuchte Gehöfte, davon 1 neu. Seuchenfrci sind zurzeit in Preußen überhaupt nur die Bezirke Stettin, Stralsund, Erfurt, Osnabrück. Anrich, Wiesbaden, Trier und Signiarin- gen. Im übrigen ist in Rheinhcsscn (111 verseuchte Ge- höftc) die Scnche besonders stark in letzter Zeit ausgetreten, da nicht weniger als 98 Gcböfte neu verseucht wurden. In Bayern ist die Pfalz und Oberp/alz unvcrsencht, während ganz Sachsen (38 Gehöfte) versestcht ist. In Württemberg ist der Neckarkrcis und Donankrcis, in Baden Konstanz und Mannhein: seuchenfrci, nnd in Hessen Starkcnbnrg. Erfreulicherweise hat die Seuche in Elsaß-Lothringen, das noch Anfang April mit 78 Gehöften verhältnismäßig stark verseucht war, wesentlich abgcnommcn. Oberclsaß ist scuchcn- frei, und im übrigen sind nnr 9 Gehöfte verseucht.
Ter Stand der Schwcincseuche nnd Schweinevcst,zeigt
leider auch keine wesentliche Abnahnie. Es sind immer noch 512 Gchöste in 1822 Gemeinden und 185 Kreisen verseucht. Neu hinzngctrctcn sind 199 Gemeinden und 801 Gehöfte. Am 31. Mai wurden als verseucht 501 Kreise, 1931 Gcmci». den »nd 2950 Gchöste gemeldet.
Inr Ermordung des öllerrcichil cheii Ehronfolgerpoarcs.
Ein Manifest Kaiser Franz Josefs.
Kaiser Franz Joses hat am Samstag solgcndcs Manifest erlassen:
Lieber Traf Stinglh
Tics erschüttert stehe ich unter dem Eindruck der un seligen Tat. die ineinen innig geliebten Neffen mitten aus ernsthafter Pslichtersüllung an der Seile seiner hochherzigen in der Stunde der Gefahr treu bei ihm ausharrendcn Gc- mahlin dahingcrafft und Nlich und mein Haus ln Trauer versetzt hat. Wenn mir in diesem herben Leid ciu Trost werden kann, so sind es die ungezählten Beweise warmer Zuneigung und aufrichtigen Mitgefühls, die mir in den eben verflossenen Tagen aus allen Kreisen der Bevölkerung zugelomincn sind. Eine verbrecherische Hand hat schntzbe- dürsiige, dem Zarten Alter kaum entwachsene Kinder alles dessen, was ihnen aus Erden teuer war, beraubt und na. menloses Weh aus ihr unschuldiges Haupt gehaust Der Wahnsinn einer Schar Irregeleiteter vermag jedoch nicht, die geheiligten Banden zu zerstören, die mich und meine Völker umschlingen. Er reicht nie heran an die Gefühle inniger Liebe, die mir und dem angestammten Herrscherhanse aus allen Teilen der Monarchie in so rührender Weise lundgc. geben wurden. Sechseinhalb Jahrzehnte habe ich mit meinen Völkern Leid »nd Freude geteilt, auch in den schwersten Stunden stetig eingedenk meinen erhabenen Pslichtcn der Veraniworlung sür die Geschicke von Millionen, über die ich dem Allmächtigen Rcchcnschast schulde. Die neue schmerzliche Prüfung, die Gottes uncrsorschlichcr Ratschluh übe: mich und die Meinen verhäng« hat wird mich in dem Vor- satz stärken, aus dem als recht erkannten Wege bis zum letz ten Atemzuge auszuharrcn zum Wohle meiner Böller. Wenn ich dereinst das Unterpfand ihrer Liebe als Vermächtnis nicincm Nachfolger überlasse» kann, so wird dies der höchste Lohn meiner Fürsorge sein.
Ich beaustrage Sie, Allen, die sich in diesen kummervollen Tagen in bewahrter Treue und Ergebenheit un: meinen Thron geschart haben, meinen tiescmpsundcnci: Dank kund zu tun.
Wien, den j. Juli 1911. Franz Josef.
Außerdem hat Kaiser Franz Josef auch einen Armee- und Flottcnbcfehl erlassen, indem er die militärischen hohen Verdienste des ermordeten Thronfolgers würdigt, nnd der mit einem warn:e:i, hochherzigen Appell an die unerschütterliche Treue der Wehrmacht Oesterreich-Ungarns schlicht.
Bevorstehende Auslösung des bosnischen Landtags.
Die „Köln. Ztg." meldet aus Sarajewo: Der Landcschef General Poliercck, hatte eine Besprechung mit seinem Stellvertreter, Dr. Manditsch, und den: serbischen Abgeordneten Joj- kitsch, deren Gegenstand die weitere Tätigkeit des Landtages bildete. Jojkitsch führte Klage darüber, dah keine Maßnahmen zum Schutze der serbischen Bevölkerung getroffen wurden. An 1000 Eeschüfte nnd Wohnungen seien verwüstet worden, wo durch ein Schaden von 12 Millionen verursacht worden sei. dessen Ersatz Jojkitsch von der Regierung forderte. Er erklärte, die Serben könnten die Regierung weiter nicht mehr unterstütze», weshalb sic die Schliehung des Landtages vorschlllgen. da tu ihm ohnehin Sturmjzcncn unvermeidlich wäre». Man glaubt, dah die Regierung den Landtag auflöse» wird.
Eine patriotische Demonstration.
Gestern vornüttag fand in der Fcsthallc des Rathauses in Wien eine vom katholische» Volksverein anberaumte Per saunnlung statt, um die durch den Tod des Erzherzogs Thronfolger Franz Ferdinand geschasfcnc politische Lage zu erörtern. Es sprachen mehrere Redner, darunter der Erzgraf Kraus mannsdors, die sämtlich den Zusammenschluß aller dynastischen und reichstreuen Elemente sorderlen. Mit Rücksicht auf die Gefahr, in der sich die Monarchie durch das an den Grenzen immer bedrohlichere Austrclen des Slawentums befinde. In dreien: Sinne wurde auch eine Resolution angcnomnien. Rach Schluß der Bcrsanimlung bildete sich ein Dcmonstrationszug. der sich zum Dcutschmeisterdenknial begab, und dort patriotische Kundgebungen veranstaltete, die von der Polizei getroffenen Vorkehrungen vor der serbischen Gcsandtschast erwiesen sich al» uberslustig, da sich in der Paulanergasic, der Strohe des serbischen Gcsandtschastsgcbäudes, keinerlei Zwischenfälle ereigneten.
Albanien.
:: Bib Doda in Dnrazzo. Prcnk Bib Doda ist in Dnrazzo
cingctrossen, um dem Fürste:: sein Vorgehen den Rebellen gegenüber zu rcchtsertigeu. Gleichfalls ist der Malisiorenfüh- rcr Beiran: Curi aus Coffooo in Dnrazzo eingetroffen, um dem Fürsten seine Dienste zur Verfügung zu stellen. — Aus Skutari wird genicidct» dah 1009 Malissoren nach Alefsio marschieren, um von dort aus gegen die Rebellen zu ziehen. Aus den Stänrmen der Eastroti nnd aus Skutari werden 800 Mo»'' unter cincue Führern in den Kamps ziehen. die kick: nickst


