Nummer 152
Donnerstag, den 2. Irrli 1914.
7. Jahrgang.
Ueue Tageszeitun
Di- ..Urue e-er.ieitung" erlcheint 1 -den Werltag. Regelmäßig- Beilagen „Der Kaner au» «(|T*n„?it Spinncknde". Semgoprei«: »ei den Poslanstall-n mendiuljtlirt) Ulf. yi lei ten Agenten monailich 50 Ptg. Hinzu tritt Postgebühr «der Trägerlohn. Anzeigen: Grund,eil-20 Pfg„ lokale 15 Pfg, Anzeigen von auswätts werden durch Postnachnahnie erhoben Lrfüllungsott Friedberg. Schrifileitung und Verla» Fneüberg lHessen,, Hanaueritrage 12. Femlprecher 48. Postscheck.Lonto Sie. 4S59, Amt Feanlsurl a. 111.
Ue rftcht.
— Ein neuer Fall von Maul- und Klauenseuche aus dem Berliner Viehhofe hat heute zur Wiedereinführung der viehseuchenpolizeilichen Anordnungen geführt, nachdem diese erst siir den letzten SamLtag-Viehmarkt ausgehoben worden Urnen.
— In Serajewo hält die Ruhe an. Dagegen werden aus der Provinz fortgesetzt serbische Demonstrationen gemeldet. die jedoch bisher von der Polizei und dem Militär unterdrückt werden konnten. Tie in Serajewo Verhafteten werden nicht vom ordentlichen, sondern vom Standgericht abgeurteilt werden.
— Infolge der großen Ausschreitungen, die sich trotz des Einschreitens der Polizei und des Militärs in ganz Bosnien und der Herzegowina wiederholten, wurde gestern das Stand- recht über Bosnien und Herzegowina verhängt. Keine einzige Stadt Bosniens, mit Ausnahme von Banjaluka, wo alle Nationalitäten und Konfessionen sich an einer Trauerkundgebung beteiligten, blieb von Demonstrationen und Ausschreitungen gegen Serbien verschont.
— Wie mit Bestimmtheit verlautet, ist für den Jahrestag des Bukarester Friedensschlusses eine Zusammenkunft des griechischen, serbischen und rumänischen Königs aus rumänischem Boden in Aussicht genommen.
— Wie aus Turazzo gemeldet wird, haben auf die Be- -urchtung der Regierung hin vor einem Nachtangriff der
ebellen die Kommandanten der Kriegsschiffe die Aus- ichissung von 900 Mann beschlossen, aber nur in dem Falle, daß Europäer oder das fürstliche Palais Gefahr laufen soll- le». Man glaubt jedoch nicht, daß die Rebellen schon jetzt zum Angriffe auf die Stadt übergehen werden.
— Nach einer noch nicht bestätigten Meldung der Wiener .Neuen Freien Presse" aus Turazzo haben die Minister Tnrturi und Musis den Auftrag nach Italien mitbekommen, mit Essad Pascha in Unterhandlungen einzutrrten, da- mit er zugunsten des Fürsten interveniere und ihn vor dem vollständigen Ruin bewahren. Die Minister werden sich dann nach Rom begeben, um zusammen mit Turkan Pascha mit der italienische» Regierung zu konferieren.
— Gestern war in London einer der heißesten Julitage seit langen Jahren. Die Temperatur betrug 38 Grad Celsius im Schatten. Auch aus anderen Teilen Englands wird große Hitze gemeldet. In London erlitten viele Personen einen Hitzschlag und mußten dem Hospital zugefllhrt wer- den. Drei von ihnen sind bereits gestorben.
— Der haitianische Rebcllensührcr Theodore und 58 Mann seiner Anhänger wurden nach einem Bericht des Kapitäns des Kreuzers „Wastiington" in einem erbitterten Kanips getötet.
(Orflrrrrirf? «nd die Irrbildic Leivegimg.
Ueberaus bezeichnend sind die Aeußerungen der russischen Presse über die Ermordung des Thronfclgers. So schreibt der „Petersburger Kurier":
„Unglücklicherweise ist von serbischer Hand der Fürst gefallen, der in sich den Funken turg, an welchem sich der europäische Brand entzünden sollte . . . Das Schicksal gibt Oesterreich Gelegenheit, den Kurs zu ändern und viele Sjinden gut zu machen, die es in dem letzten Jahrzehnt begangen hat. Im Namen des Friedens und der Wohlfahrt Europas hoffen wir, daß die Tragödie einen Wendepunkt der Politik Oesterreichs und Europas bildet."
„R j e t f ch" schreibt, daß der Thronfolger den serbischen Patrioten als die Verkörperung des zähen Dranges de: Habsburgischen Monarchie nach der Vorherrschaft auf dem Balkan gegolten habe.
Aehnlich drückt sich die französische Presse aus. Tee öffentlichen Meinung beider Mächte merkt man das Gefühl der Erleichterung und die politische Genugtuung über daS Verschwinden des unbequemen Mannes an. Das sind Kundgebungen, welche unsere gestrigen Betrachtungen über die Mordtat bestätigen. Tie Mächte des Zweibundes erblickten im Erzberzog-Thronfolger den Mann der starken Hand, dein es gelingen werde, Oesterreich als eine nach außen sich regende, tätige Großmacht zusammenzuhalten. Man fürchtete. daß Franz Ferdinand die straff zusammengefaßten Kräfte der Doppelmonarchie wesentlich steigern und damit der serbischen Erpansion, ferner der Mittelmccrpolitik wie der Balkanpolitik des Zweivundes wachsende Hindernisse entgegenstellen werde. Tie unten gegebene Pariser Mitteilung bildet eine fernere und sehr eindrucksvolle Bestätigung. Wie im übrigen die französischen Zeitungen von vornherein bereit sind, den Tatsachen Gewalt anzutun, je nachdem ihre politischen Wünsche in Betracht kommen, geht, um nur ein Beispiel herauszugreifen, aus dem „Echo de Paris" vom vorgestrigen Tage hervor. Das Blatt registriert die Nachricht, daß die Bombe des ersten Attentäters aus Belgrad stamme, versah die Mitteilung aber mit drei Fragezeichen.
Heute müßte das „Echo de Paris" seine drei Fragezeichen streichen und hätte sie sich vorgestern sparen können.
Aus die vom Pariser „Excelsior" und anderen französischen und russischen Blättern vorgebrachte Verlegenheitsflucht von der „Bedrückung der Südslawen" seit der Annexion von Bosnien und der Herzegowina geben die serbenseindlickum Kundgebungen in Bosnien, Pest usw. beredte und schlagende Antwort. Mögen diese Kundgebungen auch zunächst mit Ausschreitungen verbunden sein, die unter dem Gesichtspunkte der öffentlichen Ordnung nicht geduldet und gebilligt werden können, so begrüßen wir sie doch andererseits als ein erfreuliches Sympton. Tie Wut der Bevölkerung, die sich jetzt gegen die Serben entfesselt, wird außerdem nicht nur der Entrüstung über den Mord zuzuschreiben sein, son- dern dürfte tiefere Wurzeln haben. Sie kommt nur nach dem Morde, als letztem Anlasse, zum elementaren Ausbruche. „Sünden", von denen das genannte Petersburger Blatt spricht, geben wir zu, freilich in dem entgegengesetzten Sinne: daß man in Wien die großierbischen Treibereien in Bosnien zu sehr hat gehen lassen. Auf die Gründe und Motive, die dafür maßgebend waren, wollen wir in diesem Augenblicke nicht eingehen, möchten aber jetzt vertrauen, daß mit einem solchen System gebrochen wird, was nirgends Dank findet und andererseits die größten Gefahren in sich birgt, Gefahren, deren progressives Wachstum außer Frage stehen würde. Von Gefahren, für Oestereich-llngarn und für den Bestand der Doppelmonarchie wird seit gestern in der internationalen Presse viel, ja abgesehen von den rein persönlichen Betrachtungen, beinahe ausschließlich gesprochen. Auch wir haben uns auf den Standpunkt gestellt, daß die Zukunft der Doppelmonarchie unter den gegenwärtigen Verhältnissen als um- wölkt erscheinen könnte. Das einzige Mittel, aber, das imstande ist, die Wolken zu vertreiben, liegt, wie immer und überall auch hier in kraftvoller furchtloser und energischer Verfolgung der eigenen, staatlichen und nationalen Interessen. Die serbische Gefahr liegt klar zutage. Hebet ihren Umfang, über ihre Entwickelungstendenz und über die Hilfe, welche die serbischen Bestrebungen bei anderen Mächten finden und finden werden, kann weder in Oesterreich-Ungarn noch im deutschen Reiche der geringste Zweifel vorhanden sein. In diesem Augenblicke liegen Anzeichen dafür vor, daß man in Wien die Dinge äußerst ernst beurteilt, ja sich mit Bezugnahme auf die grobserbischen Treibereien in die europäische Oeffentlichkeit zu flüchten beabsichtigt. Auf Beurteilung eines solchen Vorgehens müssen wir so lange verzichten, ehe authentische Mitteilungen vorliegen. Grundsätzlich sind wir der Ausfassung, daß eine Großmacht sich in Dingen die sie selbst und ihre Lebensinteressen tief berühren, ohne dringendste Not nicht an andere Mächte wenden darf, aber höchstens könnte es sich um engverbündete und vertraute Mächte dabei handeln. Sollte man in Wien aber wirklich beabsichtigen, sich mit der serbisch-österreichischen Frage gewissermaßen an die europäische Oeffentlichkeit zu wenden, so würde das eben derselben europäischen Oeffentlichkeit und deren verschiedenen Komponenten willkommene Gelegenheit geben, ein Recht der Einrede und der Einmischung in öster- reichisch-ungarische Angelegenheiten für sich zu beanspruchen. Wie die „Deutsche Tageszeitung" vorgestern ausfiihrte, liegt in der entschlossenen Tat und in einem furchtlos geführten Kampfe an und für sich ein werbendes Moment von großer und hinreißender Kraft. Tie leitenden Männer in Wien sollten auch dieses Moment nicht außer Acht lassen und entschlossen und unbekümmert gestützt auf die erhaltenden Elemente und Doppelmonarchie vor allem die Armee, selbständig ihren Weg gehen. Die antiserbischen Kundgebungen können als ein gutes Omen angesehen werden, außerdem als ein erfreulicher Beweis dafür, daß die aufbauende österreichische Kulturarbeit in den alten Operationsgebieten nicht nur materiell ihre Früchte gezeitigt hat, sondern in den Herzen der Bevölkerung.
InrCn-mordmlydesösterreichilchen
Thronfolgerplmrcs.
Oesterreich-Ungarn und Serbien.
Tie österreichische Regierung hat an die serbische Regierung die Aufforderung gerichtet, die in Bosnien gegen die Mörder des Erzherzogs Franz Ferdinand und seiner Gattin geführte Untersuchung im Königreich Serbien fortzusetzen, weil die Verschwörung dort ihren Sitz habe, und die Teilnahme österreichischer Polizeiorgane an dieser Untersuchung zu gestatten. Diese Aufforderung hat dadurch einen besonderen — natürlich beabsichtigten — Nachdruck erhalten, daß man die Note noch vor ihrer Ueberreichung in Belgrad ver- ösfentlicht hat und daß dabei mitgeteilt worden ist, daß an der Beratung, aus der diese Ncte hervorgegangen ist, auch der Kriegsminister und der Chef des Generalstabes teilge- nomnien haben, also Persönlichkeiten, die mit internationalen Rechtsfragen und diplomatischen Angelegenheiten direkt nichts zu tun haben, wohl aber in allen Fällen gehört werden und mitlvreckien. in denen eine divlomtische Aktion zu ern
steren Verwickelungen führen kann. Die Fälle, in denen anarchistische und nationalistische Attentate nach ihren Ursprüngen und Zusammenhängen auf das Ausland Hinweisen, sind nicht selten: die Frage internationaler Verfolgung anarchistisck>er Verbrechen hat die Mächte schon ost be- schästigt. Zu einer so direklen Aufforderung zur unmittelbare» Teilnahme an der Untersuchung eines Verbrechens ist es unseres Wissens noch nicht gekommen. Ter ungewöhnliche Schritt Oesterreichs rechtfertigt sich in der fortgesetzten großserbischen Agitation, die seit längerer Zeit unausgesetzt ihr Wesen treibt.
Neue Bombcusundc in Serajewo.
Wien, 2. Juli. Nach Mitteilungen von Persönlichkeiten aus dem Gefolge des Erzherzogs, die jetzt aus Serajewo zurückgekehrt sind, war ganz Bosnien eine Falle, in der der Erzherzog untergeh«» mußte. Es war noch eine ganze Reihe von Anschlägen gegen ihn geplant. Nach der Rückkehr des Erzherzogs aus dem Rathaus sollte im Konak das Frühstück um lYj Uhr slattsiuden. Unter der gedeckten Tafel wurden zwei Bomben mit Uhrwerk gesunden. In demselben Gemach fand man eine Bombe mit Uhrwerk im Ranchfang. Bei einer Frau im Jlizde wurden sieben Bomben gesunden. In Serajewo hält die Ruhe an. Im Laufe des gestrigen und vorgestrigen Tages sind jedoch drei Personen wegen Verbrechens nach dem Standrecht verhaftet worden.
Daß Geständnis des Attentäters Prinzip.
Wien, 2. Juli. Der Attentäter Prinzip, der an Tuber kulose leidet, hat vor dem Untersuchungsrichter folgende Aussagen gemacht: Ich bin schuldig: ich bin mit der Absicht hier- hergekommen, das Attentat auszuführen. Durch Lektüre anarchistischer Bäcker bin ich zu der Ueberzeugung gekoni- mcn, daß es nichts Schöneres auf der Welt gibt, als Attentäter zu sein. Ich habe mir dann die Ausgabe gestellt, ich müsse irgend eines der Häupter der österreichischen Monarchie ermorden. Das ist mir endlich gelungen. Ten Revolver und Patronen schenkte mir in Belgrad ein serbischer Koini- tatschi. Ich bedauere meine Tat nicht, ja ich fühle mich z». frieden, daß ich meine Absicht ausgeführt habe. Prinzip sagte weiter aus, er habe ursprünglich das Attentat in Tart- schin, dem Hauptquartier der Manöverleitung verüben wollen, habe diese Absicht aber wegen der strengen niiltärischer Absperrung aufgegeben. Bei mehreren Verhafteten wurdi nur nachgewiesen, daß sie mit Gabrinowitsch und Prinzip in persönlichem Verkehr gestanden halten.
Die Teilnahme Kaiser Wilhelms an den Beisetzungöseier- llchkeiten.
Wien, 1. Juli. Wie offiziell mitgeteilt wird, iriift Kaiser Wilhelm mit dem Prinzen Heinrich von Preußen in einem Hossonderzuge morgen vormittag um 11,30 Uhr auf dem Nordbahnhofe in Wien ein und wird in der Hofburg Wohnung nehmen. Kaiser Wilhelm und Prinz Heinrich werden nach der Einsegnung der Leichen des Thronfolgerpaares nachmittags 5,30 Uhr mit einem Hofsonderzuge der Nordbahn nach Berlin zurückkehren. Kaiser Franz Joseph wird wahrscheinlich schon am Freitag die Rückreise nach Ischl antreien.
Serbenfeindlichc Kundgebungen in Agram.
Agram, 2. Juli. Zu den antiserbischen Demonstrationen, die gestern in Agram stattfanden, wird noch gemeldet: Eine Gruppe von Anhängern der Fraukpartei versammelte sich und zog unter Entfaltung einer kroatischen Fahne und eines mit einem Trauerflor umwundenen Bilde des Thronfolgers vor dem Nationalcafä auf dem Jelacic-Platz, tu dem serbische Politiker und die Anhänger der kroatisch-serbischen Koalition verkehren. Hier kam es zu stürmischen Kundgebungen gegen die Serben. Es wurden Rufe laut: „Nieder mit den Serben!" „Rächet den Thronfolger!" „Nieder mit den Meuchelmördern!" „Hinaus nach Belgrad I" „Nieder mit König Peterl" Hieraus unternahmen sie einen Sturmlauf gegen das Caföhaus. Die ganze Einrichtung wurde zertrümmert, alle Tisch, Fenster, Gläser und Lampen wurden total vernichtet. Tie Polizei kam zu spät. Sic unternahm auf die Demonstranten dann eine Attacke mit ge- zogenem Säbel, wobei viele Personen verletzt wurden. Es entstand eine starke Panik. Die Ausschreitungen dauerten bis in die heutige Morgenstunde. Man glaubt, daß übe> Agram das Standrecht wird verhängt werden müssen.
Tie letzten Stunde» des Erzherzogspaares.
Tie „Reichspost" meldet aus der Umgebung des Erzherzogs folgende Nachrichten über die letzten Stunden des Erzherzogspaares: Die Herzogin von Hohenberg sank, von der ersten Kugel in die Hüftengegend getroffen, dem Erzher- zog auf den Schoß. „Was ist Dir?" rief der Erzherzog, um dann im nächsten Augenblick die Arme empor zu strecken und in den Fond des Wagens zurückzusinken. Eine Kiigel hatte die Halsschlagader getroffen. Ungefähr zehn Schritte war das Automobil des Erzherzogs weiter gefahren, bevor cs zum Stehen kam. Der Landesches, Feldzeugmeister Polcio- rek, der sich in dem Automobil des Erzherzogs befand, knöpfte diesem schnell den Waffencock aus, worauf das Blut ans der Wunde sich in Strömen ergoß. Tie Herzogin erhob sich und


