Urrmmer 151
Mittwoch. Sen 1. Juli l\fl4.
7. Jaljr^nn
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Ilebersicht.
— Kaiser Frau; Joseph bat den Erzherzog Thronfolger Karl Franz Joseph in Schönbrunn i» längerer Privat- audieuz rinpsangen. — Mittags um 1 Uhr rmpsing der Kaiser den Minister des Aeußerrn Grasen Berchtold in ?l»dienz.
— Tic drei Kinder der- verstorbenen Erzherzogs Fra»; Ferdinand treffen am Tonncrslag in Wien ein, um den üieyräbnisseicrlichfeitrn beizuwohnen.
— Wie jetzt feststcht, wird das Begräbnis des verstorbene» Thronfolgers im engsten Familienkreise stattjindcn. Kaiser Wilhelm wird am Freiing nach der Einsegnung der Leichen in der Hofburg »ach Berlin zurückkchrcn.
— In Poggrupfuhl bei Tanzig hat ei» Schubmnnn einen Arbeiter, den er im Austrage der Staatsanwaltschaft verhaften wollte, erschossen, nachdem dieser ihm an die Gurgel gesprungen war. Mit den, ersten Schüsse verletzte der Schutzmann einen Passanten am Schenkel, nüt dem zweiten Schuß traf er den Arbeiter ins Herz.
— Tic Frage der Festlegung des Osterfestes, der augenblicklich die preußische Staotsregierung ihre Aufmerksamkeit zuwendet, wird, wie der Vertreter der „Telcgraphen-blnion" erfährt, an dem Stniidsiunlic des Heiligen Stuhles in Rom scheitern, bet mit Rücksicht auf die Tradition sich mit einer Aenderung der Osterdaticrung nach den bisher geltenden Bestimmungen nickt einverstanden erklären kann.
— Gestern find die össcntlichc Versteigerung der Lavez- ziinselgrnppc ft.it. Bekanntlich fürchteten die Pariser Zei- uingei,, daß die Inselgruppe, die von strategischer Bedeutung st, in nseindb -Hände fallen würde. Diese Besorgnis hat sich ckckt beftäUßtsi Die Inseln wurden von dem Franzosen Chemie Teticki für den erstaunlich niedrigen Preis von
000 Frans erworben.
— Als 7«chsolgcr des Bürgermeister Natha» in Rom v! der Prinz strospcro Evlonna, der Präsident der vereinig- l v katholische, und liberalen Vereine, gewählt worden. Da- i.sit ist das ra ikale Regiment in Rom endgültig beseitigt.
— lieber baloua ist heute der Bclagcrungszustand vck- hängt worden. Ter holländische Major Sluhs wurde yum Piatzkemmandaitrn ernannt. Ter albanischen Regierung wurde gestern gmcldct, daß italienische Kriegsschiffe Muni- ti u für die Au-rändischcn am Scmenisluß gelandet haben j> l!>».
— In einer m Tirana obn den Aufständischen abgehal- , ne» Versammlwg wurde beschlossen, vom Fürsten Wil- Helm von Albanie, für die von den Miriditen verübten diriibcrkiku Schadnerjap zu verlangen-
— Aus Monrvideo wird telegraphiert: Der deutsche Dampfer „Mcra", der aus Valpariso kam, ist an der Labo- insel gestrandet. Stusse stehen ihm bei. Der der Hamburger Kosmoslinie gcärige Dampser hat eine Geschwindigkeit von 9 Knoten.
— Rach eingwofsencn Nachrichten hat Zapatn, der Rlbrlleusührcr dcsnutikanischen Südens, sich in einem A»s- rvl von Earrnnza lorgesagt und erklärt, er werde seine Operationen an der Lrstküslc entlang bis nach Sonoro aus- drknen und immer Enanza bekämpfen.
Die Kluitat in Sarajewo.
Wir waren einig«,näßen gespannt, wie sich die sozial- dcmokratischc Presse a„?esichis der schauerlichen Mordtat in der bosnischen Hauptstadt verhalten würde. Handelte cs sich doch um eine Tat nationalistischen Fanatismus', der doch sonst von den Sozialdcmikraten in jeder Form auf das- cnt- schirdensic verurteilt wird Nun die Lösung ist so geworden, wie wir e-s uns eigentlich vorgesiellt haben. Ter Hatz gegen das eigene Vaterland gtht bei jener Nvitc vaterlandslcsen Gesellen so weit, daß sie einen jeden Schoden, den auch »n- sere Verbündeten eckaden, mit nicht verholcner Genugtuung begrüßen. Dazuücnmit die Freude an dem feigen politischen Meuchelmord, b« nun einmal in die Rüstkammer der sozialdemokratischen K> liurpartci gehört und den sic des öfteren selbst angewandt l den. So sehen wir denn, daß die maßgebenden sozialdeilolkaiischeii Organe, weit entfernt oic Schandtat in Serajewh rnckhaltslos zu verdammen, den Hergang und die Ursache des Verbrechens so hinstcllen, als ob es nur zu begreiflich sei »nd wobei eine innerlich» Schadenfreude kaunr zu verbergen ist.
Ter „Vorwärts", das Zcntralorgan der Umsturzpartei, erklärt zwar, daß die Kunde dieser Tat Uebcrraschuiig und Grauen und Unwillen über ihre Siuiilosiglcit erwecke, aber, nachdem er das versichert bat, behandelt er sie in einer Weise, die schwerlich dazu beitrage» lu»», bei den Leser» dos „Doiivärts" Grauen und Unwillen über sie auch wirklich zu erregen. Er schreibt, Erzherzog Franz Ferdinand sei „als Opfer der östcreichisch-nngarisäicii Balkan- und Nationnl- politik^gefalleu"; er sei „die Hostnuug aller Rcaltiouärc" in Oesterreich wie der Träger des österreichischen Jmperialis- Mus gewesen: er behauptet, „die Unterdrückung (?) der
den österreichischen Krisen, und schreibt, in dieser Almosphär? nationalistischer Leidenschaften sei der Plan entstanden, in einem Repräsentanten der östcrreichiichcn Herrschender die Unterdrückungspolitik selbst zu treffen. So falle Franz Ferdinand „als Opfer eines falschen, überlebten Systems."
Tie Freude an dcni Gelingen der ruchlosen Attentate kommt noch deutlicher aus den Auslassungen der Frankfurter . Bolksstimnie" zum Vorschein, wie der Leitartikel in der vorgestrigen Nummer sehr wohl zeigt. Er beginnt:
„Das Krachen explodierender Bonibcn und der kurze scharfe Knall eines Brownings schreien den offiziellen Politikern der Gewalt ins Ohr, daß die Gewalt fanatische Gläubige auch in den plebejische» Massen hat. Zwei Menschen, die dein Thron am nächsten standen, zahlen mit ihrem Leben für die grausame Verwirrung des politischen Denkens, die oben die Völker als Sachen werte» heißt, und unten das gemordete Selbstbestimmungsrecht der zur Sache hcrabgcwürdigtcn Persönlichkeit zur pri- mitiven Selbsthilfe barbarischer Zeiten greifen läßt.
Franz Ferdinand war die Hosfliung der Klerikalen, der Held der schwarzgclbe» Machtpolitiker. Wäre es nach ihm gegangen, so hätte Oesterreich schon in den ersten Balkankricg mit Waffengewalt cingegrisfcn. Wenn von einer persönlichen Verantwortung für den schrecklichen Druck der großen Mobilmachnng und für die gewaltige Steigerung der Miliiärlasten geredet werden könnte, so müßte sein Name genannt werden- Und wenn man Personen nennt, denen das verfassungswidrige Regiment das wieder seit Monaten auf Oesterreich lastet, so recht aus Herzensgrund gefällt, so hört man zuerst Franz Ferdinand!"
In dieser Tonart geht es weiter, um dann mit den Dorten zu schließen:
„Das ist's: die Völker werden nicht gefragt! Aber die Völker verlangen nach Selbstbesiiinmung — und ist'S nicht der Himmel, aus dem sie cw'ge Rechte herabholen, so soll der Browning sie ihnen verschaffen. Gewaltpolitik — aber die offiziellen Gläubigen der Gewaltpolitik hoben kein Recht, zu schmälen, wenn der nationale Fanatiker sein Recht aus die Gewalt stellt I"
In dieselbe Kerbe hauen alle sozialdemokratischen Blätter, was ja bei dem Herdengeist, mit dem diese Zeitungen geleitet werden, nicht sonderlich wunderbar ist. Aber auch Organe der äußersten bürgerlichen Linken stellen sich auf einen ähnlichen Standpunkt. Fast noch deutlicher, als der „Vorwärts" ist die „W e lt am Montag", die das Attentat als „eine Frucht der verfehlten österreichischen Politik gegenüber Serben und Kroaten" bezeichnet, von den „Verfolgungen" einer „terroristischen Gewaltpolitik" gegnübr diesen Nationalitäten spricht und schreibt: „Wer Gewalt säet, wird Verbrechen ernten."
Nun ist aber wohl zu beachten, daß durch das Verbrcck>en in Bosnien'? Hauptstadt noch nicht einmal der Zewck verfolgt wurde, ein herrschendes politisches System zu stürzen. Bei den meisten politischen Verbrechen ist dies der ausgesprochene Endzweck.
Auch bei der ruchlosen Tat jenes vertierten Burschen, dem die Kaiserin Elisabeth von Oesterreich zum Opfer siel, spielte das Ziel, durch ein grauenvolles Verbrechen zunächst die Sclbstsicherbeit der gegenwärtig Regierenden und damit ioeiterhin auch ihre ganze Stellung zu untergraben, Wohl die
Tie Einsegnung der Leiche des Erzherzog Thronfolgers Franz Ferdinand.
Wie», 1. Juli. Die feierliche Einsegnung der Leiche des Thronfolgers erfolgt am Freitag in der Hosburgkapclle.
Freitag abends Uhr erfolgt die Ueberführung der Leiche nach Pöchlarn, von doit aus wird sie auf der großen Fähre über die Donau gesetzt und nach Amstätten gebracht, wa alsdann die Beerdigung am Samslag früh um S Uhr stvftfinden wird.
Schließung der Börscn,
Wien. l. Juli. Aus Anlaß des Leichenbegängnisses des Thronsolgerpaares bleibt ani Freitag die Börse geschloffen.
Tic Reise Kaiser Wilhelms nach Wien.
Berlin, !. Juli. Kaiser Wilhelm hat seine Ankunft in Wie'» für Freitag mittag angekündigt. Er bleibt mir einige Stunden in Wien, steigt in Schönbrunn ab und wohnt der Einsegnung in der Hofburgkapelle bei, nach der er sosort nach Berlin zurückkehrt.
Tie drei Kinder des verstorbenen Erzherzog-Paares.
Tie drei Kinder des Erzherzogs, welche noch in Lstln- metz bei den Chotckschcii Verwandten weilen, kommen erst ,:m Donnerstag nach Wien. Sie werden nicht in Belvcdre wohnen, wo alles amtlich versiegelt ist, sondern bei der Grog-
Hauptrolle. Tic Bluttat in Scrnjcwo aber verfolgt neben den, gleichen Zweck, der Erschütterung des herrschenden Systems in Oesterreich, offenbar noch de» andere», durch Beseitigung des Mannes, in welchem nun, den stärksten Fak- tor einer stetigen und starken österreichischen Politik, zugleich damit aber auch des Fortbestandes der österreichischen Groß- inacht überhaupt sah, Oesterreich an der Konsolidierung und Erstarkung, die seit einer Raibe von Jahren mit der Person des Erzherzogs Franz Ferdinand verknüpft schien, za vor- hindern: >ve»n möglich, diesen mit >o manchen Schwachen und Gefahre,, behafteten Staat in ein Chaos innerer Wir- ren zn stürzen, damit zugleich aber die Bahn für einen Weli- brand frei zn machen, der ans den Trümmern des großosier- reichischcn Staates einen großjerbijchen Nationalstaat er- si.'hcn lassen soll. Ter Attentäter oder ihre Hiutcrmämw- wollen die großscrbischc Wunde am österreichischen Staats- körper nicht verheile,,, die Dinge in dem Weiterwinkel zwischen Donau und Adria nicht zur Ruhe kommen lassen: sie hoffen, durch die Ermordung des Mannes, dessen feste Hand ihren Wünsche» als größtes Hindernis entgcgenstond, eine Unsicherheit und eine Verwirrung herbeizusühren, aus der schließlich doch »och die Flammen des Weltkrieges anf- schlagcn könnten, der in den letzten Jahren mit soviel Mühe verhütet worden ist.
Wäre es nun wahr, was die Sozialdemokratie ihren Anhängern stets versichert, daß sie eine unbedingte Partei der Welt des Friedens wäre, so inüßtc sie unbedingt und ohne jegliche Einschränkung daS abscheuliche Verbrechen in Serajcwo verurteilen. Daß dies die Sozialdemokrat,: nicht tut, ist nur ein neuer Beweis dafür, wie sehr auch dieses Verbrechen trotz seiner besonderen Färbung doch in erster Linie auf dem Boden revolutionärer Gewissenlosigkeit, aus dem Boden der infernalischen Feindschaft gegen jede staatliche Zucht und Autorität, insbesondere aber gegen die autoritative Stellung der Monarchie erwachsen ist, die doch Wohl auch die Ursache dafür ist, daß die an Staatsoberhanp- trn oder sonstigen leitenden Staatspcrsoncn verübten Meuchelmorde in dem sozialdemokratischen Kalender verzeichnet stehen, als seien sie Etappe» aus dem Wege zu einer größere» Menschheitskultur I
Wir geben der „Deutschen Tageszeitung" recht, die sich denselben Betrachtungen hingibt und die schreibt:
„Eine ernste Lehre ist diese Schandtat aber nicht nur für die Regierungen der nächstbeteiligten Länder, sondern auch aller anderen Kulturstaaten: insbesondere für jede Monarchie, weil in ihr leichter als in andere» Ländern das Schicksal des Staates zeitweilig auf zwei Augen stehen kann: Eine Mahnung, den bürgerlichen, monarchistischen Staat so gut zn rüsten und so stark zu machen, daß niemand hoffen kann, ihn durch einzelne Verbrechen oder überhaupt durch revolutionäre Mittel zu zerstören; eine Mahnung, allen destruktiven und revolutionären Tendenzen überall, wo sie sich zeigen, mit der ganzen Macht des Staates entgegenzutreten und nicht mit ihrer Bekämpfung zu warten, bis sic stark genug sind, die „trockene" Revolution durch die offene Gewalt zu ersetzen: eine
Mahnung endlich, mit inehr Wachsainkeit lind Entschiedenheit als bisher den Kamps gegen die ganze moralische Erkrankung zu führen, die in der systematischen, Hetze- rischen llntcrgrabmig aller Zuchtund Autorität ans Erden gegeben ist, und die doch der letzte Grund für Grenel- tatcn wie die von Serajcwo ist und bleibt."
mutter, der Erzherzogin Maria Theresia, die gestern aus R-sichcnhall angekommcn ist.
Tic Hoftrauer.
Die Hoftrauer wird durch vier Wochen als tiefe getragen und zwei Wochen als Halbtrnucr.
- Die Testa,nentseröfsiiung.
Gestern wurde das Testament des Erzherzogs Franj Ferdinand, das bereits mehrere Jahre alt ist und bei der Löndcrbank deponiert war, eröjfnet. Sein gesamte? Vermögen hat er seinen Kindern vcrmachi: die Herzogin hätte nur ein Wittun erhalten. Tas Vermögen besteht aus den Gütern Arstctten, Kcnopischt und Chlumeh imd aus einer bei einer belgischen Versicherungsgesellschaft eingcgongenen., „ach Millionen zählenden Versicherung. Das Gut Bliih,u.ou ,. und das Schloß Belvcccie gehören dem kaiserlichen » l.eiifonds. Tas Estesche Vermögen wird dem Erzherzog,x'M ” F,a„z Josef zur Benutzung zufallen. 53.— „
Ter ungnädige Enipsang beink Kaiser. ”
Wien, 1. Juli. Tic östcreichisch-ungarische Kor,eff' " de:.z meldet von besonderer Seite: Ter gcnicinsanie 8»'. »sinister Nilier von Vilinski wurde bekanntlich gestern Kaiser Franz Joseph in säst cinsiündigcr Audienz cmps^ ecu. Ter Empfang, den der Miiuucr durch den Kaiser fon'ifj
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