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Beilage zur „Neuen Tageszeitung".
Montag, den 30. Mär; 1914.
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Gedcnktage.
» Zur* UlsterKrisis.
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Immer noch ist die Lage in Ulster eine äußerst unsichere. Die Regierung zieht Militär zusammen, und die Ulstcrlcute lüften sich zur Verteidigung.
•JO. März. 1790 Professor F. A. G. Tholuck geb. — 1830 I. 3. 01. Bahnsen. Philosoph, geb. — 1836 K. Ferd. Stinnm geb. — 1856 Pariser Friedenskonferenz (Jhim- krieg). — 1895 Pastor Held t. Stuttgart.
i? tipiig ii.Ilnljrungöniittflfnbriliüntfn n.fiänMrr.
6. u. H. Berlin, den 27. März. Dcr Bund Dcnticher Nahrungsmittelsabrikanien und ö.idler hielt dieser Tage in der Handelskammer die erste l'.ihung von einer Reihe von Vcrhandlungstagen ab. die den . reck habe», die notwendige» Uniänderungen für die Neuauf- lgc des Deulsche» Nohrungsmittclbuches zu beraten. Das tcutiche Rahrungrntittclbuch ist das Privatgesetzbuch der deut- Nahrungsmittelindustrie, das sich zur Ausgabe gestellt int, den Bedürfnissen von Konsum, Fabrikation und Handel » gleicher 'Weise zu entsprechen. Der Vorsitzende Bing (Ber- ar.l crossnetc die Tagung, indem er aus de» Zweck der Zusam- menkunst hinwic» und dann namentlich die Vertreter von Be- l >rdcn und Fachkorporationen willkommen hietz. Es waren »e große Anzahl non Handelskammern, darunter auch di« rliner, vertreten. Ferner waren anwesend Tchcimrat Pros, c Herzseld vom Institut sur Zuckerindustrie, Pros. Dr. Pa- und Dr. Duntze vom Institut stir Eärungsgewcrbe, und r "il Delegierte von Fachoercinigungcn. Die geschäftlichen .iiigcn übernahm dann dcr Gcschästssührer des Bundes Dr.
• i (Nürnberg). Aus den Beratungen ergab sich zunächst Notwendigkeit, Bcgrisssbestimmungen sür türkisches Pslau- mus sestzusetzen. Es ist eine in de» Balkanstaatcn herge- llte Ware, die den Anforderungen einer serbischen Ministe- rialversugung cntsprechen mutz. Irgend welche Zusätze, I» wurde aus Vorschlag von Teheimiat Herzfeld beschlossen, dür- cii zu diesem Produkt nicht gemacht werden. Nach langer Debatte wurde sestgestellt, daß zur Herstellung von Pslaumenmu» gedorrte Pslaumen in großem Umsange verwandt, und daß dies ohne besondere Kennzeichnung statthast ist. Als Zusätze, mit Ausnahme von Zucker, müssen zur Kenntnis de» kaufenden Publikum» gelangen. Der nächste Punkt „Himbeersaft" bracht« Erörterungen über Trenzzahlen, die den Mindestgehalt an bestimmten Etossen, Mineralstosse, scststellen. E» ist bet Ratur- vrodukten, so wurde ausgesührt, immer eine mißliche Sache, solche Grenzahlcn sestzusetzen. So verlangt die amtliche Ehe- nie, um ein Beisipel zu geben, von den Kühen, die Milch nach Berlin liefern, einen Fettgehalt von 2,7 Prozent. Die Kuh kann sich aber um diese amtlichen Zahlen nicht bekümmern, und ebenso ist cs mit dem Mineralstofsgehalte de» Himbeersaftes, der durchaus von den jewelllgen Mtterungsverhitltntstcn ab- bänglg Ist. De. jtohen unv Dr. Lohn legten diese Verhältnisse dar. Aus der anderen Seite zeigte Dr. Stmonsohn (Berlin) io Notwendigkeit, sich, solang« noch kein anderer Ausweg gesunden sei, an die im Nahrungsmittelbuch genannten Zahlen zu halten. Schlietzlich wurde beschlossen, diesen Punkt in einer späteren Versammlung nochmal» zu beraten. Weiter wurde über „Medizinalweine" beraten. Hier wollte di« eine Trupp« von Interessenten bestimmt« Qualitätssorderungen ausstellen, nährend die andere die Bezeichnung „Mediztnalwein" überhaupt als mißbräuchlich betrachtete. Auch das Deutsch« Arzneibuch kennt eine solche Bezeichnung seit dem Bestehen de» Wcingesetze» nicht. Da sich aus der Debatte ergab, daß die- i lbc Frage noch «ine Reihe von Fachvereinigungen beschäftigt,
so wurde, um diesen nicht vorzugreifen, die Beschlußfassung noch vertagt. Den Schluß der Tagung bildete» Abänderungsan- träge zum Kapitel Liköre. Die Beratungen de» Bundes werden in den nächsten Tagen in Nürnberg fortgesetzt.
Aus aller Well.
Messeekampf i» Invalidenhao«. Zwischen zwei hochbetagte» Insassen de» Stadt. Pslegehause» in Düsseldorf kam e» zu einem Messerkamps, in dessen Verlaus der 70 Jahr« alte Invalide Lang« 1t tiefe Messerstich« erhielt, die den Tod des Mannes zur Folge haben werden. Der Täter wurde verhaftet.
Straßenbahnzusammenstoß. An der Kreuzung der Git- schener- und Prinzenstraße in Berlin, stießen gestern vormittag zwei Magen der Linien 36 und 82 zusammen. Der von der Bärtvaldbrülke kommende Wagen der Linie 36 fuhr dem au» der Gitschiner- und der Prinzeustraße einbicgenden Wagen der Linie 82 in die Flank«, tvobei beide Wagen erheblich beschädigt wurden. Von den Insassen erlitten insgesamt acht leichtere Verletzungen.
Schadenfeuer. Am 25. März entstand in der altertümlichen Parochtalkirche in Zagrobie bei Warschau ein Brand, der die ganze Kirche einäscherte. Trotz der größten Anstrengungen gelang e» nicht einmal die kostbarsten Tegenstände, wie den goldenen Kelch. Reliquien ust». zu retten. Der Schaden beziffert sich auf lvovvo Rubel.
Stürme im Aermelkanal. Seit mehreren Tagen herrscht ein furchtbarer Sturm im Aermelkanal und au der franzö
sischen Westküste. Wie aus Brest gemeldet wird, ist da? Fischerboot Auge-Gabriel eine Meile Von dcr .lkiiste entfernt gesunken. Die 11 Mann starke Besatzung ertrank bis ans drei Mann, die sich an schtviminenden Balken scsthicltcn, bis man sie nach stundenlangen Bemühungen aus ihrer Lage befreite. Zwei weitere Fischerboote mit je 4 und 5 Mann Besatzung >verden vermißt. Eine schreckliche Ucberfahrt hat der Dier- master „Ouevilly" zu bestehen gehabt, der am 4. März aus Rcwyork abgefahren war. Sämtlickni Masten wurden infolge des Sturmes vernichtet und er konnte sein Ziel unter den Fährnissen nur mit Hilfe von Notmasten erreichen. Mehrere Matrosen wurden von den Wellen über Bord gespült und er- tranken.
Rnbrneltern. Wegen unerhörter Mißhandlung ihrei beiden Stiefkinder hatten sich vor der Duisburger Straf kammer die Eheleute Joseph Sels ans Meerbeck die bereits Uiegen Mißhandlung ihrer Kinder vorbestraft sind, zu verantworten. Die Eheleute ließen die Kinder vor dem Zubettgehen auf einem Reibeisen mit den bloßen Knien knien. Wurden die beiden Kinder, — sie sind 8 und 11 Jahre alt — niüde, so hielt man sie mit »nbarniherzigen Schlägen munter. Die Kinder erhielten nichts als Kaffee und Brot zu essen. Die Beweisaufnahme ergab die völlige Schuld der Ehefrau und das Gericht erkannte gegen sie auf fünf Jahre Gefängnis. Das Verfahren gegen den Ehemann wurde ver- taat. _
Zum Pflnyrifen.
Roman von M. Prigge-Brook.
58 (Fortsetzung).
„Sehen Sie, wie cs gebt", sagt; er trotzdem ermunternd. .Man muß nur wollen. Ich sagte Ihnen schon, — es gibt Patienten, die man gegen ihren Willen heilt."
Dem jungen Arzte fehlte leider das Unterscheidungsvermögen seine» berühmten Lehrers, dem er in manchem nach- eiserte.
Er find, Feuchtwangen gehe zu hart mit seinen Patienten um. Er war für Zwang: denn nur mit Zwang können seiner Ansicht nach Geistes- und Willenskranke — in die letztere Kategorie gehörte nach seiner Ansicht di« junge Frau
— der e.Hilung entgegen geführt werden.
Zöllner urteilte nach einigen Symptomen Und hielt tincu Irrtum für ausgeschlossen.
Wie kam eine junge lebensfrohe Frau, der das Leben alle? bol, dazu, den Tod des Gatten so schwer zu nehmen, s daß üe cuVi Leben verzagte? Sie hafte ihren Sohn, ein große? Vermögen, Sckiönbeit und alle guten Gaben. Daß
- die nichts achtete, war seiner Meinung nach anormal.
- rma! war auch seiner Meinung nach der Krästezustand, as Wandern bei Nacht, die Apathie, der Lebensüberdruß,
ii dem der Doktor Taten fürchtete, weshalb er Frau Sebald d. ppelt scharf bewachen ließ.
Er war nickt ohne Mitgefühl für die arme Frau: ober . fand gerade deshalb, daß es sich dcr Mühe verlohne, encr- j.-a vorzugebeu, und die Krankheit zu- bekämpfen. Die
- al der Mittel beschwerte ihn nicht. Er kam nicht auf die .e. daß üe falsch sein könnten und da?, was er zu heilen
gedachte, lein t zum Ausbruch kommen könnte.
Frau Sebald mußte versprechen, bei Nacht zu schlafen and, auch wen» es sie mächtig treibe, nicht aufzustehcn.
„Ich frage nwrgen früh nach." Damit verließ Doktor Zöllner sie, zufrieden mit sich und sehr geneigt, an ihre tzkiiederberstellung zu glauben.
Marv schloß in dieser Nacht wieder kein Auae. Die
Angst vor etwas Unfaßbarem kroch langsam heran. Als die Schurr schlief, erhob sie sich leise, trat an das Fenster und starrte hinaus. Sie sah das Eisengitter, das drohend vor ihr aufragte: das Mondlicht beleuchtete den Garten unter ihr. Hohe Mauern umschlossen ihr Gefängnis überall. Wie eine drohende Wolke erhob sich jenseits der Wald. Er schien sich an die kahlen, seltsam geformten Felsen, die ihn umgaben, anzulchnen und erhöht« den Eindruck des Eing«- schlossenseins,
Mary war todeSbang: sie fühlte sich von aller Welt verlassen und heiße Sehnsucht nach ihren, Kinde erwacht« wieder in ihr,
Dom Männcrbau drang wüstes Gelchrei. Di« zittcrude Frau kroch vor Angst in ihr Bett und zog die Decke über die Ohren.
Wieder kam der Tag. Alles war wi« gestern. Lärm, Schreien, TUrschlagen, die Blödsinnig«, die den Kaffee her- cinreichte, der Gang zum Bade, die her,klopfende Furcht vor I schrecklichen Begegnungen. Dann der Besuch des Doktors, seine Frage: „Wie war di« Nacht?"
Ohne ihre Antwort abzuwarte«, wurde Frau Schurr weiter befragt. Ob die Patientin geschlafen, ob sie unruhig gewesen ist u. s. w.
Der Doktor war enttäuscht. Er Haft« sein« Diagnose abgeschlossen: jetzt paßte die Haltung dieser jungen Frau nicht zu seinen Schlüssen. Si« schien Wohl krank und elend, doch keineswegs gestört. Nr« Antworten waren klar, ihre Angst verständlich. Wenn Fräulein Sebald sich irrte! Sie hatte ihm auch den Brief des Arzte» nicht geschickt. Zöllner nahm sich vor. sie darum zu bttten.
Frau Sebald sprach kein Wort, der harte Mann ängstigte sie. Sie wollt« geduldig warten: denn wenn ihr Doktor ihren Brief bekam, würde er ihr schreiben. Wahrscheinlich holle er sie ab.
Acht Tage gingen hin, langsanl, endlos langsam. Daß man so unglücklich sein konnte, hatte Mary nicht gewußt. Sie fühlte sich zu Stein crswrrt in namenlosem Grauen.
Endlich schrieb sie ihrer Schwägerin. Der Brief Kölle
einen Stein erbarmt, so viel verzweifelte Angst brach mw den Zeilen. Zuni Schluß enthüll er die demütige Ditie „Bei allem, was Dir teuer ist, laß mich hinaus. Ich geh? hier zugrunde. Ich will Dir nirgeuds im Wege sem und mich Dir Überall nnterordnen. Nur niiiu» mich sort und gib mir meinen Kleinen, den einzigen, der mir geblieben: sonst will ich nichts vor der Welt!"
Dieser Berzweislnngsschrei hätte ebeiisowenig wie der Brief an den Doktor fein Ziel erreicht, wäre nicht di; Blödsinnige gewesen, vor der Mary unüberwindliche Furch! empfand.
Das arme Geschöpf benutzte einen unbewachten Moment, zu ihr zu springe». Mary schloß gerade ihren Brief.
„Gib Herl" flüsterte das häßliche Mädchen. „Er wirft ihn sonst ins Feuer. Gib', ich besorge ihn."
Sie wartete die Antwort gar nickt ab. riß da? Knverl an sich und war schon an» dem Zimmer, ehe Fra» Schuri zurückkchrt«
Im Pflugeisen reihte sich Tag an Tag. Im Haufe herrschte Frieden. Seit Mary» Zustand nicht niebr lähmend über den Gemütern log, öffneten sich diese wieder der Freude und wandten ihr« Sorgen dem Kleinen z», der alle cr- heiterte.
Er war ein bildhübscher, kleiner Bursche und recht vorgeschritten. Rosemarie betete ihn an. Er vergalt auch ibre Liebe durch kindliche Anhänglichkeit. Aber auch Tante Luis« erhielt ihren Anteil, und Erna war ihm die liebste Spielge fährtin, sie tollte stundenlang mit ihm herum.
In der Stadt beklagte man Frau Sebalds Schicksal und fragte bei jeder Gelegenheit nach ihr. Man batt? sie aus- gegeben, obschon mon von Professor Feuchtwaiigens Kuren Wunderdinge erzählte. Daß ihre Schwägerin nicht in der Behandlung des bekannten Psychiaters, sondern in einer Irrenanstalt war, verschwieg Fräulein Sebald klug. Selbst ihre Hausgenossen ahnten die Wahrheit nicht. So siel Marys Brief wie eine Bombe in das friedliche Zusammen Icben der Drei. l.Aortsttzut,-, fotot)


