Beilage zur „Neuen Tageszeitung.
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Mittwoch, den 25. März 1914.
I 7. )aljrgunn
Gedenktage.
f). jJI nr,j. 1800 (5. H. G. u. Dechen, Mineraloge, ged. —- 1801 Novalis (Fr. v. Hardenberg) f. — 1822 Professor 81. Ritsch!, Theologe, geb. — 1891 Graf v. Fabrice, sächsischer Kriegsniinistcr, f.
ie Eharlotttiiburgkr GliiilnaKaKentragödie vor
(Brridjt.
S. u. H StoCp i. P., 24. März. Das hiesige Schwurgericht hat stch heute erneut mit dem Vrozeß gegen den Privaidetektiv Paul Schwarz und den Oberkellner Hinze zu befassen, dessen Hintergrund die seiner Zeit viel Aussehen erregende Charlottenburger Eymnasiasten- Iragödie bildet. Wie noch erinnerlich, wurde im Oktober de» Fohres 1912 der 17,jährige Gymnasiast Ernst Tiemann eine» Abends in der elterlichen Wohnung von dem Dienstmädchen Elisabeth Heinrich an der Türklinke hängend tot ausgefunden. Es fiel aus, daß an den Händen der Leiche -ine Art Fesselung zu bemerken war. Das Mädchen hatte den Körper ruhig eine ettunde lang an der Klinke hängen lasten, ehe es Hausbewoh- ner alarmierte. Da außerdem Grunde sür eine» Selbstmord ousgcschlostcn erschienen, tauchte namentlich bei den nächsten Angehörigen des unglücklichen jungen Menschen der Verdacht rus, dag der junge Tiemann einem Verbrechen zum Opser ge- allcn sei. Ein von der Familie hinzugezogener Arzt gab die Möglichkeit auch zu. daß der Tote gewaltsam ums Leben gebracht worden sein könne. Die Polizei kam jedoch aus Grund ihrer Nachforschungen zu der Ansicht, das, Selbstmord vorlirge und gab die Leiche zur Beerdigung frei. Die Mutter des To- icn ließ sich jedoch nicht von der Idee abbringen, daß ihr Sohn durch fremde Schuld das Leben eingebllßt habe. Sie versuchte vus eigene Hand Recherchen anzustellen und setzte sich zu diesem Zwecke mit dem Angeklagten Schwarz in Verbindung. Als diesem die Umstände bei der Aussindung der Leiche mitgeteilt worden waren, entstand bei ihm der Verdacht, daß das Dienstmädchen Heinrich etwas übxr die Tat wisten müste, die inzwischen zu ihrem Vater, einem kleinen Kapellmeister in Rum- mclsburg in Pommern Lbergcsiedelt war. Schwarz begab sich rbensalls nach Rummelsburg, freundete sich mit dem Vater an, dem er stch als vermögender Holzhändler oorstcllte und machte schließlich auch die Bekanntschaft der Elisabeth Heinrich. Er trat dem Mädchen gegenüber bald als Freier auf und nach kurzer Zeit fand auch die offizielle Verlobung statt. Da das Mädchen die Hochzeit in sicherer Aussicht sah. ließ cs sich mit Schwarz in intimen Verkehr ein. Dieser sand in einem Hotel statt, besten Oberkellner Hinze von Schwarz in sein Vorhabe» einge- wciht worden war. Eines Nachts zeigte Schwarz dem Mädchen eine angebliche Auskunft aus Berlin, in der mitgeteilt !vurde, daß die Heinrich in der Ticmann'sche» Sache in Untersuchungshaft geseste» habe. Aus langes Zureden seitens de» Schwarz gab das Mädchen dann zu, daß sie um den Mord miste, den ein früherer Geliebter von ihr begangen habe. Schwarz telegraphierte das Geständnis sofort in alle Winde und die Nachricht von der vermeintlichen Aufdeckung des Mordes erregte allgemeines Aussehen. Bald zog ober das Mädchen das Geständnis zurück und erklärte, sie habe dem Schwarz die erfundene Geschichte erzählt, um nicht den anscheinend wohlhabenden Bräutigam zu verlieren. Die Angaben des Mädchens stellten sich auch als wahr heraus und nun wurde der Spieß umgedrcht und Schwarz unter Anklage gestellt. ^Sie lautete auf Beleidigung. Freiheitsberaubung und Anmaßung eines
östentlichen Amtes. Er hatte sich nämlich bei seinen Recherchen in Rummelsburg als Königlicher Beamter ausgegebcn. Der Angeklagte Hinze wird der Beihilfe zu den Straftaten des Schwarz beschuldigt. Die Angelegenheit hat bereit» Anfang Januar das Schwurgericht beschäftigt, konnte damals aber nicht zu Ende geführt werden, da Schwarz wegen eines Eallenstein- leidens der Verhandlung nicht mehr zu folgen vermochte.
Wir werden über den Prozeß berichten.
Aus der Heimar.
Die Vernichtung der Mucken im März. Di« Beobachtung, daß zahlreiche Mückenweibchen in geschützten Räumen, wie Kellern und dergleichen, mit Vorliebe überwintern, um dann im Monat März ins Freie zu fliegen, hat der Vertilgung dieser im Sommer so lästigen Tierchen aussichtsreiche Wege er- schlosten. Da eine einzige Mücke 200 Eier auf einmal legt, und in einem Sommer fünf Generationen von Mücken Vorkommen, jo kann sich die Nachkommenschaft eines überwinterten Mückcn- weibchcns während der wenigen Monate der warmen Jahreszeit unter Umständen aus Millionen, ja Milliarden belaufen. Die Bekämpfung besteht in der Ausräucherung der überwinternden Tiere in Kellern ufw. Zu diesem Zwecke hat der Magistrat von Danzig eigens Feuerwehrleute sachgemäß ausbilden lasten, und dieses Vorgehen haben sich verschiedene andere Stadtverwaltungen zum Muster genommen.
* Gießen, 23. März. (Eingesandt. ) Sie haben in Ihrem geschätzten Blatte schon des öfteren auf die hohen Kommunalabgabcn, welche der Grund- und Hausbesitz in unserer Stadt zu tragen, hingcwiesen. Als drastisches Beispiel möchte ich Sie nach der jetzt beendeten Aera des Oberbürgermeisters Mccuni um die Veröffentlichung der Tatsache bitten, daß ich bei eincin Staatssteucrbetrage von 125 M und einem Komniunalzuschlage von 120%, sage und schreibe 2179 M städtische Steuer zu zahlen habe. Während also jeder, der keinen Grundbesitz hat, bei 125 M Staats- sieuer nur 150 JC städtische Steuer, also 120% zu zahlen hat, zahle ich tatsächlich 1983,2%. Wenn ich aber nun meine anderen städtischen Abgaben dazu rechne, so trägt es mit 8000 Prozent. Vielleicht geben Ihnen auch einmal einige ineincr Leidensgenossen ihre diesbezügliche Ziffern an. Ein Haus- bcsitzer.
* Stenographisches. Die Statistik der Schule Stolze-Schrey
für das Jahr >813 wird jetzt von dem amtlichen Organ der Stolze-Schreyschen Schule veröffentlicht. Das Blatt stellt sest, daß die Arbeit sür Stolze-Schrey in den außerpreußischen Gebieten nicht so erfolgreich war, wie in Preußen selbst. Nach den Vergleichszahlen hat im Deutschen Reiche di- Zahl der Vereine bet E. (Eabelsberger) um 113, bei SS. (Stolze- Schrey) um 80, die der Mitglieder bei E. um 8848, bei SS. um 8811, die Zahl der Unterrichteten bei G. um 11 211, bet SS. um 7 814 zugenommen. Insgesamt gibt es nach SS. 2228 Vereine mit 88 483 Mitgliedern. Der Löwenanteil davon entfällt auf Preuße», nämlich 1346 Vereine, 63 880 Mitglieder, 111 825 Unterrichtete, während im übrigen Deutschen Reiche 548 (4- 15) Vereine, 23 841 (4-' 1300) Mitglieder und 30 124 (— 470 Unterrichtete) gezählt wurden. Besonders stark ist der Rückgang in Bayern und Sachsen, wo SS. 58 (— 6) Vereine, 1760 (— 180) Mitglieder, 1008 (— 438) Unterrichtete
zählt gegenüber dem Eabelsbergerschcn System, das hier mit 780 (— 60) Vereine. 51 121 (4- 2352) Mitglieder und 67 388 (4- 8162) Unterrichtete vertreten ist. Die Gesamtzahl der Un
terrichteten einschließlich de» Auslandes beträgt bei SS. 153 518 ( 4- 7863), bei E. 220312 ( 4- 15 202).
Frankfurt a. M., 24. März. Am Sonntag wurden in Frankfurt drei Personen von Automobilen überfahren und teils tätlich, teils schwer verletzt. Im Stadtteil Niederrod geriet der fünfjährige Sohn des Schaffners Eutbcrlct unter einen Kraftwagen und wurde auf der Stelle getötet. Auf der Hau- fener Landstraße geriet eine junge polnische Saisonarbeitcria vor ein Automobil: sie erlitt schwere Verletzungen an Kopf
und Brust und kam ins Krankenhaus. — Sodann überfuhr in der Beethovenstraß« ein Automobil einen jungen Mechaniker der ebenfalls schwer verletzt vom Platze getragen werden mußte
• Frankfurt a. »I, 25. März. In seiner Wohnung, Gold steinstraße 88, erhängte sich der 64jährige Maurer Ph. Sccliger Ein unheilbares Leiden hat den alten Mann in den Tod ge trieben.
" Frankfurt ». M„ 24. März. Den wiederholten äffe»», lichen Behauptungen des Schriftstellers Waßmann, daß gegen ihn und den „Türmer" das bekannte Strafverfahren in dein Salvarfanprozcß eingestellt fei, bricht jetzt endlich die hiesige Statsanwaltschaft die Spitze ab. Sie erklärt Waßmanns Angaben für unzutreffend und von einer Einstellung des Vcrfab- lens sei unter keinen Umständen die Rede. Nun kann man ge spannt fein, was Waßmann dem Staatsanwalt antwortet.
* Fralikfnrt a. M., 25. März. In der Rödclhcimcr Realschule, einem nahezu hundert Jahre alten Bau, entstand in- solge eines Ofendefektes ein Brand in der Wandtäfelung. Die Schüler wurden sofort durch die Alarmglocke aus die Eesahr
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Zum Pfinyeilen.
Roman von M. Prigge-Brook.
55 (Fortsetzung).
„Tun Sie mir den Gefallen und gehen Sie nicht mehr zu Frau Sebald. Sie regt sich unnütz auf. Ucberlassen Sie die Patientin mir und meinen Leuten. Jede Erregung bringt sie nur mehr zurück. Ich werde Frau Sebald Ihren Gruß ausrichten." . __
„Gestatten Sie Besuche in der nächsten Zeit , fragte Rosemarie scljwankend. Sie hätte es versprochen.
Zöllner verneinte.
„lim keinen Preis. Im günstigsten Falle erfordert eine Wiederherstellung Monate, Wochen vergehen, ehe die Patten- 'tin sich gefunden hat. Am besten entzieht man sie jeder Berührung mit der Außenwelt, — ich sage jeder. Am liebsten untersage ich sogar den Briefwechsel, doch da das Ausbleiben der Briese sie erregen würde — Frau Sebald wird .an ihrem Kinde hören weAlcn — so habe ich nichts gegen einen Brief alle acht bis vierzehn Tage. Ich mache Sie l-arauf aufmcrksani. daß Briese gelesen werden, sowohl an- kommende, als abgehende."
Rosemarie fühlte, wie ihr Herz sich zusammenzog. Wie würde Mary das ertragen? Wie würde sie jammern, wenn Le erfuhr, was sic ihr angetan. Sic schwankte.
„Herr Doktor?
Er stand auf.
„Der Wagen wartet, Fräulein Sebald", sagte er bestimmt. „Haben Sie guten Mut. Wenn Frau Sebald zu >:eilcn ist. wird sie geheilt. Andernfalls hat sie es hier doch besser, wie zu Hause."
Er ließ cs sich nicht nehmen, die stattliche Dame an den Wagen zu geleiten, nachdem er ihr noch den Prospekt seiner Anstalt, der die Bedingungen enthielt, in die Hände gedrückt hatte. Trotz ihrer Unruhe erleichtert, fuhr Rosemarie ab.
Inzwischen verlebte ihre Schwägerin bie analvolliken
Stunden ihres Lebens. Frau Schurr nahm den Auftrag der Schwester wörtlich, entkleidete sie mit sanfter Gewalt, hüllte sic in weiche Decken und machte sich ohne Aufforderung über die Koffer her, die inzwischen herausgebracht wurden.
Mary sah mit großen Augen zu, wie sie einen Gegenstand nach dem anderen sorgfältig auspackte und besah. Die Kleider und Morgenröcke wanderten in den Schrank, die Wäsche in die Kommode, die Kleinigkeiten wurden auf den Tisch gebreitet.
Zuletzt kamen die Bilder dran, die Erna eingepackt hatte. Frau Schurr nahm Doktor Sebalds Kabinettphotographie in beide Hände und wandte sich dem Fenster zu.
„Ein schöner Herr, gnädige Frau, wohl der Herr Gemahl?" stagte sie neugierig. Ein Blick auf die Trauersachen der jungen Frau belehrte sie. „Er ist wohl noch nicht lange tot?"
Marys Brust entrang sich ein tiefer Seufzer. Noch ertrug sie die Berührung der schmerzhaften Wunde ihres Innern nicht.
„Geben Sie her", rief Sie ungeduldig. „Im Augenblick geben Sie her."
Frau Schurr schien bessere Behandlung gewöhnt. Unsanft setzte sie das Bild auf den Nachttisch.
„Ich guck' ihm schon nichts ab", sagte sie beleidigt. Heinz kleines Bild gelangte ohne Kommentar an seinen Platz. „Nuy möchte ich um die Schmucksachen und Gelder bitten, gnädige Frau."
Mary trug ein Medaillon an der feinen Goldkette um den Hals. Heinz hatte es ihr an ihrem Hochzeitstage ge- geben, sein Bild schmückte die Kapsel. Seitdem hatte sie das Medaillon niemals abgelegt. Der Trauer wegen trug sie Kapsel und Kette unter dem Kleid. Die rauhen Hände der Frau griffen nach der Kette.
„'s ist Vorschrift", sagte sic bestimmt.
Die Kranke richtete sich auf.
„Rühren Sie mich nicht an", rief sie drohend. „Was ocben Sie meine Sachen an?"
„Vorschrift!" wiederholte die Schurr ärgerlich, aber sie ließ sie doch: denn die Wahrheit zu sagen, hatte sie eine so feine Dame noch nie bedient. Die Ausstattung glich der eit' ” Prinzessin. Battist und Spitzen, wohin, man sah. Ob bei der die Vorschrift strikt angewendet würde, mußte man erst abwarten.
„Meinetwegen behalten Sic's", knurrte sie. „Wollcn Sie Kaffee haben?"
Als Mary verneinte, drückte sie einen Schlüssel in dar Schloß und öffnete die Tür, die sie hinter sich offen Ii''i; Pkary hörte sie lachen und schwatzen.
Ihr tat das Herz weh. Zu ihrer Trauer um den Ge liebten gesellte sich die Angst. Wenn Rosemarie doch käme! Sie hatte ihr nicht Adieu gesagt. Draußen schlug eine llür. Türen gingen, Stimmengewirr drang zu der kranken Frau
„Schließen Sie bitte die Tür", sagte sie ungeduldig.
„Meinen Sie, daß ich den ganzen Tag auf der Bude hocken will?" antwortete die Schurr grob. „Zumachen bars ich nicht, dann muß ich hinein, allein wollen Sie doch nicht bleiben, daß Sie am Ende noch Streiche machen, und ick meine Stelle verliere!"
„Ich verstehe Sie nicht!" murmelte die arme junge Frau erschrocken.
„Glaube ich schon."
Die Schurr war wütend. Sorgsam die Tür verschließend, setzte sie sich an das Fenster und überließ Mary sich selbst.
Sie wartete und wartete. Stunde um Stunde verging, draußen verstummte der Lärm, Teller klirrten, leise Schritte huschten von Tür zu Tür. Endlich ein schüchternes Pochen.
„Das Abendbrot, Schurr", rief eine Stimme.
Elektrisiert sprang die Pflegerin auf, schloß mit dcm Schlüssel und nahm der draußen Harrenden ein mit guten Sachen besetztes Teebrett ab.
(Fortsetzung folgt).


