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Beilage zur Neu en Ta geszeitun g."

!!r. 64 | Dien stag, den 17. Mär; 1914. j 7. )al,ra'rn'

17. März. 1811 Karl Fr. Gutzkow, Dichter, gcb. 1813 Errichtung der preußischen Landwehr. 1848 Straften- kämpfe in Berlin. 1871 Einzug des deutschen Kaisers in Berlin.

Erworbenes Dirbsgub

Bon Dr. Hans Lieske, Leipzig.

Pünktlich war sie noch nie erschienen. Wer sich mit ihr besprach, der durfte dreist ein halbes Stündchen nach d»r Ab- rcdezeit kommen und dann geraume Weile auf sie warten. Ihr Verkehr ward dcft bald inne und belachte nachsichtig den kleinen Seitensprung vom Pfade des Alltäglichen. Denn nur trübselige Banausen reiben sich solchen Bagatellen des Daseins, weil sie bei ihrem Manko an Herz, Witz und Geist ihre eigenen winzigen Tugenden zur Weltwcishcit erhoben haben, um am Ende ihres ruhmreichen Lebens mit dem stolzen Bewuftlscin zu liquidieren, daft sic dank ihrer Gei- stesgröße niemals im Laufe ihres Erdcnwallcns versehent- sich in die Unrechte Straftenbahn gestiegen sind. Wir gönnen derlei Faschingsphilosophcn ein leichtes Hohnlächeln und warten weiter. Aber wir müssen heute wahrlich lange N>artcn. Punkt zwei Uhr wollte sie uns holen, von drei ab rechneten wir also auf ihr Kommen und jetzt wurde es gleich vier. Drei Züge, mit denen wir hätten fahren können, waren schon ohne uns ins Land gegangen und meine Frau bekanr es nun allmählich nüt der Ungeduld. Endlich bog der be­kannte Schimmel um die Ecke. Die kleine Dame aber lehnte matt in den Polstern, die Spuren jüngst llberstandcncr g> öfter Geschehnisse auf ihren Zügen.

Wisst Ihr. was mir passiert ist?" ries sie uns erregt entgegen.

Tüchtig verspätet hast Du Dich wieder mal", bieft die verdrossene Antwort meiner Frau.

Der unliebsame Einwurf blieb unerwidert: statt dessen wurde uns das eben erlebte Ereignis mit vier kurzen wuch­tigen Worten ins Gesicht geschleudert.

Meine Ringe sind weg."

Unsere Züge auch", erwiderte noch immer spitz und mürrisch meine Frau, weshalb sic meinerseits erzieherisch auf den Fuft getreten wurde. Das half sür's erste, sodaft die arme, ringsreie Dame den traurigen Bericht in gramvollem Betrachten ihrer sonst so verführerisch strahlenden Finger ohne störende Zwischenrede beenden konnte. Was dabei dem Gehege ihrer weiften Zähne entsloft, war ein erschütternder Beitrag z» dem Kapitel über die Verdorbenheit der Welt. Die Gnädige hatte sich am Flügel von den Tönen der großen Kanone aus diesem erdenrestbesleckten Jammertale leiten lösten in die Gefilde seliger Harmonien. Als sic dann, noch des Gottes voll, die Stätte, da die Muse sie gcküftt, verlieft, wir sic dem Weltlichen allzu sehr abgekehrt, um ihrer wäh­rend des Spiels bei Seite gelegten Ringe zu gedenken. Die armen Dinger mufttcn sich darum über Mittag von einem in der Stube beschäftigten diebischen Tapeziererlehrling stehlen lassen. Ein anderer kam wenigstens nach Lage der Tinge als Dieb gnrnicht in Frage. Und nun sollte mein Scharfsinn deui zu solch ärgerlichen Zweck ans acht Uhr an den Crt der Tat bestellten leugnenden Tieblein Geständnis samt der Beute entlocken. Um acht Ubr stand denn auch richtig

ein dürftiger kleiner Bengel mit schmalem feinem Gcsicht- chen zur Verhandlung vor mir. Zum Glück wurde das pein­liche Verhör durch die Dazwischenkunft der hohen Bestohle­nen recht rasch beendet. Ich hatte dem Kinde grade ans dem reichen Schatz ureigenster Erfahrung mitgeteilt, daft wir allzumal Sünder sind und daft ihm, wenn er nur jetzt brav und offen, kein Härlein gekrümmt werden sollte. Ta erschien hinter der Portiere der Kopf der Gnädigen und zornigen Munde? erklärte sie mich für einen gewaltigen Polizcibc- amten, der den Verbrecher für den Fall weiteren Leugnen? verhaften wurde. Nun hielt mich der Kleine für einen Kol­legen im Lügen, weil ich ihm soeben jedwede freundschaftliche Beziehung zur Polizei abgeschworen hatte. Und so war da? Ergebnis ein unverdientes Abendbrot.

Am nächsten Nachmittage aber wird mir telephonisch die Kunde, der kleine Lehrling habe doch noch gebeichtet und die Ringe seien um guten Preis bereits in fremden Händen. Was sei zu tun? Ob man von dem Käufer die Sache» zu­rück zu kaufen habe? Sein Eigentum sich kaufen wollen, welch verkehrter Gedanke! Nun ja, der Käufer der Ringe wäre aber ein grundebrenwertcr Mann, der um die Geschichte der Sachen kein Sterbenswort gewusst. Er würde doch dann um sein Geld geprellt sein, trotzdem er gutgläubig und im Vertrauen auf das ehrliche Gesicht des kleinen Schwindlers für angemessene» Preis den Handel abge­schlossen. Ja, Gnädigste, dem Mann kann bei alle dem dies­mal nickst geholfen werden. Die Ausflucht,ich will Dir Deine Sachen gern wiedergeben, vergüte Du mir ober die Unkosten, die mir im Erwerb gemacht", diese Ausflucht ist ihm rechtlich nicht befchieden. Sachen, die dem Eigentünier gestohlen wurden, die er verlor oder die ihm sonst abhanden kamen, beselt das Gesetz mit verborgenen Kräften. Mögen sie inzwischen durch zwei, durch zehn, durch hundert Hände gewandert sein: für und für bleiben sie doch dem einstigen Herren treu, niemals verlieren sie die Zugehörigkeit zu ihm. Wo und wann es immer glückt, sich ihrem alten, recht­

mäßigen Besitzer wieder bemerkbar zu niachen, gilt gleich: der Eigentümer, dem sie einst abhanden kamen, darf sic jed­wedem. der sie gerade hat, abnehmcn: weder Kostenaufwand, noch die redliche Gesinnung beim Erwerb kann davor retten. Wer also auch der Käufer der Ringe sei: er muß sie ohne Widerrede und ohne Anspruch auf Auslagencrsatz deui Eigentümer wiedergeben.

Nur Geld, Jnhaberpapiere und öffentlich versteigerte Sachen machen eine Ausnahme von der Grundregel und dürfen dem redlichen Erwerber selbst dann treu bleiben, wenn sie der Vorbcsitzcr verlor oder sich stehlen lieft.

Die |Uil)tsjifli(i)i |«r Dulbiina von (Ourrationm

Eine juristische Untersuchung.

Von Dr. Hans Lieske, Leipzig.

Wer uns unerlaubterweise körperlich verletzt, muft all' den Schaden tragen, der durch Geld heilbar ist. Das ist feine ihm von Recht und Billigkeit diktierte Pflicht. Und doch zeigt auch diese Medaille eine Kehrseite, die in jüngster Zeit recht oft be­klagt wird. Die Haftpslicht hat nämlich mitzeiten eine Seuche geboren: Rentcnsucht geheißen. An ihr leiden die Mensche», die irgend einen kleinen, von anderen verschuldeten Unfall froh begrüßen. Zwar stcht's in ihrer Macht, das erlittene Uebel ganz oder wenigstens zum guten Teil durch Anruf ärztlicher Kunst aus der Welt zu schakfen. Doch daran liegt ihnen gar- nichts, weil mit den bösen Folgen die bezogene Rente, die ja gerade den Stützpunkt ihrer Trägheit bildet, künftig ebenfalli wegsiele. Rein, ste opfern gern die Arbeitsfähigkeit zugunste» eines aus fremdem Säckel bezahlten tatenlosen Dasein» Dir Erziehung zum Nichtstun aber will das Recht nicht fördern. Darum erklärt cs uns allen, die wir kraft fremder Schuld zu Schaden kamen, daft wir uns ganz oder teilweise um unfern Ersatzanspruch bestehlen, wenn wir an der Entstehung der Hebels mitschuldig ünd. Weigern wir uns also z. 53., eine gan> unbedeutende Schnittwunde am Dein verbinden und ärztlich bc- bandeln zu lasten, sodaft infolge von Unsauberkeit der kleine

ZINN pfittgeilen.

Roman von M. Prigge-Brook.

48 (Fortsetzung).

Fort," fragte Rosemarie unwillig.Was soll das hciften? Der Winter steht vor der Türe."

Habe ich Herrn Doktor auch gesagt. Trotzdem besteht er darauf und will mit Fräulein darüber sprechen. Ich glaube, er schlägt Montreux oder Meran vor. Montreux soll besser sein, wegen des Jungen."

Der Junge bleibt hier", antwortete Rosemarie rasch.

Unangenehme Vorstellungen wurden in ihr lebendig. Was ging den Doktor ihr Junge an, um den die leibliche Mutter sich nicht kümmerte? Und überhaupt! Wenn Mary nun einmal sterben wollte, so sah sie nicht ein, wer sie daran hindern konnte. Sie fühlte den Beruf nicht dazu, sie mochte sic nicht.Weift meine Schwägerin von der Idee?"

Das ist ja das Merkwürdigste", erzählte die Schwester interessiert.Frau Sebald hat zum ersten Male Anteil ge­zeigt, Sie wollte wissen, wie weit Montreux entfernt sei, und ob man über Genf fahre. Wenn sie reise, gehe sie nur nach Montreux."

Das war freilich scltsain. Rosemarie überlegte. Sie fand keinen Zusammenhang. So viel sie wutzte, war Mary nie aus Wien herausgekommen, einige kleine Reisen in die Wiener Berge und das Salzkammergut abgerechnet. Wo- her kam eigentlich ihr Interesse für Montreux? Sie wuftte »s nicht.

Sie nahm sich vor, dem Doktor entgegen zu stimmen nnd nur in die Reife zu willigen, wenn er bestimmten Er- folg versprach. Sterben, wenn es sein sollte, konnte Mary »uch hier. Und Heinz blieb zu Haus, der gehörte ihr.

Ter Doktor fand wenig Entgegenkommen. Er mußte freilcch dem Fräulein recht geben, wenn sie behauptete, Frau Sebald sei zu einer so weiten Reise zu schwach, nachdem sie Serart abgenommen. Auch fürchte sie die Eindrücke der fremde, nachdem sie hier schon der Besuch ihres einzigen

Jungen zu Weinkrämpfen veranlasse. Ob man nicht lieber warten wolle?

T-er Doktor setzte sein ernstestes Gesicht ans.

Um ehrlich zu sein, will ich Ihnen gestehen, ich sehe nicht mehr durch bei Ihrer Schwägerin. Ich weift nicht, was ibr fehlt. Die Organe sind zart, aber gesund. Schmerzen leidet sie nach eigener Aussage nicht, dabei die unglaubliche Abnahme oller Kräfte. Ich gestehe Ihnen, das macht mich besorgt. Ich will die Verantwortung nicht länger allein tiagen."

Rosemarie zog ein Gesicht.

So ängstlich, bester Doktor, kenne ich Sie nicht. Doch dem kann abgcholfcn werden. Ziehen wir eine» Spezialisten zu. Man soll mir nicht nachsagcn, daft ich meine Schuldig­keit versäumt habe."

Ob man Feuchtwangen bittet, Autorität in Nervcn- scchen, Er soll ein hervorragender Psychiater sein."

Psychiater?" Rosemarie tippte ans ihre Stirn.Sie fürchten doch nicht?"

Nerven, Rosemaricchen, Nerven. Die Ihrer Schwägc- rin sind auf dem Hunde. Sie schläft nicht, spricht nicht nnd verschließt sich ihren Angehörigen. Wer kann ergründen, was ihr fehlt?"

Er verlieft das Pflugeisen, um den Brief an den bekann­ten Professor zu schreiben.

Rosemarie blieb verstimmt zurück. Seit zwei Monaten ruhte ihr geliebter Bruder im Grabe, ebensolange siechte seine Frau dahin. Sie sah sie selten: die Kranke sprach noch seltener mit ihr.

Einsilbig beantwortete sie die Frage nach ihrem Ergehen und hörte geduldig zu, wenn Rosemarie von ihrem Jungen erzählte und atmete auf, wenn sie sic verlieft

Jeden Morgen brachte ihr Sophie den Kleinen. Heinz trippelte schon selbständig an der Hand seiner Wärterin. Seine Fortschritte entlockten der Mutter kein Lächeln, stumm sah sie ihn an mit dem tiefen Blick, ber alle Wenenlwnlce m durchdrinoen schico-

Stumm küßte sie sein Händchen und leidenschaftlich drückte sie ihn an ihre Brust. Das dauerte emen Monient, dann war die Wallung vorbei. Sophie nahm den ungedul­digen Jungen, der von der Mutter fortstrebte, und führte ihn hinaus.

Sie hielt ihn nicht. Sic brauchte ihre Zeit. Eifersüch- tig hütete sic jede, auch die nichtigste Erinncrimg an ihren Mann und träumte sich in seliger Vergangenheit zurück. Auf Stunden gelang ihr dies, wenn kein Laut aus der Außen­welt sic störte, wenn nian sie allein ließ mit ihres Heinz' Bilde. Kam aber die Schwester, die Frühstück brachte, oder setzte Erna sich zu ihr, um sie aufzubeitern, dann wichen die lichten Bilder, an ihre Stelle traten Verzweiflung und bitterer Gram. Mary fühlte nur den einen Wunsch, zu sterben. Er löschte jede andere Regung in ihr aus. Noch war sie verständig genug, einznschen, daß der bloße Wunsch nicht hinreiche. Deshalb pflegte sic sich nicht, nur das nötigste, und hoffte im stillen, so erreiche sie ihr Ziel. Da­rüber hinaus gingen ihre Gedanken nicht.

Sie dachte nur an ihren Mann. Ihr Zustand bildete bereits das Stadtgespräch: man verdachte cs Rosemarie, daß sie nichts tat, die Aermste ihrer Verdüsterung zu entreißen. Die Ankunft des bekannten Psychiaters erhitzte die Gemüter noch mehr. Man war gespannt, was er der Leidenden raten würde, und ob sie seinen Anordnungen folge.

Professor Feuchtwangen kam.

Ein kleiner, beweglicher Herr, aus dessen feingeschnitte- nem Gesicht zwei blaue Augen blitzten, denen man aus den ersten Blick die Bedeutung des Arztes ansnh. Sie sahen den Kranken durch und durch und ergründeten die geheimste, Gedanken. Seine Patienten fürchteten oder liebten if » Es lag viel Herzcnsgüte und Weichheit in des Profess -- Zügen, so daß der Doktor, der den großen Kollegen von I' n Bahn abholte, beruhigt mit dem Kopfe nickte. Bei h durste er auf Verständnis für seine Patientin rechnen (Fortsetzung folgt).