Beilage zur „Neuen Tageszeitung/"
r-.r. 63
Mon-lig, den 16. Mär; 1614.
7. Zahrrunra
Gedenktage.
Iü. März. 1813 Kriegserklärung Preußens an Frankreich.
1826 Wilhclin Bank, Theologe, geh.
„Menu".
„Essen Sie Meenuh oder Allakart?" Als diese Frage einst in der bayerischen Stadt München aus dem Munde einer stämmigen Kellnerin zum ersten Male an mich erging, muß ich höchst verdutzt dreingeschaut haben. Wenigstens gab mir mein Freund einen Rippenstoß und sagte lachend: „Ob Du Mittagessen speist oder nach Wahl!" „Ach so — bitte Mittagessen." „Also Meenuh!" Die Kellnerin bohrte niir daS Wort geradezu ins Ohr.
Einige Jahre später las mir ein anderer Freund aus dem Berliner Börsen-Eourier eine hübsche Geschichte vor. Auf dem Festessen einer Versammlung von Sprachgelehrten wurde ein Gericht aufgctischt, das auf der Karte der De- Zeichnung: ris de veau st la jardinidre führte. Da die Dcr- deutschnng den Herrn doch einiges Kopfzerbrechen machte, so holte man ein Wörterbuch herbei, und es ergab sich, daß man da verspeist hatte: „das Lächeln des Kalbe? an die Gärtnerin."
Diese beiden schon halb vergessenen Vorfälle wurden mir gestern abend krästig aufgefrilcht. Ort der Handlung: eine feine Weinstube: Personen: ich, der Kellner, der Wiit, die Gäste. I ch: „Bitte Kellner, ich möchte ein schön gebratenes und dazu recht großes Stück Fleisch haben. Was empfehlen Sic mir?" Der Kellner: „Nehmen Sie Chateaubriand!" Ich nicke. Schon will er Weggehen, da fällt mir ein: Chateaubriand — du wolltest doch schon längst einmal fragen, waS das eigentlich ist! Ich: „Kellner, was ist da? eigentlich — Chateaubriand?" Der Kellner, zuerst eine verlegene Handbewegung machend, schließlich fast unwillig: „Tja, Chateaubriand!" Ich: „Tann schicken Sic mir dach mal den Wirt. " Der Wirt erscheint Ich hatte inzwischen bemerkt, daß die Speisekarte zur Hälfte französisch, zur Hälfte in dem berühmten französisch-englisch-deutschen Kauderwelsch abgefaßt war. I ch: „Verzeihen Sie, daß ich so neugierig bin — ich habe soeben ein Chateaubriand bestellt und mochte gern wissen, was das eigentlich ist." Der Wirt, mit höflicher Verbeugung und einem
versteckten überlegenen Lächeln: „Offengestanden.....es
gibt dafür keinen anderen Namen. Chateaubriand ist.....
Chateaubriand." I ch: „Aber es ist doch ein Stück Fleisch, das irgendwo am Tier sitzen muß, an der Schulter oder sonstwo." Der Wirt: „Tut mir leid." Dann mit plötzlicher Erleuchtung: „Die Hotelsprache kennt eben kein anderes Wort dafür." I ch. mich auf die Speisekarte besinnend und sie vorwciscnd: „Ach so. Also dies hier ist alles Hotelsprache?" D e r W i r t: „Gewiß, sozusagen." I ch : „Demnach bestünde die Hotelsprache aus einem Viertel Deutsch, einen: Viertel Englisch und zwei Vierteln Französisch," Der Wirt: „Gewiß, aus Rücksicht auf die Fremden." I ch, mit etwa? lauterer Stimme: „Sie erlauben — soviel ich sehe, sitzen hier nur Deutsche, und auch Sie sind doch Deutscher. Wäre cS nicht angebracht, die Rücksichtnahme auf die Fremde» nicht zu einer Rücksichtslosigket gegen die Einheimischen werden zu lassen? Glauben Sie, daß ein Engländer sich in keinem Vaterlande eine solche Speisekarte bieten liebe?"
Eine Ucbcrsichtskarte über die Verteilung der Grenzbefestigungen an der deutschen, österreichischen, russischen und französischen Grenze.
Der Wirt, mich mehr und mehr wie eine Seltenheit bestaunend: „Aber .... aber — der Engländer hat eben viel mehr Nationalgefühl als der Deutsche." I ch : „Da nehmen Sie also ohne weiteres an, daß ich keinen Heimatstolz besitze! Sie scheinen nicht zu fühlen, daß Sie mich damit beleidigen!" Zwei Gäste vonr Nebentische zueinander: „Ich gebe dem Herrn vollkommen recht." Von e i n er» andern Nebentisch ein Ga st, der während der Auseinandersetzung mit dem Messer gegessen hat: laut: „Dieses Menu wendet sich eben an gebildete Kreise." E i n älterer Herr, mit einer Verbeugung auf uns zutretend: „Gestatten Sie, daß ich mich als Mitglied des dent- schen Sprachvereins vorstelle. Ich habe Ihrer Auseinandersetzung zugehört und mache Ihnen, Herr Wirt, den Vorschlag, sich die „deutsche Speisekarte" kommen zu lassen, die Ihnen die Berliner Geschäftsstelle, Nollendorfstraße 13/14, unentgeltlich liefert. Nach dieser Karte, die Küchenfachmänner und Sprachgelehrte verfaßt haben, können Sie Ihre Sveismfolge mit allgemein verständlichen guten, deutschen Ausdrücken selber zusammenstellcn und, falls Sie das nicht für nötig halten, hinter die deutsckien die französischen oder englischen Benennungen in Klammer setzen. Schon allein, weil Sie sich als Fachmann für eine der mitabgedruckten Tischkarten unseres Kaisers interessieren werden, würde ich mir an Ihrer Stelle die Sache mal kommen lassen. Seit über zwanzig Jahren nämlich gibt es auf der kaiserlichen Tafel nur noch rein deutsch verfaßte Speisezettel. Uebrigens heißt das Chateaubriand genannte Fleischstück in unserer Muttersprache ..Doppelsendenschnitte."
Bernhard Siepen.
Preichilcher Landtag.
Abgeordnetenhaus.
18. Sitzung vom 13. März, 11 Uhr.
Am Ministertisch: Dr. Sydow.
Der Bergetat.
Die Beratung wird bei den Lauernden Ausgaben, Titel „Löhne" fortgesetzt.
Abg. Dr. Bell (Ztr.) begründet einen Antrag aus Re- form des im Berggesetz geregelten Bergschädenrechts: zu die sem Zweck möge zunächst die im Petitionsbericht vom 15. Jan 1913 vom Berichterstatter vorgcschlagene Kommission eingcsetzi werden.
Abg. Hasenclever (Natl): Es ist eine llcbcrtrcibung. wenn in den Petitionen gesagt wird, daß 8 Millionen Schäden nicht ersetzt seien. Wir haben gegen den Wortlaut des Antrage- Bedenlen und sind für Kommissionsüberweisung an die Koni Mission für Handel und Gewerbe.
Minister Dr. Sydow: Bergschäden werden immer sehi schwierig zu regeln sein, da die Jntercffen der Bcrgwerksbesitzer und der Geschädigte» kollidieren. Ich bin zur Prüfung der Frage bereit, ob das jetzige Berggesetz genügt. Gegen den An trag Bell habe ich nur das Bedenken ,daß er die Zusammen setzung der Kommission dem Hause überläßt.
Der Antrag wird der Kommission für Handel und Gcwerb überwiesen. Die Besprechung wendet sich dann den Lohnfrag-, »u.
Nach kürzeren Ausführungen der Abgg. Delius (Dpi und Korfanty (Pole) ergreift
Abg. Hue (So,.) da, Wort: Die Lohnverhältnisie in,
Saarrevier treiben Tausende von Arbeitern nach dem Ruhr revier, damit Ne dem bungertode entgehen. Früher war i» Lberschlesien der Fi-kus der beste Lohnzahler, jetzt ist er vor Privatwerken überhol« worden. In Rheinland-Westsalen hat
Zum Wityeilen.
Roman von M. Prigpe-Brook 47 (Fortsetzung).
Erna kam unb nahm sich der Unglücklichen an. Mary ließ sich ihre Gesellschaft gefallen, aber sie sprach nicht mit ihr. Sie saß den ganzen Tag müßig auf einem Fleck und dachte ihre traurigen Gedanken, die unablässig in dem ein- zigen Wunsche gipfelten, Heinz nachzufolgcn. Das wurde allmählich zur firen Idee, die den Doktor ängstigte, zumal die zarte Frau körperlich verfiel. Denn nur auf Ernas Bit- ten nahm sie zuweilen etwas zu sich. Meist weigerte sie sich unter dem Vorwände, nichts essen zu können, der Magen tue ibr web.
„Kein Wunder, wenn Sie ihn so mißhandeln", brummte der Doktor, den Julie Hart zu Hilfe rief. Er war am Schlüsse seiner Weisheit und prophezeite seiner Patientin ein schlechtes Ende.
„Sie werden noch an mich denken, liebe, kleine Frau", warnte er sie väterlich. „Mit Ihnen geht es nicht gut. Sterben werden Sie nicht: man stirbt nie, wenn man will! So barnihcrzig ist der Tod nicht. Aber leben und leiden n-üssen, vielleicht nicht einmal unverdient, den Stachel gönne ich Ihnen nicht! Abgesehen davon, daß Ihr Heinz Ihnen später Vorwürfe machen wird."
„Cr hat ja seine Tante", antwortete Mary bitter. „Cr braucht mich nickst."
Der Doktor war froh, daß sie wenigstens antwortete. Er suchte ihre Eifersucht zu wecken und fing von dem Jun- Zen an.
„Wer das gedacht hätte, daß der Kleine einmal ein tt*, Tantenkind werden würde! Wie hat dec Ben- gvl !>ck; gehabt, rein unheimlich: seiner verehrten Tante kam 's sicher unnatürlich vor. Jetzt aber sitzt er oben in ihrem «„inner und lebt bei ,hr herum, als müßte es si sein. Die Rosemariechen soll ihm freilich auch allen Willen tun."
L»r einen Augenblick flammte jähe Röte in Marns
Zügen, d'e plötzlich wieder erlosch. Teilnahmslos starrte sie vor sich nieder. „Ich bin so müde."
„Herr Doktor, es ist schrecklich", klagte Erna, die ibm im Flur begegnete. „Sie re:!>t sich ousi Jede N.nb: um zwei oder drei Uhr. wenn sie meint, daß sie schlafe, steht sic auf und wandert durch? Ha»?. In Heinz' Zimmer schließt sie die Promenade und wenn, sie sich sicher füblt, dann hvir.t und stöbnt sie zum Erbarmen. Ich halte es beinahe nicht mehr aus."
„Haben Sie sie in Rübe gelassen, wie ich Ihnen sagte?"
„Ein, zweimal. Benn dritte» Male ging ich isir rach und setzte mich zu ihr. Zuerst war sie zornig, dann kam sie mit mir. Aber jede Nacht kann ich sie auch nicht hüten, ich sihlafe leider zu ant."
„Dann muß hier jemand anders her", meinte der Doktor und b'cchlc esi-e Bsteaerin mit.
Die jvnge Frau sträubte sich zwar sehr gegen die Person der freundlichen Diakonissin: erst als der Doktor ibr versprach, daß sie sich tagsüber fcrnhalten und nur des Nachts bei ihr bleiben solle, damii sic nicht so einsam sei, gab sie daun nach.
Sie schwieg bebarrlich zu all-n Versuchen der Schwester; ihr näher zu treten, stellte aber die nächtlichen Wanderungen ein. Trotzdem besserte sich ibr Zustand nicht. Ihre Stimmung wurde innner verzweifelter,
Rosemarie hatte sich überraschend schnell über den Verlust des Bruders getröstet, vielleicht, weil sic seit der Zeit den Kleinen besaß.
Er wohnte bei ihr: denn da Mary ihm nicht mehr nachfragte, und seine gelegentlichen Besuche gleichgültig auf- nahm, bezog Sophie mit dem Kleinen die Zimmer im Oberstock, damit er die Mutter nicht störe.
Marys Krankheit kam Rosemarie recht. Im stillen nannte sie sie Schwäche und Mangel an Energie und war geneigt, die Schwägerin deshalb zu verachten. Andererseits hatte die gesunde Mary ihr manches schwer gemacht. Sie wurde, da kein Testament vorhanden, vom Gericht zur Vor.
münderin ihres Jungen ernannt. Als Pfleger fungierte der Bürgermeister, der sein Amt gern Rosemarie übertrup und sich nur vorbehielt, von Zeit zu Zeit nach dem Rechter z» sehen. Klug hatte die Nichte ihn zu dieser Maßreac veranlaßt, da die Frage von Mein und Dein eigentlich g<r nicht erörtert zu werden brauche,
„Heinz ist meines Bruders einziger Sohn, folglich auch mein Erbe, außer ihm kommt niemand in Betracht", hatte Rosemarie gesagt.
Sie vergaß, daß Mary vorher noch in Betracht kam Aber sie war krank und würde vielleicht nicht wieder genesen. Luise behauptete es steif nnd fest.
Rosemarie wußte es selber nicht, wie wohltuend der Gedanke ihr war. Hätte ihr jemand davon gesprochen, so würde sie entrüstet ihn abaewiesen haben. Doch'grub er sich immer tiefer in ihr Herz, bis er zuletzt zur Gewißheit wurde Mary war krank und konnte nicht mehr genesen. Sie wünschte sich den Tod. Er war ihr auch zu gönnen, der ar- inen, verlassenen Frau, die niemanden hatte.
Rosemarie verschwieg ihr den Brief, der an Heinz' Be- gräbvistag angckommen war, und den sie versehentlich ge öffnet hatte.
Beim Lesen hatte sie gestutzt, war daun in Empörung verfallen und hatte das Schriftstück verbrannt. Es kam von jener Frau, die ihren Mann betrogen und ihm dann tork- gclaufen war, Marys Mutter hatte die Todesnachricht au- den Blättern erfahren und fragte nun bei der Tochter an, sie sie sehen dürfe. Aber Mnry lag zu Bett. Sollte sie ' noch tiefer treffen? War es nicht genug an dem, was - trug? Es war noch eine mitleidige Regung, die Ros 'mr- zwang, den Brief den Flammen zu übergeben.
Die Schwester erstattete allabendlich Belicht über ' Kranke, Sie erschien zum Rapport,
„Es geht immer noch nicht besser", beantwortete sie gewohnte Frage. Frau Sebald ist sehr schwach, sie tt’r jetzt zweiundachtzig Pfund. Der Doktor ist außer sich n will, ste soll sart." (Fortsetzung folgt.)


