Nummer 61
Freitag, den 13. Marx 1914.
7. Jahrgang
Die „Prne Ti>g»»,»,t»uig" erscheint jeden Werttag. Regelmäßige Beilagen „Der Kauer an» -essen", „Die Kpinnssnbe". Äeiagaprei«: Bei den Postanstalten oieneliährlich M. bei den Agenten monallich 50 Psg. Hinzu tritt Postgebühr oder Irägeriohn. Auzrigen: Erundzcilc 20 Psg., lokale 15 Psg, Anzeigen von auswärts werden durch Postnachnahme c. r.. • Erfüllungsort Friedberg. Kchriftleitnng «nd Uerlag Friedberg (Hessen), Hanauerstiaß« 12. Ferniprecher 48. Postschest-Conio !Rr. 4859, Amt Frankfurt a. M.
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Uebersicht.
— Der Flieger Linnekogel, der erst vor wenigen Wochen den deutschen Höhcnrckord mit Passagier bis auf 1300 brachte, stieg gestern in Johannisthal mit Oberleutnant z. S. fr. Plöskow als Passagier auf und erreichte eine Höhe von stststU Meter. Der Flug bleibt hinter dem Weltrekord Pcr- rcyons nur um 20 Meter zurück.
— Die Diebe, die am 28. Februar in Paris aus einem Postwagen einen Sack mit einer Million Mark in Wertpapieren gestohlen habe», find gestern in Brüssel verhaftet worden. Es sind die Franzosen Mouret und Sebi. Sie batten versucht, bei niehrercn Brüsseler Bankhäusern die Papiere zu verkaufe».
— Wie aus Grisolles gemeldet wird, hat der Zustand des deutschen Oberstleutnants von Winterseldt eine neue schwere Operation notwendig gen,acht.
— Infolge des seit mehreren Tagen ununterbrochen fallenden Regens, find alle Flüsse Englands über die Usern getreten »nd haben das flache Land meilenweit über chwcmmt. Gestern gingen über Wales, Cumberland, Uork- ihire und Wcstmoreland schwere Schnecstürme hinweg. Die Themse ist stark gestiegen und steht über ihrem normalen Pegel. In der Grafschaft Ense haben die Flüsse einen so hoben Stand erreicht, wie er seit Jahren nicht beobachtet nwrden ist.
— Tie englische Suffragette Mary Richardson, die das berühmte Bild von Delasquez „Die Penus mit dein Spiegel" zerhackte, wnrde zn einer Gesängnisstrasc von sechs Monaten verurteilt.
— König Konstantin und Kronprinz Georg von Grie- chenlnnd treffen am 10. Juli in Bukarest ein. Bei dieser Gelegenheit wird die Bcrlobung des Kronprinzen mit der Prinzessin Elisabeth von Rumänien offiziell verkündet wer-
den.
— Nach Meldungen aus Melilla herrscht an der nord afrikanischen Küste ein furchtbarer Sturm, dem viele Menschenleben zum Opfer gefallen sind. 12 Schiffe sind ge strandet. 100 Personen kannten gerettet werde». Biele Schiffe befinden sich in Seenot.
— Auf der Werst von Newport wnrde gestern das Schlachtschiff „Texas" i» Dienst gestellt. Tic „Texas" ist das mächtigste augenblicklich schwimniende Schlachifchiff der Welt. Es besitzt 10 15 Millimetergeschüde und 21 12H5 Millimeter-Kanonen, die als Mittelartillerie dienen. Die Gc- ichwindigkeit beträgt 21 Seemeilen in der Stunde.
— Privatmeldnngen ans Regales in Arizona melden Einzelheiten über den Sieg der mexikanischen Bundes- irupprn übcr die Konstitiitionalisten. Von 25 000 Anhänger» des- General? Earanza cntkanien nur 25. Tic anderen wurden getötet oder gefangen genommen.
— Der chilenische Aviatiker, Leutnant Bella, der z» einem Fluge anfgesticgen war, um das Fllhrerzeugnis adzn- legen, kehrte nicht nwhr zurück. Man nimmt n», daß er niii dem Apparat ins Meer gestürzt und ertrunken ist.
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Die „rote Woche".
Ter große Ramschbazar für Bolksverhetznng hat es für gut befunden, vom 8. bis 15. März eine „rote Woche" zu veranstalte». Der Iliisug, den die roten Gesellen tagtäglich in ihren Versammlungen, in der Presse, in den Fabriken »nd in de» Werkstätten treiben, erscheint ihnen »»- genügend, und deshalb soll der Spektakel gewissermaßen polenziert „nd kondensiert und in erhöhter Auflage ans eine Woche verlegt werden.
Die Rechte des Volkes sollen wieder einmal geraubt werde», de» hungernden Prokeiariern das Brod, das Fleisch und die Milch „vom Munde gerissen" werden. lind noch mehr derartige schwarze Pläne, die zum Verderb des Volkes von der herrschenden Sippe geschmiedet sind, hat die „völker- bcsreicnde", internationale Sozialdemokratie reckstzeitig ent- i deckt und hält cs für ihre heilige Pslicht, sie abzuwehrcn.
Ist die Sprache der Sozialdemokratie schon für gewöhnlich eine solches daß man sich oft erstaunt fragen ninß, ob wir überhaupt noch eine Regierung haben, Iveil so etwas ungehindert hingehen kann, so übersteigt das, was in der
I „roten Woche" an Aufreizung der Massen und Auspeitschung der VolkSleidenschasten geleistet wird, alle Begriffe.
Als Stilprobc möge nur ein Aussatz einer bekannten Petrnlcuse, der Frau Clara Zetkin, in der Frankfurter „Volksstimme" dienen:
„Tic bürgerliche Gesellschaft läßt von dem rcichbesetz- ten Tisch, daran die Ansbeufendeii »nd Verschwender schwelgen, nicht einmal genügend Beltelbrocke» fallen, nm das schlvärzestc Elend zu mildern. Die Nutznießer »nd Schutztruppc» des Kapitalismus sind sich.klar darüber: die Reservearmee hungernder Proletarier (die Arbeitslose». D. N.) ist eine Lebensbcdiugimg für die Profitwirtscha.st der Besitzenden. Was sollte sic die Onal der armen Teufel analen, da sie dock, ihre Lust, ihren
Rcichtimi mehrt? Die Großgrundbesitzer »nd Großin- dustricllen find darauf und daran, bei der bevorstehenden Erneuerung der Handelsverträge die Schutzzollniühle wieder klappern zu niachen. Mag sic Hunger und Kummer für die werkiätigcn Massen mahlen, ihnen selbst füllt sie ja mit der weiteren Beteuerung wichtiger Lebensuot- wcndigkeilcn die tiefen Taschen. Und die darbenden Proletarier sollen sich beileibe nicht einfallen lasse», auch ihrerseits ihre Ware, die Arbeitskraft, teurer verknusen zu wollen!" und in dieser Tonart geht cs so weiter fort.
Wie ja die großen Kaufhäuser bei ihren Wochenvcranstal- tungen besonders auf den Zulauf der Frauen rechnen, so hofft auch die rote Partei bei ihrem Wochenausverkauf in den Frauen Abnehmer zu finden. An allen Enden und Ecken bis in die kleinsten Dörfer ihrer Wahlkreise, werden Vcr- sammlungen abgehalten, in denen Frauen zu Frauen reden sollen. Aus allen Weltgegenden werden Rednerinnen geholt, um die Milch der frommen, weiblichen Denkungsart ili gährcnd Drachengist zu verwandeln. So war für Hanau die Genossin Balobanosf „gewonnen" worden. Sie soll angeblich aus Mailand stammen, dürfte aber dort kaum heimat- berechtigt sein, denn- ihr wohlklingender Name erinnert viel inehr an die Steppen Polens und Rußlands, als a» den blaiien Himinel Italiens. Die Hanauer Polizei war nun mit Recht der Ansicht, daß wir von deiii Gesindel genug in Deutschland haben und auf fremde Einfuhr durchaus verzichten könnten, sie hat also die Genossin Balobanosf kurzerhand als lästige Ausländerin ausgcwiesen, und das von Rechts wegen. Wenn auch die Frankfurter „Volksstiinme" darob vor Wut schäuint »nd Gift und Galle speit, so ist diese Maßnahme durchaus zu billigen und mit Freuden zu begrüßen.
Jin Kreise Otsenbach wird ein Flugblatt verbreitet, das sich an die Frauen Inende! und mit den stolzen Worten beginnt: Strömt herbei, stellt Euch kühn in unsere Reihen, kämpfet niiitig »nd tapfer für unsere erste und wichtigste Forderung:
Her mit dem demokratischen Frauenstimmrecht!
Wir erfahren dann weiter, daß die Herrschaften ein allgemeine«. gleiches, direktes, geheimes, passives und aktives Wahlrecht sür Männlein und Weiblein voni 20, Lebensjahr an sür sämtliche Wahlen zn den gesetzgebenden und den Ber- waltiingskörperschaftcn fordern. Das kann ja nett werden, wenn im Ziikunstsstaat der zwanzigjährige Jüngling mi Reichstag seine Reden hält oder die holde Jungfrau von 20 Lenzen im Provinzialausschntz ihres Amtes waltet.
Mii de» gräßlichsten Farben wird in dem Flugblatt die Schlechtigkeit der heutige» Machthaber geschildert, die „aus unserer Arbeitskraft blinkendes Gold münzen", die schuld daran sind, daß die Frauen, die „schreckliche Oual des Hungers" diildc» iNüssc», die „mit der Geißel der schwarzen Listen die Arbeiter hungernd durch die Lande treiben", die unser Menschentum u»d unsere Miitterschast zertreten 'lnd Tausende i» die Sumpfe der Prostitution und in die Arme des Verbrechens treiben", die „schuld sind, wenn nnscr Kinder verwahrlose», »»sere Männer zur Vcrzivcisluiig getrieben werden", und die „in ihrem Arbeiterhaß den Bogc» zn straff spannen."
Angesichts solcher Sckiandtate» ist es nur zu begreiflich, wenn, wie es i» dem Jliigblatt heißt, „dieser Gedanke in uns würgt,
furchtbare Erbitterung und wilder Zorn uns schüttelt, aber parlamentarisch stuiiini sei» müssen, denn wir habe» kein Wahlrecht." Scl>cecklich, schrecklich!
Jeder Tag wäre für die roten Genossen ein verlorener, a» dem sic nicht über unsere Zollpolitik ihr wüstes Geschimps und »ich! ,chcn heiligen Kampf um's Brod" verkündeten, ließen los. Die Lcbeusujittcltciierung laste seit Jahren mit schweren» Druck aus deiii Volk und hätte sich zu einer „schier uuerträglichen Oual" gesteigert. Wenn beim Renabschluß von Handelsverträgen neue Zölle auf Obst, Kartoffeln, Milch, Geflügel, Flachs und anderes gelegt werden, so würde dies „eine Verschärfimg des Elends der Fra» bcdcutcii, die diese blutigen Zinsgrosckic» nicht nur von dem Nötigsten, nein vo» ihrer Armut nimmt »nd die schmcrznollen Ent- lchrungen »och steigern nnd vermehrc» niüßte".
Unerträglich, wenn man sich vorstellt, wie die Prolita- rierin einen Maskenball oder ein Gewerkschaftsfest „schmerz- voll entbehren" muß, um „ihre blutigen Zinsgroschen" für Geflügel, als dem „Nötigsten" hintragen :,iuß!
Doch geiiiig davon! Diese kleinen P-obcn »lögen gc- nügen, mit welch' hirnverbrannten Uebertrcibungen die So- zialdcuiokratie ihre Aiihängcr aiifz»peitschen und anfzureizen unablässig bestrebt ist. Wundern muß man sich nur, wie normale Menscheii sich eine derartige Geistesarmut bieten Inssci!, ohne deren Verbreiter nnt Geißeln aus dem Tempel zu treiben. Kommt der Sozialdemokratie bei ihren Anhän- gcrn die Eigenschaft zugnle, gegen die bekanntlich selbst die Götter vergeblich kämpfe»? Oder ist cs der H e r d e n t r i c d, der die Haminelberde ihren Leittieren lelblt in's Verderben
folgen läßt, oder ist es die brutale Gewalt, die ansgeübl von der Partei der Freiheit, unsere Arbeiter fürchten, und gegen die sie nicht anzukämpfen wagen.
Sei dcni, wie es wolle. Die „rote Woche" beweist wie der einmal mit offenkundiger Deutlichkeit, wo der Fein! steht, gegen den alle Frcnndc des Vaterlandes zusammen stehen müssen. Deshalb aus zum Kampf ge ge, die internationale, Völker vergiftende
und menschc n verhetzen de Sozialdcmo-
k r a t i e I
Rußland iß krikgsbtreit!
Eine kriegerische Erklärung der Petersburger Börsenzeiinug
Petersburg, 13. März. Tie Petersburger „Börse»,ze:- tung" veröffentlicht folgende aufjeheiicrrcgcnde Erklärungen eines hohen Militärbeamten, hinter dem nian den Kriege minister vermutet:
„Wir können stolz behaupten, daß die Zeit der Drohungen vorüber ist, daß Rußland keine fremden Drohungen mehr fürchtet, und daß die russische öffentliche Meinung keinen Grund inehr hat, sich zu beunruhigen. Wir stelle» hier im Vollbewußtsei» der Macht »nsereK von der auSländilchen Presse beleidigten Vaterlandes fest, daß das Hauptzi-l bei Landesverteidigung erreicht ist. Bisher hatte der rnssischc militärische Opcrationsvlan defensiven Charakter; heute weiß man, daß die russische Armee im Gegenteil eine aktive Rolle spielen wird. Gut befestigte Verteidigungslinien sind an die Stelle einer Reihe von Forts getreten, es sind die früheren defensiven Bahnen verlassen worden. Unsere Osfi zierskorps ist beträchtlich vermehrt worden und bildet ein homogenes Ganze. Unser Artillerie besitzt Geschütze, die dev fremden Modellen in nichts nachgcben. Unsere Küsten- »nt Festungsgeschütze sind sogar denjenigen anderer Staaten überlegen. Unsere Artillerie wird sich nicht mehr über Man- gcl an Geschossen beklagen könne». Die Lehren der Ver- gangenbcit sind ans frmbtbaren Bode» gefallen. Ter mili lärssche Aittomobilismns hat einen hohen Grad der Pervoll kommninig erreicht. Alle unsere Einheiten besitzen telefo nische Einrichtungen. Unsere Soldaten können in: Bedarfsfälle das Eisenbahnpersonal ersehen. Unsere Lnftdread- > oughts vom Typ Sikorsky sind bekannt. Wir können daher hoffen, daß, wenn die Unistände es erbeischen, unsere russische Armee nicht nur stark erscheinen wird, sondern auch gut unterrichtet, wohl bewaffnet und mit allen technischen Neuerungen versehen. Unsere Armee, die bisber in Feindesland zn kämpfen pflegte, wird die Grundsätze des Dertcidignngs- systems, in denen sie unterrichtet worden ist, nicht vergessen. Unsere Arnice, deren Effektivstärke in der letzten Zeit »in ein Drittel vermehrt worden ist, nnd ans homogenen Regimen tern besteht, ist durch die Stärke ihrer Kavallerie und dii Güte ihrer Ausrüstung an die erste Stelle gerückt. Es isi wichtig, daß die russische öffentlickie Meinung sich dessen be, wnßt ist, daß das Vaterland a»f jede Möglichkeit gefaßt ist Aber die militärische Macht eine? Landes, dessen Herrscher in der Frage der Friedenskonferenz im Haag die Jaitiall- " ergriffen hat, kann nur den Staaten unangenehm sein, die aggressive Absichten habe». Niemand darf Gelüste auf irgend welche Teile des russischen Reiches haben. Ebenso wie der Hcrricher wünscht. Rußland den Frieden, aber e§ ist iw Bedarfsfälle auch gerüstet."
MaildtkaiMk» dkr tffloltwntiefnw.
Ein Darmstädter Korrespondent ineldet »ns:
Zur Beanitenbesoldnngsvorlagc hiett die Fraktion dck- Banernbnndes der zweiten Kammer gestern Nachmittag eim Sitzung ab, in der nach sehr lebhaft gefiihrter Debatte mit »roher Mehrheit beschlossen wurde, gegen die Lehrerbesolduna in der von den Finanzausschüssen der beiden Kanimern i > Gemeinschaft mit der Regierung beschlossene» Form und damit gegen das gmizc Gesetz zn ftinmieii, da das Ganze a!-: Mantclgesetz zn betrachten ist »nd bei der Ablehnung cii'- der Gesetze das ganze als abgclchnt zn betrachlen ist. T zwei Mitglieder der Fraktion krank sind »nd drei, die Ae-' llr. Weber, Korell-Angcnrod und Leim für die jetzige Fa su»g stimmen, bleiben von Seiten der Fraktion noch 1> Gegner. Ta auch der Freisinn sich teilt und 4 Abgcordueg dafür und vier dagegen sind »nd vo» Seiten d>-„ Zeiilrmn: voraussichtlich nur ein Mann sicki den nein', Anträgen nick: anschliehen will, blieben nur 15 Mann in der Opposition, ix voraussichtlich Nationalliberale und die große Mehrzahl der Sozialbemolratcn geschlossen, nnd das Zentrum i großer Mehrheit für die neuen Aendcrungen stimm.',, wc. den. Die Stelluiignahme des Bauernbundes wird u. A anck damit begründet, daß der Finanzausschuß der zweiten K. nier heute in Gcmeinschast mit der Regierima die Höchst,- halte der mittleren Finauzbeamten von 4800 . ans 5000 ■ erhöht hat. ,


